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USA/LIBYEN Nasse Füße

Die amerikanischen Luftangriffe auf Tripolis und Bengasi verliefen nicht ohne Pannen. *
aus DER SPIEGEL 18/1986

Sobald sich die Konturen der libyschen Küste auf dem Radarmonitor vor ihm abzeichneten, scherte der F-111 Pilot planmäßig aus der Formation von sechs Kampfflugzeugen aus, in der er den 2800 Seemeilen langen Sechseinhalb-Stunden-Flug von England her zurückgelegt hatte. Ein letztes Mal fütterte sein im engen Bomber-Cockpit neben ihm festgeschnallter Waffenoffizier Flugdaten in den Bordcomputer ein. Es ist der 15. April, 1.59 Uhr, Ortszeit Tripolis.

Mit 960 Kilometern in der Stunde rast der Jet im Tiefflug über die Küste hinweg landeinwärts. Südlich der Hauptstadt wendet der Pilot seine Maschine und fliegt nach Norden zurück.

In diesem Moment schaltet der Waffenoffizier, im Fliegerjargon »whizzo« (in Anspielung an »whizzard«, Zauberer) genannt, vom Radar auf das Infrarot-Suchgerät um. Die Nacht über Tripolis hellt sich auf, auf dem Bildschirm werden Straßen und Gebäude sichtbar.

Sekunden später erscheint Gaddafis Hauptquartier in der Asisija-Kaserne auf dem Monitor. Mit einem Laserstrahl seines Bombenleitsystems fixiert der Waffenoffizier das Ziel; per Knopfdruck aktiviert der Pilot sodann die Bombenabwurfautomatik des Bordcomputers.

Während die Maschine hochzieht, um dem Explosionsbereich ihrer eigenen Bomben zu entkommen, bleibt der Laserstrahl des um 360 Grad schwenkbaren Zielsuchsystems weiterhin auf die Kaserne gerichtet. Die Reflexion leitet die Sprengsätze in ihr Ziel. Das »tödliche Video-Spiel« ("Time") ist vorüber.

Nach zwei Minuten über feindlichem Territorium ist für die Besatzung der F-111 der Krieg vorbei. Jetzt schaltet der Pilot den Sprechfunk ein: »Feet wet«, »Füße naß«, meldet er der Einsatzzentrale, einem Aufklärungsflugzeug, das in etwa hundert Seemeilen Entfernung über dem Flugzeugträger »America« kreist. Dessen Besatzung »entlaust« ihn noch kurz, bestätigt, daß ihm kein feindliches Flugzeug gefolgt ist, dann ist er in Sicherheit über dem Meer.

Es war der kürzeste Krieg der US-Geschichte. Nur zwölf Minuten dauerte die Operation »El Dorado Canyon«, Reagans Strafexpedition gegen den vermeintlichen Schutzherrn des Weltterrorismus, Muammar el-Gaddafi. Eine

Bombenlast von 60 Tonnen ging über Tripolis und Bengasi nieder. »Wir haben sie in den Arsch getreten«, jubelten beteiligte Flieger nach der Landung.

Doch so perfekt, wie es zunächst dargestellt wurde, war die Operation nicht abgelaufen. Vergangene Woche machten sich die Planer im Pentagon selbstkritisch an die Pannenauswertung.

Zwar meinte der Vorsitzende der Vereinigten Stabschefs, Admiral William Crowe, alles in allem sei die Aktion »sehr erfolgreich verlaufen«. Aber er fügte hinzu: »Wir haben nicht alles richtig gemacht«. Andere urteilten weniger zurückhaltend. Ein Luftwaffenexperte im Pentagon: »Dieser Angriff war eine ungeheure Dummheit.«

Die lasergelenkten Präzisionsbomben der Amerikaner hatten keineswegs mit »acht bis zehn Meter Genauigkeit« ihre Ziele getroffen, wie das die Angriffsplanung vorgesehen hatte. Fehlgeleitete Bomben zerstörten Wohnhäuser und töteten Zivilisten.

Einige Bomben erwiesen sich als Blindgänger und wurden von den Libyern stolz der Presse präsentiert. Ein Teil der Angriffsflugzeuge mußte seinen Auftrag vorzeitig abbrechen, andere konnten ihre Bomben nicht abwerfen, weil es ihnen nicht gelang, ihre Objekte zu fixieren.

Der komplizierteste Militäreinsatz der Amerikaner seit dem Vietnamkrieg mit insgesamt über 160 Flugzeugen galt fünf Zielen: *___Gaddafis Hauptquartier in der Asisi ja-Kaserne in ____Tripolis; *___dem militärischen Teil des Flugha fens von Tripolis; *___einem Ausbildungszentrum auf dem Gelände des nahe ____gelegenen Marine Stützpunktes Sidi Bilal; *___dem Ausweichquartier des Revolu tionsführers im rund ____1000 Kilometer entfernten Bengasi; und *___dem Militärflughafen Banina bei Bengasi.

Nur die Angriffe auf die Flughäfen verliefen in etwa so, wie es die Planer vorgesehen hatten. Auf dem Banina-Rollfeld, wo die Amerikaner lasergelenkte Clusterbomben benutzten, wurden mindestens vier sowjetische MiG-23-Kampfflugzeuge zerstört, außerdem zwei Hubschrauber und zwei Transportmaschinen vom Typ Fokker Friendship. In Tripolis zerstörten die Bomben fünf Iljuschin-76-Transporter und einige Gebäude.

Beim Angriff auf die Asisija-Kaserne im Südwesten von Tripolis, welche die

Angreifer mit sechzehn 900-Kilogramm-Bomben »in Staub verwandeln wollten« (so ein Mitglied der US-Regierung), wurde kein einziges Gebäude dem Erdboden gleichgemacht. Zwei der Hauptangriffsziele innerhalb der Anlage, die Quartiere für Gaddafis Leibgarde, blieben unbeschädigt.

Bei dem Angriff auf den Marine-Stützpunkt Sidi Bilal westlich von Tripolis wurden nicht nur die Einrichtungen eines Trainingszentrums getroffen, das, laut Reagan, als Nachschubbasis für Terroristen benutzt wurde, sondern ebenso vier Gebäude einer benachbarten Kadettenschule. Die Attacke gegen die Armeekaserne von Bengasi endete mit der Zerstörung privater Wohnhäuser.

Vor allem aber die Verwüstungen im Tripolis-Stadtteil Bin Aschur trübten den Erfolg von Reagans Militäraktion. Hier starben 15 der insgesamt 36 zivilen libyschen Opfer.

Was die Trümmer von Bin Aschur verursacht haben könnte, ist den Auswertern noch immer unklar. Sie nehmen an, daß eine vom libyschen Abwehrfeuer getroffene F-111 beim Versuch, aufs Meer hinaus abzudrehen, ihre Bomben durch die dabei auftretenden Zentrifugalkräfte verloren habe. Pentagon-Sprecher behaupten zudem, es sei nicht erwiesen, daß die Schäden auf das Konto amerikanischer Bomben gingen; sie könnten auch durch abgestürzte libysche Abwehrraketen verursacht worden sein.

Nicht nur mit dem Ergebnis, auch mit dem Verlauf der Aktion ist das US-Verteidigungsministerium nicht ganz zufrieden. Von den insgesamt 18 F-111, die von Großbritannien aus am Angriff auf Libyen teilnehmen sollten, erreichten nur 13 ihr Ziel. Von den 14 Kampfflugzeugen des Typs A-6 »Intruder« die von den beiden Flugzeugträgern »America« und »Coral Sea« aus nach Bengasi gestartet waren, mußten zwei Maschinen ihren Auftrag vorzeitig abbrechen.

Die hohe Ausfallquote, so verbreiten nun amerikanische Militärs, sei eine Folge der strikten Anweisungen des Präsidenten. Um etwaige Verluste unter der Zivilbevölkerung so gering wie möglich zu halten, seien die Piloten angehalten worden, schon bei kleinsten technischen Störungen ihre Mission abzubrechen. Mit ihren teuren Bomben mußten auch jene Piloten umkehren, deren Zielerfassungsgeräte im aufsteigenden Rauch versagten. Ausweichziele, wie im Vietnam-Krieg üblich, hatten die Maschinen nicht.

15 Stunden nachdem die ersten Tankflugzeuge aufgestiegen waren, kehrten die letzten F-111 auf ihre Stützpunkte nach Südengland zurück. Einige Piloten waren so erschöpft, daß sie ihre Flugzeuge nicht mehr ohne Hilfe verlassen konnten: Sie mußten aus ihren Sitzen herausgehoben werden.

[Grafiktext]

HIGHTECH GEGEN BEDUINEN 1. Ein Aufklärungssatellit und Spionageflugzeug vom Typ SR-71 »Blackbird« liefern Photos von den Zielen in Libyen. 2. Von ihren Basen in Südengland starten 24 mit Bomben beladene F-111 und fünf EF-111 »Raven«, die mit modernster Elektronik ausgerüstet sind, um gegnerisches Radar zu stören. Nach dem reibungslosen Anlauf der Aktion kehren sechs F-111 und eine EF-111 planmäßig nach England zurück. Fünf weitere F-111 fallen noch vor dem Angriff aus. 3. 28 Tankflugzeuge vom Typ KC-10 und KC-135 übernehmen die Treibstoffversorgung der F-111 während des Hin- und Rückflugs. 4. Das Spionageflugzeug »Burning Wind« der nationalen Sicherheitsbehörde NSA überwacht in großer Höhe die Funkkommunikation der libyschen Militärs. 5. Der Flugzeugträger »America«, etwa 100 Seemeilen vor Tripolis stationiert, dient als Flaggschiff der Aktion. 6. Der Flugzeugträger »Coral Sea« ist etwa 300 Seemeilen vor Bengasi stationiert. 7. Zwei Frühwarnflugzeuge vom Typ E-2 C »Hawkeye« fliegen in der Nähe der Träger und dienen als Kommando- und Kontrollzentrale. 8. Zwölf Seemeilen vor Tripolis und Bengasi kreuzt je ein US-Zerstörer, um notfalls Such- und Rettungsaufgaben zu übernehmen. 9. Vier Hubschrauber sind zwischen Küste und Flugzeugträgern im Einsatz, um notfalls Rettungsaufgaben zu übernehmen. 10. Trägergestützte Aufklärungsflugzeuge EA-6B »Prowler« stören 50 Meilen vor der Küste libysches Radar. 11. Trägergestützte F-18 beschießen aus 30 Meilen Entfernung libysche Radarstellungen mit Harm-Raketen. 12. Trägergestützte Kampfflugzeuge vom Typ A-7 »Corsair« beschießen aus zehn Meilen Entfernung libysche Radarstellungen mit Shrike-Raketen. 13. Insgesamt 13 F-111 greifen die Ziele in Tripolis an. Vier EF-111 stören libysches Radar. 14. Trägergestützte Abfangjäger vom Typ F-14 »Tomcat« übernehmen Deckungsaufgaben für die Angriffe auf Tripolis. 15. Vierzehn trägergestützte Kampfflugzeuge vom Typ A-6 »Intruder« starten zu den Angriffen auf die Ziele in Bengasi. Zwei Maschinen müssen vor Erfüllung ihrer Aufgabe abdrehen. 16. Trägergestützte Jagdflugzeuge vom Typ F-18 »Hornet« Übernehmen Deckungsaufgaben für die Angriffe auf Bengasi. 17. Ein Aufklärungsflugzeug vom Typ EP-3 »Orion« sucht nach den Überresten einer abgestürzten F-111. 18. Unter Wasser patroulliert ein Jagd-U-Boot der Los Angeles-Klasse. Zeichnung: The Washington Post

[GrafiktextEnde]

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