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FDP Nerven frei

Martin Bangemann hat keine Lust mehr. Der glück- und profillose Parteichef will um jeden Preis zur EG nach Brüssel. *
aus DER SPIEGEL 20/1988

Die Lobgesänge auf den freien Wettbewerb waren verklungen. Der Postminister signalisierte seinen Kabinettskollegen mit einem buddhahaften Lächeln dankbare Gelassenheit. Die Reform der Bundespost - oder das, was die Bonner Christliberalen darunter verstehen - war beschlußreif.

Da meldete sich, am Mittwoch voriger Woche, Wirtschaftsstaatssekretär Otto Schlecht zu Wort; er hatte seinen nach Moskau geeilten Dienstherrn Martin Bangemann im Kabinett zu vertreten. Die geplante Neuordnung der Post, klagte der Spitzenbeamte, setze das Staatsunternehmen dem Wind der freien Wirtschaft nur unzureichend aus. Daß dies nicht den Absichten des FDP-geführten Wirtschaftsressorts entspreche, wolle er »auch im Namen von Graf Lambsdorff« hier vortragen.

Ein Freudscher Versprecher? Eher eine Vorwegnahme der schon ausgekungelten neuen liberalen Machtordnung in Bonn: Der ausgeguckte FDP-Vorsitzende Lambsdorff läßt seine Meinung zu Protokoll geben, noch bevor der amtierende Parteichef Bangemann, was nun sicher scheint, am 1. Januar 1989 seinen Europa-Traumjob in Brüssel antritt.

Den lustlosen Liberalen-Chef, den Spitzenbeamte wie Schlecht auch im Ministeramt nie für beständig und kompetent hielten, hat die Wahlschlappe der Schleswig-Holstein-FDP in seinem Entschluß bestärkt. Ob er als Präsident der EG-Kommission nach Brüssel wechselt oder als einfacher Kommissar Ersatz für Karl-Heinz Narjes (CDU) leistet - Bangemann, der nach mehr Lebensqualität strebt, ist das völlig Wurscht.

Zwar beschied der Noch-Vorsitzende letzten Montag bei der Wahlnachlese den quengelnden FDP-Vorständler Burkhard Hirsch, seine Berufspläne seien »noch nicht entscheidungsfähig«. Aber die intensiven Sondierungen laufen längst. Und Kanzler Helmut Kohl steht im Wort, die Karrierepläne seines pflegeleichten Koalitionskumpanen durch persönlichen Einsatz zu befördern.

Bangemann kehrt seiner Partei mitten im Abwärtssog den Rücken, dem FDP-Chef hängt jetzt ein Verlierer-Image an. Parteifreunde, die den persönlichen Umgang über Jahre als angenehm empfanden, erleben den Schwergewichtigen reizbar, unwirsch und unfreundlich: »Seine Nerven«, sagt ein FDP-Präside, »liegen frei«, selbst interner Kritik sei der Empfindsame unzugänglich.

Kein Wunder, denn für Bangemann ist es nicht mehr möglich, als Vorsitzender in Erinnerung zu bleiben, der die FDP nach dem Tief der Bonner Wende wieder auf Erfolgskurs führte.

Die Späth-Wahl in Baden-Württemberg und jetzt der Engholm-Triumph in Schleswig-Holstein stoppten die Erfolgsbilanz in den Landtagswahlen seit 1985. Eifrig bemühen sich die liberalen Strategen seither, die beiden Schlappen als »Sonderfall« zu deklarieren.

Längst hat die FDP republikweit an Attraktion verloren: Binnen zwei Monaten büßten die Liberalen jeden vierten Anhänger ein. Seit April pendelte sich die FDP in Umfragen bei neun Prozent ein - wo doch ihr Generalsekretär Helmut Haussmann noch vor Monaten mit künftigen 20 Prozent Stimmen protzte.

Kleinlaut müssen die Liberalen auch hinnehmen, daß außer ihrem Superstar Hans-Dietrich Genscher keiner ihrer Spitzenleute in der Publikumsgunst reüssiert - im Gegenteil. Von Justizminister Hans A. Engelhards Erfolgen redet keiner, nicht mal er selber. Umgekehrt Bildungsminister Jürgen Möllemann, der krampfhaft so tut, als sei er erfolgreich; dabei ist sein einziger Erfolg die Tatsache, daß er Minister wurde.

Europa-Streber Bangemann vertrieb mit seinem Lavieren um den neuen Job blaugelbe Wähler. Und Lambsdorff, fest im unteren Drittel der Politiker-Hitliste verankert, erscheint den Wählern kaum glaubwürdiger als Nachfolger.

So mag denn ein FDP-Präside die Stimmung richtig einschätzen, wenn er über Lambsdorffs Konkurrentin Irmagard Adam-Schwaetzer orakelt: »Wenn sie ihre Kandidatur anmeldet, werden viele durchatmen und Gott sei Dank sagen.«

Doch die um 15 Jahre jüngere Mitbewerberin wartet in der Deckung ab. Kampflos will sie - wie auch ihr Mentor Genscher - die Ambitionen des Grafen jedenfalls nicht hinnehmen.

Ginge es nach den Mehrheiten der rechtsgewirkten FDP-Bundestagsfraktion, wäre das Fell des Bären leicht zu verteilen. In zahllosen Zirkeln, Grüppchen und vertraulichen Seilschaften wurde vorige Woche ausgemauschelt, wer denn am besten wohin solle.

Wenn der Lebenskünstler Bangemann nach Brüssel geht, so eine der streng gehüteten Paketlösungen, wird Lambsdorff im Oktober die Mehrheit auf dem Parteitag erhalten. Haussmann folgt dann ins Wirtschaftsressort.

Kühner klingt die alternative Paketlösung: Parteigeneral Haussmann bleibt, wo er ist, unter Lambsdorff kann die FDP das Wirtschaftsressort der CSU überantworten und dafür das Innenministerium zurückergattern. Für diesen Fall scharrt Bildungsminister Möllemann schon vernehmlich mit den Hufen, hat aber als Nicht-Jurist wohl nur geringe Chancen. Das Bildungsressort, um Kompetenzen angereichert, fiele gnadenhalber Irmgard Adam-Schwaetzer zu.

Um besonders bescheiden zu wirken, gab der Möchtegern-Wirtschaftsminister Haussmann letzte Woche ohne Not zu Protokoll, er wolle als Generalsekretär die Partei »optimal auf die Bundestagswahl 1990 vorbereiten«. Im Kampf um Wechselwähler müsse die FDP die »Themenführerschaft« zurückgewinnen.

Selbst daran hat Bangemann derzeit ganz ersichtlich kein Interesse. Bei einem Flug im Regierungsjet blätterte er dieser Tage nur kurz in einem dicken Aktenordner und schmiß dann das ganze Bündel durch den Gang nach vorne, zu einem Referenten.

Er hat einfach keine Lust mehr.

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