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AUSTRALIEN Nasser Mop

71 Todesopfer bei einer Brandkatastrophe - die Australier müssen endlich lernen, mit den Buschfeuern umzugehen, fordert ein Experte.
aus DER SPIEGEL 9/1983

Heißer Steppenwind, 43 Grad im Schatten, knochentrockener Boden. Alarmstimmung im südlichen Australien.

Das Inferno kündigte sich mit einem ohrenbetäubenden Knattern und Zischen an. Auf den Hügeln von Beaconsfield bei Melbourne brachten zwölf Freiwillige - elf Feuerwehrmänner und eine Frau - ihren Löschwagen in Stellung. Die Feuerwalze kam näher, sprang plötzlich auf den Berg über und fegte in Sekunden über die hilflosen Helfer hinweg. Kollegen zogen die zwölf verkohlten Leichen unter dem Spritzenwagen hervor.

Insgesamt 71 Opfer forderte der Feuersturm der vorletzten Woche an Australiens Südostküste - genauso viele wie das bis dahin schlimmste Buschfeuer des Kontinents am inzwischen legendären »Schwarzen Freitag«, dem 13. Januar 1939.

Zwei Tage wüteten die Brände in den Vororten von Melbourne und Adelaide, rasten über die Höhen der Dandenongberge, von deutschen Einwanderern gern als »Schwarzwald« bezeichnet, bis an die berühmte Great Ocean Road, wo sich die Sommerurlauber in die Wellen des Pazifiks retteten.

2000 Menschen wurden verletzt, 750 Farmen und 2600 Wohnhäuser brannten aus, eine Waldfläche weit größer als das Saarland verkohlte, 200 000 Schafe und 12 000 Rinder kamen um. Während die Feuerwehrleute vorige Woche versuchten, die restlichen Brände zu löschen, zogen Tierschützer in die Berge, um halbverbrannten Vögeln, Känguruhs und Koalabären den Fangschuß zu geben.

»Schlimmer als nach dem Sturmangriff einer Panzerdivision«, urteilte Australiens konservativer Premierminister Malcolm Fraser bei Besichtigung der Unglücksorte. Seinen Wahlkampf hatte er, ebenso wie sein Kontrahent Bob Hawke von der oppositionellen Labor-Partei, unterbrochen. Die Politiker kamen überein, das Unglücksfeuer nicht für die am 5. März anstehenden Parlamentswahlen auszuschlachten.

Dennoch fragten sich viele Australier, ob man nicht aus früheren Großfeuern - pro Jahr gibt es 600 bis 800 Buschbrände - hätte lernen müssen, wie eine Katastrophe dieses Ausmaßes verhindert werden könne.

»Buschfeuer sind ein Teil unserer Umwelt, ein natürlicher Prozeß wie Wind und Regen«, meint Peter Stanbury, Direktor des Universitätsmuseums in Sydney. Die Aborigines, Australiens Ureinwohner, hätten es bei ihrer steinzeitgemäßen Lebensweise verstanden, die immer wieder auftretenden Steppenfeuer zur Brandrodung zu nutzen, ohne die Natur oder sich selbst zu zerstören.

Davon seien die Weißen, die heutigen Herren Australiens, jedoch weit entfernt, urteilt der Melbourner Wissenschaftler David Packham, der seit 20 Jahren Ursachen und Wirkung der Buschfeuer erforscht.

Der Zufall wollte es, daß Packham wenige Stunden vor Ausbruch des großen Feuers zwei nordamerikanische Brandexperten vom Flughafen in Melbourne abholte, um mit ihnen Erfahrungen bei der Feuerbekämpfung auszutauschen.

Aus dem freundschaftlichen Treffen wurde eine dramatische Übung: Mitten in einer der schlimmsten Feuerzonen führten die drei Brandexperten vor, wie man mit tausend Liter Wasser, guten Nerven und altväterlichen Methoden sein Haus retten kann. Während die Männer »mit Eimern und Tassen« (Packham) löschten, erstickte Frau Packham kleine Brandherde mit einem nassen Mop.

Buschfeuer, so Packhams These, könne man auch mit Tausenden von Feuerwehrleuten nicht verhindern, den Schaden aber verringern, indem man Flammen möglichst wenig Nahrung biete.

Paradoxerweise macht gerade ihre Naturliebe viele Australier zu möglichen Brandopfern, denn sie haben ihre Häuser direkt in die Eukalyptuswälder gebaut oder die trockenen Gehölze in ihrem Garten stehenlassen.

Eukalyptuswälder brennen aber dank ihrer ölhaltigen Blätter wie Zunder. Besonders das trockene Laub am Boden - bis zu 30 Tonnen pro Hektar - bietet dem Feuer reichlich Nahrung. Wissenschaftler predigen deshalb seit Jahren das kontrollierte Laubabbrennen in der feuchteren Jahreszeit. Per Flugzeug werden Zündkapseln in abgesteckte Waldbezirke geworfen, so daß das Laub verglimmt, ohne die Bäume zu schädigen.

Doch nur in Westaustralien werden seit 20 Jahren rund 320 000 Hektar Wald systematisch gereinigt und ausgebrannt. Mit Erfolg, denn die Westaustralier hatten zwar 1980 immer noch 290 Buschfeuer zu bekämpfen. Doch die Schäden blieben mit 7200 Hektar abgebrannter Wälder geradezu lächerlich gering gegen das Inferno an der Südostküste.

Die Australier, meint Packham, müßten lernen, mit den Feuern zu leben:

* Die Häuser in gefährdeten Gebieten sollten aus feuerfestem Material gebaut werden. In den Regenrinnen dürfe kein Laub bleiben. Fliegengitter müßte wie früher aus Kupferdraht und nicht aus dem leichtentzündbaren Plastik bestehen.

* Wenn die Feuerwalze kommt, solle man im Haus bleiben, Türen und Fenster fest verschließen und kleine Brände sofort löschen.

* Wer im Auto vom Feuer überrascht wird, solle ebenfalls die Fenster S.154 schließen und sich unter eine Decke auf den Boden legen - ein Rat, der allerdings bei den extrem hohen Temperaturen des jüngsten Feuers oft nicht half.

Australiens freiwillige Feuerwehrleute blieben trotz kräftiger Gewitter letzte Woche ständig in Alarmbereitschaft, denn die Blitze hatten noch weitere Buschfeuer entzündet, die erst mit dem anhaltenden Platzregen verlöschten. Doch die Gefahr ist nur vorläufig gebannt.

Australiens Politiker setzen derweil auf Zeit. Wie immer nach einem Großbrand wollen sie erst mal eine Untersuchungskommission einsetzen. »Das ist das letzte, was wir brauchen«, schimpfte Packham, »die sollen endlich mal den Untersuchungsbericht vom Schwarzen Freitag 1939 lesen.«

Schon der enthielt exakte Anweisungen zur Verhinderung der nächsten Katastrophe.

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