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BRASILIEN »Nahe am Nullpunkt«

Tagebuch und Briefe von Josef Mengele, die jetzt in São Paulo auftauchten, belegen: Der KZ-Massenmörder blieb bis zu seinem Tod ein harter Nazi.
Von Jens Glüsing und Erich Wiedemann
aus DER SPIEGEL 49/2004

Angst kann krank machen. Sie generiert Schweißtrieb und weiche Knie - und manchmal auch Darmverstopfung. Wie bei Josef Mengele aus Günzburg.

Die Krankengeschichte des Nazi-Schergen Mengele ist so bizarr, dass sie eigentlich nicht zum Bild des eiskalten KZ-Monsters passt. Irgendwann hatte er in seinem Refugium begonnen, aus Angst vor Entdeckung seine Schnurrbartspitzen abzukauen und sie zu verschlucken. Die Härchen pappten nach ein paar Monaten in seinen Eingeweiden zu Klumpen zusammen und blockierten den Verdauungstrakt. Das war lebensgefährlich.

Gleichwohl hat Josef Mengele, Jahrgang 1911, den Darmverschluss überlebt. Die Krankheit machte dem Mann, der im Nazi-Reich Häftlinge wie Laborratten missbraucht, der Menschen bei lebendigem Leib das Herz herausoperiert und Neugeborene zerstückelt hatte, aber so zu schaffen, dass er seine Erwägungen aufgab, nach über 30 Jahren im Exil nach Deutschland heimzukehren. Er fühlte sich einfach zu schwach.

Krank, pleite, depressiv. Das war der Befund des Patienten Mengele Mitte der siebziger Jahre. So steht es auch in seinem Tagebuch, das die Zeitung »Fôlha de São Paulo« letzte Woche in Auszügen druckte.

Das Tagebuch und 84 weitere Dokumente sowie ein handschriftlicher Lebenslauf waren in zwei Pappkartons beim Erkennungsdienst der Bundespolizei in São Paulo gefunden worden. Fahnder hatten sie zusammen mit Büchern und persönlichen Habseligkeiten schon 1985 im Haus des deutschen Ehepaars Lieselotte und Wolfram Bossert in São Paulo und in deren Ferienhaus am Strand von Bertioga beschlagnahmt. Sie hatten dem Fund aber keine besondere Aufmerksamkeit gewidmet.

Fast alles war noch unversehrt: die Handbibliothek, unter anderem mit Werken von Goethe, Goebbels, Erich Fromm und Siegfried Lenz, medizinische Fachliteratur über Weichteilrheumatismus, eine Olympia-Erinnerungsplakette, eine Packung Kondome, Marke »Olla«.

Nur die Brille und eine der zwei Schreibmaschinen, Modell Zephyr des amerikanischen Herstellers Smith Corona, auf der er die meisten Briefe geschrieben hatte, waren geklaut worden.

Der Fund aus dem elften Stock des Bundespolizeipräsidiums in São Paulo ist teilweise sensationell. Briefe und Tagebuch enthalten viele neue Details über das Leben des Todesengels von Auschwitz im Exil. Sie werfen ein grelles Schlaglicht auf Mengeles paradoxen Kleinbürgercharakter, auf sein Verdrängungstalent, auf den unfassbaren Widerspruch zwischen seinem bestialischen Wissenschaftsverständnis und seiner Schwäche für die schönen Künste. Allerdings: Die Geschichte von Auschwitz braucht deswegen nicht umgeschrieben zu werden.

Die Briefe sind an Mengeles Sohn Rolf und an den österreichischen Altnazi Wolfgang Gerhard gerichtet, bei dem er einige Jahre lebte und der 1971 von Brasilien nach Graz umsiedelte. Gerhard hinterließ beim Umzug dem Spezi Josef seine Ausweispapiere und seine Identität. Unter dem Namen Wolfgang Gerhard wurde Mengele auch 1979 nach seinem tödlichen Badeunfall in Bertioga auf dem Friedhof »Nossa Senhora do Rosário« in Embú begraben.

Der einstige Lagerarzt von Auschwitz-Birkenau hielt noch viele Jahre nach seinem Tod Kopfgeld-Hasardeure und Nazi-Jäger in Atem. Auch nachdem sein Skelett in Grab 321 in Embú gefunden worden war, ging die Jagd weiter. Skeptiker argwöhnten, der Mengele-Clan in Günzburg habe eine falsche Fährte gelegt, um Spuren zu verwischen. Das ist, wie man heute weiß, fast ausgeschlossen, denn eine DNA-Analyse mit Gen-Proben von Mengeles Überresten stimmte zu 99 Prozent mit denen seines Sohnes Rolf überein.

Doch die Mutmaßungen und Legenden passten gut zu Mengeles Vita. Das ganze Leben dieses monströsen Antihelden war Mord, Lüge und Flucht vor den Folgen. Nachdem er zunächst vier Jahre in

Bayern untergetaucht war, setzte er sich 1949 mit einem Pass des Roten Kreuzes nach Südamerika ab. Dann klabauterte er 30 Jahre lang - als Fritz Fischer, Walter Hasek, Dr. Helmut Gregor-Gregori, José Aspiazi, Friedrich Edler von Breitenbach, Dr. Henrique Wollmann und schließlich Wolfgang Gerhard - durch Argentinien, Paraguay und Brasilien.

In São Paulo war die Flucht zu Ende. Brasilien war immer schon ein sicherer Hafen für Nazi-Flüchtlinge. Doch Mengele fand auch dort keine Ruhe. Er musste mit Bürokraten um Führerscheine und Aufenthaltsgenehmigungen kämpfen und Schmiergeld zahlen, um sich Erpresser, die seine wahre Identität kannten, vom Leib zu halten. Dann kamen ein Schlaganfall und der Darmverschluss.

In dieser Zeit verfasste Mengele die Briefe und das Tagebuch - ein Torso aus blau linierten Schulbuchseiten.

Über all seinen Aufzeichnungen liegt ein Kammerton von Weinerlichkeit und die Klage des ewig Unverstandenen: »Sehr heiß ... sehr schlecht geschlafen ... das Regenwetter schlägt aufs Gemüt.« Seine Situation, so schreibt Mengele, lasse »nicht viel Hoffnung«.

Auch für Deutschland sah der Asylant nicht viel Hoffnung. Zum 30. Jahrestag des Kriegsendes, am 8. Mai 1975, verfasste er einen »Versuch einer lyrischen Variation«. Tenor: »Deutschland, du Land der Not, wo ist dein Reich?«

Die deutsche Wirklichkeit am Ende der sechziger Jahre empfand Josef Mengele begreiflicherweise als verdrießlich. »Berufsstudent Dutschke mit seinem bärtigen Struwwelpeter-Kopf«, die »Stehkragenproletarier« sowie die »Nietenhosen und Cowboyhemden für Männlein und Weiblein« zeigten ihm, dass die Auflösung der alten Ordnung schon begonnen hatte.

Mengele übt auch Kulturkritik - gnadenlos, wie er es gelernt hat. Die neue Musik war für ihn Kakofonie; zeitgenössisches Theater und Fernsehen transportierten nur »Eingeweidedenken«; die moderne Kunst sei ganz generell nur »das Abreagieren krankhafter Seelenzustände, Ignoranz, Unvermögen, Bosheit oder sonstwie«. Wer so was ernst nehme, habe selbst keinen Anspruch darauf, ernst genommen zu werden. »Und in der Architektur ist es im Wesentlichen nicht viel anders.« Der Führer hätte seine Freude an diesem Kulturverständnis gehabt.

Die »degenerierte Jugend«, der Sex, die Demokratie in Deutschland, das war für Josef Mengele alles Dreck. Warum er in dieses teuflische Land zurückwollte, blieb sein Geheimnis.

Es war aber nicht der allgemeine deutsche Seelenzustand, der ihn daran hinderte, nach Europa zurückzukehren. Er war knapp bei Kasse und fühlte sich gesundheitlich nicht fit genug für einen Neuanfang.

Sein Freund, der echte Wolfgang Gerhard in Graz, riet ihm dringend dazu, den Versuch trotzdem zu wagen. Er solle guten Mutes sein. »Lieber Alter, ich (würde) einem Freund niemals einen Rat geben, der ihm schadet.«

Doch der liebe Alte zauderte. Einerseits setzte ihm der Fluchtstress zu. Andererseits wollte er auch dem lieb gewordenen Leben des tütteligen Privatgelehrten nicht entsagen.

Der Mann, der an der Rampe von Auschwitz mit lockerer Hand Zehntausende in den Tod geschickt hatte, schrieb auch zärtliche Gedichte: »Wo immer froh ein Vogel singt, singt er für einen anderen. Wo immer fern ein Sternlein blinkt, blinkt es für einen andern.«

Mengeles Briefe und Aufzeichnungen bestätigen, dass sein kulturelles und politisches Bewusstsein auf dem Stand von 1945 stehen geblieben war, dass er bis zum Schluss auch nichts Verwerfliches an seinen Untaten im Experimentierlabor Auschwitz zu erkennen vermochte. Er tötete Menschen, die, wie er meinte, ohnehin zum Töten bestimmt waren.

In einem Brief vom 3. September 1974 schreibt Mengele auf einmal von »Reue über die unglaublichen Verbrechen, die wir gegen dieses ,auserwählte Volk' begangen haben«. Aber er schreibt es wie eine Behauptung, die man für so absurd hält, dass man sie durch schlichtes Zitieren und ohne weitere Argumente entkräften kann.

Konsequenterweise äußert Mengele in einem anderen Brief seine Verwunderung und seinen Abscheu über die reumütige Haltung, die des Führers Baumeister Albert Speer in seinem »Spandauer Tagebuch« erkennen lässt. Seine Stimmung, klagt Mengele, sei »nahe am Nullpunkt«. Speers Selbstbezichtigungen seien ekelhaft.

Fixpunkt all seiner Betrachtungen blieb die nationalsozialistische Rassentheorie. Die südafrikanische Apartheid-Politik hielt er für die effizienteste Form, die Rassenvermischung zu verhindern.

In seiner Wahlheimat Brasilien herrschte nach Mengeles Wahrnehmung zwar rassisches Kuddelmuddel. Gleichwohl wähnte er sich unter seinesgleichen. In einem Bericht an Wolfgang Gerhard schrieb er, dass er mit Familien zusammenlebe, die mit dem Nationalsozialismus weitgehend sympathisierten. Nur die Nichte einer der Familien sei mit einem Brasilianer verlobt, der das Ariertum nicht schätze. Aber schwarze Schafe gebe es eben überall. Der ganze Rest seines sozialen Umfelds war aus seiner Sicht jedoch rassenideologisch intakt.

Josef Mengele brauchte sich auch heute in Brasilien nicht einsam zu fühlen. In São Paulo werden noch immer Kinder auf den Vornamen Hitler getauft. Sogar der - immerhin sozialistische - Staatspräsident Lula da Silva sagte unlängst in einem Interview, Adolf Hitler habe seiner Meinung nach zwar geirrt. »Aber er hatte etwas, das ich an einem Mann bewundere: dieses Feuer, sich einzubringen, um etwas zu erreichen.«

Auch am Wendekreis des Steinbocks in Südamerika ist noch Glut in der Asche.

JENS GLÜSING, ERICH WIEDEMANN

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