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»NATÜRLICH NICHT SUI GENERIS«

in »Welt am Sonntag« schrieb der Militär-Experte des Blattes, Reservehauptmann der Bundeswehr Gerd Scharnhorst, zur Schnez-Studie unter anderem:
aus DER SPIEGEL 4/1970

Worum geht es? Im Auftrag ihres damaligen Ministers Schröder haben sich einige Militärs, darunter die Generale Grashey und Karst, aus dem Führungsstab des Heeres hingesetzt und Vorstellungen aufgeschrieben, die von der Truppe an sie herangetragen worden sind. Diese Denkschrift ist also nicht heute, nicht gestern, sie ist vorgestern entstanden. Sie wurde verfaßt von Generalen, die sich gewiß verdient gemacht haben, die jedoch vor mehr oder minder langer Zeit über die Truppe hinaus avanciert sind und nun darum gebeten wurden, eine Art von Memoiren zu schreiben. Und das ist so eine Sache: Manches stimmt, manches stimmt ein bißchen, manches könnte stimmen, manches stimmt überhaupt nicht.

So und nicht anders Ist es mit diesen »Gedanken zur Verbesserung der inneren Ordnung des Heeres«. Generalleutnant Schnez, ein ohne Zweifel verdienter Offizier der Bundeswehr, hat dieses Werk unterzeichnet. Das spricht für seine Courage, nicht jedoch für Fortune oder gar für Weitsicht. Denn die meisten der in dieser hochgespielten Denkschrift vertretenen Thesen sind »alte Hüte«, etliche der Leitsätze widersprechen schlicht den Tatsachen, den Gesetzen, andere sind irrelevant.

Beispiel: Natürlich ist Soldatsein nicht eine Aufgabe sui generis, also eine einzigartige, besondere. Es sei denn, man wolle das auf jeden Beruf beziehen. Die Bundeswehr ist nach dem Willen des Gesetzgebers keine Klasse für sich, keine Gemeinschaft, die sich vom übrigen Teil der Gesellschaft abhebt. Sie soll Im Gegenteil in die Gesellschaft integriert werden -- auch nach den Vorstellungen der Verfasser dieser Studie ...

Zur Praxis: In dieser Woche habe ich mich in der Truppe umgesehen. Ich habe Fragen gestellt und Antworten bekommen. Die Antworten aus dem Süden waren bis aufs Haar kongruent mit denen aus dem Norden.

Meine erste Frage lautete: Stimmt es, daß »die Kampf kraft des Heeres trotz moderner und kostspieliger Rüstung, trotz eines beachtenswerten Budgetanteils vor allem im letzten Jahr stark abgesunken ist«, wie es In der Denkschrift behauptet wird?

Die Antwort eines Generals aus Süddeutschland, der für »Welt am Sonntag« in seiner Division eine exakte Umfrage veranlaßt hat: »Nein, das stimmt nicht! Die Kampfkraft in dem von mir zu überblickenden Bereich ist im vergangenen Jahr gestiegen. Wir haben den Eindruck, daß die Entwicklung nach oben geht.«

Der General zählt als Beweise dafür auf:

* Struktur und Ausbildung wurden verbessert;

* Materialerhaltung, Ausbildungsstand und Technischer Dienst sowie das Gesamtkönnen sind eindeutig besser geworden;

* die Disziplin hat sich verbessert;

* Entlassungen von Soldaten aus disziplinären Gründen sind stark abgesunken;

* die körperliche Verfassung der Soldaten ist angestiegen;

* Kriegsdienstverweigerer beeinträchtigen die Kampf kraft unserer Verbände nicht;

* die Weiterverpflichtungen sind angestiegen.

Der General: »Die Truppe ist. nicht so schlecht wie ihr Ruf.« In der Tat ein verblüffender Gegensatz zu der in der Studie vertretenen Auffassung.

Im Dienstzimmer des Stellvertretenden Kommandeurs einer norddeutschen Panzerdivision frage ich: »Ist die Kampf kraft des Heeres im vergangenen Jahr gesunken?«

Klare Antwort: »Nein!«

Ich sprach mit jungen Offizieren. Einer von ihnen sagte klipp und klar: »Ich bin der Meinung, daß der Soldatenberuf ein Beruf ist wie jeder andere. Soldaten und zivile Bürger können sich nur darum bemühen, Konflikte nach Möglichkeit gewaltlos auszutragen. Ich halte es für bedenklich, eine soldatische Leistung aus den Jahren 1871 oder 1943 als gültige Tradition bei uns aufzunehmen, wenn die damit verbundene gesellschaftspolitische Verantwortung nicht auch gewertet und geprüft wird. Die Wehrmacht hat sicherlich tapfer gekämpft, aber unter einer politisch verwerflichen Führung. Viele der militärischen Führer haben das zu spät erkannt. Das können nicht unsere Vorbilder sein.«

Wie gesagt: An der Studie der Generale ist sicher einiges richtig. Etliches ist weltfremd. Das ist nun mal die Eigenart von Theorien. Es kommt jetzt nicht darauf an, Militärs, die auf Wunsch ihres Ministers eine Meinung geäußert haben, mit Steinen zu bewerfen. Es kommt darauf an, diese mit den Tatsachen zu vergleichen. Es kommt darauf an, daß der verantwortliche Minister Argumente und Gegenargumente abwägt und seine Entscheidungen trifft. Es gibt keinen Zweifel daran, daß Helmut Schmidt das tun wird.

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