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Parteien Natürliche Verbündete

Mit Material und Konzepten wollen die Grünen der DDR-Opposition unter die Arme greifen.
aus DER SPIEGEL 47/1989

Ralf Fücks, Sprecher des Grünen-Vorstandes, fühlte sich an die Gründungszeiten seiner Partei erinnert: Während viele Ost-Berliner im Westteil der Stadt im Kaufrausch schwelgten, diskutierten im Osten Delegierte des »Neuen Forums«, ob sie »Partei werden oder Bewegung bleiben« sollten.

Eine Mehrheit der Abgesandten aus allen Bezirken der DDR entschied sich vorletzten Samstag gegen die Parteigründung. Das »Neue Forum« solle - zumindest vorerst - ein Dachverband für Öko- und Friedensgruppen bleiben.

Doch nicht nur die Diskussionen, auch die Streitereien erinnerten Fücks an seine eigene Partei. Auf der Versammlung der DDR-Ökopaxe gab es ebenso viel Krach wie auf Grünen Parteitagen. Einige Abweichler im »Neuen Forum« kündigten an, sie wollten auf jeden Fall - und zwar so schnell wie möglich - eine »grüne Partei« gründen.

Die Gäste aus dem Westen - neben Fücks noch Grünen-Geschäftsführer Eberhard Walde, Vorstandsmitglied Jürgen Maier, Realo-Chefideologe Udo Knapp und zwei Mitglieder der Alternativen Liste Berlin - mischten sich in die Streitereien des »Neuen Forums« nicht ein. Fücks erhielt Applaus, als er berichtete, die Grünen fänden »vieles von unseren eigenen politischen Wünschen« beim »Neuen Forum« wieder: »sozial, ökologisch, basisdemokratisch und gewaltfrei«, so die Devise bei den Grünen wie bei den DDR-Oppositionellen.

Und noch etwas erinnerte den Grünen-Vorstandssprecher an seine eigene Partei: Auch im »Neuen Forum« gibt es eine ausgeprägte Abneigung gegen Personenkult und Medienrummel. Forum-Mitbegründerin Bärbel Bohley sollte nach dem Willen der Delegierten nicht zum Perspektivenkongreß der Grünen nach Saarbrücken fahren; die Abgesandten schickten Basisvertreter aus Halle und Leipzig.

Die Grüne Petra Kelly befürchtet gar, ihrer Freundin Bohley könne es ebenso ergehen wie ihr. In- und ausländische Journalisten bemühen sich um die Ost-Berlinerin. Sie erklären die Aktivistin - wie vor Jahren Petra Kelly - zur »Bewegungsführerin und Friedenskämpferin« (Times) und zur »bewegenden Kraft im Neuen Forum« (Financial Times). Ihre Freunde und Mitkämpfer werfen ihr jedoch inzwischen - ganz wie die Grünen Kelly - Eitelkeit, Abgehobenheit und unsolidarisches Verhalten vor.

Bereits seit vielen Jahren ist Petra Kelly mit der Malerin Bärbel Bohley eng befreundet. 1983 hielten Volkspolizisten die grüne Aktivistin auf dem Alexanderplatz fest, als sie mit Plakaten gegen die Diskriminierung der Oppositionsgruppen in der DDR demonstrierte. Vor zwei Jahren überreichte Petra Kelly dem damaligen DDR-Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker in Bonn eine Grafik von Bärbel Bohley: Eine öde Landschaft mit geduckten Menschen. Beigeheftet war ein Brief der DDR-Oppositionellen: »Sehr geehrter Herr Honecker . . . dies ist nicht nur Ihr Staat und nicht nur meiner, sondern unser aller.«

Als Frau Bohley im vorigen Jahr für sechs Monate aus der DDR »rausgeworfen« (Kelly) wurde, wohnte sie mit Kind und Lebensgefährten bei Freunden von Petra Kelly. Damals, so erinnert sich Frau Kelly, habe sich niemand aus der Bonner Grünen-Fraktion für die DDR-Oppositionelle interessiert.

Auch heute wirft Petra Kelly ihren Parteifreunden in der Fraktion und im Bundesvorstand vor, nicht genügend praktische Hilfe für die Öko- und Friedensgruppen in der DDR zu leisten. Im Mietwagen, als Diplomatengepäck deklariert, transportierte die Grüne in den vergangenen Jahren Druckmaschinen, Papier, Broschüren und Sonnenkollektoren nach drüben. Ebenso wie ihre Fraktionskollegin, die Deutschlandpolitikerin Karitas Hensel, bekam sie immer wieder Schwierigkeiten mit dem grünen Ökofonds, weil sie DDR-Oppositionsgruppen auf unbürokratischem Weg mit Material versorgte. Schließlich könne man von illegal arbeitenden Organisationen nicht verlangen, kritisieren beide Politikerinnen, »daß sie schriftlich einen Antrag auf Unterstützung an den grünen Ökofonds stellen«.

Auch Geschäftsführer Walde hat in den vergangenen Jahren Umweltgruppen in der DDR mit »Geigerzählern, Wasserprüfgeräten und anderem Material« (Walde) versorgt. Für Konzepte zur Wohnungsbau-, Finanz- und Verkehrspolitik und zum Ausstieg aus der Atomenergie hätten die Grünen bereits ihre Unterstützung angekündigt.

Allerdings, und da sind sich die Grünen einig, sollen diese inhaltlichen Hilfen nicht dazu führen, die Oppositionsgruppen in der DDR zu bevormunden. Und, so warnt Verena Krieger vom Grünen-Bundesvorstand, auf keinen Fall dürfe die Partei ihre Zusammenarbeit auf das »Neue Forum« beschränken. Kontakte sollen zu allen Gruppen, auch zur sozialdemokratischen Partei und zur »Vereinigten Linken«, einem Zusammenschluß von Kritikern innerhalb der SED, ausgebaut werden.

Wie die Mehrheit der bundesdeutschen Ökopaxe setzen sich auch die meisten DDR-Gruppen nicht nur für den Frieden und die Umwelt ein, sondern fordern auch die völkerrechtliche Anerkennung der DDR durch die Bundesrepublik, die Auflösung der Militärblöcke, die Aufrechterhaltung des sozialen Standards in der DDR und eine neue Kombination von Plan- und Marktwirtschaft. Daher ist bei den Grünen jetzt häufig die Rede von einem »Sozialismus mit menschlichem Antlitz« (Kelly), und die grüne Bundestagsabgeordnete Antje Vollmer spricht von »natürlichen Verbündeten« in der DDR-Opposition.

Vielleicht, so die Hoffnung, schaffen die Oppositionsgruppen drüben in der DDR, was die Mehrheit der Grünen hüben nur noch für einen utopischen Traum hält.

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