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BRIGADE-TAGEBÜCHER Nett flunkern

aus DER SPIEGEL 48/1966

Gallenkrank legte sich Helene K., Arbeiterin in der Brigade »Neues Leben« des volkseigenen Betriebes »Fernsehelektronik«, zu Bett. Hernach offenbarte sie ihren Brigade-Kollegen den Grund: Bei einer »kleinen Feier« hatte sie drei Glas Weins zuviel getrunken.

Das war, wie die Brigade sogleich in einer Versammlung kollektiv rügte, ein Verstoß gegen die sozialistische Arbeitsmoral: »Wenn einem bekannt ist, daß man einige Speisen und Getränke nicht verträgt, muß man sie eben meiden oder nur so viel zu sich nehmen, wie einem auch bekommt. Auf jeden Fall darf sich daraus kein Arbeitsausfall ergeben.«

Diese Trinkregel steht im »Brigadetagebuch« der Fernsehelektroniker, in dem sie alle wichtigen Ereignisse ihres Berufs- und Privatlebens festhalten.

Einer SED-Funktionärin namens Ursula Langspach gefiel der Fall der weinfrohen Helene so gut, daß sie ihn in ein Lehrbuch für Tagebuch-Autoren aufnahm. Titel der Broschüre, die zum Stückpreis von 50 Pfennig in 40 000 Exemplaren auf den roten Markt geworfen wurde: »Wie schreiben wir unser Brigadetagebuch?«

In den Tagebüchern sollen, so erläuterte Genossin Langspach ihren Lesern, möglichst alle Werktätigen der Brigaden alles niederschreiben, was sie bewegt - »ihr Denken und Fühlen, ihre Einstellung zur Arbeit«. Der Nutzeffekt: Ein gut geführtes Kollektiv-Tagebuch

- »fördert ökonomisches Denken und

Lösen ökonomischer Aufgaben«;

- »hilft jedem einzelnen, sich zu verändern, sich seiner schöpferischen Kraft und seiner Persönlichkeit bewußt zu werden«;

- »rät auch bei persönlichen Fragen: bei häuslichen Schwierigkeiten (das braucht nicht immer erst eine Ehescheidung zu sein!), bei Erziehungsfragen, bei weltanschaulichen Problemen usw.«

Doch dem Schreib-Befehl der Partei setzen die DDR-Werktätigen passiven

Widerstand entgegen. Zwar halten sie sich Tagebücher (Langspach: Am besten »unlinierte Blätter von DIN-A4-Format in einer Klemmappe"), doch sie schreiben zumeist nur Partei-Phrasen hinein. Deshalb ist die Ausbeute mager. Das stellen die Kulturkommissionen, die von der Gewerkschaft in allen Betrieben eingerichtet wurden, stets fest, wenn sie die Brigadetagebücher pflichtgemäß einmal im Vierteljahr einsammeln und überprüfen.

Der SED mißfällt es, ihr eigenes Chinesisch in den Brigade-Klemmheften wiederzufinden. Als Beispiel führt Schrift-Anleiterin Langspach einen Leitsatz an, den eine Brigade zum Thema Wehrpflicht in ihr Tagebuch geschrieben hatte: »Je besser unsere Nationale Volksarmee ausgerüstet ist, um so

größer wird ihre Schlagkraft sein. Das ist eine Erfahrung aus dem Großen Vaterländischen Krieg der Sowjetunion.«

»Ebenso allgemeine Stellungnahmen« fand die Tagebuch-Kennerin »beispielsweise über den 13. August. Und hier hätte eigentlich jeder schreiben müssen, was ihn bewegte.« Doch über den Mauerbau schreiben DDR-Werktätige Schlagzeilen aus dem »Neuen Deutschland« und nicht ihre eigene Meinung.

Um zu zeigen, wie Tagebücher beim »Herausbilden der sozialistischen Persönlichkeit« nützlich sein können, stellt die Autorin Mustermenschen vor, wie einen namentlich nicht genannten »jungen Arbeiter« aus einer Jugendbrigade »7. Oktober«, der zum Beweis seines Arbeitseifers ins gemeinsame Tagebuch schrieb: »Wenn das Werktor einmal zu sein sollte, kommen wir durch den Gully ins Werk gekrochen.«

In den Tagebüchern soll jeder Fortschritt in der moralischen Aufrüstung vermerkt werden. Schul-Beispiel ist ein »Kollege Sch.«, der im Tagebuch seiner Brigade vermerkte: »Wegen meines schlechten gesellschaftlichen Verhaltens wurde mit mir ... eine Aussprache geführt, welche richtig war und mir weitergeholfen hat in meinem Denken.«

Die Brigade, zu der die vom Wein gallenkranke Helene gehört, kam mit einer Aussprache nicht aus. Zwölf Monate lang führte das Kollektiv einen Papierkrieg mit der und um die Kollegin.

Die im Tagebuch wegen ihrer »merkwürdigen Entschuldigung« gerügte Weinfreundin konterte ein paar Seiten weiter: »Für meine Ehrlichkeit wurde ich noch heruntergeputzt ... Beim nächsten Mal wird man eben ... etwas Nettes vorflunkern müssen.«

Soviel Verstocktheit machte ein neues Brigade-Palaver nötig, und zwei Tage später protokollierte der Brigadier im Tagebuch: »Die Kollegin K. ist aber leider auch nach unserer heutigen Aussprache noch immer der Meinung, daß unsere geübte Kritik nicht hilft, sondern zu Unwahrheit erzieht.«

Der Widerspenstigen Zähmung wurde nunmehr ins Plansoll aufgenommen. Eigens für die Kollegin K. pinselte der Brigadier die »Grundsätze der sozialistischen Moral« ins Tagebuch: »Du sollst beim Aufbau des Sozialismus im Geiste der gegenseitigen Hilfe und der kameradschaftlichen Zusammenarbeit handeln, das Kollektiv achten und seine Kritik beherzigen.«

Der Helene war auch mit diesem Edelspruch nicht beizukommen. Sie wurde weiterhin von den Kollegen per Tagebuch monatelang mit sozialistischen Zitaten traktiert, bis sie kollektivfromm war.

Tagebuch-Aktivistin Langspach vermerkte den Erfolg in ihrer Fibel: »Nach Ablauf etwa eines Jahres fand ich im Brigadetagebuch Eintragungen der Kollegin Helene K., die für ihre außerordentlich gute Entwicklung zeugen und dafür, daß sie jene Widersprüche ... überwunden hat.«

Und: »Kollegin K. war sogar in einer leitenden gesellschaftlichen Funktion tätig.«

Aussprache in der Meißener Jugendbrigade »7. Oktober": »Durch den Gully ins Werk«

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