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USA / STRAFVERTEIDIGER Nehmen Sie Percy

aus DER SPIEGEL 13/1966

Stehen Sie unter Mordanklage? Sind die Beweise erdrückend? Haben Sie vielleicht gar schon ein Geständnis abgelegt?« fragte die US-Zeitschrift »Saturday Evening Post« und gab potentiellen Tötern den Tip: »Verzagen Sie nicht! Nehmen Sie sich Percy Foreman als Verteidiger!«

Candace ("Candy") Mossler, 46, Amerikas Vera Brühne, nahm Foreman. Sie stand unter Mordanklage, weil sie ihren vermögenden Gatten durch ihren Geliebten habe umbringen lassen. Sie wurde freigesprochen. Der sensationelle Ausgang sicherte dem bulligen Texaner Foreman endgültig den Ruf, »Amerikas größter und glänzendster Strafverteidiger« ("Time") zu sein.

Percy Foreman, 63, erkämpfte sich seinen Ruf durch eine Serie unerhörter Freisprüche:

- In 700 Totschlags-Prozessen rang er den Geschworenen 650mal ein »Nicht schuldig« ab; die 50 Verurteilten kamen mit milden Strafen davon.

- Von 370 Mord-Mandanten endete nur einer auf dem elektrischen Stuhl, ein gewisser Steve Mitchell, der seine Frau erschossen hatte. Foreman zu seiner einzigen kapitalen Niederlage: »Man kann schließlich nicht immer gewinnen.«

Wie kein anderer beherrscht der Staradvokat die Kunst, in den Geschworenen Zweifel an der Schuld seiner Mandanten zu wecken. Er hypnotisiert sie fast in Richtung Freispruch. Er versucht, dem Ermordeten die Schuld an seinem Tod anzuhängen.

Unlängst verteidigte - Foreman »eine Ethel Simpson, die angeklagt war, ihren Mann umgebracht zu haben, um die Lebensversicherung von 13 000 Dollar zu kassieren. Der Staatsanwalt beschwor die Geschworenen: »Lassen Sie diese Frau auf dem elektrischen Stuhl für ihr Verbrechen bezahlen.«

Aber Foremans Zeugen ließen den Ermordeten als gewalttätiges Scheusal erscheinen. Frau Simpson selbst erinnerte sich unter Tränen, wie sie nächtens von ihrem Mann geprügelt wurde: »Als er mit dem Messer auf mich losging, da schoß ich.«

Foreman melodramatisch: »Diese Frau hat die Hölle auf Erden erlebt. Schickt sie wieder dahin, wohin sie gehört zu ihren Kindern.« Ergebnis: Freispruch.

Ein Mann aus Houston hatte den Liebhaber seiner Stieftochter vor Augenzeugen erschossen. Leidenschaftlich klagte Foreman vor den Geschworenen über den unzüchtigen Lebenswandel der Jugend und warb um Mitgefühl für den »frommen Vater«, der im heiligen Zorn zur Flinte gegriffen habe. Der fromme Killer wurde freigesprochen.

Beim Mossler-Mordprozeß in Miami hielt der Advokat gleich zu Anfang dornige Rosen für den Staatsanwalt Richard Gerstein bereit. »Ich bewundere Dick Gerstein«, tönte der Sieger vieler Rechts-Duelle jovial und wurde sogleich eiskalt: »Ich bewundere überhaupt jeden Mann, der den Mut hat, mit solch dürftigen Beweisen in den Prozeß zu gehen.«

Dann hämmerte Foreman den Geschworenen die Schwäche der Anklage ein: Sie beruhe allein auf Indizien, die sich für die Staatsanwaltschaft so darstellten:

Im Juni letzten Jahres bemerkte der Multimillionär Jacques Mossler, 69, daß seine Candy ein Verhältnis mit ihrem 22 Jahre jüngeren Neffen Mel Powers begonnen hatte. Mossler drohte mit Scheidung und Enterbung.

Daraufhin setzte sich der Candy-Geliebte in einen Jet nach Miami, stieg dort in einen von seiner Lieblings -Tante bereitgestellten weißen Wagen und fuhr zu einer Bar in der Nähe der Mossler-Wohnung. Zur gleichen Zeit es war ein Uhr nachts - packte Candy ihre Kinder ins Auto, »um ein paar Briefe zur Post zu bringen«.

Jetzt fuhr Powers, eine Familienflasche Coca-Cola in der Tasche, zum Mossler-Bungalow und zerschmetterte dem Ehemann den Schädel - so behauptete der Staatsanwalt. Dann flog Powers mit der nächsten Maschine zurück nach Houston.

Von all dem war nur erwiesen, daß Powers am Tag vor dem Mord nach Miami geflogen und am Tag danach zurückgeflogen war. Die Mord-Coca blieb unauffindbar, die Fingerabdrücke am Tatort waren zu alt.

Gleichwohl hielt Staatsanwalt Gerstein das Turtelpaar auf der Anklagebank für die einzig möglichen Mossler -Mörder. Zwei kleine Gangster sagten unter Eid aus, sowohl Mel als auch Candy hätten schon früher - erfolglos - versucht, sie für 7000 und 10 000 Dollar zur Ermordung Mosslers anzuheuern.

Advokat Foreman nahm die Gauner ins Kreuzverhör und entlarvte sie als unglaubwürdige Wichtigtuer. Dann ging er daran, die größte Gefahr für seine Mandanten zu bannen: Die Zwölf-Männer-Jury schien geneigt, aus sittlicher Entrüstung über das unsittliche Treiben der Angeklagten einen Schuldspruch zu fällen.

Foreman zitierte Christus: »Wer aber unter Euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.« Und, jede Widerrede erstickend: »Selbst diejenigen unter Ihnen, die nicht an ihn glauben, werden zugeben müssen, daß Christus einer der Größten war, die je auf Erden gelebt haben.« Also, folgerte Foreman: »Kein Wort mehr über Sünde.«

Abscheu im Gesicht, Shakespeare auf den Lippen, wandte er sich dann dem Ermordeten zu: »Es ist etwas faul im Staate Dänemark.« An Mossler sei alles faul gewesen.

Der Multimillionär erschien als ein wahrer Hai in Menschengestalt. Er sei ein skrupelloser Geschäftsmann und außerdem noch homosexuell gewesen. Candy bestätigte das angewidert.

Foremans letzter Trumpf: der Innendekorateur Fred Weissel. Diesen Weissel, einen stadtbekannten Homo, hatte eine Polizeistreife in der Mordnacht zehn Kilometer vom Tatort entfernt aufgelesen. Und Weissel besaß einen weißen Wagen.

Nach 34 Prozeßtagen hielt Foreman sein Schlußplädoyer. Fünf Stunden lang sprach er zu den Geschworenen, mal sentimental, mal ironisch, mal furios, mal flüsternd. 16 Stunden später verkündete die Jury ihr »Nicht schuldig«. Percy Foreman hatte zum 370. Male in einer Mordsache gesiegt.

Die freie Candy jauchzte: »Es ist, als ob ein schrecklicher Alptraum zu Ende sei, nicht nur für mich, sondern auch für meine armen kleinen Kinder, die zu Hause weinen.« Im Gerichtssaal weinte der Staatsanwalt.

Als sich der Ankläger wieder gefaßt hatte, sagte er: »Das ist nun einmal das amerikanische Justizsystem.«

Es ist ein System, bei dem Tod oder Leben mit davon abhängen, ob der Angeklagte einen guten oder schlechten Anwalt hat. Guter Rechtsrat aber ist teuer. Candy und Mel zahlten für ihren Freispruch zwei Millionen Mark. Sie zahlten es aus dem Erbe des Ermordeten in Höhe von 116 Millionen Mark.

»Kein Mensch, der sich Percy Foreman als Verteidiger leisten kann, hat heutzutage noch Angst vor der Todesstrafe«, sagte ein texanischer Abgeordneter und forderte deshalb die Abschaffung der Todesstrafe.

Der Retter der Reichen plädierte sich zum Millionär. Er besitzt 40 Häuser und eine Armada von Automobilen. Frau Marguerite Foreman, eine deutsche Ex-Ballerina, empfängt ihre Partygäste in diamantenbesetzten Pantöffelchen.

Freigewordene Mossler, Anwalt Foreman, Freund Powers: Der Retter der Reichen... ... plädierte sich zum Millionär: Tatort im MosslerBungalow* * Unter dem Tuch der ermordete Jacques Mossler.

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