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FRANKREICH Nationales Drama

Laizistische Republikaner gegen Anhänger der Konfessionsschule - seit 100 Jahren wütet in Frankreich der große Schulkrieg. *
aus DER SPIEGEL 4/1984

Alain Savary, Erziehungsminister des Präsidenten Mitterrand, sprach ein Machtwort. Monatelang hatte er Freunde und Gegner des Privatschulwesens aufgefordert, sich mit der Regierung über ein Reformprojekt zu verständigen - ohne Erfolg.

Am 12. Januar verlangte Savary deshalb ultimativ, daß sich die Schulparteien binnen sechs Wochen zu erklären hätten. Andernfalls würden einschneidende Veränderungen von oben dekretiert.

Was für Nichtfranzosen eher wie eine kulturpolitische Lappalie aussieht, ist eines der umstrittensten - und wohl auch überflüssigsten - Reformprojekte der Linken in Frankreich. Sie wollen die Privatschulen im Lande weitgehend abschaffen und damit einen Schlußstrich unter den seit mindestens 100 Jahren mit unerhörter Verbissenheit geführten Schulkrieg setzen.

Obschon in Frankreich rund 15 Prozent aller Schüler (2 Millionen von 12 Millionen) auf - überwiegend katholische - Privatschulen gehen, mutet die Aufregung der Linken über das Reizthema teilweise absurd an.

Denn Kleriker als Lehrer sind an diesen Schulen kaum noch zu finden. Neun von zehn Lehrern im katholischen Unterrichtswesen sind Laien mit dem Status

öffentlicher Angestellter, manche von ihnen allerdings ohne die im öffentlichen Schulwesen erforderlichen Staatsdiplome.

Nach dem Wahlsieg der Linken 1981 pochte die sozialistische Parteibasis unermüdlich auf das Prinzip »gleiche Erziehung für alle« - und die ist für einen richtigen französischen Linken nur denkbar, wenn der Nachwuchs des Landes nicht religiös bestimmten, sondern nur republikanisch gesinnten und vom Staat bestellten Lehrern anvertraut wird.

Der Kampf um die Schule reicht bis in die Dritte Republik nach 1871 zurück. Der antiklerikale Ministerpräsident und Erziehungsminister Jules Ferry (1832 bis 1893) hielt Religion generell für »unheilbar dekadent« und träumte von einem brüderlichen, demokratischen Frankreich, in dem Kinder aller sozialen Klassen und aller Weltanschauungen die gleiche Schule besuchen sollten.

Ferry verbot den Religionsunterricht und ersetzte ihn durch eine »Bürger- und Moralerziehung«. Dann machte er die Lehrer zu Staatsbeamten und stoppte die Staatsgelder für alle Schulen, die sich den neuen Regeln nicht unterordnen wollten.

Im traditionell katholischen Frankreich glich das einer Revolution. Etliche katholische Schulen überlebten, sofern sie sich selber finanzieren konnten. Da ordnete im Juli 1902 Ministerpräsident Emile Combes an, alle noch verbliebenen 3000 Bekenntnisschulen seien innerhalb von acht Tagen zu schließen.

Zwei Jahre später schob Combes ein Gesetz nach, das Ordensangehörigen jegliche Lehrtätigkeit untersagte. Die privaten Schulen verloren damit auf einen Schlag rund 16 000 Lehrer, doch die antiklerikale Regierung nahm das gern in Kauf.

Im Lauf der Jahrzehnte entstanden jedoch neue (schulgeldpflichtige) Privatschulen. 1941, unter dem Vichy-Regime des Marschalls Petain, erhielten die »Freien Schulen« auch wieder Zuschüsse aus dem Staatshaushalt - eine Regelung, die sofort nach Kriegsende wieder abgeschafft wurde.

In der Vierten Republik brachte die Schulfrage gar Regierungen in Not, etwa im Januar 1952, als die Koalition zwischen den antiklerikalen Linken, den laizistischen Radikalsozialisten und der katholischen Volkspartei MRP über die Frage auseinanderbrach, ob an die Privatschulen wieder Subventionen gezahlt werden sollten oder nicht.

Erst 1959, nachdem Charles de Gaulle an die Macht zurückgekehrt war, fiel eine Entscheidung: Seitdem trägt der Staat wieder zum Unterhalt der Privatschulen bei, die dafür Verpflichtungen gegenüber dem Staat vor allem bei der Gestaltung des Lehrplans eingehen mußten. (Religionsunterricht blieb gleichwohl aus den öffentlichen Schulen verbannt.)

Doch die militante Linke gab ihren Widerstand gegen eine mögliche religiöse Indoktrination nie auf. Der Historiker Rene Remond: »Von allen Konflikten, welche die französische Gesellschaft seit etwa 200 Jahren beschäftigten, war dieser zweifellos am stärksten mit Ideologie belastet.«

So legte denn Minister Savary unter dem Druck der sozialistischen Parteibasis und der linken Lehrergewerkschaften im Dezember 1982 einen ersten Reformentwurf vor. Im Zentrum standen vier einschneidende Neuerungen: *___Wer sein Kind auf eine Privatschule schicken will, kann ____nicht mehr wie bisher unter den Schulen in ganz ____Frankreich wählen, sondern nur noch im näheren Umkreis ____des Wohnortes. *___Alle staatlich subventionierten Privatschulen werden ____öffentliche Institutionen, in deren Verwaltungsrat ____Staat und Gemeinden die Mehrheit stellen. Den ____Schulleiter bestellt der Staat, nicht etwa die Diözese. *___Die Klassengröße wird von der staatlichen ____Schulaufsicht, nicht mehr von der Schulleitung ____bestimmt. *___Alle Lehrkräfte werden beamtet, wer nicht die ____erforderliche Ausbildung hat, kann nicht mehr ____unterrichten; die bisherigen Privatschulen dürfen auch ____nicht mehr ihre Lehrkräfte nach eigenen Kriterien ____aussuchen.

Daß diese Reformen nicht den Wünschen des Wählervolkes entsprechen, zeigte eine Meinungsumfrage vom vergangenen November: 71 Prozent der Franzosen befürworten die Existenz von Privatschulen; jeder zweite fand es völlig normal, daß auch Privatschulen vom Staat finanziert werden. Die einst unerschütterliche Maxime »öffentliches Geld für öffentliche Schulen, privates Geld für private Schulen« gilt also für viele Linkswähler offenbar nicht mehr.

Dies um so weniger, als die laizistische Republik bislang die Versorgung der Bürger mit Staatsschulen nicht überall garantierte, und auf solche Gegenden - etwa die Bretagne im Westen und die zentralfranzösische Auvergne - konzentrieren sich die Privatschulen.

Im Morbihan etwa, einem Departement der südlichen Bretagne mit besonders

tief verwurzelter konservativer Tradition, existieren in 58 von 255 Gemeinden, also immerhin einem Fünftel, keine öffentlichen Grundschulen. Wer im gleichen Departement Abitur machen will, kann zwischen 15 katholischen, aber nur 6 staatlichen Gymnasien wählen.

Kein Wunder, daß sich gerade in der Bretagne die ersten machtvollen Protestkundgebungen gegen eine drohende Verstaatlichung der Privatschulen bildeten. Seit einem Jahr ist die Demonstrationswelle nicht mehr abgebrochen - und es marschieren nicht nur die militanten Katholiken.

Sie werden auch von Eltern unterstützt, die mit Religion gar nichts im Sinn haben, aber ihre Kinder dennoch auf Privatschulen schicken, weil die Erziehung dort oft strenger, konservativer und disziplinvoller ist.

Hinter dem Slogan der Widerständler »die freie Schule wird leben« verbirgt sich auch oft nicht so sehr die Angst vor einer Säkularisierung des Unterrichts, als vielmehr die Sorge vor den bürokratischen Zwängen der bevorstehenden Reform.

Die Kirchenhierarchie hat allerdings auch klar kritisiert, daß mit der Reform die religiösen Aspekte im Unterricht zu kurz kämen. Scharf wandte sich der Pariser Erzbischof, Jean-Marie Kardinal Lustiger, gegen den Vorwurf, die Konfessionsschule vergewaltige das Gewissen ihrer Schüler. Ihre Abschaffung, so der katholische Oberhirte, »würde die französische Öffentlichkeit und das Gewissen der Gläubigen tödlich verletzen«.

Genauso harte Kritik mußte der recht besonnene Minister Savary aber auch von den Befürwortern einer laizistischen Einheitsschule einstecken. Nach ihrem Geschmack war sein Reformvorschlag noch viel zu zahm ausgefallen.

Im Oktober letzten Jahres präzisierte Savary seine Vorschläge und legte sie in einem Schreiben etwa 40 interessierten Verbänden vor: Angesichts eines »so heiklen Themas, das die Geschichte unseres Landes zum Gegenstand so leidenschaftlicher Auseinandersetzungen gemacht hat«, sei ein unverkrampftes Studium der Texte nötig.

Das Gegenteil war der Fall, Frankreich stürzte sich einmal mehr verbissen in den Schulkrieg. So wetterte Michel Bouchareissas, Wortführer der Verstaatlicher, über die »freien« Schulen: »Frei bedeutet, daß sie frei sind, Kinder von Gastarbeitern, Atheisten und Geschiedenen abzuweisen und über öffentliche Gelder ohne jede Kontrolle zu verfügen.«

Die Katholiken haben bereits ihre Kampagne mit riesigen Demonstrationen bis in den März hinein geplant. Die Laizisten werden mit ebenso mächtigen Umzügen antworten.

Kardinal Lustiger: »Wenn die Regierung keine wirklichen Verhandlungen akzeptiert, wird es zu einem echten nationalen Drama kommen.«

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