Zur Ausgabe
Artikel 59 / 110
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Rußland Neigung zu Gelagen

Ist Präsident Jelzin trotz aller Dementis ernsthaft krank? Ein Wunderheiler will ihm helfen.
aus DER SPIEGEL 8/1994

Er schließt die Augen, schützt sich durch eine Eisenkette gegen störende Energien und nimmt mit brennenden Kräutern Kontakt zur Welt des Übersinnlichen auf: »Boris Nikolajewitschs Gesundheit ist ernsthaft zerrüttet«, lautet nach inniger Konsultation mit dem Kosmos die Erkenntnis. »Tritt Jelzin vorzeitig zurück, sind nicht seine Gegner schuld, der Organismus des Präsidenten ist am Ende seiner Kraft.«

Der schnauzbärtige Jurij Longo, Nachfahre eines Volkszauberers aus dem Kuban und »Magister der Weißen und Schwarzen Magie« (Visitenkarte), ist erfahren im Umgang mit Politikern. Vor drei Jahren prophezeite er Sowjet-Finanzminister Walentin Pawlow eine Karriere als Premierminister, die Geburt eines Enkels und eine traurige Zukunft im Gefängnis. Genauso kam es: Der spätere Regierungschef, Großvater inzwischen, steht als Teilnehmer am August-Putsch des Jahres 1991 gegen Michail Gorbatschow vor Gericht.

Dem damals in seiner Schwarzmeerresidenz festgehaltenen Perestroika-Präsidenten sandte Longo in den Tagen des Umsturzversuchs Energie auf die Krim. Das allerdings half wenig. Gorbatschow wurde noch im selben Jahr zu Fall gebracht - vom früheren Parteigenossen Jelzin.

Um dessen Gesundheitszustand wird nunmehr wie zu Amtszeiten der Kremlgeronten Breschnew, Andropow und Tschernenko heftig spekuliert. Seit seiner Georgien-Visite Anfang Februar hat sich Jelzin, 63, rar gemacht und ist auf seine Datscha bei Moskau abgetaucht.

Immer häufiger fällt jener Mann aus, der laut Verfassung nahezu uneingeschränkt die Geschicke der bröckelnden Großmacht Rußland lenken soll. Die Diagnose des Psychoanalytikers Aron Belkin lautet: ein Mann mit »rebellischer Grundstimmung, die sich bisweilen in der Neigung zu Gelagen und Ausschweifungen niederschlägt; Spontaneität, Fatalismus, Unbeständigkeit«. Vor zwei Jahren versetzte Jelzin Japans Außenminister - wegen Kreislaufproblemen. Vergangenen Sommer verschwand er wochenlang aus der Öffentlichkeit.

Solche »Unbeständigkeit« (Belkin) scheint zuzunehmen. Jüngst mußte die Kremlkanzlei reihenweise geladene Politgäste brüskieren. Selbst Sonderemissäre von US-Präsident Clinton und Bundeskanzler Kohl wurden nicht vorgelassen, Anrufe aus Washington und Bonn tagelang nicht durchgestellt.

Lediglich der britische Premierminister Major bekam den Russenführer vorige Woche für einige Stunden zu Gesicht. Eine als »programmatisch« angekündigte Rede zur Lage der Nation mußte indes verschoben werden - Präsidentenberater hatten den Auftritt schon vor drei Wochen gefährdet gesehen.

Sie wußten offenbar längst, was Jelzin-Sprecher Kostikow, unter Erklärungsdruck geraten, tröpfchenweise durchsickern ließ: Aus einer »leichten Erkältung« des Präsidenten wurde ein »schwerer und fiebriger« Infekt. Der Rat des Leibarztes, der Jelzin schon als KPdSU-Funktionär betreute: »keine frische Luft, keine langen Reden«.

Es sei »unpatriotisch«, über Jelzins Befindlichkeit zu spekulieren, mahnte Kostikow Rußlands Medien und allzu ungeduldige Anwärter auf die Präsidentennachfolge. Jelzin werde das Land bis 1996 sicher führen und »auch darüber hinaus«.

Mit ähnlich beschwichtigenden Bulletins hatte einst der Kreml die Hinfälligkeit des greisen Staatschefs Breschnew zu vertuschen versucht. Dessen Nachfolger Andropow (Nierenleiden) und Tschernenko (Lungenemphysem) übernahmen bereits schwerkrank das Partei- und Staatsamt. Mit der knappen Erklärung »Erkältung« leitete der Kreml 1983 auch den Andropow-Abstieg ein.

Längst ist der bullige Jelzin, Sinnbild des ungebärdigen Russentyps, ebenfalls ein angeschlagener Mann: ein Herzleiden seit einer verschleppten Angina, Rückenprobleme mit Bandscheibenschaden sowie mehrere Herzanfälle. Mit Schmerzmitteln und Herztabletten hält sich der einstige Vollblutsportler arbeitsfähig. Aus Geheimdienstkreisen wird zudem kolportiert, der Präsident leide an einer Leberschrumpfung als Folge von Medikamenten- oder Alkoholmißbrauch.

Wunderheiler Longo glaubt, Jelzins wahres Leiden zu kennen: Der Präsident sei ein labiler Mann ohne Zugang zu kosmischer Energie. Er versuche, alle Konflikte in sich selbst auszukämpfen. Bislang jedoch scheiterte der nach Angaben des selbsternannten Magiemeisters von Jelzin-Mitarbeitern eifrig betriebene Versuch, den Seelenbetreuer im Präsidentenapparat zu verankern. Doch was passiert, wenn Staatslenker Jelzin schlappmacht? Steht dann, wie von der Verfassung für eine Übergangszeit von drei Monaten vorgesehen, Premier Wiktor Tschernomyrdin an der Spitze, oder drängt gar Rechtsextremist Wladimir Schirinowski nach vorn?

Longo facht mit den Kräutern das Feuer an, rasselt mit der Kette und blickt himmelwärts. Der Stern des Reaktionärs Schirinowski werde »nur anderthalb Jahre« leuchten, weiß er. In dieser Zeit ziehe der Rechtsaußen möglicherweise für sechs Monate in den Kreml ein, doch werde er keinesfalls länger als der tattrige Tschernenko an der Macht bleiben. Longo: »Der brachte es an Rußlands Spitze auf genau 392 Tage.« Y

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 59 / 110
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.