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aus DER SPIEGEL 1/1954

Bertrand Russell: SATAN IN DEN VORSTÄDTEN. Erstes belletristisches Buch des achtzigjährigen Mathematikers, Philosophen, Soziologen und Nobelpreisträgers. Der greise Story-Schreiber hat die fünf Geschichten des schmalen Bandes, wie er bemerkt, zu seinem Vergnügen verfaßt. Aber es ist ein diabolisches Vergnügen, mit dem hier - etwa nach dem Muster des in solcherart zynischer Zeitkritik größeren Shaw - perfekt konstruierte Minen gelegt werden, um den Menschen aus Positionen vorgetäuschter Sicherheit zu sprengen. Diese Wirkung verpufft; die Lektüre hält auf Distanz zu einem der allzu aufgeklärten Alten, denen der Mensch nur noch Spielzeug ist, ein amüsantes Etwas. (Holle-Verlag, Darmstadt. 261 Seiten, 9,80 Mark.)

Han Suyin: ALLE HERRLICHKEIT AUF ERDEN. Die Verfasserin, Ärztin und chinesischholländischer Mischling, erzählt ihre Liebesgeschichte mit einem britischen Reporter in Hongkong. Zeit: die Jahre um Mao Tse-tungs Siegeszug. Im Hintergrund steht das Problem der Frau zwischen den Rassen und Fronten (die Verfasserin hat Sympathien für Mao). Die Doktorin Han Suyin kokettiert mit den menschlichen und politischen Fragestellungen auf unterhaltsame, zuweilen etwas sentimentale Weise. (Holle-Verlag, Darmstadt. 337 Seiten, 12,80 Mark.)

Bernard Shaw: BRIEFWECHSEL MIT SEINER FREUNDIN STELLA PATRICK CAMPBELL. Shaws Briefe an seine erste »Eliza« (in »Pygmalion"), in die er sich als Sechsundfünfzigjähriger rhetorisch verliebt hatte, ziehen sich bis zu beider Lebensende als ein munteres Gemisch von Egozentrik, Bosheit und Geiz hin (SPIEGEL 45/1952). Eine Quelle bissigen Vergnügens für alle, die der Showman Shaw amüsiert, und zudem ein interessantes Kapitel Theatergeschichte. (Wolfgang Krüger Verlag, Hamburg. 389 Seiten, 14,80 Mark.)

E. O. Reischauer: JAPAN. Reischauer berichtet von Japan mit der geduldigen Methodik, die politische Berater von Besatzungsgenerälen anwenden müssen, um ihre Chefs politische Mores zu lehren. Der jetzige Harvard-Professor Reischauer gehörte jahrelang zu General MacArthurs »Braintrust« in Tokio. Seine Studie ist nützlich als Unterrichtung über Japans Vergangenheit, Gegenwart und Zukunftsaussichten. Interessanter aber ist sie als Dokument amerikanischer Fernostpolitik. Safari Verlag, Berlin. 338 Seiten, 12,50 Mark.)

Margret Boveri: 16 FENSTER UND 8 TUREN. Kauf und Umbau einer Westberliner Wohnbaracke als - von der Sache her - heiterer, bedrückender und etwas weitläufiger Brief- und Schlüsselroman. Im hauchdünnen Pseudonym Dr. Katrin Torlani keineswegs verborgen, kämpft und unterhandelt Dr. Margret Boveri - von »krötenhaftem Aussehen«, aber auch »gewissem Charme« - zähe, zügig, nicht immer siegreich mit zahlreichen Ämtern, Unternehmern und Privatleuten. Die große Politik - Wiedergutmachung, Wiederbewaffnung, Notaufnahme - wird von dem kleinen Projekt aus ohne Verrenkung angeleuchtet. Für Berliner Leser eine Sensation: im Zorn über die Währungspraktiken des westlichen Senats bekennt die Journalistin Boveri grimmig-froh, was sonst geniert verschwiegen oder öffentlich gescholten wird - den vorteilhaften Einkauf ostzonaler Klosett-Becken. (Karl H. Henssel Verlag, Berlin. 224 Seiten, 8,90 Mark.)

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