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AFFÄREN Nase voll

»Report«-Chef Franz Alt darf vorerst nicht mehr moderieren. Der CDU-Nachrüstungskritiker irritiert die Unionspolitiker und den Kanzler. *
aus DER SPIEGEL 41/1983

Ein solches Echo auf eine Sendung hatten die Mitarbeiter des Südwestfunks in Baden-Baden selten erlebt. Wütende und weinende Anrufer beschwerten sich über die »Entmündigung der Zuschauer«, die »Schande für das Fernsehen«. Einer aus Bruchsal, der sich aus der Telephonzelle meldete, nannte es »einen Skandal der Weltgeschichte«.

Über tausend Zuschauer protestierten, nur sechs fanden richtig, was geschehen war: die Absetzung von »Report«-Chef Franz Alt als Moderator der Sendung.

Millionen erlebten am Dienstagabend letzter Woche, wie Chefredakteur Hans Gresmann mit der ihm eigenen Leichenbittermiene »in eigener Sache« auf dem Schirm erschien und sich als Alt-Ersatz empfahl. »Wegen der engagierten Stellungnahmen von Franz Alt für die Sache der Friedensbewegung und gegen den Nato-Doppelbeschluß«, begründete Gresmann den Platzwechsel, sei »die satzungsgemäß festgelegte Unabhängigkeit gegenwärtig nicht gewährleistet«. Der »Report«-Chef werde die Sendung deshalb »ein paar Monate lang« nicht präsentieren.

Das Aus für Alt wirkte um so kaltschnäuziger, als der CDU-Mann erst wenige Tage zuvor im Bonner Konrad-Adenauer-Haus mit CDU-Generalsekretär Heiner Geißler vier Stunden über Nachrüstung diskutiert hatte. Südwestfunk-Intendant Willibald Hilf, ebenfalls Mitglied der CDU, kam es offenkundig auf eine rasche Kaltstellung des Dissidenten an. Die »entscheidungsträchtigen Wochen« der möglichen Stationierung amerikanischer Pershing-Raketen, erläuterte Hilf in einem Hörfunkgespräch, kämen Wahlkampfzeiten gleich, in denen nach Fernseh-Gepflogenheit Parteiwerber unter den TV-Journalisten auch Kameraverbot hätten.

Mit dem Maulkorb für den eigenen Mann leistete sich die CDU den bisher rabiatesten Übergriff, den eine Partei je in einem TV-Studio vorgenommen hat.

Der rheinland-pfälzische CDU-Fraktionschef Hans-Otto Wilhelm, Mitglied im SWF-Fernsehausschuß, tönte schon vor Wochen in der Mainzer Landtagskantine: »Und der Franz Alt ist auch bald weg.«

So glatt, wie Wilhelm das gern gehabt hätte, ist es dann doch nicht gegangen. Viele Christdemokraten genierten sich für den Mißgriff der eigenen Leute. Die Junge Union in Rheinland-Pfalz sprach von einem »politischen Skandal«, der Landesvorsitzende Helmut Schultz nannte die Begründung für die Alt-Ablösung »haarsträubend«.

Andere Unionspolitiker fanden es zumindest taktisch falsch, für Alt »eine Märtyrersituation entstehen zu lassen«, so beispielsweise der Konstanzer CDU-Landtagsabgeordnete Klaus von Trotha, stellvertretender Vorsitzender des SWF-Fernsehausschusses.

In dem Aufsichtsratsgremium des Senders gingen auf einer Sitzung am Freitag die Wogen hoch. Am Ende aber paukten die Unionsleute eine knappe Entscheidung, elf gegen neun, für die Hilf-Verfügung

durch, nachdem sie Alt das Gehör verweigert hatten.

In Bonn zeigten sich SPD-Fraktionschef Hans-Jochen Vogel und FDP-Mediensprecher Burkhard Hirsch unisono »bestürzt«. Die Grünen in Bayern appellierten an die ARD-Zuschauer, bei allen SWF-Sendungen künftig abzuschalten. Selbst Christdemokrat Geißler sah sich von Hilf derart blamiert, daß er dessen Vorgehen fernschriftlich bedauerte.

Als letztes unabhängiges ARD-Politikmagazin fiel Alts »Report« einem Pressionskurs zum Opfer, den die Unionsparteien immer ungenierter gegen mißliebige Sendungen bei Funk und Fernsehen steuern. »Panorama« und »Monitor« sind von »Rotfunk«-Kampagnen der CDU längst lädiert. Das schwarze »Report«-Gegenstück aus München war schon immer »auf Konsens, auf Versöhnung angelegt«, wie Moderator Günther von Lojewski versichert.

CDU-Mann Alt hingegen blieb auf liberalkritischer Linie und setzte »Zeichen für den Fernsehjournalismus« - eine Auffassung, mit der die FDP-Generalsekretärin Irmgard Adam-Schwaetzer vor wenigen Wochen die Verleihung des Karl-Hermann-Flach-Preises an Franz Alt begründete. Münchens CSU-Oberbürgermeister Erich Kiesl verlieh dem couragierten Fernseh-Journalisten die Ludwig-Thoma-Medaille.

Zunehmend lästig wurde Alt der Union allerdings, seit »Report« sich auch unliebsamen Themen zuwandte, etwa einem Besuch von Franz Josef Strauß bei der Junta in Chile, Giftgaslagern der US Army in der Westpfalz oder Kriegsverbrechen der Wehrmacht. Bei solchen Gelegenheiten, fiel der »Stuttgarter Zeitung« auf, war von Intendant Hilf »viel über die Grenzen, aber wenig oder nichts über die Chancen eines kritischen Journalismus zu hören«.

Diese Tendenz ist mittlerweile bei Funk und Fernsehen weit verbreitet. Den wachsenden konservativen Einflüssen entspricht ein in sich ausgewogener Verlautbarungs-Journalismus, der es Politikern erlaubt, platte Oberflächenbeschreibung als »wahr und objektiv« zu begrüßen, Analyse und kritisches Hinterfragen hingegen als Ideologie abzutun.

Den ARD-Verantwortlichen fiel Alt unangenehm auf, als er zu Spendensammlungen für Hungernde und Flüchtlinge in der Dritten Welt aufrief und an die 50 Millionen Mark zusammenbekam. Sie erschwerten dem als »Herz-Jesu-Marxisten« Geschmähten die Einblendung von Kontonummern.

Zum Bruch mit der Führungslinie der Union kam es bei der Rüstungsdiskussion. In seinem Buch »Frieden ist möglich«, bisher fast 500 000mal verkauft, in dem Alt für eine »Politik der Bergpredigt« wirbt und einen »einseitigen Rüstungsstopp« des Westens fordert, warnt der Journalist vor der Sicherheitspolitik der CDU.

Rüstungsgegner Heinrich Böll ahnte schon Anfang des Jahres, der wackere Reporter könnte bald der CDU-»Mediendrahtbürste zum Opfer fallen«.

Eine »Report«-Sendung im März über gewaltlosen Widerstand gegen die Nachrüstung ("Kann Gandhi Vorbild sein?") verdammte der SWF-Fernsehausschuß nachträglich als »nicht sendefähig«. CSU-Generalsekretär Edmund Stoiber drängte: »Das geht so nicht weiter.« Und Hilf brüllte Alt am Telephon an, er habe nun »die Nase voll«.

Im Sommer verzichtete Alt auf eine Teilnahme an Kundgebungen, Anzeigen- und Flugblattaktionen der Friedensbewegung. Hilf war zufrieden. Der Intendant hatte auch nichts gegen das Streitgespräch mit Geißler, von dem der SWF vorletzten Donnerstag eine Aufzeichnung sendete. »Jesus war doch nicht blöd«, sagte Alt da, »wer Abrüstung sagt, muß abrüsten.«

Am nächsten Tag schien Hilf plötzlich »alles ein bißchen viel«. Er bat um Moderationsverzicht, wie Anfang September, als Alt von sich aus nicht aufgetreten war. Da der Moderator sich diesmal sträubte - ein Rüstungsthema war gar nicht im »Report«-Programm -, kam prompt das Auftrittsverbot. Alt: »Ich fühle mich aufs Kreuz gelegt.«

Mit der Begründung, »die Ausgewogenheit« sei bei Alt »gegenwärtig nicht gewährleistet«, hat Hilf der Einseitigkeit Vorschub geleistet: Das Wort führt nun nur noch die Nachrüstungspartei.

In »pogromartiger Stimmung«, so empfand es ein Zuhörer, hatte der SWF-Fernsehausschuß Ende September einen vor Wochen ausgestrahlten Film von SPIEGEL-Reporter Wilhelm Bittorf über die gewaltfreie Blockade des Atomwaffendepots Großengstingen verurteilt.

Wer die Aufstellung der Pershings befürwortet, darf hingegen ungestört senden, in beiden Programmen. Der Vorwurf, »einseitig in den Dienst einer weltanschaulichen Richtung zu treten« (Hilf), führt zwar bei Franz Alt zum Präsentationsverbot, bei Gerhard Löwenthal vom ZDF nicht. Der »Magazin«-Verwalter vom Konkurrenzkanal gründete die Konservative Aktion, trat in Wahlkampfzeiten gemeinsam mit Franz Josef Strauß auf - und moderiert noch immer.

Löwenthal hat freilich einen Gönner, der Alts Thesen für »gefährlich« hält: Bundeskanzler Helmut Kohl. Der wiederum hatte als Mainzer Ministerpräsident einen Mitarbeiter, den er zunächst zum Chef seiner Staatskanzlei und dann zum Rundfunk-Intendanten machte: Willibald Hilf.

»Wir kennen ihn zwar gut«, bestätigt Kanzleramtschef Waldemar Schreckenberger, ein Hilf-Freund aus gemeinsamer Mainzer Zeit, »aber der Kanzler hält sich aus solchen Sachen heraus.«

Warum sollte er sich auch reinhängen? »Er sagt«, weiß Schreckenberger, »dafür hat man die Intendanten.«

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