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AFRIKA / OAU Nase voll

aus DER SPIEGEL 47/1966

Durch Äthiopiens Hauptstadt Addis Abeba lärmten 35 Rotgardisten, prügelten sich mit Photoreportern, die einen Schnappschuß versuchten, und mit schwarzen Polizisten, die das Handgemenge beenden wollten.

Sie trugen die blaue Kluft der chinesischen Kulturrevolutionäre, sie kamen direkt aus Peking, aber sie waren nicht gelb, sondern schwarz - Bürger des Ostafrika-Staates Tansania, die in China Kurse genommen hatten und nun die Zwischenlandung in Addis für Mao-Werbung nutzten.

Für ihren Auftritt hatten sie sich einen günstigen Zeitpunkt ausgesucht. Denn als sie in Addis landeten, waren dort die Vertreter von 38 afrikanischen Staaten zum Jahrespalaver versammelt, der Gipfelkonferenz der Organisation für afrikanische Einheit (OAU).

Freilich: Afrikas prominente Präsidenten und Potentaten waren diesmal drei Jahre nach Gründung der OAU nur noch spärlich vertreten. Lediglch 13 Länder ließen sich im Lande des Negus Haile Selassie durch ihr Staatsoberhaupt repräsentieren, drei schickten den Regierungschef, die übrigen 22 aber hielten Minister oder Diplomaten für ausreichend.

Die zweitklassige Besetzung spiegelt den Zerfall einer Organisation wider, die nach dem Willen ihrer 31 Gründer eines Tages die Uno an Wirksamkeit übertreffen sollte, im Krisen-Klima Afrikas aber nicht gedeihen konnte.

Von den 31 Gründern der OAU sind heute nur noch 20 im Amt. Einer - Sir Milton Margai aus Sierra Leone - starb eines natürlichen Todes, zehn jedoch wurden gestürzt:

- Algeriens Freiheitsheld Ben Bella

mußte dem Oberst Boumedienne Platz machen;

- Burundi-König Mwambutsa IV. wurde zum Verzicht auf den Thron gezwungen und lebt heute mit einer weißen Strip-tease-Tänzerin im Exil in der Schweiz (SPIEGEL 14/1966);

- David Dacko aus der Zentralafrikanischen Republik, Hubert Maga aus Dahomey, Maurice Yameogo aus Obervolta wurden von den Militärs ihrer Länder abgesetzt;

- Kongo-Präsident Kasavubu ("König

Kasa") mußte dem Fallschirmspringer Mobutu weichen;

- Ghanas roter Diktator Kwame Nkrumah wurde von Armee und Polizei gestürzt und bewohnt heute als Ko-Präsident von Guinea eine Luxusvilla in Conakry ("Ich vervollkommne hier meine Französisch -Kenntnisse und lerne Auto fahren");

- Fulbert Youlou, selbsternannter Abbé des Kongo-Brazzaville, wurde von linken Politikern abgelöst;

- Sir Abubakar Tafawa Balewa, der gemäßigte Premier von Nigeria, wurde ermordet, Militärs übernahmen die Macht, im Chaos von Stammeskämpfen zwischen Ibos und Haussas blutet das Land dem Zerfall entgegen;

- Ibrahim Abbud, Regierungschef des Sudan, mußte sich rivalisierenden Polit-Cliquen beugen.

Grenzstreitigkeiten, innenpolitische Unruhen, unklare und widersprüchliche Ideologien haben die Arbeit der OAU seit ihrer Gründung erschwert, meist sogar unmöglich gemacht.

1964, auf dem Gipfel von Kairo, zitterten die versammelten Staatschefs eine Woche lang davor, daß der damalige Kongo-Premier Moise Tshombé den sie als »schwarzen Belgier« verachteten - zu ihrem Palaver erscheinen und Erklärungen zum Lob der Weißen abgeben könnte.

1965, als Kwame Nkrumah in Accra für 112 Millionen Mark Paläste bauen ließ, um seine Gäste standesgemäß unterzubringen, drohte die Konferenz schon vor Beginn zu scheitern. Felix Houphouet-Boigny, der frankophile Präsident der Elfenbeinküste, mochte nicht ins Reich des roten Messias reisen. Die meisten seiner Freunde in den ehemals französischen Kolonien folgten seinem Beispiel. Nkrumah präsidierte einer Rumpf-Konferenz.

Houphouet-Boigny blieb auch diesmal fern, ebenso seine Freunde Hamani Diori aus Niger und Nicolas Grunitzky aus Togo. General Mobutu traute sich nicht, seinen rumorenden Kongo allein zu lassen, Jomo Kenyatta, der Alte aus Kenia, schickte einen Vertreter.

Und wie Im Vorjahr in Accra, so drohte auch diesmal in Addis die Konferenz schon vor Beginn zu platzen. Wieder waren die Ghanaer schuld, Nkrumahs Nachfolger in Khaki, die seit ihrem Putsch im Februar nur ein Ziel kennen: den gestürzten »Osagyefo« vor Gericht zu stellen.

Sie verschickten einen Steckbrief an 60 Staaten der Erde (SPIEGEL 28/1966), klagten Nkrumah der Verschwörung, Erpressung und Unterschlagung an, wußten aber genau, daß sie seiner kaum habhaft werden können. Guineas Präsident Sekou Touré garantiert Nkrumahs Sicherheit und droht Accra: »Das Militärregime wird zerschlagen werden. Sie werden sich wundern, wie es geschieht, aber es wird geschehen!«

Als eine Vorausabteilung der guinesischen OAU-Delegation unter Führung von Außenminister Lansana Beavogui mit dem Pan-American-Flug 150 in Accra zwischenlandete, ließ Ghanas General Ankrah die 19 Guinesen verhaften. Nach langem Hickhack erst gelang es einer Vermittlungs-Delegation der OAU, die Freilassung der 19 Touré -Touristen zu erwirken.

Guineas Führer aber wollte mehr. Er verlangte den Ausschluß der Ghanaer vom Afrikaner-Gipfel und lehnte es ab, nach Addis zu kommen. Gesinnungsbruder Nasser bestürmte ihn am Telephon und schickte ihm sogar eine Maschine nach Conakry - nichts half. Nasser und Algeriens Boumedienne erklärten sich schließlich mit Toure solidarisch und verließen die Konferenz einen Tag früher als geplant. Nasser: »Ich bin müde und habe die Nase voll.«

Sie versäumten nicht viel. Denn auch diese Konferenz führte - unabhängig vom Zwischenfall in Accra - nicht weiter auf dem Weg zur Einheit Afrikas.

Die Mitglieder der Organisation sind zu zerstritten: Tunesien hat die Beziehungen zu Ägypten abgebrochen; Kenia und Somalia führen seit langem einen Kleinkrieg; der Tschad hat seine Grenzen zum Sudan geschlossen; Äthiopien ist mit Somalia und dem Sudan verzankt; zwischen Ruanda und Burundi droht ein bewaffneter Konflikt.

Nur in einem Punkt sind sich die Afrikaner nach wie vor einig, mit ihm suchen sie ihre innere Zerrissenheit zu kaschieren: in der Bekämpfung der weißen Kolonialherren in Angola und Mozambique sowie der weißen Regierungen in Südafrika und Rhodesien.

Sie klatschten Beifall, als Generalsekretär Diallo Telli aus Guinea in seinem Jahresbericht forderte, man müsse die Uno-Resolution gegen Südwestafrika (SPIEGEL 46/1966) »maximal ausbeuten«, riefen nach Gewalt gegen Portugal und Partisanen gegen Rhodesien, und die Radikalen beantragten, in Rhodesien die Farmen der Weißen anzuzünden.

Verantwortlich für die Durchführung dieser Aktionen ist der sogenannte Befreiungsausschuß der OAU. Dessen Mitglieder aber sitzen - wie Tunesiens Außenminister Bourgiba jr. beklagte in Daressalam und verwenden das Freiheits-Geld der OAU (über 500 000 Mark im Jahr) für sachfremde Ausgaben: elegante Maßanzüge und Appartements im Luxushotel »Kilimandscharo«.

Gipfel-Gast Nasser, Gastgeber Haile Selassie: Feuer gegen Farmen

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