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Christdemokraten Nation mit offenen Fenstern

Von Jürgen Rüttgers
aus DER SPIEGEL 24/1994

In deutschen Studierstuben, Gemütswinkeln und Feuilletons hat das Jahr 1989 für allerlei Verwirrung gesorgt. 200 Jahre nach dem Sturm auf die Bastille war für viele die Versuchung, eine neue Epoche auszurufen, zu groß. Von Zäsur, von Paradigmenwechsel, vom Ende der Utopien oder gar dem Ende der Geschichte ist seither die Rede.

1989 war das Todesjahr der kommunistischen Ideologie. Der freien Welt kam nicht nur der Feind, sondern auch das Gegenbild abhanden. Heute fehlt es nicht an Gegenbildern, aber die liberale Gesellschaft ist stärker als zuvor auf sich selbst zurückgeworfen. Die Frage, worauf sie sich gründet, muß sie aus sich heraus beantworten.

Manche diagnostizieren eine neue Unübersichtlichkeit als Reflex auf das Ende des Ost-West-Konflikts und seines »Gleichgewichts« des Schreckens; die Welt in Schieflage, so daß die Menschen Halt suchen.

Was da so mancher Zeitgeisttherapeut aus dem kollektiven Unterbewußtsein ans Tageslicht zu fördern glaubt, machen andere als neue Variante des »Wohlstandseffekts« aus: Nach Jahrzehnten kontinuierlich wachsender Wohlfahrt habe die weltweite Rezession die Menschen verunsichert, die materiellen Güter dabei eher ab-, die ideellen aber aufgewertet.

»Geld allein macht nicht glücklich«, heißt die uralte Erfahrung der neuen Krise, und folgerichtig ist die Suche nach Sinn, nach Anerkennung und sozialer Integration ein vielfach anzutreffendes Krisensymptom.

Bietet sich in dieser Situation die Nation als Bindegewebe der modernen, freiheitlichen Gesellschaft an? Als therapeutisches Konzept, das Gemeinsinn und Solidarität vermittelt?

Die Frage zu stellen ist erlaubt und kein Ausweis rechter Gesinnung. Was hier an Unterstellungen und Vaterschaftsvermutungen öffentlich grassiert, ist teilweise grotesk. Die großen Vereinfacher, links wie rechts, stehen sich in nichts nach, gestern wie heute.

Auch ist die Nation selbst noch nichts, was Verdacht erlaubt. Das Gros der Völker jedenfalls geniert sich nicht ihrer jeweiligen Nation wegen, und spätestens seit Ernest Renan steht auch die Nation auf demokratischen Füßen. Selbstverständlich ist die Debatte über unser nationales Selbstverständnis nicht. Bevor die Mauer fiel, war die Erinnerung an die Nation nicht nur die Mahnung vor den Folgen ihrer Pervertierung, die in die Geschichte unseres Landes tief und für immer eingeschnitten haben. Sie war auch die Mahnung, die zweite Diktatur in einem Teil unseres Landes nicht achselzuckend hinzunehmen. Einheit der Nation um der Freiheit der Menschen willen war das Ziel. Jetzt, wo der Stachel aus dem Fleisch ist, erstaunt die Heftigkeit der Debatte.

Versuche, unserer nationalen Geschichte zu entfliehen, gibt es rechts wie links. Manche basteln am Geschichtsbild herum in der Hoffnung, die historische Last würde leichter, so daß sie sich irgendwann einmal abstreifen und die Nation in neuem Glanze erscheinen ließe. Andere versuchen, angesichts unserer Geschichte der Nation davonzulaufen. Sie erklären das Thema für erledigt, frei nach dem Motto: Was nicht sein darf, das nicht sein kann.

Dieser doppelten Gefahr, sich der Geschichte zu verweigern, gilt es zu wehren. Weil es die Nation gibt und auch morgen noch geben wird, muß man verhindern, daß sie in die falschen Hände gerät. Und weil wir Deutschen unsere nationale Unschuld verloren haben, sollten wir nicht versäumen, rechtzeitig Dämme zu errichten, die die Debatte kanalisieren.

Das Denken in alten Dichotomien, die immer wiederkehren - Freiheit oder Bindung, Pluralismus oder Wahrheit, Nation oder Europa -, ist nicht konservativ, sondern antiquiert, zur Erneuerung nicht fähig. Halten wir also Kurs in der Mitte: keine Berührungsängste, wohl aber ein besorgter und sehr sorgfältiger Umgang mit der Nation.

Der Historiker Christian Meier weist zu Recht darauf hin, »daß die Nation noch immer, wenn auch verwandelt, eine wichtige Rolle spielt, als Solidar-, als Verantwortungsgemeinschaft, als Basis auch der Demokratie, die in irgendeiner Weise auf ,Homogenität' angewiesen ist«. Die Nation steht der freiheitlichen Gesellschaft nicht im Wege.

Die Nation ist eine Variante kollektiver Identität, eine Form von Gemeinschaftserfahrung, von Zusammengehörigkeit, ohne die ein plurales Gemeinwesen auseinanderfällt, ohne die eine demokratische Ordnung keinen Bestand hat, weil sie auf ein Minimum an anerkannten Grundnormen angewiesen ist. In diesem Sinne spricht Wolfgang Schäuble von »Schutzgemeinschaft für Frieden und Freiheit«. Von einer Behausung, aber eben mit offenen Fenstern und Türen und einer bunten Hausgemeinschaft.

Die Nation wird dann zur kritischen Größe, wenn sie zur geschlossenen Gesellschaft avanciert. Wenn Zusammenhalt nur durch Abgrenzung und/oder Ausgrenzung zu erreichen ist, ist der Zusammenhalt brüchig. Aber ohne Zusammenhalt geht es nicht. Hüten wir uns also vor falschen Alternativen: Nation contra Europa, Nation contra international, Nation contra Moderne.

Die Nation als Manifestation gemeinsamer Kultur und Geschichte kann nicht alles sein, was Deutschland zusammenhält. Zusammengehörigkeit speist sich aus vielen Quellen, etwa der Geisteswelt des christlichen Abendlandes, dem Grundgesetz, der Familie als Verantwortungsgemeinschaft und Garant pluraler Lebenschancen. In Deutschland, aber sicher nicht nur hier, hat zudem die überaus erfolgreiche Entwicklung des Sozialstaates ein hohes Maß an Identifikation gestiftet - wie unsere Verfassungsordnung insgesamt.

Wer um den Zusammenhalt der modernen Gesellschaft fürchtet, kann an vielen Stellen ansetzen. Das Gewicht allein auf die Nation zu legen führt in die Enge - mit schwerwiegenden Folgen, auch für die Nation. Enttäuschung und Versagen wären vorprogrammiert.

Die Nation ist nicht mehr der Rahmen, in dem Gesellschaften die Lösung aller ihrer Probleme gewährleisten könnten. Längst haben zentrale Gegenwartsfragen - etwa die Sicherung von Arbeitsplätzen, die Gewährleistung der inneren und äußeren Sicherheit - die nationalstaatlichen Grenzen gesprengt.

Die Nation gewinnt um so mehr an Legitimation, je mehr sie auf ihre eigene Begrenztheit und Bescheidenheit verweist, je mehr sie über sich hinausweist und sich als Akteur auf dem Weg zu supranationalen Strukturen und Problemlösungen bewährt. Der Weg der europäischen Einigung bestätigt dies.

Nach außen also kann die Nation um so eher auf Zustimmung hoffen, je eher sie auf ihre klassischen und in der Tat überholten Attribute - alleinige Souveränität, Homogenität - verzichtet. Und nach innen?

Auch hier stößt sie schnell an ihre Grenzen. Zwar haben die modernen Gesellschaften einen kritischen Grad an Desintegration erreicht, der bei vielen ein allgemeines Gefühl der Unsicherheit erzeugt. Aber die Vorstellung, daß jetzt einfach das Pendel zugunsten traditioneller Integrationsmechanismen zurückschlägt, trügt.

Erlebte Freiheit wird nicht verschmäht, nur weil man ihre Kehrseiten entdeckt. Der Wunsch nach Selbstbestimmung bleibt der personale Impuls der freiheitlichen und damit erst leistungsfähigen Gesellschaft. Er darf nicht als hedonistischer Individualismus diffamiert werden, um ihn dann im Namen einer vermeintlich überlegenen Moral an die Kandare zu legen.

Dieser Trick funktionierte schon nicht hinter Mauer und Stacheldraht, erst recht nicht in einer offenen Gesellschaft. Hier spüren die Menschen sehr wohl, daß der Verlust an gemeinsamen Wertüberzeugungen, an Bindungen und sozialen Netzwerken einen hohen Preis fordert.

So sucht man, beides miteinander zu verbinden. Längst ist die Familie wieder »in«, aber zugleich ist sie Ausdruck eines neuen Verständnisses von Partnerschaft zwischen den Geschlechtern. Es kommt zu neuen Wertesynthesen, neuen Kombinationen persönlicher und integrativer Werthaltungen und Lebensstile.

Zuviel Gemeinschaftsemphase dürfte bei der Mehrheit unserer Mitbürgerinnen und Mitbürger nicht den gewünschten Erfolg haben. Gemeinsinn und Gemeinsamkeit kann man nicht nur durch Predigen vermitteln.

Die Beziehungen zwischen Individuum und Gemeinschaft bedürfen aber einer Korrektur. Von individueller Freiheit und Selbstverwirklichung ist bei uns viel die Rede, von Eigenverantwortung und Eigeninitiative dagegen wenig. Die »unangenehmen« Aufgaben und Pflichten billigt man gern der Allgemeinheit - Wohlfahrtsstaat genannt - zu, deren breite Schultern tunlichst die Lasten individueller Lebensführung, die ja nicht risikofrei ist, tragen sollten.

Dabei ist für jeden zu spüren, daß auch die Verantwortung für sich und den Nächsten wieder mehr zur persönlichen Verantwortung, zur entstaatlichten Verantwortung werden muß.

Die Entwicklung der modernen Gesellschaft wird auch weiterhin im Spannungsfeld von Differenzierung und Integration verlaufen. Die Nation bleibt notwendiger Kitt. Sie darf allerdings die Gesellschaft nicht mehr spalten als einen. Insofern ist eine Verständigung über die Nation sinnvoll und geboten.

Vielleicht steht am Ende ja ein Konsens. Wenn auch nur darüber, daß wir das, was wir sind, nicht immer neu an die große Glocke hängen müssen. Y

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