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»Netzhemd, kurze Hosen und verschwitzt«

Sozialdemokrat Joachim Becker über die Erfolgsstrategie eines SPD-Wahlkämpfers *
Von Joachim Becker
aus DER SPIEGEL 40/1986

Oberbürgermeister-Wahlkampf ist die Hölle«, sagte mir der Freiburger Oberbürgermeister Rolf Böhme, der mich im Wahlkampf in Pforzheim unterstützte. »Du wirst es noch merken. Es gibt nichts Vergleichbares zu einem Oberbürgermeister-Wahlkampf, weder bei den Bundestagswahlen noch bei den Landtagswahlen. Auf dich alleine kommt es entscheidend an. Oberbürgermeister-Wahlkampf ist das Schlimmste von allem!«

Mir ist dieser Satz in Erinnerung geblieben. 1980 habe ich in Pforzheim erfolglos für den Landtag von Baden-Württemberg kandidiert. Seit Juli 1985 bin ich Oberbürgermeister meiner Heimatstadt Pforzheim. Ich bin Sozialdemokrat.

Die meisten Politiker fürchten sich vor den Wählern. Sie können mit dem Mann auf der Straße nicht umgehen. Am liebsten treten sie bei reinen Parteiversammlungen auf. Wenn sie große Veranstaltungen besuchen, nehmen sie an den Ehrentischen Platz, um unter ihresgleichen zu sein. Bei Versammlungen umgeben sie sich mit Parteifreunden und schirmen sich vor dem Bürger ab.

Ein selbstkritischer Bewerber muß prüfen, ob er für die bestimmte Aufgabe in einem bestimmten Umfeld der richtige Bewerber ist. Ulrich Pfeifle, Oberbürgermeister in Aalen, war bei der OB-Wahl im April 1986 als Schwabe der falsche Kandidat in der ehemals badischen Residenz Karlsruhe. Eher wird der Papst evangelisch, als daß ein Karlsruher einen Schwaben wählt.

Die meisten Parteien suchen Bewerber, die sich im Range eines Obergefreiten befinden. Sie sind reine Befehlsempfänger und haben sich unter die Strategie der örtlichen Honoratioren und solcher, die sich dafür halten, unterzuordnen. Individualität ist nicht gefragt.

Gesucht werden Attache-Case-Typen in mittleren Jahren mit vorzeigbaren Ehefrauen und lustigen Kindern. Sie werden erbarmungslos ins Rennen geschickt, und ihre Ahnungslosigkeit wird oft ausgenutzt.

Ein guter Bewerber stellt auch Bedingungen. In deutschen Landen ist es unfein, vom Geld zu sprechen. Ein Bewerber muß vom Geld reden, denn sonst hat er die beträchtliche Zeche allein zu zahlen. Ich weiß von einem Bewerber aus dem Bodenseeraum, der eine Hypothek auf sein Häusle aufnehmen mußte, um die Wahlkampfschulden zu bezahlen.

Ich empfehle dem Bewerber, danach zu fragen, wie hoch die finanzielle Beteiligung der Partei ist und wer für den ungedeckten Aufwand gutstehen soll. Die Antwort wird oft vage ausfallen. Um das Risiko überschaubar zu machen, ist es jedoch notwendig, daß die örtliche Parteiorganisation für eine bestimmte Summe garantiert und auch die Plakatierung und Flugblattverteilungen übernimmt.

Der Wahlkampfkalender ist das entscheidende Steuerungsinstrument. Wenn Überschneidungen dennoch mal vorkommen, schickt der Kandidat seine Ehefrau in das Altersheim, um dort Blumen zu verteilen. Glück hat er, wenn die Schwestern nicht zu sauertöpfisch sind, damit sich ihre Enttäuschung nicht auf die Bewohner des Altersheims überträgt.

Werbefachleute, die bei politischen Kampagnen herangezogen werden, verstehen vom Produkt in der Regel nichts. Aus einem belgischen Ackergaul kann man kein Rennpferd machen. Es ist nicht sinnvoll, auf die Wahl eines Slogans viel Zeit und Kraft zu verwenden. Wem nichts Gescheites einfällt, wie mir ("Oberbürgermeister für alle"), sollte Konventionelles wählen, damit er keine Fehler macht.

Der Pforzheimer Wahlkreis wird im Deutschen Bundestag durch den CDU-Politiker Dr. Lutz Stavenhagen vertreten und durch den Sozialdemokraten Wolfgang Roth. 1976 wählte der SPD-Politiker Roth den Slogan »Lieber Rot(h) als farblos«. Der Farblose ist mittlerweile Staatsminister im Auswärtigen Amt geworden und hat seine Wahlergebnisse ständig verbessert.

Die meisten Wähler interessieren sich für Menschen. Auf Programme oder Ideen achten sie weniger. Die meisten Kandidatenfaltblätter enthalten ellenlange Programme, für die sich niemand interessiert, weil sich nach dem Geschriebenen die Parteien kaum unterscheiden. Wer will nicht Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität? Wer will nicht Arbeit für alle, einen aktiven Umweltschutz und soziale Gerechtigkeit? Erst in der praktischen Politik zeigen sich die Unterschiede.

Eine Visitenkarte mit Bild oder eine Postkarte mit Porträtphoto sind unentbehrlich. Ich habe eine Postkarte verwendet, die im unteren Teil eine weiße Unterschriftenzeile hatte, die ich für Widmungen oder Unterschriften verwenden konnte. Am Anfang kam ich mir wie ein Filmstar vor, der Autogramme gibt. Insbesondere Kinder waren dankbare

Abnehmer dieser bunten Porträtphotos. »Wie heißt du denn?« -»Ich heiße Manuela!« Ich schrieb in die Zeile: »Für Manuela von Joachim Becker.« Die Kinder haben dann diese Karten mit nach Hause gebracht und in ihrem Zimmer unter Mick Jagger und Nino de Angelo aufgehängt. Es war schon ein merkwürdiges Gefühl, mein Photo neben Nina Hagen an einer Pinnwand zu entdecken. Diese bunten Postkarten fanden überall Platz: am Tresen in der Gaststätte, am Arbeitsplatz, am Feuerwehrspind und auf dem Vertiko.

Im Wahlkampf spielt die Familie zunehmend eine größere Rolle. Die Wähler wollen wissen, in welchem sozialen Umfeld der Kandidat lebt, wie seine Frau aussieht und ob seine Kinder genauso ungezogen sind wie andere Kinder.

Wer eine intakte Familie hat, sollte sie vorzeigen. Wer Probleme innerhalb der Familie hat, sollte keine falsche Idylle vorspielen. Die sozialen Kontakte einer Familie, auch wenn der Bewerber aus einer anderen Stadt stammt, sind so groß, daß sich Probleme nicht verheimlichen lassen. Man darf dem Wähler nichts vormachen. Nach der Wahl offenbaren sich dann die Probleme des Gewählten und zerstören damit seine persönliche Glaubwürdigkeit.

Die Familie ist vom Wahlkampf stark beansprucht. Eine Wahl gegen die Ehefrau zu gewinnen ist nach meinem Urteil sinnlos. Wer keinen Partner hat, der das politische Engagement mitträgt, sollte an seinem angestammten Berufe festhalten.

In Baden-Württemberg werden, wie auch in Bayern, die Bürgermeister direkt von der Bevölkerung gewählt. Sozialdemokratische Bewerber haben dabei nur dann eine echte Chance, wenn sie aussehen wie CDU-Mitglieder. Es ist merkwürdig, daß an sozialdemokratische Bewerber besondere Maßstäbe angelegt werden: Ein SPD-Mitglied fährt beispielsweise keinen Mercedes, trägt keine teuren Anzüge oder gar Bally-Schuhe.

Von einem SPD-Politiker wird erwartet, daß er gut proletarisch aussieht, seine Frau einen altbackenen Eindruck macht und seinen Kindern ständig die Nase läuft. Sozialdemokratische Bewerber laufen mit Netzhemd und kurzen Hosen im Stadtgarten umher und machen einen verschwitzten Eindruck.

Ein Bewerber der CDU hat es da einfacher: Er hat weiße Haare wie Bundespräsident von Weizsäcker, ein gepflegtes Äußeres, ihn schmückt ein bürgerliches Adelsprädikat, also führt er den Vornamen Professor oder Doktor. In seiner Freizeit entspannt er sich beim Golf- oder Tennisspiel, streicht das Cello und ist Mitglied des örtlichen Rotary Clubs.

Ideale Kandidaten vermitteln Bürgernähe und Distanz zugleich. Dabei fällt mir Walter Scheel ein, der sowohl eine Glatze als auch ein Lockenköpfchen hat.

Ideal im Wahlkampf sind Mohair-Anzüge. Besonders empfehlenswert ist die Farbe Taubenblau als Mehrzweckwaffe. Allerdings muß man mehrere Anzüge in farblichen Abstufungen haben, damit bei den Bürgern nicht der Eindruck erweckt wird, als würde man ständig denselben Anzug tragen. Dadurch würde ein Hauch von Unsauberkeit vermittelt. Nach einem Wahlkampftag braucht ein _(Im Bundestagswahlkampf 1983 mit Ehefrau ) _(Ingrid. )

Anzug mindestens drei Tage, um die Mischung aus Pommes-frites-Geruch, Rauch und Gaststättendunst wieder loszuwerden. Die Hosen müssen jeden Tag aufgebügelt werden. Hier empfiehlt sich ein Abkommen mit einer Reinigung, die nur die Hose oder den Anzug kurzfristig aufbügelt. Hosen mit Falten wie eine Ziehharmonika, die auf der Bühne des Wahlkampfs sofort erkennbar sind, signalisieren eben unverzeihliche hausfrauliche Schwächen der Ehefrau des Kandidaten. Politische Fehler sind verzeihlich, ungebügelte Hosen nicht.

Hausbesuche wollen die wenigsten Politiker machen. Ein Angstsyndrom der Zurückweisung ist der entscheidende Hinderungsgrund. Das ist verständlich. Es kostet außerordentlich viel Überwindung und Kraft, diesen Basiswahlkampf zu führen.

Und dennoch: Hausbesuche sind das A und O, sie sind wichtig. Jeder Wahlkämpfer muß durch diesen Häutungsprozeß. Er muß es so lange machen, bis es ihm Spaß macht.

Hausbesuche in Villengegenden sind einfach. Dort sind die Menschen aufgeschlossen und freundlich. Besonders schwierig ist es in Hochhauskomplexen. Dort begegnet einem viel Mißtrauen, Aggression und viel menschliche Einsamkeit. Durch den Spion wird der Besucher gemustert, den die meisten für einen unwillkommenen Handelsvertreter oder Drücker halten, also jemanden, der einem irgendwelche Produkte verkaufen will.

Das tägliche Ziel um sechs Uhr in der Frühe müssen für Sozialdemokraten Fabriktore und Büroeingänge sein. Sie müssen schon Monate vor dem Wahltag damit beginnen und sich den Arbeitern ihres Wahlbezirks vorstellen.

Für Wahlkämpfer ist die gleitende Arbeitszeit schlimm. Man hat den Eindruck, daß man vor den Fabriktoren seine Zeit verplempert. Gelegentlich kommt ein kleines Gespräch zustande. Die Fröhlichkeit der arbeitenden Menschen Viertel vor sieben hält sich in Grenzen. Vielen steht ein Tag der Monotonie bevor. Für mich war erschreckend, daß es schon frühmorgens viele Alkoholfahnen gibt.

Die Zeit zwischen sieben und acht Uhr morgens gehört den Angestellten. Den besten Erfolg hat man, wenn man sich an den zentralen Umsteigestellen des öffentlichen Personennahverkehrs aufhält. Hier erreicht man die Angestellten von Banken und Versicherungen, die schon wahlberechtigten Schüler und Studenten und die frühaufstehenden Hausfrauen.

Nur Anfänger im Wahlkampf gehen gegen 22 Uhr nach Hause. Das ist völlig falsch, weil nach 22 Uhr in den Gaststätten wichtige Zielgruppen anzutreffen sind. Die Abendstunde an den Stammtischrunden der Mitglieder von Sportvereinen, Gesangvereinen und Freizeit- und Hausfrauengruppen ist die Stunde der Wahrheit.

Die Bürger schütten ihr Herz aus und erzählen von ihren Bedrängnissen, und ich erzähle ihnen von meinen. Von dem Kampf um jede Stimme, von den finanziellen Sorgen und auch von den Perspektiven, an denen sich meine politische Überzeugung orientiert. Nirgendwo zeigt sich ein Kandidat ungeschützter als in jener Stunde, die ihn zeichnet von Müdigkeit und in der Überforderung.

Informationsstände sind zentrale Mittel einer Wahlkampfkampagne, insbesondere an Samstagen in der Innenstadt. In größeren Städten ist zu berücksichtigen, daß die Info-Stände überwiegend von Menschen besucht werden, die in dieser Stadt gar nicht wählen, aber all die teuren Wahlgeschenke wie Luftballons und Kugelschreiber für ihre Kinder mit nach Hause nehmen. An Sonnabenden darf man deshalb nur billige Flugblätter bereithalten. Kinder holen sich Aufkleber, deren Wert meist zwischen 30 und 50 Pfennig liegt.

Anstelle großer Geschenke empfehle ich Zuckerwatte für die Kinder. Das kostet eine geringe Mietgebühr für den Wagen; die Kosten des Zuckers für diese klebrige Watte fallen nicht ins Gewicht.

Wer sich in Süddeutschland als Hobbykoch präsentiert, nimmt bei den Wählerinnen große Nachteile in Kauf. Eher versteht eine Frau ihren Mann beim Seitensprung, als daß sie ihm ihre Küche fürs Kochen zur Verfügung stellt. Der SPD-Europa-Abgeordnete Rolf Linkohr, ein sehr sachkundiger und liebenswürdiger Politiker, hat sich in seiner Wahlbroschüre bei den Oberbürgermeisterwahlen in Friedrichshafen, die er verlor, am Küchenherd abbilden lassen. Wer als Politiker gerne kocht und auch noch so aussieht, sollte es im stillen tun.

In den Wahlkämpfen werden den Kandidaten auch prominente Politiker der eigenen Partei für eine Großveranstaltung im Wahlkreis zugeteilt. Eine Veranstaltung mit einem Spitzenpolitiker im Hinterzimmer einer Gaststätte ist Verschwendung. Hier ist es wie bei den großen Unterhaltungsstars: Unter mindestens 2000 Teilnehmern kann ein Spitzenpolitiker nicht gewonnen werden.

Die politischen Stars kommen meistens zu spät. Das ist für die Organisatoren ein großes Problem. Der örtliche Kandidat, der die Verspätung überbrücken muß, filibustert sich zu Tode. Er muß seine Wahlkampfrede ausdehnen wie ein Kaugummi, das dabei jeglichen Geschmack verliert.

Lothar Späth und Erhard Eppler sind abschreckende Beispiele. Eppler war im Landtagswahlkampf 1976 kaum pünktlich. Nach Pforzheim kam er nörgelnd und mißmutig gelaunt. Eine große Gaststätte, der Martinsbau, war ihm als Wahlkämpfer zu klein. Er meinte damals, er könnte die große Jahnhalle mit 2000 Besuchern füllen, eine erkennbare Fehleinschätzung.

Späth machte seinem Namen alle Ehre. Beim Oberbürgermeister-Wahlkampf

in Pforzheim 1985 kam er fast zwei Stunden zu spät. Die Dramaturgie der Wahlkampfveranstaltung fiel zusammen wie der Schaum auf einem Pils.

Mein Mitbewerber hatte zur Unterstützung seines Wahlkampfes den Ministerpräsidenten Späth und den Stuttgarter Oberbürgermeister Manfred Rommel nach Pforzheim eingeladen. Späth als Wahlhelfer ist nicht überall zugkräftig. Die Bürger des Landes kennen ihn reichlich und finden es nicht besonders, wenn er als CDU-Landesvater einen CDU-Kandidaten unterstützt. Bekanntes kann auch langweilig sein.

Bei Rommel wissen die Bürger, daß er amüsant redet und gut Witze erzählen kann. Wer also die Entscheidung hat, entweder im Fernsehen »Dalli Dalli« anzuschauen, eine Sendung für besonders intelligente Leute, oder Rommel zu sehen, wird sich eher für den Stuttgarter OB entscheiden.

Mir blieb bei diesem Großaufgebot nichts anderes übrig, als auch einen sozialdemokratischen Bundespolitiker aufzubieten. Die Idee, Oskar Lafontaine zu Hilfe zu bitten, habe ich fallengelassen: für den Pforzheimer Geschmack wäre er zu links gewesen.

Über den SPD-Landesverband Baden-Württemberg wurde mir auch signalisiert, daß sich der Münchner Oberbürgermeister Georg Kronawitter in einer Grummelphase befände und keine echte Bereicherung für einen Wahlkampf darstelle.

Wenige Tage vor der Wahl kam Johannes Rau aus Düsseldorf in die Pforzheimer Jahnhalle, pünktlich. Ich habe noch nie einen Wahlkämpfer erlebt, der so schnell den Kontakt zum Publikum herstellen konnte, der seine Menschlichkeit so in eine Rede einbringen konnte.

Den Kritikern von Johannes Rau sei empfohlen, ihn im Wahlkampf zu beobachten. Die Fehler, die man ihm zurechnet, entstammen seinem Umfeld. Das äußere Dekorum des Wahlkampfes, wie ich es bisher beobachtet habe, ist eben zu hausbacken.

Bundeskanzler Kohl fliegt mit dem Hubschrauber an die Nordsee; Johannes Rau fährt mit seiner Familie im Kleinbus, der unterwegs wegen Motorschadens den Geist aufgibt. Ein Bundeskanzler-Kandidat muß sich so bewegen, als ob er schon Kanzler wäre.

Staatsmännische Statur und Bürgernähe schließen sich niemals aus. Von politischen Führern darf die Bürgernähe jedoch nicht übertrieben werden. Das Symbol verliert seine Strahlkraft durch zu große Nähe. In Pforzheim war Raus Unterstützung für mich entscheidend. Die Zuhörer sahen in ihm durchaus den neuen Bundeskanzler.

Am Tag der Kandidatenvorstellung darf ein Politiker keine andere Verpflichtung übernehmen. Er muß morgens _(Oben links: vor der Hamburger ) _(Bürgerschaftswahl 1982; rechts: beim ) _(Kinderfest im Kanzleramt vorletzte ) _(Woche; ) _(unten: vor der Bundestagswahl 1983 im ) _(niederbayrischen Bayerbach. )

ruhig ausschlafen, ins Schwimmbad gehen, sich entspannen, einen Spaziergang machen und sich auf seine Vorstellungsrede konzentrieren. Im berühmten Fernsehduell zwischen Nixon und Kennedy 1960 kam Nixon abgehetzt ins Studio und hatte einen schlechten Tag erwischt. Diese Fernsehdiskussion war für Kennedy wahlentscheidend.

Zur Vorbereitung auf den Wahlkampf gehen amerikanische Politiker in eine Schönheitsfarm, specken ab und lassen sich bräunen. Schlank und braun zu sein, sind immer Zeichen von Jugendlichkeit und Erfolg. Ein bißchen Frische im Gesicht, durch ein paar Tage in den Bergen eingeholt, signalisiert Gesundheit und Vitalität. Viele sind mir zu braun, braun wie ein Landjäger. Der Braun-Fetischismus wird überreizt und die Blödsinnigkeit offenkundig.

Viel Publikum trifft der Kandidat auf den Sportplätzen, insbesondere beim Fußball. Er muß sich zu Beginn eines großen Spiels mit Freunden an den Haupteingang stellen und den Eindruck erwecken, daß er mit ihnen gerade diskutiert. Nach der Begrüßung auf der Ehrentribüne muß er sich unter den Zuschauern bewegen.

In der Pause wird der Kandidat in der Clubkantine erwartet. Er sollte alle Besucher an den Tischen begrüßen und ihnen die Hand reichen. Viele Kandidaten spenden einen Ball, damit ihr Name vom Stadionsprecher genannt wird. Man kann sich in der Pause aber auch - und das kostet gar nichts - wegen eines wichtigen Telefongespräches ausrufen lassen. Diejenigen, die diesen Trick nicht durchschauen, finden, daß der Kandidat ein wichtiger Mann ist. Die anderen, die den Trick kennen, loben seine Pfiffigkeit.

Auf Jahrmärkten gibt es viele Besucher. Am besten durchwandert der Kandidat mit seiner Familie das Bierzelt. Meine Beobachtung sagt mir, daß auf den Jahrmärkten die Menschenmasse den Weg gegen den Uhrzeiger sucht. Sie laufen eben ihre Runden. Der Politiker muß mit dem Uhrzeigersinn laufen, damit die Menschen ihn sehen. Läuft er mit der Menschenmenge, sieht er nur die Nackenhaare seines Vorgängers, sein Hintermann sieht seine Nackenhaare. So kann er unter Umständen stundenlang laufen, ohne daß ihn nur eine Person wiedererkennt.

Vor der Wahl darf ein Kandidat das Wort Niederlage nicht in den Mund nehmen. Der Bundestagsabgeordnete Dieter Spöri, Spitzenkandidat der SPD Baden-Württemberg im Bundestagswahlkampf 1987, hat bei seiner Nominierung erklärt, daß er es als persönliche Niederlage empfände, wenn die SPD am 25. Januar 1987 in Baden-Württemberg keinen Zuwachs zu verzeichnen habe. Wer das Wort Niederlage als Politiker vor Wahlen in den Mund nimmt, hat ohne Not negative Punkte gesammelt.

Der unterlegene Kandidat verabschiedet sich von den Wählern in einer Schlußanzeige in der Tageszeitung. Er dankt und beweist Stil, demokratische Kultur und persönliche Reife. Bei der vorbereiteten Wahlparty ist der Kandidat von Anfang an dabei. Er kneift nicht und verläßt nicht aus Enttäuschung die Wahlparty zu früh. Der Verlierer betrinkt sich auch nicht. Er bewahrt Fassung und versucht, den seelischen Schmerz und die Aufgewühltheit zu begrenzen durch das freundschaftliche Gespräch, den ruhigen und besinnlichen Austausch von Gedanken und durch den Dank an die Freunde.

Im Bundestagswahlkampf 1983 mit Ehefrau Ingrid.Oben links: vor der Hamburger Bürgerschaftswahl 1982; rechts: beimKinderfest im Kanzleramt vorletzte Woche;unten: vor der Bundestagswahl 1983 im niederbayrischen Bayerbach.

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