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POLIZEI / HAMBURG Nett zueinander

aus DER SPIEGEL 8/1968

Am Hamburger Dammtor stoppten die Straßenbahnen. Über die Gleise zockelten Teilnehmer der »Demonstration gegen den Aggressionskrieg der USA« in Vietnam und machten »Buh«. Gelassen schaltete die Polizei die Ampeln in der Innenstadt auf Rot.

Da trabten drei junge Demonstranten zu einer blockierten Tram, pochten an das Fahrer-Fenster und riefen: »Laß doch mal die Oma »rein.« Die Falltüren knickten, eine Oma stieg ein, die Schienen wurden geräumt, die Bahn fuhr ab.

So nett zueinander waren am vorletzten Freitag Hüter und Störer der Ordnung in Hamburg. Die Polizei demonstrierte, wie man ohne Prügel den Studenten vom »Sozialistischen Deutschen Studentenbund« (SDS) und dessen Anhängern begegnen kann. Und umgekehrt lobte später der Allgemeine Studenten-Ausschuß (Asta) der Hamburger Universität: »Das Verhalten der Hamburger Polizei gegenüber den Demonstranten ist korrekt und taktisch erfolgreich gewesen.«

Nicht immer in der Geschichte der Hamburger Demonstrationen hatten sich die Partner nur auf die Schulter geklopft. Beim Besuch von Persiens Schah und Schahbanu am 3. Juni vergangenen Jahres in der Hansestadt hatte die Polizei gleich Knüppel und Pferde tanzen lassen. Resultat: Ermittlungsverfahren gegen 59 uniformierte Prügler. Zugleich aber hielt die Polizei psychologisch Einkehr.

Dazu jedenfalls bekannten sich im vergangenen Dezember die Polizeipräsidenten deutscher Städte auf einer Arbeitstagung in Berlin. Und der Frankfurter Polizeichef Gerhard Littmann formulierte stellvertretend für alle: »Der oberste Grundsatz bei Studentendemonstrationen heißt für uns Polizisten künftig: Gelassenheit. Vom Schlagstock sollte so wenig wie möglich Gebrauch gemacht werden.«

Hamburgs Polizei schaltete um. Programmiert auf Zusammenstöße mit Rockern, Gammlern, Rolling-Stones-Fans (der Kommandeur der Hamburger Schutzpolizei. Martin Leddin: »Rockers kloppen sich richtig gerne mit unseren Jungs"), wurden die Beamten in den letzten Monaten von Psychologen der Hamburger Universität auf Konfrontation mit »intelligenten Leuten umgespult« (Leddin).

Maßhalten -- keine Gewalt -- Gewalt nur gegen Gewalt; das war der Tenor, den Hamburgs Polizeipräsident Dr. Jürgen Frenzel ausgab. Und so praktizierte es denn auch die hanseotische Ordnungsgruppe am vorletzten Freitag. Wenn die Demonstranten den Verkehr blockierten -- die Polizei leitete ihn um. Begehrten die Demonstranten zu diskutieren -- die Polizei diskutierte mit. Wollte ein Demonstrant auf ein Absperrgitter klettern -die Polizei hielt die Schulter hin.

An der flexiblen Gummiknüppelwand konnte sich kein Streit entzünden. Nach der neuen Masche befragt, verriet der Hamburger Innensenator Heinz Ruhnau (SPD): »Unsere Waffe ist das Wort. Im Gegensatz zu früher diskutiere man mit den Diskutierenden und stelle sich nicht von vornherein als Gegner des Demonstrationszieles hin. Ruhnau: »Wir wollen die Schiedsrichter zwischen Demonstranten und Bürgern sein.

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