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ENGLAND NCHT ABZUSCHÜTTELN

aus DER SPIEGEL 14/1964

In einer Sondernummer der britischen Zeitschrift »Encounter« über Deutschland hot der Historiker Arnold Toynbee, Verfasser des zwölfbündigen Werkes »A Study of History«, einen Beitrag veröffentlicht, dem folgende Auszüge entnommen sind

Ich nähere mich nun meinem fünfundsiebzigsten Jahr, und seit rund 60 Jahren beeinflußt Deutschland mein Denken. Ich habe viele Vorstellungen von Deutschland gehabt; durch sie zieht sich eine scharfe Trennungslinie, die das Datum des August 1914 trägt.

Bis dahin war für mich Deutschland gleichbedeutend mit klassischer Gelehrsamkeit, in der ich erzogen worden bin. Was wäre von westlicher Wissenschaft übriggeblieben, hätte man den deutschen Beitrag ausgeklammert? Und' die westliche Musik: Wenn wir »Musik« sagen, meinen wir »deutsche Musik«; denkt man sie sich weg, dann gäbe es so gut wie gar keine Musik.

Gewiß, Shakespeare war kein Deutscher, wenn sich auch die Deutschen emsig bemüht haben, ihn für sich zu beanspruchen. Ja, aber Goethe war ein Deutscher. Dank meiner Schulzeit, die im Banne des »Faust« stand, bedeutet Goethe

für mich, was Shakespeare den meisten Menschen englischer Zunge ist.

So konnte ich Deutschland nicht von mir abschütteln. Was die Deutschen zwischen 1914 und 1945 getan haben, erschütterte daher mein Vertrauen in die Teutonen, in die westliche Zivilisation, in die menschliche Natur.

Wenn die Deutschen teutonische Barbaren sind, dann bin auch ich ein Barbar, trotz all meines mühsam erworbenen Firnisses griechisch-jüdischer Zivilisation.

Wollte Gott, daß ich ein Lateiner wäre, aber man kann seinem Schicksal nicht entfliehen: Auch die Lateiner sind Abendländer, und die Deutschen sind auch Abendländer.

Nun, wenigstens bin ich ein Mensch, aber die Deutschen sind wie ich Exemplare des Homo sapiens. So habe ich, bedenkt man die deutschen Taten, keine Garantie dafür, daß ich und meine englischen Mitbürger und meine Mit-Abendländer und meine Mitmenschen nicht dasselbe täten, würden wir zufälligerweise eines Tages unter den gleichen Bedingungen leben wie damals die Deutschen.

Ich glaube nicht, daß ich ein Sonderling bin, weil ich so über die Deutschen denke. Ich traue mir zu, die gleichen Gedanken, und nicht einmal sonderlich verborgen, in den Herzen von Deutschlands ehemaligen Opfern und seinen jetzigen

EWG-Partnern finden zu können. Und ich weiß, daß ich diese Gedanken auch bei Russen, Polen und Tschechen finden würde.

Ich kann nur zu gut verstehen, daß die Russen ständig von der Furcht erfüllt sind, ihr Land könne zum drittenmal von deutschen Armeen erobert und verwüstet werden. Angesichts ihrer Erfahrungen müssen die Russen immer wieder Deutschland mit bösen Ahnungen, mit Mißtrauen und Angst beobachten.

Das liegt auf der Hand und ist ein entscheidender Punkt - und doch sind die Deutschen, sogar die Deutschen der hochreputierlichen Bundesrepublik, unfähig, die Sache zu begreifen. Sie verstehen offenbar nicht, daß es auch nicht die Spur einer Chance gibt, die beiden getrennten Teile Deutschlands zu vereinigen, wenn nicht Deutschland gemeinsam mit Amerika die russische Furcht tilgt, die eine überaus echte Furcht ist.

Sind die Deutschen also noch immer politisch so dumm? Oder bilden sie sich gar noch immer ein, daß sie - trotz zweier erschütternder Niederlagen - möglicherweise durch kriegerische Aktionen

die Wiedervereinigung erreichen werden?

Das sind erschreckende Gedanken, aber glücklicherweise erschöpfen sich darin die Überlegungen nicht. »Die Deutschen« - das ist eine gemischte Gesellschaft, wie jeder andere Stamm der Menschheit. Gewiß, das deutsche Volk hat in unserer Zeit Menschenfresser produziert, aber es hat auch Helden und Märtyrer hervorgebracht.

Die Deutschen haben den gleichen Charakter wie wir anderen - eine Tatsache, die ebenso beruhigt wie erschreckt. Nach allem, was ich weiß, mag sich bereits eine Mehrheit der Deutschen jener unseligen Haltung entledigt haben, die Preußentum und Hitlerismus möglich machte. So spricht die Stimme der Vernunft und der Nächstenliebe.

Aber ich bin auch nur ein Mensch; ich bin der Gefangene meiner persönlichen Erfahrungen in dieser Zeit, und das heißt: Ich werde nicht, so fürchte ich, der Stimme von Vernunft und Nächstenliebe mit vollem Herzen folgen.

Der Alpdruck Preußen-Deutschlands und Nazi-Deutschlands wird meine Erinnerung weiter peinigen, solange ich lebe. Vielleicht wird er nicht mehr das Gemüt meiner Enkelkinder stören, sicher aber wird er kein Problem sein für unsere gemeinsamen Nachkommen in zweitausend Millionen Jahren.

Toynbee

Arnold Toynbee

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