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Naher Osten: Normalisierung auf Raten

Ein Jahr nach dem Separatfrieden von Camp David tun sich Ägypten und Israel schwer mit der Aussöhnung auf breiter Front. Während die Israelis Normalisierungs-Fortschritte wie Grenzöffnung und Botschafteraustausch enthusiastisch feiern, geben sich die Ägypter betont zurückhaltend, gelegentlich sogar feindselig. Kairo will nicht riskieren, sein Verhältnis zu den arabischen Nachbarn durch Freundschaftsgesten gegenüber Israel noch weiter zu verschlechtern - wenigstens so lange nicht, bis eine Lösung der Palästinenserfrage in Sicht ist.
aus DER SPIEGEL 15/1980

Ägyptens Präsident Anwar el-Sadat gab sich pessimistisch. Die Lage, so schrieb er an Amerikas Jimmy Carter, sei »verfahren und von Stagnation« gekennzeichnet.

Ein Jahr, nachdem Sadat in Washington mit Israels Premier Menachem Begin einen Separatfrieden unterzeichnete, sind die heikelsten Fragen in Nahost ungelöst wie zuvor, ist der häufig beschworene Geist von Camp David zum Schemen verblaßt.

Und zumindest die Ägypter wissen, wer schuld daran ist: »Begin muß die Verantwortung tragen, wenn die Verhandlungen scheitern«, zürnt Sadat.

Doch Israels bibeltreuer Regierungschef, zutiefst verärgert über Washingtons Mißbilligung seiner Siedlungspolitik, will nun erst recht unwiderrufliche Tatsachen schaffen.

So ordnete er in den östlichen Außenbezirken Jerusalems die Enteignung arabischen Grundbesitzes an, um die arabische Altstadt durch ein neues jüdisches Wohnviertel einzukreisen. Und scharfe Proteste aus Kairo beantwortete er damit, daß er in der bisher fast ausschließlich von Arabern bewohnten Stadt Hebron zwei jüdische Schulen, darunter eine Talmudschule, einrichten ließ und den Ort zum jüdischen Siedlungsgebiet erklärte.

In höchster Sorge, die Vertragspartner von Camp David könnten seinen beinahe einzigen außenpolitischen Erfolg und damit seine Wiederwahl gefährden, lud der selbsternannte Vermittler Jimmy Carter die beiden Kontrahenten für diesen Monat zu einer neuen Gesprächsrunde nach Washington ein.

Die Zeit drängt. Denn bis zum 26. Mai sollte laut Camp-David-Vertrag nicht nur über sichere Grenzen für Israel, sondern auch über die Modalitäten von Wahlen im besetzten Rest-Palästina Einigkeit erzielt sein. Begins Unterhändler aber hatten zehn Monate lang auf Zeit gespielt und bis jetzt die Kernfragen nicht einmal anschneiden wollen.

»Am 26. Mai«, erklärte Sadat, »werden die Verhandlungen abgebrochen.« Und sein Premier Chalil verdeutlichte: »Wenn bis dahin nichts passiert, entsteht eine neue Lage.«

Eine schlechtere. Denn bisher war wenigstens der erste Teil der ägyptischisraelischen Friedensvereinbarung, das Kapitel über die Normalisierung der Beziehungen zwischen beiden Ländern, »buchstabengetreu« eingehalten worden, so die Kairoer Zeitung »El-Gumhuria«.

Genau nach Zeitplan hat Israel inzwischen etwa zwei Drittel der besetzten Sinai-Halbinsel an Ägypten zurückgegeben. Israelische Schiffe dürfen durch den Suezkanal fahren.

Beide Länder tauschten Botschafter aus, der allgemeine Post- und Telephonverkehr läuft ziemlich reibungslos, und im vergangenen Monat wurde -- von einer eigens dafür gegründeten Fluggesellschaft -- der direkte Luftverkehr Israel--Ägypten aufgenommen. S.139

Allerdings: Mit Rücksicht auf die anderen Araberstaaten bleibt Ägypten eher zurückhaltend.

Zwar hält sich auch Kairo genau an die Buchstaben der Verträge, zögert aber, die Abmachungen voll zu erfüllen, solange vor allem in der Palästinenserfrage keine Fortschritte erzielt werden.

So etwa wurde schon vor rund drei Monaten eine Regelung über den Grenzverkehr und den Tourismus zwischen beiden Ländern vereinbart. Doch bisher läuft der Besuchsverkehr fast auf einer Einbahnstraße, vom Judenstaat ins Nilland.

Über dreitausend Visa haben die Ägypter bisher an Touristen aus Israel ausgegeben, darunter viele amerikanische Juden, die an ihren Aufenthalt im Heiligen Land noch schnell einen Trip zu den Pyramiden anhängen wollten.

Aber nicht einmal hundert Ägypter -- meist Mitglieder der jüdischen Gemeinde Kairos -- beantragten bis vor etwa zwei Wochen Einreisegenehmigungen nach Israel. Ägyptische Israel-Reisende haben es ohnehin schwerer: Sie müssen bei ihren Behörden einen speziellen Reisepaß für den Israel-Besuch beantragen. Das dauert und schreckt ab.

Enttäuscht hat die Israelis auch, wie die Ägypter die Eröffnung ihrer Flugverbindung von Kairo zum Ben-Gurion-Flughafen in Lod bei Tel Aviv herunterspielten: Als erste öffentliche Verkehrsmaschine aus Ägypten landete ein Charterflugzeug der britischen Gesellschaft Gemini Air auf israelischem Boden, geflogen von einer britischen Besatzung; an Bord 15 westliche Ausländer -- kein einziger Ägypter.

Zwar versprachen ägyptische Behörden den Israelis, das werde sich bald ändern, schlugen sogar eine Flugverbindung zwischen Eilat und Assuan vor, doch Ägyptens staatliche EgyptAir fliegt offiziell immer noch nicht ins ehemalige Feindesland. Kairo gründete eigens für den Israel-Verkehr eine Fluggesellschaft namens »Nefertiti« (Nofretete). Und bislang fand sich keine ägyptische Firma, die bereit wäre, für Israels El Al die Bodendienste auf dem Kairoer Flugplatz zu übernehmen.

Auch dem Grenzverkehr zu Lande legen die Ägypter bürokratische Hindernisse in den Weg. Offiziell dürfen zwar Israelis wie auch ausländische Israel-Besucher bei El-Arisch die Grenze mit Privatfahrzeugen passieren. Sie müssen dabei lediglich israelische Nummernschilder durch ägyptische ersetzen und Devisen in Höhe von hundert ägyptischen Pfund (270 Mark) eintauschen.

Doch der Grenzübergang wird erst morgens um zehn Uhr geöffnet -- so daß -- schließlich gibt es auch noch Grenzformalitäten -- kaum ein Reisender Aussicht hat, den Suezkanal bei S.140 El-Kantara zwischen halb eins und halb zwei zu erreichen.

Nur während dieser Zeit aber verkehrt, angeblich um den Schiffsverkehr im Kanal nicht zu stören, eine Fähre. Ein Autoreisender muß also auf dem Ostufer übernachten -- in seinem Fahrzeug, denn Hotels oder Herbergen gibt es dort nicht.

Für einen Massenandrang israelischer Besucher ist Ägypten mangels Hotelraum sowieso nicht gerüstet. »Wir sind auf viele Wochen ausgebucht«, erklärt der Besitzer des »Pharao«-Hotels in Kairo-Dokki, das hauptsächlich mit israelischen Touristen belegt ist. Da wird es auch nicht viel helfen, wenn der israelische Hotelier Elie Blau im Sommer eine koschere Luxusherberge im Giseh-Viertel unweit der Pyramiden eröffnen kann, mit 73 Zimmern und einer Synagoge.

Solche Investitionen gehören vorerst zu den Ausnahmen. Eine wirtschaftliche Kooperation größeren Stils zwischen beiden Staaten wird zwar für die Zukunft ernsthaf erwogen, aber bislang wurden nur bescheidene Geschäfte abgewickelt. So verkaufte etwa der Kibbuz Afikim Sperrholz im Wert von einer Million Mark nach Ägypten.

Ägyptische Erzeugnisse jedoch konnten bisher noch nicht nach Israel exportiert werden. Einzige Ausnahme: Erdöl. Zur Zeit laufen Verhandlungen über den Verkauf von zwei Millionen Tonnen.

Die Israelis hoffen, in Zukunft nicht nur Erdöl, sondern auch Wasser und Elektrizität aus Ägypten beziehen zu können. Experten wie der Tel Aviver Wirtschaftsprofessor Zeev Hirsch glauben sogar, daß in naher Zukunft gemeinsame Projekte möglich seien. So könne Israel zum Beispiel eine Zementfabrik in Ägypten errichten, um dann den Zement von Ägypten zu importieren.

Dabei wären die Israelis um langfristiger Bindungen willen bereit, den Ägyptern eine verlockend hohe Gewinnspanne einzuräumen. Denn »wenn Ägypten keine sofortigen Profite erzielt«, meint Naftali Blumenthal, Chef des israelischen Koor-Konzerns, »könnte sich die ganze Normalisierung als brüchig erweisen«.

In aller Stille haben auch vierzig israelische Fachleute inzwischen die Pläne für ein landwirtschaftliches Erschließungsprojekt von 200 000 Hektar in der Suezkanalzone fertiggestellt; mit den Arbeiten sollen Israelis und Ägypter noch in diesem Monat beginnen. Den größten Teil der auf rund drei Milliarden Dollar geschätzten Kosten werden die Amerikaner übernehmen.

Grundsätzlich sind die Ägypter nicht abgeneigt, die landwirtschaftlichen Erfahrungen der Israelis zu nutzen. So sollen Israelis bei Bewässerungsprojekten in Ägyptens westlicher Wüste eingesetzt werden, die ägyptische Milch- und Eierproduktion ankurbeln und bei der Schädlingsbekämpfung helfen.

Israel sucht seinerseits ägyptische Hilfe beim Anbau von pharmazeutisch nutzbaren Pflanzen und Gewürzen, in israelischen Augen ein Beispiel dafür, daß »wir nicht nur lehren, sondern auch lernen wollen«, wie Josef Hadass, Israels Generalkonsul in Kairo, anmerkte.

Doch dort beklagen die Israelis vor allem auch einen Mangel an gesellschaftlicher Herzlichkeit.

Nur selten wird Israels Botschafter Eliahu Ben-Elissar zu offiziellen Empfängen eingeladen. Den engsten Kontakt hat er noch zu Kairos Verteidigungsminister Kamal Hassan Ali, bei dem er zweimal zu Gast war. Kairos Botschafter in Israel hingegen wird mit Einladungen überschüttet.

Private Freundschafts-Zirkel wie in Israel gibt es in Kairo nicht. Sogar betont harmlose Veranstaltungen werden abgesagt, so etwa eine für vorletzte Woche geplante Modenschau des israelischen Couturiers Gideon Oberson, die unter der Schirmherrschaft von Sadats Ehefrau Dschihan stattfinden sollte. »Der Zeitpunkt ist nicht geeignet«, hieß es.

In der Tat melden sich in Kairo die Hardliner und Sadat-Kritiker lautstark zu Wort. Ibrahim Schukri, der Vorsitzende der Sozialistischen Arbeitspartei Ägyptens, rief seine Anhänger dazu auf, »eine Million palästinensischer Fahnen zu hissen für eine einzige israelische«.

Eine andere linke Oppositionsgruppe, die Nationale Progressive Unionistenpartei, forderte per Spruchband: »Boykottiert die Israelis, die Mörder unserer Söhne im Sinai.«

Die religiösen Fanatiker der rechten Moslem-Bruderschaft veröffentlichten in ihrer Monatsschrift »El-Dawa« (Der Ruf) die Namen von ägyptischen Firmen und Privatpersonen, die mit Israelis Kontakte geknüpft haben, und rügten beispielsweise in einem offenen Brief jenen Hausbesitzer, der eine Villa an die israelische Botschaft vermietet hatte.

Bei schriftlichem Protest wird es nicht bleiben. »Macht euch bereit«, heißt die Parole, die unter den drei Millionen Moslem-Brüdern und Sympathisanten ausgegeben wird.

Auch Ägyptens Journalisten erörterten die Normalisierungs-Wirklichkeit in einer hitzigen Diskussion. Doch dann entschieden sie, es müsse jedem Mitglied freigestellt werden, zu Israelis berufliche Verbindungen aufzunehmen.

Noch einen Schritt weiter gingen Ägyptens Gewerkschafter. Ihr Dachverband, die Vereinigung Ägyptischer Arbeitergewerkschaften, beschloß, die Kollegen von der israelischen Histadrut zu kontaktieren -- um etwas für die palästinensische Sache tun zu können.

Das aber war für Kairos Regierung denn doch zuviel Elan. Die Arbeitergewerkschaften wurden zurückgepfiffen.

Die Kairoer Zeitung »Egyptian Gazette« resümierte: »Der Friede ist doch erst noch im Entstehen begriffen.«

S.140Bei Ankunft der ersten regulären El-Al-Maschine in Ägypten.*

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