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Nationalpark Bayern

Sein eigenes Bundesland glaubt Ministerpräsident Edmund Stoiber so sauber herausgeputzt zu haben, dass er damit reif sei fürs Kanzleramt. Doch dem Kandidaten fehlen wichtige Erfahrungen: Nie musste er in München auf Koalitionspartner Rücksicht nehmen, harte Opposition kennt er nicht.
aus DER SPIEGEL 5/2002

Bald ist Aschermittwoch, der Tag, an dem Edmund Stoiber mal so richtig den Bayern raushängen lässt. Dann spricht er vor 7000 Leuten in der Passauer Nibelungenhalle, in einen Sud aus Bier-Atem, Zwiebelheringsduft und Männerschweiß hinein. Es ist eng, heiß, Blasmusik, Bierkrüge, Trachtenjacken, Gamsbärte.

Stoiber brüllt. Er zappelt. Er fuchtelt. Er nennt die multikulturelle Gesellschaft einen »Mischmasch«, er wettert gegen die Schönen und Reichen, die dem Staat keine Steuern abgeben wollen, und huldigt dem Stammtisch. Nieder mit den »Champagner- und Kaviar-Etagen«, hoch die »Leberkäs-Etage«, das bayerische Volk. »Edmund, Edmund«, schreit der Saal.

So war es jedenfalls in den vergangenen Jahren. Der Rest der Republik lächelte. Diese Bayern. Am Aschermittwoch zeigten sie mal wieder, wie derb und deftig sie sind, wie eingesponnen in Traditionen und Rituale. Man sah es jedes Mal mit Befremden, Belustigung, aber auch mit Rührung. Wie schön, dass es so was noch gibt.

Vielleicht wird es diesmal anders sein. Vielleicht wird Stoiber diesmal nicht nur für die Bayern in der Nibelungenhalle sprechen, sondern auch für die anderen Deutschen an den Bildschirmen. Vielleicht wird er nicht als Ministerpräsident und Vorsitzender einer Partei reden, die das demokratische Spektrum bis ganz rechts abdeckt, sondern als Kanzlerkandidat.

Er würde dann in aller Ruhe darlegen, dass es keinem anderen Bundesland so gut geht wie Bayern, dass niemand sein Land so herausgeputzt hat wie er: eine blühende Wirtschaft, die besten Schüler, mit die geringste Kriminalität.

Niemand würde belustigt sein wie früher, niemand würde lächeln. Man wäre vielleicht neidisch und würde sich die Frage stellen: Geht das auch in ganz Deutschland? Könnte ein Bundeskanzler Stoiber die Republik im besten Sinne bavarisieren, sie reicher und sicherer machen? Oder ist Bayern ein Bundesland mit ganz eigenen Regeln? Lässt sich das, was in diesem südlichen Reservat, in diesem Nationalpark gilt, vielleicht doch nicht übertragen?

Traut man Umfragen, dann hoffen viele Bundesbürger auf Stoiber. Nachdem er kurz nach Dreikönig zum Kandidaten gekürt worden war, schnellten die Werte für ihn und die Union nach oben. Doch spätestens nach seinem Auftritt in Berlin bei der TV-Talkshow »Sabine Christiansen« folgte die Ernüchterung. Kann jemand, der sich so konfus und hölzern präsentiert, der den Euro falsch umrechnet und dem der Name des größten deutschen Telekommunikationsunternehmens nicht einfällt, einen richtigen Staat regieren, oder glänzt er nur im Hinterwald?

Und glänzt er dort wirklich so, wie es immer scheint? Ist Bayern so effizient regiert, so prächtig für die Zukunft präpariert, wie es die CSU den Bürgern weismachen will? Wenn ja, was könnte Stoiber von München nach Berlin mitnehmen? Ein Blick auf Bayern könnte ein Blick auf die Bundesrepublik unter dem Kanzler Stoiber sein.

Das Zentrum seines Bayern ist die Staatskanzlei am Münchner Hofgarten, die Machtzentrale, das Powerhouse, der Fixpunkt seines Regierungssystems. Hier hat Stoiber die besten Beamten des Landes versammelt, oft Juristen mit Prädikatsexamen, strebsam, kompetent, dem Chef zu 100 Prozent ergeben. Ihre Ehrfurcht verbietet es, »Edmund Stoiber« zu sagen, schon gar nicht laut. Er ist fast immer und überall - Stimme dämpfen - der »Herr Ministerpräsident«.

Hinter weißen Doppeltüren, in modernen Büros, wälzen diese Beamten Akten und schreiben unermüdlich Papiere. Sie bleiben lange, denn spät am Abend kommt der Chef aus Berlin, Brüssel oder den Aufnahmestudios des Bayerischen Rundfunks, und dann will er über Kabinettsvorlagen reden, gern auch bis Mitternacht.

Es tagt dann das Küchenkabinett, geleitet vom Chefbeamten und engen Vertrauten Walter Schön, in der CSU-Landesfraktion »Rasputin« genannt. Stoiber isst ein paar Schnittchen, trinkt Mineralwasser, vielleicht mal eine Tasse Kaffee, er ist hellwach. Fünf, sechs Stunden Schlaf reichen ihm, und was ihm reicht, muss auch seinen Beamten reichen. Er ist meistens gut vorbereitet, hat die Akten im Auto, im Flugzeug oder in der vergangenen Nacht studiert. Jetzt erwartet er kurze, konzentrierte Vorträge. Er lässt auch jüngere Beamte zu Wort kommen. Er liebt es zu diskutieren und ist doch autoritär. Er kann scharf werden, wenn jemand nicht die Leistung bringt, die er erwartet. Nach diesen nächtlichen Sitzungen ist er perfekt vorbereitet für den nächsten Tag.

Stoiber ist detailversessen und kümmert sich oft um kleinste, unwichtige Dinge. Glaubt ein Bürger, vor seinem Haus müsse ein Verkehrsschild angebracht werden und wendet sich damit an Stoiber persönlich, kann es passieren, dass der Ministerpräsident die Bürokratiemaschine anlaufen lässt: Die Staatskanzlei fordert eine Stellungnahme vom Innenministerium. Das wendet sich an die Straßenverkehrsbehörde beim Landratsamt oder bei der Gemeinde sowie an die örtliche Polizei. Dann geht's zurück nach oben. Der Bürger erhält eine Antwort - von Stoiber selbst.

Das freut den Bürger, und Stoiber bringt es an den Rand seiner Kräfte. Aber er kann nicht anders. Er muss kontrollieren, alles, jeden.

Diese Kontrollwut ist der wichtigste Pfeiler in Stoibers Machtgebäude. Derzeit ist er unangefochten, denn in Bayern kann ihm niemand das Wasser reichen. Wenn er - wie jüngst beim Neujahrsempfang - Hof hält in der Münchner Residenz, um unter einem blau-grauen Baldachin das Defilee abzunehmen, huldigen ihm alle. Wer neben ihm stark war, den hat er im rechten Moment rasch und kaltblütig erledigt.

Als der Innenminister Stoiber im Frühjahr 1993 ahnte, dass sein Regierungschef Max Streibl wegen einer Amigo-Affäre werde zurücktreten müssen, begann er, bei der Landtagsfraktion für sich zu werben, hinter dem Rücken von Parteichef Theo Waigel. Wenige Stunden nachdem Streibl dann im Mai 1993 seinen Rückzug angekündigt hatte, stand Stoiber auf der Matte: Es gebe »keine Erbhöfe«, verkündete er mit einem Seitenhieb auf Waigel. Einen Tag später ließ Stoiber in der Fraktion seine Anhänger aufmarschieren. Von 33 Abgeordneten, die sich zu Wort meldeten, sprach sich nur einer für Waigel aus. Der blieb daraufhin zerknirscht Finanzminister in Bonn. Ministerpräsident wurde Stoiber. Seitdem er Waigel 1999 als Parteichef abgelöst hat, herrscht er allein über die CSU und Bayern.

Sein Kabinett hat Stoiber mühelos unter Kontrolle. Auch hier sitzen Männer und Frauen, die ihm ergeben sind - nicht aus reiner Unterwürfigkeit, sondern, weil sie glauben, dass er regieren und nun vielleicht sogar den einen oder anderen mit nach Berlin ziehen kann. Es sind Leute, die tun, was der Ministerpräsident sagt, und die heute schon denken, was er morgen denken könnte: beim Sexualstrafrecht, beim Länderfinanzausgleich, beim Rentenkonzept, bei der Terrorfahndung.

Zwar betont Stoiber, sein Kabinett sei ein »Team«. Doch folgt der Nachsatz: »Der Kapitän der Mannschaft gibt natürlich den Ton an.« Tatsächlich ist die bayerische Regierung eine One-man-Show. Stoiber entscheidet, und Stoiber verkauft die Entscheidungen. Von den Kabinettsmitgliedern zählen nur Innenminister Günther Beckstein und der Chef der Staatskanzlei, Erwin Huber, einst ein richtiger Wadlbeißer, zu Stoibers engerem Führungskreis. Einen der beiden hätte er gern als Nachfolger.

Manche Minister sind so eingeschüchtert, dass sie Kabinettsvorlagen heimlich Stoibers »Rasputin« Schön zukommen lassen, bevor sie der Staatskanzlei offiziell zugeleitet werden. Der oberste Beamte in der Regierungszentrale redigiert die Vorlagen, die ihn dann ein oder zwei Tage später offiziell noch einmal erreichen - in der von ihm geänderten Fassung, die Stoibers Erwartungen entspricht. So vermeiden die Minister, sich in der Kabinettssitzung eine blutige Nase zu holen.

Auch Partei und Fraktion sind unter Stoibers Kontrolle. Als Vorsitzender führt er die CSU straff im Sinne seiner Interessen als Ministerpräsident. Dass Staatskanzlei und Parteizentrale mit einer Stimme sprechen, dafür soll der neue Landesgeschäftsführer Michael Höhenberger sorgen, der bei Hofe mit dem derzeit in Misskredit geratenen Generalsekretär Thomas Goppel um die Gunst des Meisters buhlt. Höhenberger, den loyalen Vertrauten, der ihm einst in einem Untersuchungsausschuss aus der Klemme half, schickte Stoiber aus der Staatskanzlei zur Partei. Dort zieht er die Fäden im Sinne seines Gebieters. Sogar am Kabinettstisch saß Höhenberger noch, als er als Ministerialbeamter schon beurlaubt und an die Partei ausgeliehen war - wogegen die Opposition protestierte.

Doch selbst Höhenberger steht unter Beobachtung. Mit Journalisten redet er nur, wenn Stoibers Pressesprecherin dabei ist. Jeder überwacht jeden, jeder berichtet dem Ministerpräsidenten.

Stoiber ist immer informiert, gibt sein Herrschaftswissen aber nur sparsam weiter. Die CSU-Fraktion im Bayerischen Landtag erfährt gelegentlich aus der Presse, wen der Meister zum Minister ernennen will und was sie sonst noch so alles zu beschließen hat. Allenfalls Fraktionschef Alois Glück, neben Huber und Beckstein ein dritter möglicher Kandidat für die Ministerpräsidenten-Nachfolge, wird vorher unterrichtet.

Stoiber nennt sich einen »Mann der Fraktion« und lobt die »Aktionseinheit« zwischen Regierung und Landtagsmehrheit. Doch hinter den Kulissen knirscht es immer wieder heftig. Wenige Monate nach der erfolgreichen Landtagswahl 1998 schrieb Glück einen wütenden Brief an Innenminister Beckstein. Es sei »allmählich doch eine Zumutung«, dass offenbar »automatisch darauf spekuliert« werde, »dass ich mich schon loyal verhalte und deshalb eine solche Meinungsverschiedenheit innerhalb der CSU nicht in der Öffentlichkeit zelebriert wird«. Zuvor hatte sich Beckstein öffentlich dafür eingesetzt, dass Bayern eine Initiative startet, um Volksentscheide auf Bundesebene einzuführen. Das war im Sinne Stoibers, aber entgegen der Auffassung der Fraktionsmehrheit.

Sechs Wochen später ließ der sonst so zurückhaltende Glück den »sehr geehrten Herrn Staatsminister« und »lieben Günther« wissen, »seit einiger Zeit« häuften sich »die Klagen von Fraktionsmitgliedern, dass sie über Aktivitäten der Staatsregierung nur unzureichend oder gar nicht informiert werden«. Beckstein solle »entsprechende Vorkehrungen treffen«, damit »die Abstimmung zwischen Fraktion und Staatsregierung weiter verbessert« werde. Warnend fügte Glück hinzu, es werde sonst »immer schwieriger, entstandene Konflikte auszugleichen«.

Tatsächlich waren Fraktionsvertreter, allen voran Glück, im vergangenen Jahr einmal aufmüpfig. Sie stemmten sich gegen Stoibers Favoriten für den Intendantenposten beim Bayerischen Rundfunk, Gerhard Fuchs. Der Fernsehdirektor hatte im Wahlkampf 1998 mit seiner Frau, einer früheren CSU-Abgeordneten, so schön von CSU-Plakaten gelächelt, dass es Stoiber eine Freude war. Doch statt seiner kürte der Rundfunkrat den als liberal geltenden Hörfunkdirektor Thomas Gruber zum Senderchef, mit Stimmen aus dem Freundeskreis der CSU.

Seitdem herrscht wieder Friedhofsruhe. »Bis 1994 gab es in der CSU Leute, die ihre eigene Meinung hatten«, sagt die Finanzexpertin der Grünen-Fraktion, Emma Kellner, die der CSU in mehreren Untersuchungsausschüssen zu Amigo-Affären zugesetzt hatte. Jetzt regiere Stoiber wie ein Feudalherr. »Er reißt alles an sich.«

Ein Mitglied des CSU-Parteivorstands sagt es so: »Strauß war als Ministerpräsident immer wie ein Aufsichtsratsvorsitzender. Als geschäftsführenden Vorstandschef hatte er Stoiber. Stoiber hingegen ist Aufsichtsratsvorsitzender, geschäftsführender Vorstandsvorsitzender und Sachbearbeiter zugleich. Das lässt sich auf Bundesebene nicht durchhalten. Da würde ein Kanzler Stoiber dran kaputtgehen.«

So wird die Kontrollwut, die im überschaubaren Bayern eher ein Plus Stoibers ist, auf Bundesebene zum Nachteil. Er wird, prophezeien ihm Vertraute, loslassen müssen. Wenn er sich nicht ändert, wird er sich verzetteln und im Wust der kleinen Probleme des Kanzleralltags ersticken.

Zudem werden ihm seine engsten Mitarbeiter in Berlin nicht so zur Seite stehen können wie in München. Keiner seiner Spitzenbeamten hat ausreichende Hauptstadt-Erfahrung.

Die erste Krise kommt bestimmt, und wer soll sie dann lösen? Ein großer Krisenmanager ist Stoiber selbst nämlich nicht, ganz entgegen der Aura, die seine Gefolgschaft um ihn herum verbreitet. Wenn er das Gefühl hat, die Kontrolle zu verlieren, dann geht es mit ihm durch. Als die BSE-Krise vor einem Jahr nach Bayern schwappte, versprach Stoiber seinem Freistaat 300 Millionen Euro für deren Bewältigung. Finanzminister Kurt Faltlhauser stöhnte.

Dann kam der 11. September. Stoiber versprach 50 neue Stellen für den Verfassungsschutz, 650 für die Polizei, mehr Technik, bessere Ausrüstung. Jetzt hätte er einen Teil der 300 Millionen gut gebrauchen können, denn BSE hatten die Wähler längst vergessen.

Dann kam die Pisa-Studie. Stoiber versprach mehr Lehrer, mehr Förderung, mehr Auslese. Um auch das bezahlen zu können, verkaufte er sein beinahe letztes Tafelsilber; die Staatsbeteiligung am Energiekonzern E.on wurde reduziert.

Auch bei einigen Affären versagte das Krisenmanagement der Staatskanzlei massiv wie etwa bei den Millionenverlusten der Landeswohnungs- und Städtebaugesellschaft Bayern (LWS). Weil Stoiber fürchtete, er könne als ehemaliger für den Wohnungsbau zuständiger Minister in den Skandal hineingezogen werden, verlor er die Nerven und schasste im Sommer 1999 seinen Justizminister Alfred Sauter, zeitweise Chef des LWS-Aufsichtsrats.

Doch Sauter ließ sich den Rausschmiss nicht gefallen. Tagelang desavouierte er seinen Partei- und Regierungschef und machte ihn in der Öffentlichkeit lächerlich. Stoiber verbreite »Lügen« und »absoluten Schafscheiß«. Gegen dessen Willen erzwang Sauter, an einer Sitzung des Kabinetts teilnehmen zu dürfen. »Das Ding ist außer Kontrolle geraten«, musste Stoibers getreuer Europaminister Reinhold Bocklet bekennen.

Einen Fehler machte Stoiber auch, als er gegen den Widerstand seines Wissenschaftsministers Hans Zehetmair durchsetzte, dass das Sozialunternehmen Deutscher Orden als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkannt wurde. So bekam der Orden, dessen Laienmitglied Stoiber ist, bei den Banken fast grenzenlos Kredite. Eine Finanzkontrolle gab es nicht. Bald war das Unternehmen zahlungsunfähig, und Tausende Jobs standen auf der Kippe.

Im Bayerischen Landtag soll es in wenigen Wochen einen Untersuchungsausschuss zu dieser Affäre geben. Doch auch das wird dem Kandidaten wohl nicht schaden.

In Bayern kann Stoiber niemand etwas anhaben, schon gar nicht die Opposition. Die erweist sich seit Jahrzehnten als weitgehend zahnlos. Es sind Leute wie der Rechtsexperte der SPD, Peter Paul Gantzer, ein netter, umgänglicher Mann, Notar, Fallschirmspringer und Oberst der Reserve, der erst gar nicht versucht, gegen die Rechtspolitik von Innenminister Beckstein zu sein. Gantzer findet gut, was der Kollege macht. Also verzichtet er auf Widerspruch.

Dagegen sein nützt ohnehin nichts, wie das Schicksal seines Kollegen Klaus Hahnzog zeigt, ebenfalls von der SPD. Hahnzog zürnt ständig gegen Becksteins Innenpolitik, aber das interessiert in Bayern kaum einen. Genauso wie es damals nur wenige irritierte, dass der Strauß-Spezi und »Wienerwald«-Gründer Friedrich Jahn ("Hendl-Jahn") so schonend vom bayerischen Fiskus behandelt wurde, dass die SPD-Amigo-Jägerin Carmen König im Landtag feststellte, Jahn erscheine geradezu wie »der Märchenprinz des angewandten Steuerrechts in Bayern«.

Wer nimmt schon eine Partei ernst, die bei Landtagswahlen seit über 30 Jahren höchstens ein Drittel der Wählerstimmen einfährt?

Diese Opposition kann die CSU nicht herausfordern. So regierten die Christsozialen bislang nicht behelligt, auch nicht von einem Koalitionspartner. Nie in den vergangenen vier Jahrzehnten stand die Regierung im Zwang, Entscheidungen abstimmen zu müssen. Nie musste die jeweilige CSU-Regierung Konsenspolitik machen. Im Bundesrat kann Stoiber deshalb stets lupenreine CSU-Positionen vertreten, ohne auf irgendjemanden Rücksicht nehmen zu müssen.

Widerspruch kennt Stoiber nicht einmal von einem Großteil der heimischen Medien. Vor allem der Bayerische Rundfunk (BR) macht dem Landesvater viel Freude. Gern, ausgiebig und unkritisch schwärmen BR-Journalisten für ihre Nachrichtensendungen und Magazine übers Land aus, um dem Ministerpräsidenten und seiner Partei zu huldigen.

In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat die CSU den Bayerischen Rundfunk zu ihrem Lautsprecher gemacht, vor allem durch Personalpolitik. Im Funkhaus wird keine Spitzenposition besetzt, ohne dass die Staatskanzlei - und oft auch Stoiber selbst - den Segen dazu gibt.

Sitzt Stoiber im Kanzleramt, wird ihm das alles fehlen: das kuschelige, saubere, immer alles abnickende München. Als Kanzler müsste er Politik noch einmal neu lernen. Er müsste in gewisser Weise sogar Demokratie neu lernen, denn zur Demokratie im Bund gehören eine rege Opposition, Koalitionspartner, Minister mit starkem Profil.

Stoiber müsste ständig etwas tun, was er in Bayern fast nie tun muss: Konsens finden, Kompromisse schließen, große Widerstände überwinden. In Berlin würde Stoiber kontrolliert, nicht nur von der Opposition und vielleicht dem Regierungspartner FDP, auch von der CDU und den Medien. Dieser Rollenwechsel wird ihm schwer fallen.

Ihm ginge auch Einfluss verloren auf Politikfelder, die ihm wichtig sind, innere Sicherheit etwa. Die ist zum großen Teil Ländersache, weshalb sich Stoiber präsentieren kann als Mann, der Ruhe und Ordnung schafft. Dass Vorgänger Streibl 1992 die Münchner Polizei für ihre »bayerische Art« hinzulangen verteidigte, nachdem sie Hunderte Demonstranten beim Weltwirtschaftsgipfel eingekesselt hatte, findet Stoiber bis heute richtig.

In Bayern, sagt Stoiber, habe Sicherheit »oberste Priorität«. Es gilt das Prinzip von »Null Toleranz«. Jeder Kleinkriminelle wird verfolgt, selbst Schulschwänzer greift die Polizei auf und bringt sie zum Unterricht zurück. Auch hier gilt: möglichst viel Kontrolle. Immer mehr öffentliche Orte sollen per Video überwacht werden.

Die Strenge hat Erfolg. Seit drei Jahren ist die Zahl der Straftaten rückläufig. Bayern gilt als das sicherste Bundesland, und das ist ein Standortvorteil bei ausländischen Investoren.

So scheint eins ins andere zu greifen im Räderwerk der bayerischen Politik. Die Polizeistrategie stärkt die Wirtschaft, die boomende Wirtschaft sorgt für Wohlstand, und das mindert die Kriminalität.

Seit 1994 hat Bayern zusammen mit Baden-Württemberg die niedrigste Arbeitslosenzahl. Es gibt mehr Selbständige als anderswo. Es gibt bessere Berufschancen für Jugendliche. Die Bayern haben die geringsten Schulden je Einwohner, investieren am meisten und locken die größte Zahl ausländischer Unternehmen ins Land.

Bayerns Wirtschaft ist stärker als die von Belgien oder Schweden. Ein Viertel dessen, was der Freistaat produziert, geht in den Export - damit stünde Bayern auf Rang 20 der weltweit größten Exportländer. »Unser Vergleichsmaßstab ist nicht Castrop-Rauxel«, sagt Stoibers Staatskanzleichef Huber, »sondern Silicon Valley«.

Keine andere Region in Deutschland zieht so viele Hightech-Unternehmen an wie der Raum München. Jüngste Zuzüge sind der neue Mobilfunkanbieter Quam und der weltweit größte Pharmakonzern GlaxoSmithKline, der seine Deutschlandzentrale von Hamburg nach München verlegte, wegen des »innovativen pharmawissenschaftlichen Umfelds«, wie Firmensprecherin Judith Kramer schwärmt.

Stoiber und die CSU werten solche Meldungen als Erfolg der eigenen Politik. Bayerns Entwicklung zu einem der modernsten und attraktivsten Wirtschaftsstandorte Europas werde »durch eine offensive Wirtschaftspolitik auf der Grundlage der Sozialen Marktwirtschaft vorangetrieben«, behauptet der bayerische Wirtschaftsminister Otto Wiesheu.

Das will der Chef des Münchner Ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn, nicht bestreiten. Aber er sagt auch, der Freistaat habe von »günstigen Umständen« profitiert.

Nach dem Krieg war Bayern durch die Ost-West-Teilung Europas vom Hinterland abgeschnitten. Ohne Bodenschätze, vornehmlich auf Ackerbau konzentriert, taten sich die Süddeutschen zunächst schwer, den Anschluss an die schon bald boomenden alten Industriereviere im Westen zu finden.

Noch 1970 wirtschaftete Bayern mit der geringsten Produktivität im Lande, bis 1986 floss Geld aus dem Topf des Länderfinanzausgleichs in den Freistaat. Seit 1950 hatten Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg, Hamburg und Hessen 3,4 Milliarden Euro in den Süden gepumpt, was von der CSU-Werbeabteilung heute gern verschwiegen wird. Es wäre ja auch peinlich einzugestehen, dass ein Teil des bayerischen Wirtschaftswunders von anderen Bundesländern finanziert wurde.

Allmählich erwiesen sich die scheinbar schlechten Startbedingungen als wichtige Faktoren für eine Aufholjagd Bayerns bis an die Spitze des Feldes. Der Eiserne Vorhang zwang die Güterströme in Nord-Süd-Richtung, durch Bayern hindurch. Als die anderen Bundesländer noch um den Erhalt ihrer alten Industrien kämpften, setzte Franz Josef Strauß schon auf die zukunftsweisenden Technologien, vor allem die Luftfahrt, und dort den Airbus.

Ein besonderer Glücksfall war, dass der Elektrokonzern Siemens nach dem Krieg seinen Sitz von Berlin nach München verlegte. Vor allem auf die Amerikaner wirkten Siemens und Oktoberfest im Doppel von Anfang an unwiderstehlich. Von Mitte der sechziger Jahre an siedelten sich die Großen der Hightech-Welt wie Texas Instruments oder National Semiconductor in München an. »Bayern ist direkt vom Agrarland auf die Hochtechnologie gesprungen«, sagt der Chef der Unternehmensberatung McKinsey Deutschland, Jürgen Kluge.

Das Verdienst der bayerischen Politiker ist, dass sie die glücklichen Zufälle nutzten und mit einer wirtschaftsfreundlichen Politik begleitet haben, ohne ideologische Bedenken. Edmund Stoiber lobt zwar das freie Spiel der Kräfte in der Marktwirtschaft, lässt aber den Staat eingreifen, wenn es Bayern - und Stoiber - nützt. Kontrolle auch auf diesem Gebiet.

Die Maxhütte päppelt er seit Jahren mit Staatsgeldern durch, damit ihm nur nicht protestierende Stahlkocher das Bild vom properen Bayern verderben. Auch würde er seinen ewig murrenden Landwirten, den überwiegend treuen CSU-Wählern, mehr Subventionen zahlen, wenn ihn die EU-Kommission in Brüssel nur ließe.

Ein anderes Mittel bayerischer Staatswirtschaft ist Stoibers Netzwerk in den Unternehmen. Vertraute und ehemalige Mitarbeiter wie Stoibers einstiger Büroleiter Rudolf Hanisch sitzen nicht nur im Vorstand der halbstaatlichen Bayerischen Landesbank. Auch die freie Wirtschaft ist so frei nicht vom Einfluss des Ministerpräsidenten. Zu den Chefs der Großunternehmen BMW, Siemens, HypoVereinsbank, Allianz oder Münchener Rück hält Stoiber engen Kontakt. »So erfährt er frühzeitig, wenn dort für Bayern wichtige Entscheidungen anstehen«, sagt ein hoher Manager von BMW.

Siemens-Chef Heinrich von Pierer ist Mitglied der CSU und saß bis 1990 im Stadtrat von Erlangen. Auf ihn kann sich der Ministerpräsident immer verlassen: Als die Bahn das ICE-Ausbesserungswerk in Nürnberg schließen wollte, zeigte sich Siemens bereit, den Betrieb in eine Produktionsstätte für Züge umzuwandeln. Wenige Wochen zuvor hatte Pierer aus Stoibers Hand das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse entgegengenommen.

Stoiber scheut sich auch nicht, strategisch in die Wirtschaft seines Landes einzugreifen. Im Juli 1996 war für die Großbanken in München Gefahr im Verzuge. Die Deutsche Bank schickte sich an, die Bayerische Vereinsbank zu schlucken, und die Dresdner war scharf auf die Hypobank.

Stoiber verhinderte die Übernahmen aus dem feindlichen Frankfurt und brachte stattdessen Hypo- und Vereinsbank mit Hilfe einer Morgengabe des Staates zusammen. Der bayerische Fiskus verzichtete auf rund 2,6 Milliarden Euro Körperschaftsteuer, die in jedem anderen Bundesland fällig gewesen wären - wohl wieder ein »Märchenprinz-Fall des angewandten Steuerrechts«.

Dieser Interventionismus hat auch Nachteile, wie Stoiber vor allem am Fall eines guten Freundes, des Medienunternehmers Leo Kirch, erleben muss. Bei der Bayerischen Landesbank bekam der Filmhändler, der ständig klamm ist, unter den Augen Stoibers schätzungsweise 2,2 Milliarden Euro zu Zinssätzen, die zum Teil weit unter dem Marktüblichen lagen.

Es gibt wohl keinen Konzern, für den die bayerische Landesregierung in ähnlichem Maße bürgt und geradesteht wie für Kirchs Medienimperium. Deshalb könnte dessen Krise jetzt auf den Ministerpräsidenten zurückfallen.

Das halbstaatliche Geld ist längst verbraucht, Kirch steht inzwischen mit insgesamt sechs Milliarden Euro in der Kreide. Stoibers Medienkumpel hofft nun auf neue Investoren und frisches Kapital aus dem für Juni geplanten Börsengang der KirchMedia AG. Scheitert der mangels Nachfrage, hätte auch Stoiber ein Problem: Floppt Kirch, floppt Stoiber.

Zur Wirtschaftsförderung in Bayern gehört auch, dass das Umweltthema ganz pragmatisch angepackt wird. Zwar sollen die Wiesen weiter saftig glänzen und Gebirgswälder rund um Schloss Neuschwanstein die Poster schmücken, weil sonst die Touristen wegbleiben.

Doch im Zweifel entscheidet der Staat eher gegen den Erhalt der Natur. An der Donau sollen für einen schiffsgängigen, transeuropäischen Kanal zwischen Straubing und Vilshofen Staustufen gebaut werden. Die Isarmündung, selbst aus Sicht des Umweltministeriums ein »bayerisches Kleinod«, wäre damit zerstört. In den Alpen sollen Skigebiete Urlauber anlocken, indem mit Kunstschnee-Kanonen sichere Abfahrtsmöglichkeiten entstehen, Wälder für Snowboard-Pisten abgeholzt und dann größere Liftanlagen gebaut werden. Die Lawinengefahr steigt.

Das macht Stoiber aber nichts, solange die Wirtschaft boomt. Die Strategie für ein properes Bayern hat Roland Berger, im Hauptberuf Unternehmensberater, für Stoiber ausgearbeitet: Konzentration in der Wirtschaftsförderung. Nicht überall investieren, sondern vornehmlich in der attraktivsten bayerischen Region, in München und Oberbayern. Nicht jede Art von Unternehmen holen, sondern nur solche, die in ausgewählten zukunftsträchtigen Technologien arbeiten.

Das Geld für die dafür notwendige Infrastruktur beschafft Stoiber seit 1994 durch den Verkauf von Staatsbeteiligungen wie etwa am Stromversorger Bayernwerk. Zudem hat er Spielräume, weil Bayerns Finanzpolitik solider war als anderswo. Der Schuldenstand von 2490 Euro je Einwohner liegt halb so hoch wie im Rest der Republik.

Von Stoibers Planwirtschaft profitiert vor allem das frühere Bauerndorf Martinsried bei München, wo innerhalb von fünf Jahren Europas größtes Zentrum für Biotechnologie heranwuchs.

Während Oberbayern boomt, sich der Landeschef auf Kerngebiete konzentriert, vernachlässigt er strukturschwache Regionen in seinem Land. Dort verschimmeln stillgelegte Fabriken der alten Industrien, sind die Arbeitslosenzahlen wie in allen strukturschwachen Gebieten der Republik gestiegen.

Rund ein Viertel der bayerischen Produktionsleistung steuern allein Stadt und Landkreis München bei. Von den 946 ausländischen Hightech-Unternehmen im Freistaat sitzen 826 in Oberbayern. Während in Freising nahezu Vollbeschäftigung herrscht, sind in Hof 13,1 Prozent der Erwerbspersonen arbeitslos gemeldet. In Arzberg im Fichtelgebirge wird gerade die letzte Porzellanfabrik geschlossen. Ersatz für die Arbeitsplätze ist nicht in Sicht.

Von »gleichwertigen Lebens- und Arbeitsbedingungen«, wie Stoiber sie für ganz Bayern versprochen habe, könne nicht die Rede sein, kritisiert Hofs Oberbürgermeister Dieter Döhla (SPD). Der Ministerpräsident habe sein Versprechen »nicht eingehalten«.

In der großen Bundesrepublik wäre ein solches Rosinenpicken nicht möglich. Subventionen bekommen dort auch oder gerade die schwachen Regionen, die Küsten, das Ruhrgebiet. Den Schwenk könnte ein Kanzler Stoiber gegen eine mächtige Lobby kaum schaffen.

Ohnehin hat er nicht vor, seine Interventionspolitik auf die Bundesebene zu übertragen. Im Wahlkampf wird er eher den Wirtschaftsliberalen geben, um sich von Kanzler Gerhard Schröder abzusetzen. Zudem hätte er gar kein Geld für große Investitionsprogramme. Als Kanzler der unter Helmut Kohl (CDU) und dessen Finanzminister Waigel nach der Wiedervereinigung in riesige Überschuldung getriebenen Bundesrepublik müsste er froh sein, wenn er einen Sparhaushalt vorlegen kann, der ihm keinen blauen Brief aus Brüssel einträgt.

Wie sehr sich die Spielräume von Bund und Bayern in der Wirtschaftspolitik unterscheiden, zeigt auch das Beispiel Bündnis für Arbeit. Sein Beschäftigungspakt habe im Gegensatz zu Schröders misslungenem Versuch 150 000 Jobs gerettet, rühmt sich Stoiber. Aber die Bündnisse für Arbeit im Bund und in Bayern lassen sich nicht vergleichen. In München ging es konkret um Arbeitsplätze, in Berlin um Strukturen. Man sei im Freistaat nur deshalb erfolgreich gewesen, sagt Bayerns DGB-Landeschef Fritz Schösser, der für die SPD im Bundestag sitzt, weil es anders als in Berlin möglich gewesen sei, alle kritischen Themen wie Steuerreform, Sozialbeiträge oder Renten außen vor zu lassen.

Stoiber kommt aus dem Land der Amigos, die es so in Berlin nicht gibt. Die massive Freunderlwirtschaft, in der Stoiber groß geworden ist, ist eine Besonderheit Bayerns, von Strauß geprägt. Um den großen Vorsitzenden gab es einen »Franzensclub« und andere Kreise, in denen neben Spezln wie »Hendl-Jahn«, Karl Dersch (Mercedes), Josef März (Fleischfabrik Marox) und Eduard Zwick (Johannesbad) immer wieder auch Lobbyisten wie Karlheinz Schreiber oder Dieter Holzer saßen. Da gedieh so manche Unternehmerkarriere, deren Name mit Filz und Affären verbunden ist.

Zwick etwa, ein gebürtiger Banater Schwabe, hatte sich im niederbayerischen Füssing niedergelassen und dort ein riesiges Therapiezentrum aufgebaut. Bald verdiente er mit dem Johannesbad kräftig Geld und wollte mit dem Staat nicht mehr teilen. Das Finanzamt im Nacken, verließ Zwick den Freistaat 1982 in Richtung Lugano und entzog sich damit seiner Pflicht als Steuerzahler.

Aus Begeisterung für den »heimlichen König Franz Josef« hatte der Bäderkönig dem CSU-Chef regelmäßig seine hauseigene Luftflotte zur Verfügung gestellt, eine zweimotorige Beechcraft King Air beispielsweise. Im Bundestagswahlkampf 1980 ließ Zwick auf eine Maschine, die der Kanzlerkandidat Strauß nutzte, gar die Buchstaben EWK aufpinseln - und wollte damit sagen: »Er wird Kanzler«.

Der Ministerpräsident revanchierte sich mit einem »freundschaftlichen Rat«, als Zwick 1986 wegen Steuerhinterziehung mit Haftbefehl gesucht wurde. Strauß empfahl Zwick, »Dich möglichst rasch von einem Arzt im Hinblick auf Deine Verhandlungsfähigkeit untersuchen zu lassen«. Wenn die Verhandlungsunfähigkeit festgestellt werde, schrieb der treue Freund aus München, werde »die Strafjustiz das Verfahren entweder vorläufig oder endgültig einstellen und damit zugleich den Haftbefehl aufheben müssen«. Zwick folgte dem Rat.

Im Dezember 1990 erledigte das bayerische Finanzministerium den Steuerfall auf ungewöhnliche Weise. Gegen Zahlung von 8,3 Millionen Mark schlug der Fiskus Forderungen an Zwick von knapp 71 Millionen Mark nieder. Ressortchef war damals Gerold Tandler, ein Geschäftspartner des Bädermoguls, der zur selben Zeit privat bei Zwick mit mindestens 200 000 Mark in der Kreide stand. Als der Skandal aufflog, musste Tandler als CSU-Vize 1994 gehen.

Max Strauß, Sohn von Franz Josef, kann an der Amigo-Politik seines Vaters nichts Verwerfliches finden. »Ohne dieses System stünde Bayern heute wirtschaftlich schlechter da«, sagt er. »Der Erfolg gibt dem System Recht.« Entscheidend sei, dass sich sein Vater nie habe bestechen lassen. Er habe zwar bisweilen Annehmlichkeiten von persönlichen Freunden angenommen, sich aber dadurch in Entscheidungen nicht beeinflussen lassen. Max Strauß: »Natürlich ist mein Vater mit Jahn zum Opernball nach Wien geflogen. Aber zu glauben, er habe ihm deshalb Gefallen getan, ist abwegig.«

Die Opposition im Landtag si eht das natürlich anders. »Das Amigo-System hat nicht Bayern wirtschaftlich genutzt, sondern der Familie Strauß«, sagt der SPD-Fraktionsvorsitzende Franz Maget. Eine These, die durch Ermittlungen der Augsburger Justiz gestützt wird. Demnach soll Strauß-Sohn Max für den Verkauf von Airbus-Maschinen, die Strauß-Spezi Schreiber vermittelt hatte, 5,2 Millionen Mark Provision kassiert haben. Ein Vorwurf, den der Beschuldigte bestreitet.

Auch auf Stoibers Vita liegen Schatten der Amigos. So weilte er mehrmals im Urlaub in Südfrankreich bei dem Leuna-Lobbyisten Holzer, gegen den die deutsche Justiz wegen Geldwäsche ermittelt. Fast Tür an Tür saß er in der Staatskanzlei einst mit dem neuerdings vom Bundeskriminalamt über »Aktenzeichen XY ... ungelöst« gesuchten früheren Strauß-Büroleiter Ludwig-Holger Pfahls.

In diesem Amigo-Sumpf wäre auch Stoibers Karriere beinahe stecken geblieben. Das war Anfang 1993, als er plötzlich wegen zahlreicher Gratisflüge auf Kosten von MBB und anderer Annehmlichkeiten unter Druck geriet. Nachdem ihn die »Süddeutsche Zeitung« mit heiklen Fragen konfrontiert hatte, ging Stoiber an die Öffentlichkeit.

Ja, es stimme, er sei häufig als CSU-Generalsekretär und Leiter der Bayerischen Staatskanzlei mit MBB-Tours unterwegs gewesen, sagte Stoiber. Auch in den Familienurlaub habe er sich mehrfach kostenlos nach Frankreich und Italien fliegen lassen, weil Strauß »Wert darauf« gelegt habe, »dass ich als wohl engster Mitarbeiter so weit als möglich auch im Urlaub verfügbar war«. Zudem hätten ihm Audi, BMW und Daimler-Benz für Urlaubsreisen immer wieder kostenlos Fahrzeuge zur Verfügung gestellt. Dieses Geständnis hat ihn gerettet, weil er nach kurzer Aufregung aus den Schlagzeilen war.

Als Stoiber 1993 Nachfolger von Streibl wurde, räumte er mit dem Amigo-System einigermaßen auf. Aber trotzdem steigen hinter der weiß-blau geschmückten Fassade des Bayern-Hauses noch immer Blasen aus dem Amigo-Sumpf auf. Gegen den ehemaligen Generalsekretär der CSU, Bernd Protzner, ermittelt derzeit die Staatsanwaltschaft Hof, weil er 1991 Umbaukosten für sein Haus zum Teil über seine Firma abgerechnet haben soll und damit, so der Vorwurf, rund 100 000 Euro Steuern hinterzogen habe. Den Umbau erledigte ein Freund, Alois Dechant. Protzner saß im Aufsichtsrat von dessen Unternehmen. Seine Parteiämter muss der CSU-Bundestagsabgeordnete gerade ruhen lassen. Stoiber geht er im Moment besser aus dem Weg.

Ordnung und Disziplin sind dem Ministerpräsidenten wichtig, und das merken auch die Schüler in Bayern. Stoibers Ideal ist immer noch die gute alte Lehranstalt, in der die Schüler still sitzen und den Lehrer ehren wie vor 100 Jahren, aber inhaltlich für die Zukunft gerüstet werden. Auch dies ist eine der Spielarten der bayerischen Verknüpfung von Tradition und Fortschritt.

Es scheint zu funktionieren. Bayerns Schüler zählen zu den besten in Deutschland. Das bestätigen auch die Ergebnisse eines Bundesländervergleichs, die im Rahmen der Timss-Studie (The Third International Mathematics and Science Study) aus dem Jahre 1997 ohne Länderbenennung veröffentlicht wurden. Inzwischen sickerten die Namen durch. So sollen die bayerischen Schüler der 7. und 8. Jahrgangsstufe in Mathematik und den Naturwissenschaften anderthalb Jahre weiter sein als Schüler aus Nordrhein-Westfalen. Dieser Befund lässt sich nach Ansicht des Berliner Schulforschers Rainer Lehmann verallgemeinern: »Schon im Grundschulbereich sind die Süddeutschen den Norddeutschen voraus.«

Das ist nicht nur ein Verdienst der Politik. Im Flächenland Bayern gibt es wenige große Städte und damit weniger Schulen in sozialen Brennpunkten. Die Ehen auf dem Lande halten länger, und die Eltern legen mehr Wert auf Disziplin, Ordnung und Fleiß. Beides ist gut für das Leistungsniveau der Schüler.

Unterstützt wird das durch eine gestrenge Bildungspolitik. Allen Abiturienten werden landesweit dieselben Aufgaben gestellt. So lässt sich das Leistungsniveau politisch steuern, was in Bayern heißt: hoch halten. In den Bundesländern, in denen es das Zentralabitur nicht gibt, liegt es am Lehrer, was er seinen Schülern zumutet. Mancherorts eher wenig.

Wegen dieser bayerischen Strenge gibt es nirgends weniger Abiturienten als hier. Im Jahre 2000 erreichten 19,9 Prozent der Schulabgänger die Hochschulreife, in den alten Bundesländern waren es im Schnitt 24,2 Prozent. Deshalb steht der Freistaat jetzt unter Druck, seine Anforderungen nach unten anzupassen, da Bildungsexperten meinen, die Bundesrepublik brauche künftig mehr Akademiker.

Außer mit strengen Lehrern müssen bayerische Schüler auch mit vollen Klassenzimmern klar kommen. Während bundesweit im Durchschnitt 22,4 Schüler gemeinsam die Schulbank drücken, sind es in Bayern 23,7. Damit belegt Bayern den vorletzten Platz. Im Grundschulbereich hält der Freistaat gar die rote Laterne: 24,2 Mädchen und Jungs werden durchschnittlich zusammen unterrichtet, in den alten Bundesländern nur 22,7.

Auch sonst büßen die Bayern langsam ihre Eigenarten ein. Lange haben sie die Ganztagsschule verteufelt; da würden die Kinder ihren Eltern entfremdet. Doch nun will Kultusministerin und Strauß-Tochter Monika Hohlmeier die nachmittägliche Betreuung an weiterführenden Schulen ausbauen und in sozialen Spannungsgebieten sogar Ganztagsschulen einrichten.

Hohlmeier spricht von neuen pädagogischen Antworten auf »die Herausforderungen der Fülle von zugewanderten Nationen und die vielfältigen sozialen Probleme«. Eher geht es wohl um die weiblichen Wähler, die auch in Bayern zunehmend Job und Kinder verbinden wollen.

Insgesamt ist Edmund Stoiber mit seiner Bildungspolitik erfolgreich, ein schönes Argument für den Wahlkampf. Als Kanzler nützen ihm die bayerischen Erfahrungen jedoch nichts. Schulpolitik ist ausschließlich Ländersache.

In der Hochschulpolitik hätte ein Kanzler Stoiber hingegen durchaus Einfluss, weil es sich um eine Gemeinschaftsaufgabe von Bund und Ländern handelt.

Eine von Stoibers wichtigsten Forderungen ist da seit Jahren die Deregulierung. Der Staat müsse »sich weiter aus der Detailsteuerung der Hochschulen zurückziehen«. Universitäten und Fachhochschulen sollen mehr Verantwortung tragen, für die Finanzen, für das Personal. In Bayern gilt das weitgehend seit der Hochschulreform von 1998.

Stoibers Ideal von einer Universität ist das noch nicht. Er möchte, dass die Professoren nach Leistung bezahlt werden, dass sie ihre Studenten selbst auswählen können und dass die Hochschulen Studiengebühren kassieren. Er kann das als Ministerpräsident nicht durchsetzen, er wird es auch als Kanzler nicht können. Die Bundesrepublik ist ja kein reformhungriges Land, sondern ein zögerndes, zauderndes. Mit Ungestüm läuft man hier gegen die Wand. Stoiber würde das in Berlin bald merken.

Bislang hat er Durchsetzungskraft nur bewiesen, wenn der Widerstand nicht stark war. Kann sich Stoiber seiner Sache nicht sicher sein, dann wird auch er zum Zauderer, Zögerer.

Um die Kanzlerkandidatur hat er sich erst beworben, als ihm die meisten Granden der CDU Treue geschworen hatten. Ob er mit dieser Strategie ein Land aufwecken kann?

Dass er das Land aufschreckt, mit geistiger Enge, provinziellem Gemüt, Spießigkeit, ist allerdings genauso unwahrscheinlich. Stoiber kann tolerant und liberal sein, wenn er den Nutzen sieht. Das hat er auf dem Gebiet der Kulturpolitik bewiesen.

Ein starker Sinn fürs Repräsentative, der mitunter ins Höfische umschlägt, Skepsis gegen alles Neue und Umstürzlerische, der rigide Katholizismus - und, aus all dem resultierend, eine trotzige Rückwärtsgewandtheit: Das waren die Wesenszüge bayerischer Kunstpolitik.

Seit Ende der vierziger Jahre der damalige bayerische Kultusminister Alois Hundhammer das gefeierte, seiner Meinung nach aber grob sittenwidrige »Abraxas«-Spektakel des Komponisten Werner Egk vom Spielplan des Staatsballetts verbannt hatte, fochten vor allem Politiker der CSU einen unermüdlichen Kulturkampf gegen Schmutz und Schund und linke Gesinnung - und nahmen dabei gern in Kauf, sich im aufgeklärten Rest der Welt zu blamieren. Ob es um Joseph Beuys ging, die angebliche Verharmlosung von RAF-Terroristen oder um freizügige Sex-Darstellungen: Die »Ratten und Schmeißfliegen«, wie Strauß linke Künstler einst nannte, hatten in den Politikern der bayerischen Staatspartei viele Jahre lang zuverlässige Gegner.

Das ist heute anders. Bayern gilt für die Künste als Hort der Großzügigkeit und der Liberalität. Fast unverhohlen beneiden die Kulturpolitiker anderer Bundesländer die Freigiebigkeit, mit welcher der vergleichsweise reiche Südstaat die Künste subventioniert - mit immerhin 1,5 Prozent des Landesetats.

Die Chefposten von staatlichem Orchester, Oper und Theater sind zumindest in München erstklassig besetzt, wenn auch nicht gerade mit progressiven Umstürzlern: Zubin Mehta, Sir Peter Jonas, Dieter Dorn, Frank Baumbauer.

Bayerns Museen sind bestens ausgestattet und sorgen nur ausnahmsweise für Ärger wie derzeit wegen der Neubesetzung des Chefsessels im Münchner Haus der Kunst. Und in seinem (bislang vergeblichen) Kampf gegen den greisen Statthalter in der Kulturhochburg Bayreuth, Wolfgang Wagner, und den von diesem verbreiteten Muff auf dem Grünen Hügel erweist sich Kunstminister Hans Zehetmair geradezu als Vorkämpfer der künstlerischen Erneuerung.

Das alles ist auch ein Verdienst Stoibers. Er hat den katholisch-fundamentalistischen Absolutismus seiner Vorgänger durch einen aufgeklärten Absolutismus ersetzt - ganz offensichtlich geleitet von der Erkenntnis, dass sich der Streit mit politisch oder moralisch unliebsamen Künstlern nicht lohnt. Diese Gelassenheit speist sich weniger aus der Angst vor möglichen Blamagen, sondern aus politischer Ökonomie: Empörung zahlt sich in säkularisierten Zeiten nicht aus.

Den bayerischen Sinn fürs Repräsentative und das höfische Zeremoniell haben sich Stoiber und seine Getreuen bewahrt; entschiedener als alle anderen deutschen Landespolitiker zelebrieren sie Kultur als Standortfaktor: Das beweisen sie bei der jährlichen Gala zur Verleihung der Bayerischen Filmpreise ebenso wie beim Bau der Münchner »Pinakothek der Moderne«.

Als Kanzler in Berlin würde Stoiber wohl nicht Schriftsteller und Rockstars in seiner Dienstvilla begrüßen, um mit ihnen gemütlich über politische Fragen zu plauschen, wie es Schröder tut - diese Art Schulterschluss liegt ihm nicht.

Dafür ist ihm zuzutrauen, dass er mehr Geld für die Kultur lockermacht, schließlich geht's da alles in allem nur um Peanuts. Die prinzipielle Notwendigkeit staatlicher Kulturförderung dürfte Stoiber gründlicher begriffen haben als Schröder. Als Landesfürst zetert er zwar dagegen, dass Bayern die Pflege des historischen Erbes Preußens mit finanzieren soll; als Bundespolitiker aber könnte es gut sein, dass gerade er die gemeinsame Verantwortung von Bund und Ländern für dieses Erbe so festschreibt, wie es fast alle Fachleute empfehlen.

In die Zeiten zornigen, lustvollen Kulturkampfes würde wohl auch ein Kanzler Stoiber im raueren, aufgeregteren Kunstklima Berlins nicht zurückfallen - schon weil es sein Image eines kühlen, technokratischen Machers gefährdete.

Wobei er auch ein bayerischer Hitzkopf ist, einer, der das politische Geschäft beim Polterer Franz Josef gelernt hat, einer, der in der bayerischen Tradition fest verwurzelt ist. Auch wenn er als bayerischer Preuße gilt, weil er nicht Unmengen von Bier trinkt, weil er nicht davon träumt, den Tag im Englischen Garten zu vertrödeln, weil er in der Kluft der bayerischen Gebirgsschützen immer aussieht, »als sei er maskiert«, wie Michael Glos sagt, der Vorsitzende der CSU-Landesgruppe im Bundestag.

Stoiber ist Bayer. Und das heißt mehr, als wenn man sagt: Schröder ist Niedersachse. Noch immer ist Bayern loser an den Rest der Republik genäht als die anderen Bundesländer. Noch immer haben seine Bürger eine eigene Staatsangehörigkeit - die laut Verfassung durch Geburt, Legitimation, Eheschließung oder, ganz liberal, »durch Einbürgerung« erworben werden kann. Noch immer ist die bayerische Identität in Bayern stärker als die deutsche in Deutschland, auch zwölf Jahre nach der Wiedervereinigung.

Diese Verwurzelung in der Tradition ist ein Vorteil für den Freistaat. Es gibt ihm ein Herz und lässt ihn idyllischer wirken als durch die reine Landschaft. Erst das Dirndl vor der Alpenkulisse rührt an die Seele. Und gleich rechts neben dem Bildausschnitt: die Biotech-Fabrik, deren Umsatz jährlich um 20 Prozent wächst.

Die Bürger sind hier zufriedener als anderswo. Mit Zuversicht blicken einer Umfrage aus dem vergangenen Herbst zufolge gut zwei Drittel aller Bayern auf ihr Leben. In ganz Deutschland ist es nur ein knappes Drittel.

Die CSU lenkt dieses gute Grundgefühl auf sich, indem sie den Bürgern das Bild einer weitgehenden Identität von Partei und Land vermittelt. Sie nimmt die bayerischen Traditionen und Rituale auf und macht sie zu eigenen.

So wirkt Politik gemütlicher, herziger. Es geht feudal zu. Gänsehaut ist erwünscht, wenn die Gebirgsjäger ins Horn blasen, wenn die Kirchenglocken läuten, wenn die Trachtengruppen und Schuhplattler vorbeidefilieren. So wird etwa ein Begräbnis wie das von Franz Josef Strauß oder seiner Frau Marianne zum Staatsakt, der das ganze Land, einschließlich der härtesten politischen Gegner, in der gemeinsamen, der bayerischen Identität eint, wie der Passauer Soziologe Alf Mintzel meint.

Doch gibt es mehr und mehr Brüche. Teil des bayerischen Lebensgefühls war immer der Katholizismus. Drei Viertel der Bürger sind Katholiken oder gelten als solche. Deshalb, sagt Soziologe Mintzel, ist das Verhältnis von CSU und katholischer Kirche »traditionsgemäß geradezu symbiotisch«. Als das Bundesverfassungsgericht Kruzifixe in Schulzimmern verbieten wollte, schloss sich Stoiber einem Protestmarsch durch München selbstverständlich nicht nur an, sondern führte ihn.

Aber was würde er tun, wenn die Kirche zu einer Demonstration gegen Stammzellenforschung aufriefe? Hier sind Tradition und Fortschritt nicht mehr zu verknüpfen. Die Kirche ist dagegen, Stoiber ist dafür, unter gewissen Auflagen.

Der Schritt in die nächste Moderne, das biotechnische Zeitalter, könnte gerade für Bayern die größte Zerreißprobe bedeuten. Eine Partei, die den Freistaat vom erwarteten Boom der Biobranche profitieren lassen will, steht einer Kirche gegenüber, die Gottes Schöpfung verteidigt. Noch wird dieser Konflikt unter der Decke gehalten.

Für ganz Deutschland gilt das nicht. Ein Bundeskanzler Stoiber trifft auf Bürger, die evangelisch, katholisch oder auch agnostisch sind. Er trifft auf eine politische Szene, die nüchtern Politik macht. Er trifft auf ein Land, das sich immer noch schwer tut mit der deutschen Identität, das außer bei Fußball-Länderspielen selten zur großen Gemeinsamkeit findet.

Er kennt dieses Land aus dem Fernsehen, von Wahlkampfreisen. Ein solches Land zu regieren ist eine ganz andere Sache. Stoiber, der Bayer, muss zu Stoiber, dem Deutschen, werden, kein kleiner Schritt.

DINAH DECKSTEIN, WOLFGANG HÖBEL, DIRK KURBJUWEIT, WOLFGANG KRACH, HEIKO MARTENS, JOACHIM MOHR, CONNY NEUMANN, WOLFGANG REUTER

Wolfgang Krach
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