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KANADA Narren und Bankräuber

Kanada hat die DDR noch nicht anerkannt -- aus Verärgerung über die fragwürdigen Anbiederungs-Methoden der Ostdeutschen.
aus DER SPIEGEL 50/1974

Sieben Jahre lang hatten sie treu zueinandergestanden: der Montrealer Verleger Mario Heil-de Brentani und die Regierung der DDR. Dann trennten sie sich im Streit. »Ein Riesenwindei ist geplatzt«, frohlockte der deutschsprachige »Toronto Courier« genüßlich, »und hinterließ nur das, was solche Winde gemeinhin hinterlassen: penetranten Fäulnisgeruch.«

Der Gestank bewirkte, daß das nordamerikanische Land die DDR bis heute noch nicht anerkannt hat. Kanada will sogar, wie Premierminister Trudeau jüngst bekräftigte, »mit Sicherheit das letzte Nato-Land sein, das dies tut«.

Dabei hatte alles so verheißungsvoll für Ost-Berlin begonnen: als vielversprechendes Geschäft zwischen einem kapitalistischen Unternehmer und einer sozialistischen Regierung. Die Partner boten einander genau das, was sie suchten: Brentani, Herausgeber der winzigen deutschsprachigen »Montrealer Nachrichten«, brauchte Geld. Die Kundschafter der DDR suchten ein Sprachrohr, um Einfluß auf die etwa eine Million Kanadier deutscher Abstammung und damit auch auf die kanadische Politik zu gewinnen.

Zunächst lief alles nach Programm: Die »Montrealer Nachrichten« leierten eine engagierte Kampagne für eine schnelle staatsrechtliche Anerkennung der DDR an. Als Höhepunkt verkündete Brentani das »sensationelle Ergebnis« einer Unterschriftenaktion: über

* Bei der Entgegennahme eines DDR-Ordens.

200 000 Bürger Kanadas hätten für die Anerkennung der DDR votiert.

Trudeau war beeindruckt. Eine Wende der bislang eher zurückhaltenden DDR-Politik Kanadas schien bevorzustehen. Die Regierung in Ost-Berlin honorierte die Bemühungen Brentanis mit hohen Summen und häufte zum Geld auch noch Ruhm. So wurde dem Verleger zunächst die Goldene Medaille der »Liga für Völkerfreundschaft«, wenig später die »Deutsche Friedensmedaille« verliehen, mit der kurz zuvor Prominente wie der westdeutsche Pastor Niemöller und der DDR-Paradewissenschaftler von Ardenne dekoriert worden waren.

Immer mehr vertrauten die Ost-Berliner der Tüchtigkeit des vielseitigen Verlegers, der sich unter anderem auch für einen begabten Kunstmaler hält. Um sich Brentani warmzuhalten, veranstalteten sie sogar eine Ausstellung seiner künstlerisch fragwürdigen Eskimo-Bilder in der DDR.

Brentani selbst ließ sich nicht lumpen und verehrte eines seiner Werke Paul Wandel, dem Präsidenten der »Liga für Völkerfreundschaft«. Einen Schwager Erich Honeckers bedachte er mit indianischem Häuptlingsschmuck, dem Volkskammerpräsidenten Gerald Götting erwies er eine artige Aufmerksamkeit, indem er dessen Buch »Begegnung mit Albert Schweitzer« in Kanada abdruckte.

So eng gestaltete sich das Verhältnis zum DDR-Freund in Montreal, daß Ost-Berliner Prominente im Impressum der »Montrealer Nachrichten« firmierten: Christine Lorf etwa, die Ehefrau des damaligen Pressechefs im DDR-Außenministerium, und Heiner Winkler, stellvertretender Chefredakteur des Ost-Berliner Wochenblattes »Horizont«; Grußbotschaften Göttings, Honeckers, Stophs erschienen in dem deutschen Blatt. Es wurde vollends zur Stimme der DDR.

Bis das Unglück geschah. Es stellte sich heraus, daß auf Brentanis Unterschriftenliste nicht 200 000 -- sondern nur 36 Namen standen. Die Differenz erklärte der Verleger damit, daß die aufgelisteten Politiker, Gewerkschafter und Vereinsvorsitzenden, allesamt bekannte Kommunisten, stellvertretend für ihre Organisationen unterschrieben hätten.

Durch die Enthüllung fühlte sich Kanadas Regierung hintergangen. Ministerpräsident Trudeau brach die Gespräche mit der DDR, die sich ohnehin an der Frage der Familienzusammenführung festgefahren hatten, abrupt ab. Marc Lalonde, damals außenpolitischer Berater Trudeaus« qualifizierte Brentanis Coup als »schamlose Beleidigung des Premierministers«.

Nun waren auch die Ostdeutschen mit Brentani fertig. Voller Empörung kündigte der Leipziger Redakteur Gerd Moest, der das Blatt als Korrespondent sechs Jahre in der DDR vertreten hatte, die Zusammenarbeit. Die getürkte Unterschriftenaktion, so Moest empört, sei eine »Lüge«, mit der sich Brentani »ein Dankschreiben von Herrn Erich Honecker erschwindelte«.

Der bedrängte Verleger focht nun -- um seine Ost-Berliner Geldgeber nicht zu verprellen -- nach allen Seiten. In ganzseitigen Kommentaren prangerte er die parlamentarische Demokratie Kanadas als ein »System von Narren, Bankräubern und Mafia-Mitgliedern« an, Kanadas »unseligen Außenminister« Mitchell Sharp beschimpfte er als »Nato-Don-Quichotte« und verhöhnte den Parteichef der »Parti québécois«, René Levesque, als »Goebbels von Quebec« und »haßverzehrten Pseudo-Sozialisten«, die Partei des Gescholtenen gar als »brutale Clique ... mit dunklen Geldquellen ... und gesinnungslose Bande von Opportunisten«.

Mit großer Geste schließlich bekannte er offen sein Verhältnis zu Trudeau: »Ich bin nicht sein Mann.«

Ost-Berlins Mann war er nun freilich auch nicht mehr. Die Anerkennungsstrategen entschlossen sich zur Total-Operation. Ex-Korrespondent Gerd Moest übernahm die Aufgabe, seinen einstigen Dienstherrn bloßzustellen. fand heraus daß Brentani während des Krieges prominenter Propaganda-Journalist der Nazis, unter anderem Chefredakteur der Durchhalte-Zeitung des Afrika-Corps »Oase« war.

Ungeklärt bleibt, wie die DDR Brentani aufsitzen konnte. Moest kolportiert aus Leipzig sein »wohl köstlichstes Erlebnis« mit dem Verleger: wie jener zur Zeit des Propaganda-Feldzugs seinen späteren Korrespondenten in aller Unschuld fragte, ob er nicht gleichzeitig für die Anerkennung Polens eintreten solle. Polen unterhält diplomatische Beziehungen zu Kanada -- ununterbrochen seit über 50 Jahren.

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