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»NEBE HÜPFTE VON PFÜTZE ZU PFÜTZE«

aus DER SPIEGEL 13/1966

Vier Tage noch dem Fehlschlag des Attentats auf Hitler am 20. Juli 1944 flüchtete der Chef des Reichskriminalpolizeiamtes, Arthur Nebe, aus Berlin. Deutschlands oberster Kriminalpolizist - der den Nationalsozialisten jahrelang in führender Position gedient hatte - befürchtete, wegen seiner Beteiligung an der Verschwörung von Beamten seiner eigenen Dienststelle oder von der Gestapo verhaftet zu werden. Die erste ausführliche Schilderung der Rolle, die der Kripo -Chef im Dritten Reich spielte, gab der SPIEGEL in seiner Serie »Das Spiel ist aus - Arthur Nebe« (40/1949 - 16/1950). Jetzt beschreibt der Widerständler Hans Bernd Gisevius, damals deutscher Vizekonsul in Zürich, der sich wegen der

Vorbereitungen zum Attentat in Berlin aufhielt und nach dem Scheitern des Putsches gemeinsam mit dem Kriminalisten flüchtete, in seinem Buch »Wo ist Nebe?« (Droemersche Verlagsanstalt, Zürich, 320 Seiten, 19,80 Mark), wie es Nebe gelang, die Fahndungskommission des Reichskriminalpolizeiamtes zu täuschen: Weil er die Fahndungsmethoden der Kripo bis ins Detail kannte, gewann er einen Fluchtvorsprung von 48 Stunden (siehe nachstehenden Auszug). Später verriet eine seiner Freundinnen Nebes letztes Versteck in Motzen (Mark Brandenburg) an die Gestapo. Am 16. Januar 1945 wurde Arthur Nebe, verhaftet, Anfang März hingerichtet. Chronist Gisevius entkam im Januar 1945 in die Schweiz.

Das Dunkel der Nacht begann langsam zu weichen. Jetzt würde es nur noch knapp eine Stunde dauern, bis die verräterische Morgendämmerung den 25. Juli 1944 ankündigte. Wir hatten uns daher zu beeilen.

Denn Arthur Nebe und ich mußten noch zu Fuß zurück in jenes verlassene Dorf Menz, wo die hilfsbereiten Reinickes dem Ehepaar Strünck das Fremdenzimmer des Pfarrhauses gerichtet hatten und auch für uns eine Schlafgelegenheit frei hielten.

Ohnehin mußten wir die holprige Landstraße so schnell wie möglich verlassen. Der Name der kleinen Stadt, wohin sie führte, schreckte. Soviel hatte Nebe noch in Erfahrung gebracht, daß die Sonderkommission der Gestapo aus dem Bombenchaos von Berlin dorthin verlegt worden war, nach Fürstenberg, hart an der Grenze zwischen der Provinz Brandenburg und Mecklenburg. Bis zum Ende der Vernehmungen sollte ihre kostbare Beute an prominenten Häftlingen vor Luftangriffen geschützt sein. Spätestens also um 6 Uhr mußten wir in Deckung sein. Wer weiß, in welche Himmelsrichtungen die ausgelagerten Schergen der Gestapo zu ihren morgendlichen Verrichtungen davonbrausen würden. Und sie waren früh unterwegs, diese Herren.

Spaziergänger wie wir beide, noch dazu um eine so frühe Stunde, mußten neugierige Blicke automatisch auf sich ziehen. Jeder von uns stellte seinen Steckbrief viel zu aufdringlich zur Schau. Wer die schützende Uniform

eines SS-Gruppenführers trug, verkrümelte sich nicht beim Heranrollen eines Autos ins Gebüsch. Und wer so lang geraten war wie ich, mußte mittlerweile durch Erfahrung klug geworden sein ...

Dort, wo die Straße für ein paar Kilometer einen Wald durchschnitt, waren wir zweimal hin- und hergefahren, um einen für unsere Zwecke günstigen Waldweg ausfindig zu machen. Viele Chancen hatten sich nicht geboten.

Bei einem dieser Pfade war wenigstens der Boden steinig, so daß Nebe Gas geben konnte und wir keine verdächtigen Radspuren hinterlassen würden. Selbst auf den Nervenkitzel der vergangenen Nachtstunden, ob das Benzin reichen würde, konnten wir jetzt verzichten. Wir mußten nur noch eine abgelegene Einbuchtung finden, wo der Wagen unbehindert hinunterrollen konnte.

Zum ersten Male seit gestern abend begann Nebe sich zu fangen. Er atmete nicht mehr so schwer. Auf manche Fragen, ganz beiläufige selbstredend, gab er sogar normale Antworten. Das Kriminalistenherz in ihm war erwacht ... Grimmig knurrte er in sich hinein, denen da drüben in Fürstenberg wolle er einen Selbstmord vortäuschen, an dem sich auch die Fahnder aus seiner eigenen Schule die Zähne ausbeißen müßten.

Zunächst hatten wir uns nämlich der Hoffnung hingegeben, in jener seenreichen Gegend würde sich eine steile Uferböschung, ein Landungssteg oder eine Brücke finden, wo wir den kleinen Mercedes unauffällig im Wasser verschwinden lassen könnten. Dieses nächtliche Herumfahren hätten wir uns sparen können. Autounglücke, von denen wir in der Zeitung lesen, der Wagen sei mit Mann und Maus versunken, mögen sich dann und wann ereignen. Aber bei der Beseitigung eines Autos die Spuren so gründlich zu verwischen, daß Passanten keinen Argwohn schöpfen, ist schlechterdings unmöglich. Da bleiben die Räder im Schilf oder Morast stecken; das zerbrochene Brückengeländer verrät, wo Verdeck oder Räder aus dem Wasser ragen.

Noch war es zu dunkel, wir fuhren auch zu schnell, als daß wir Art und Umfang des Waldes ausmachen konnten. Plötzlich glaubte ich zur Rechten eine kleine Schneise erspäht zu haben, die sich im Unterholz verlor.

Nebe hielt an. Eigentlich war es ihm noch zu nahe an der Landstraße; aber dann packte auch ihn die Lust an der Pirsch, so geheimnisvoll schlängelte sich der Weg hinunter im jungen Buchenwald. Etwas Besseres konnten wir uns gar nicht wünschen. Entschlossen bogen wir ein und nahmen das Zickzack einiger hundert Meter. Doch mit einem Male wurde der Boden zu weich. Wir sackten mit dem Wagen ein.

Eine Kehre war nicht mehr möglich. Nebe fiel wieder zurück in die Litanei unserer letzten Stunden: »Ach, wenn ich doch nie auf dich gehört hätte.«

Mein ihm seit zehn Jahren vertrauter Refrain wäre heute früh deplaziert gewesen: »Reg dich nicht auf; es wird schon alles schiefgehen.« Damit hätte ich ihn endgültig verschreckt. Lieber sprang ich aus dem Wagen, um dem Erschöpften durch die Entdeckung wer weiß was für eines rettenden Wunders der Natur über den toten Punkt hinwegzuhelfen.

Es war wie ein Wunder. An die fünfundfünfzig Stunden hat die kleine verträumte Mulde, die ich durch das dichte Gesträuch erblickte, ihr Geheimnis gehütet. Vorsichtig hielt ich die Zweige weit auseinander, damit kein welkes Blatt diesen seltsamen Wildwechsel verriet. Dann holperte der Wagen hinab. Die Fahrt war beendet.

Jetzt war Nebe in seinem Element ... Erst nahm er alle Wagenpapiere an sich. Dann breitete er behutsam, als komme es auf jede Handreichung an, seinen Ledermantel auf dem Hintersitz aus, legte die Pistole mit Futteral und Koppel darüber, dazu auf den Vordersitz seine Uniformmütze.

Jetzt erst bemerkte ich, daß er seine Tasche mit Reiseproviant vorhin nicht zusammen mit dem Handkoffer im Pfarrhaus deponiert hatte. Sorgfältig kontrollierte er die einzelnen Gegenstände, eine angebrochene Flasche Kognak, ein bißchen Kaffee, sogar Schokolade, alles Schätze zu jener Zeit, ob auch nichts auf seinen Namen schließen lassen könne. Dann legte er die Tasche hinein und verschloß die Wagentüren.

Wie richtig seine Kalkulation war, habe ich erst nach Jahren erfahren. Die Waldarbeiter, die den verlassenen Wagen herumstehen sahen, nahmen zunächst an, ein hoher SS-Führer sei auf Wildbret aus. Es dauerte eine Weile, bis sie sich zur Meldung bei der Polizei entschlossen.

Als die Fahndungskommission am 27. Juli am Tatort eintraf, erschien der Befund eindeutig. Wer sich eines so begehrten Mundvorrates begeben hatte, benötigte nichts mehr zu seiner Beköstigung. Dieser Mann mußte sich in der nächsten Umgebung umgebracht haben.

Dieser Nebe, in der Tat. Aber jener andere Nebe, der nun untertauchte, hatte zusätzliche vierundzwanzig Stunden gewonnen.

So lange dauerte es, bis man sich am Abend des 28. endlich zu der Meldung an den Gestapochef Kaltenbrunner durchrang, der als großer Geheimnistuer bekannte Selbstmörder könne sich, man wisse nicht recht wie, seitwärts in die Büsche geschlagen haben.

Jene ironischen Bemerkungen waren also recht unangebracht, mit denen ich, von ihm zwecks Vermeidung unnötiger Spuren nicht gerade sanft auf die Motorhaube plaziert, seinen fachmännischen Eifer begleitete. Ein oberster Chef der Kriminalpolizei, der die durch seine Hohe Schule gegangenen Fahnder irrezuführen gedachte - bis dahin hatte ich gedacht, so etwas käme nur bei Sherlock Holmes vor. Zumindest in unserer vertrackten Lage grenzte es für mich an Spielerei, wie Nebe etwa zwanzig Minuten einen Fußmarsch um das Auto veranstaltete, erst einen Kreis, dann den nächsten, und so weiter, immer weiter, worauf er in vier oder fünf verschiedene Richtungen an die hundert Meter tapste, ganz massiv seine Spuren hinterlassend, um dann hüpfend zum Auto zurückzukehren.

Er knurrte: »Die sollen sich mal tüchtig den Kopf zerbrechen, was ich in meiner Geistesverwirrung vorgehabt habe.«

Einmal ließ er mich sogar zu seinem Partner bei seinen sonderbaren Exerzitien werden.

Denn, o Wunder (aber eines, das zu erwähnen ich mich fast scheue, weil mich schon damals dieses Idyll im Morgendämmern in einer Weise anlächelte, als handele es sich um eine Szene aus dem billigsten Kriminalreißer), keine fünfzig Meter entfernt, von den Büschen geheimnisvoll verborgen, entdeckten wir einen kleinen Weiher. Traumhaft verloren lag das Gewässer da, etwas zu klein, um als Waldsee, etwas zu groß, um als Tümpel bezeichnet zu werden.

Schon fühlte sich Nebe vollends in seinem Element. Ich mußte gemessenen Schrittes vor ihm herstolzieren, vorsichtig Fuß vor Fuß, wobei er sorgfältig meine Spur mit der seinen vertrat, bis der Modder solche Vorsicht unnötig machte. Dann mußte ich ihm helfen, das Schilf zu knicken.

Schließlich warfen wir, wie einst als Schuljungen, große Steine oder Äste, um das von Seerosen malerisch überwachsene Gewässer zu trüben. Das würde eine weitere Verzögerung bedeuten, meinte er; jetzt müßten sie den schlammigen Untergrund mit ihren Suchgeräten abharken.

Ich drängte, diese Erinnerung an einstige Indianerstreifzüge abzukürzen. Die Autos der Gestapo auf der Landstraße schienen mir realer als die Leiche im Morast.

Dabei ahnte ich nicht, daß die eigentliche Tortur erst bevorstand, gleichsam ein sinnvoller Abschluß dieser unsinnigen Nacht. Wiederum trat er mühsam meine größeren Spuren aus, jedesmal schimpfend, warum ich nicht, wie er befohlen habe, auf den Fußspitzen ginge.

Kaum hatten wir oben die Schneise erreicht, ging es erst richtig los. Er begann mit mir eine Art Hüpfsprung von Pfütze zu Pfütze, die in dem morastigen Grunde in verschwenderischer Fülle für uns ausgespart waren.

Nebe war unerbittlich. Wenn die nächste Pfütze zu weit weg war, bestand er darauf, daß ich mir die Schuhe mit Wasser vollaufen ließ, damit es dann am Ersatzziel, ob ein Baumstumpf oder ein großer Stein, ablief. »Lach nicht so, du wirst noch sehen; erst kommen sie mit ihren Geräten, aber dann holen sie die Suchhunde, und die werden die Spur verlieren, wenn du dich an meine Vorschriften hältst.«

Ich spöttelte weiter - nicht zuletzt aus Genugtuung. Verglich ich diesen Pfützenhüpfer mit dem Autofahrer unserer spukhaften Nacht, dann konnte ich nur aufatmen, wie schnell dieser Arthur Nebe dank solchem kriminalistischen Eifer zum alten Selbst zurückgefunden hatte.

Als der Unfug auch noch auf der Landstraße weilergehen sollte, begann

ich laut zu murren. Ich wollte rechts auf der Seite den kleinen Fußweg benutzen. Mitnichten! Mitten auf dem holprigen Pflaster mußte ich weiterhüpfen, alle paar Meter nach Unebenheiten peilend, die wir dann auf Fußspitzen zu erreichen suchten. Mit dünnen Sommerschuhen hat man das nicht gern, und außerdem schmerzen die Knöchel.

Erst als wir in die Nähe des Dorfs kamen und damit rechnen konnten, die Seitenwege würden von genügend Passanten betreten werden, um Einzelspuren unauffindbar zu machen, hörte die Springprozession auf.

Mehr als zwanzig Jahre hat es mich gewurmt, daß ich keine persönliche Abbitte für den Spott tun konnte, mit dem ich Nebe sein Geschick verleidete. So tue ich es hiermit öffentlich.

Denn es kam genau so, wie er gesagt hatte. Nach der Auffindung des Autos benötigten die besten Kriminalisten seines Amtes rund zwei Tage für die Spurenermittlung am verschwiegenen Weiher. Daß sich zwei Personen dort getummelt hatten, merkten sie überhaupt nicht. Erst am 29. Juli wurden tausend Angehörige einer in der Nähe gelegenen Polizeischule, denen man fünfzig Suchhunde des Oranienburger KZ-Kommandos mitgegeben hatte, zur Großfahndung angesetzt.

In breiten Schwärmen durchstrichen sie die Umgebung. Klopfenden Herzens sah der Pfarrer Reinicke Männer und Hunde nahen - und an seinem Haus vorbeiziehen.

Diese Seele von Mensch stand bereits am Tor, als wir gegen 6 Uhr von unserem Ausflug zurückkamen. Ohne viel zu fragen, brachte er uns zur Dachkammer. Nebe zwängte sich auf das kleine Sofa. Ich döste vor mich hin auf dem harten Stuhl. Es kann keine zwei Minuten gedauert haben, da hörte ich tiefes Schnarchen.

Wie macht er das nur? fragte ich mich und tröstete mich mit der Hoffnung, er möge wenigstens etwas ausgeruhter, sprich normaler, wieder aufwachen. Trotzdem ärgerte ich mich, daß es mir nicht gelungen war, jenen psychologisch richtigen Moment zu erhaschen, wo er mir nicht ausweichen konnte. Aussichtslos, wie mir unsere Situation erschien wollte ich wenigstens Klarheit haben, wie es zu einer derart überstürzten Flucht überhaupt hatte kommen können.

In einer für solche psychischen Situationen typischen Verkehrung der Prioritäten verdrängte ich damit eine ungleich aufregendere Vorstellung, die mich im Grunde viel mehr hätte beschäftigen sollen. Denn zwangsläufig war mein eigenes Schicksal mitbetroffen.

Noch heute vormittag würden die Telephone schrillen, erst die Querleitungen vom Reichskriminalamt zum Gestapogebäude, dann die vom Reichssicherheitshauptamt zu Himmlers Feldhauptquartier, von dort die zu Reichsleiter Bormann im Führerhauptquartier, vor allem aber die zu den Kriminalämtern in der Provinz.

Zunächst würde es nur ein vorsichtiges Abtasten sein. Dann würden nervöse Erkundungen folgen, bald schon zweifelnde Rückfragen, schließlich gereizte Befehle. Immer aber würde es mit demselben Refrain enden: Wo ist Nebe?

Kripo-Chef Nebe (2.v.l.), SS-Führer (1942)*: Mit trübem Wasser die Fahnder getäuscht

Chronist Gisevius

Geheimnis in der Mulde

Kripo-Chef Nebe

Fußmarsch im Kreis

* Von links: SS-Obersturmbannführer Franz

Josef Huber, SS-Gruppenführer Arthur Nebe, Reichsführer SS Heinrich Himmler, SS-Gruppenführer Reinhard Heydrich, SS-Oberführer Heinrich Müller.

Hans Bernd Gisevius
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