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ÄGYPTEN Natürlicher Austausch

Mehr Kontakt mit Moskau, mehr Abstand zu Amerika - Präsident Mubarak gibt die einseitige West-Orientierung auf. *
aus DER SPIEGEL 32/1984

Als Sowjetbotschafter Wladimir Poljakow 1981 wegen konspirativer Tätigkeit des Landes verwiesen wurde, erschienen auf dem Flughafen von Kairo der ägyptische Protokollchef und ein Staatssekretär und wünschten ihm einen guten Heimflug. Sie hätten auch »do swidanija« sagen können, »auf Wiedersehen«.

Denn im April 1984 war Poljakow wieder da. Sein Wunsch, wieder Botschafter zu werden, blieb zwar unerfüllt. Doch Poljakow, Leiter der Nahost-Abteilung des sowjetischen Außenministeriums, handelte in Kairo aus, daß der Vizeplanungschef des Außenministeriums, Alexander Belonogow, in Kairo residieren darf.

»Es ist doch nur natürlich, daß befreundete Länder Botschafter austauschen«, suchte Ussama el-Bas, Chefberater von Ägyptens Präsident Husni Mubarak, den Westen zu beruhigen.

»Es handelt sich doch bloß um einen Routine-Akt«, versicherte Butros Butros-Ghali, Staatssekretär für Auswärtige Angelegenheiten. Er verschönte sogar die Vergangenheit der ägyptischsowjetischen Beziehungen: »Es hat ja gar keinen Bruch gegeben.«

Dabei saß seit September 1981 nur noch eine Notbesatzung im überdimensionalen Botschaftsgebäude am Nilufer. Damals verwies Präsident Sadat den Botschafter Wladimir Poljakow mit sechs Sowjet-Diplomaten, zwei Korrespondenten und zweihundert Entwicklungshelfern des Landes. Begründung: ein »kommunistisches Komplott« zum Sturz des Regimes.

Zu Ende waren zwei Jahrzehnte Freundschaft mit Ägypten, umsonst der Bau des Assuan-Staudamms auf Sowjetkosten, vergeblich der nach fünf Jahren gekündigte Freundschaftsvertrag von 1971, sowjetische Waffenlieferungen en gros und der Titel »Held der Sowjet-Union« für den Sadat-Vorgänger Nasser. Moskau sah sich erinnert an 1972, als Sadat 15 000 sowjetische Berater auswies, auch erinnert an Kairoer Schulden von schätzungsweise fünf Milliarden Dollar aus Waffenlieferungen, deren Rückzahlung Sadat 1978 eingestellt hatte.

Dafür näherte Ägypten sich seit dem Friedensvertrag mit Israel den Vereinigten Staaten, die gegenwärtig pro Jahr über zwei Milliarden Dollar Wirtschaftshilfe leisten. Dazu kommt US-Militärhilfe von 2,17 Milliarden Dollar (für 1985). Nur Israel erhält aus Washington ähnlich großzügige Unterstützungsgelder.

Ägyptens Luftwaffe fliegt modernste amerikanische Jagdbomber vom Typ F-16, amerikanische M-60-Panzer rollen schon seit Jahren auf Ägyptens Wüstenpisten. Noch vor Jahresende erhält Ägypten ein neuartiges Luftabwehrsystem (Skyguard), das von amerikanischen und Schweizer Technikern zu einem der besten Systeme dieser Art entwickelt wurde, Anfang 1985 noch Luftabwehrraketen des Typs »Chaparal«.

Die USA, so hatte Sadats These gelautet, halten im Nahen Osten »99 Prozent aller Karten« in der Hand. Das stimmt nicht mehr. »Die Amerikaner haben weder die Israelis vor dem Libanon-Abenteuer zurückgehalten noch ein Friedenskonzept im Libanon entwickelt«, sagt ein hoher ägyptischer Regierungsvertreter. »Außerdem ist Ronald Reagan weder in der Frage des besetzten arabischen Ost-Jerusalem noch in Sachen des israelisch annektierten syrischen Golan aktiv geworden. Der Schauspieler-Präsident war nicht einmal in der Lage, seinen eigenen und nach ihm benannten Friedensplan vom September 1982 durchzudrücken.«

Die gemeinsamen amerikanisch-ägyptischen Manöver vom letzten Jahr dürften die letzten gewesen sein. Ein US-Kampfpilot berichtet über die Waffenbrüderschaft auf der Truppenbasis Ras Banas am Roten Meer: »Die Ägypter haben unsere Jungs sogar gezwungen, die Latrinen wieder abzubauen und mitzunehmen, die wir installiert hatten.«

Die Verhandlungen über eine dauerhafte US-Präsenz in Ras Banas, einem Luft- und Seestützpunkt, sind letztes Jahr auf unbestimmte Zeit vertagt worden.

Mubarak betreibt Diversifikation auch in der Rüstung: Landeseigene Fabriken bauen französische Armee-Helikopter in Lizenz zusammen. Noch in diesem Jahr beginnt die Montage des französischen Superkampfflugzeugs Mirage 2000. Der Alpha-Jet, der in Ägypten schon seit zwei Jahren montiert wird, ist ein weiteres Beispiel für das Bestreben Kairos, sich nicht noch mehr in die Abhängigkeit amerikanischer Rüstungs-Strategen zu begeben.

Noch glimmt in Kairo die Hoffnung, ein wiedergewählter US-Präsident Reagan brauche sich nicht mehr zu fürchten vor der jüdischen Israel-Lobby und könne dem Wandel in Nahost durch Druck auf Israel wieder Schwung verleihen. Mubarak hofft auch auf eine sozialdemokratische Regierung in Jerusalem, die zu politischen Zugeständnissen bereit wäre.

Notfalls würde Ägypten gern eine internationale Friedenskonferenz akzeptieren, an der auch die PLO und die Sowjet-Union teilnehmen sollten. Die »Egyptian Gazette« sieht das so: »Jeder Versuch einer Supermacht, der anderen Supermacht die Beteiligung an einer Nahost-Lösung zu verschließen, führt zu dem Gedankenspiel, die Region zu ihrer Einflußzone zu machen.« Kairo verspricht sich von einem allmählichen Abrücken vom US-Kurs zudem mehr Einfluß bei den Blockfreien.

Von einem gleich großen Abstand zu Ost wie West kann dabei aber nicht die Rede sein, denn dazu sind die wirtschaftlichen und politischen Bande zwischen Kairo und dem Westen zu eng geworden. Fern ist das »Modell der fruchtbaren Zusammenarbeit zwischen einem souveränen Staat und einer sozialistischen Supermacht«, das sich der Kommunist Adil Hamuda in »El-Ahali«, der Wochenzeitung der linken »Sammlungspartei«, schon ausmalt.

Mubarak berief den bisherigen Außenminister Kamal Hassan Ali zum Ministerpräsidenten, den früheren Uno-Botschafter Ismat Abd el-Magid zum Außenminister - beide gelten als überzeugte Verfechter der Camp-David-Abkommen. Der ägyptisch-israelische Friede dürfte mithin erhalten bleiben - sosehr sich die Moskauer Zeitung »Sowjetskaja Rossija« über den »Wind der Änderung« auch freute: »Das ägyptische Volk hat nicht vergessen, was die Sowjet-Union ihm alles angedeihen ließ.« Und: »Alle Parteien Ägyptens wollten diesen Schritt.«

In der Tat hatten sich fünf der sechs zugelassenen Parteien Ägyptens für eine Normalisierung der Beziehungen zu Moskau ausgesprochen, und die oppositionelle Wafd-Partei forderte immerhin, die Camp-David-Abkommen zu überprüfen: »Sie basieren wegen der israelischen Vertragsbrüche jetzt auf keiner legalen Grundlage mehr.«

»El-Itissam«, wieder zugelassenes Monatsblatt der islamischen Extremisten, frohlockte über den neuen Kurs: »Amerika kennt nur Angst, keinen sittlichen Moralanspruch.«

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