Zur Ausgabe
Artikel 19 / 99
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Schallplatten Nervöse Sinnlichkeit

»Wilhelm Furtwängler. Berliner Philharmoniker. Heliodor 2730 005; 58 Mark.
aus DER SPIEGEL 3/1972

Eine Furtwängler-Renaissance kündigt sich an: Aufnahmen des 1954 gestorbenen deutschen Dirigenten, darunter altersschwache und nur noch umrißhafte Konzertmitschnitte, werden wieder als Offenbarungen genommen, zumal von jungen Leuten, die den prophetenhaft hageren Ekstatiker nicht mehr gekannt haben.

Die Wiederveröffentlichungen in dieser Kassette dokumentieren die 32 Jahre dauernde Symbiose zwischen Furtwängler und den Berliner Philharmonikern. Sie festigen mit Bruckners Neunter (1944 aufgenommen) und Beethovens Fünfter (1947 mitgeschnitten) den Mythos vom Tragiker und Metaphysiker. Jeden Vergleich und erst recht die Mängel der Monotechnik lassen die späten Aufzeichnungen von Schuberts großer C-Dur-Symphonie (1951) und Schumanns Vierter (1953) hinter sich: Es sind Inkarnationen jener »inneren Gestalt« der Musikwerke, wie Furtwängler sie anvisierte, zeitlos gültige Formulierungen.

War Furtwängler ein Romantiker, ein vom Bildungsbürgertum, dem er entstammte und von dem er angebetet wurde, am Leben gehaltener Anachronist? Diese Frage kennzeichnet die Versuche, Furtwänglers Größe abzuwehren, indem man sie relativiert. Das hitzige Espressivo und der vor Spannung berstende Klang einiger Aufzeichnungen kennzeichnen Furtwängler als Expressionisten, als Altersgefährten von Benn und Kokoschka.

»Eine kleine Nachtmusik« vibriert in raschen Tempi, Mozarts Es-Dur-Symphonie nähert sich Beethovens Pathos, und Haydns Symphonie Nr. 88, frei von jeder österreichischen Dialektfärbung. wird mit jener drängenden Unruhe musiziert, die für Furtwängler wie für den Expressionismus kennzeichnend ist.

Von legitimem Pathos sind die Beethoven-Aufnahmen beherrscht, auch das zur Symphonie mit obligater Geige dramatisierte Violinkonzert. Und dieses Pathos muß selbst den Skeptiker überzeugen, weil es mit nervöser Sinnlichkeit geladen und vom philiströs-leeren Hochgefühl im Umgang mit Bildungsgut weit entfernt ist.

Diese ganz unintellektuelle Beziehung zur Musik erläutert Furtwängler auf der letzten der acht Platten, wo seine neutrale Sprechstimme zögernd und mit dem Vokabular der idealistischen Ästhetik über »Wesensfragen« Auskunft zu geben trachtet, vor denen die Sprache letzten Endes versagen muß. Furtwängler vermochte am allerwenigsten das Phänomen Furtwängler zu analysieren.

Zur Ausgabe
Artikel 19 / 99
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.