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TERRORISTEN Nahe Oggersheim

Eine Attentatsserie begleitet die Hungerstreik-Aktionen von RAF-Häftlingen. *
aus DER SPIEGEL 2/1985

Generalbundesanwalt Kurt Rebmann sagte »unfriedliche Wochen« voraus. Bonns Innen-Staatssekretär Carl-Dieter Spranger sprach düster von einer Terroristenszene, die »vielfältiger geworden« und von »unübersichtlichen Kleinstgruppen und Einzeltätern« geprägt sei.

Diskret verstärkte die Sicherungsgruppe des Bundeskriminalamts (BKA) schon in der Adventszeit den Personenschutz für Minister und Militärs - aus gutem Grund, wie sich erwies. Um die Jahreswende registrierten die Staatsschützer ein gutes Dutzend Sprengstoff- und Brandanschläge auf US-Kasernen und Militärfahrzeuge, auf Konsulate, Forschungs- und Rechenzentren in Wertheim und Osnabrück, Reutlingen und Wiesbaden, Münster und Heidelberg.

Der politische Hintergrund dieser neuen Welle der Gewalt scheint eindeutig. Rund dreißig Häftlinge, die der Terrororganisation »Rote Armee Fraktion« (RAF) zugerechnet werden, sind seit Anfang Dezember im Hungerstreik. RAF-Mitglied Helmut Pohl, inhaftiert in Zweibrücken, hat die Sympathisanten draußen dazu aufgerufen, »gegen das System des Kapitals und die Konterrevolution der Nato« mobil zu machen.

Der Aufruf wurde gehört: Am 18. Dezember, morgens um 7.45 Uhr, fuhr ein blonder junger Mann in US-Uniform mit einem Audi 80 bis auf etwa zehn Meter an das Hauptgebäude der Nato-Schule in Oberammergau heran, dann lief er davon. Ein sogleich alarmierter Sprengstofftrupp fand im Kofferraum eine 25-Kilo-Rohrbombe, ein Bündel Ammongelitstangen und drei Camping-Gasflaschen, alle mit einer Zündanlage verbunden.

Schon ein halbes Jahr vorher hatte das BKA gewußt, daß die RAF ein Attentat dieser Art plante. Ihre Erkenntnisse verdankten die Fahnder dem Frankfurter Elektriker Eduard Glowka.

In seiner Wohnung in der Berger Straße 344 wollte Glowka, 60, am 2. Juli die »Tagesschau« sehen, als er nebenan einen »leisen Knall« vernahm: »Jemand von oben drüber« hatte »durch die Decke geschossen«.

Im Boden fand Glowka ein kleines Loch, darin ein Projektil. Da rief er die Polizei. Einen Stock höher nahmen Beamte wenig später sechs mutmaßliche Terroristen fest, darunter Helmut Pohl.

Anderntags stellten Spezialisten vom BKA in der konspirativen Wohnung Aufzeichnungen zur weiteren Strategie der RAF sicher. Die Funde jenes Sommertages waren erst richtig einzuordnen, als zum Jahresende die Serie der Anschläge auf Nato-Einrichtungen begann: *___Ein RAF-Papier kündigte eine »Offensive« gegen die Nato ____an, die »mit den Angriffen gegen die Infrastruktur ____ihrer Militärmaschine ... beginnen« müsse; *___Skizzen vom Gelände der Nato-Schule in Oberammergau ____trugen den Vermerk: »Unsere Vorstellung ist, von einer ____Mulde am Waldrand an das Gebäude heranzukommen«; *___in Briefen wurde ein neuer »HS« angekündigt, ein ____Hungerstreik in den Gefängnissen: »So kann dann auch ____die Mobilisierung, die sich am Kampf der Gefangenen ____entwickeln wird, ''ne neue Qualität kriegen.«

Eingehend hat Klaus-Herbert Becker, Chef der BKA-Abteilung Terrorismus, jene rund 200 Anschläge des Jahres 1984 analysieren lassen, die seine Ermittler linksextremistischen Gruppen in der Bundesrepublik zuschreiben. Militante Kernkraftgegner, Umweltschützer, RAF-Leute und »Revolutionäre Zellen« (RZ) haben demnach im Schnitt jeden zweiten Tag Bomben oder Brände gelegt.

Im neuen Jahr ging es weiter: In Frankfurt deponierten sieben dunkelgekleidete Gestalten einen Molotowcocktail am Haus von US-Generalkonsul William Bodde und gaben sich in einem Bekennerbrief als Vertreter der »Antiimperialistischen Front« aus. Im Neubau des Zentrums für Molekulare Biologie der Uni Heidelberg übergossen RAF-Helfer in der Neujahrsnacht die Elektroanlage mit explosivem Klebstoff und Motorenöl und versuchten, einen Brandsatz zu zünden; Schmierparolen forderten »die Zusammenlegung der polit. Gefangenen«.

Fahnder vermuten, daß deutsche RAF-Kader teils von Belgien, vom Elsaß und von Spanien aus operieren und gelegentlich gemeinsam mit den Genossen der »CCC« ("Kämpfende Kommunistische Zellen"), der französischen »Action directe« und der baskischen »Eta« Einsätze absolvieren.

Der Sprengstoff von Oberammergau jedenfalls stammte aus demselben Einbruch in einem belgischen Steinbruch wie das brisante Gemisch, das im August in Paris bei einem Attentatsversuch auf _(Mitte: beim versuchten Anschlag in ) _(Oberammergau verwendeter Sprengsatz. ) _(Oben: Phantombild des Oberammergauer ) _(Bombenlegers; )

das Gebäude der Westeuropäischen Union benutzt wurde. Auch die Konsistenz des Sprengstoffs, der bei einem Einsatz gegen eine Nato-Pipeline in Belgien explodierte, ist mit dem Gemisch aus dem Audi 80 von Oberammergau identisch.

Generalbundesanwalt Rebmann beziffert das personelle Potential der RAF-Untergrundkommandos auf »mindestens 15 Personen«. Festnahmen seien durch Neurekrutierungen »vollständig ausgeglichen worden«.

Die neu angeworbenen Kader sind nach Erkenntnissen der Bundesanwaltschaft unter anderem mit 23 großkalibrigen Handfeuerwaffen ausgerüstet, die ein RAF-Kommando Anfang November bei einem Überfall einem Waffenhändler im pfälzischen Maxdorf raubte, ganz nahe beim Kanzler-Wohnort Oggersheim.

Fahnder Becker: »Auch dort muß die RAF sich bestens auskennen.«

Mitte: beim versuchten Anschlag in Oberammergau verwendeterSprengsatz.Oben: Phantombild des Oberammergauer Bombenlegers;

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