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WEHNER Neu verpackt

aus DER SPIEGEL 10/1966

Nach flüchtigem Händedruck nehmen die beiden Herren Platz: der eine, SPD-Fraktionsgeschäftsführer Gerhard Jahn, hinter einem breiten Schreibtisch aus Teakholz, der andere in einem schwarzen Ledersessel, dessen Rücklehne zum gemütlichen Gespräch mit leichtem Ruck in halbe Liegestellung zu bringen ist.

Aber das Thema, das die beiden Herren zu bereden haben, schließt Gemütlichkeit aus. Ohne Höflichkeitsfloskel kommt aus dem Schreibtisch-Sessel die Frage: »Kennen Sie den Grafen Nayhauß?«

Von einem Ja oder einem Nein auf diese Frage kann es abhängen, ob Funktionäre der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands mit einem Parteiverfahren zu rechnen haben oder nicht. Seit dem Sozialisten-Verfolger Otto von Bismarck hat kein Adliger die deutschen Sozialdemokraten derart nervös gemacht wie in den letzten Wochen Mainhardt Graf Nayhauß-Cormons, 39, Bonner Korrespondent der Illustrierten »Quick«.

SPD-Chef Willy Brandt selbst hatte die Ermittlungen nach Nayhauß-Kontakten angeordnet. Als Untersuchungsrichter bestellte Brandt am 6. Januar Gerhard Jahn; ihm räumte er das eigene Vorsitzerzimmer in der Bonner SPD-Baracke und das Recht ein, jeden Parteiangestellten zum Verhör zu zitieren. Brandts Auftrag an Jahn: Wo sitzen im SPD-Vorstand »Heckenschützen«?

Mit über 700 000 eingetragenen Mitgliedern, die nach außen stets Solidarität mit der Parteiführung bekunden, ist die SPD bisher nicht nur die mitgliedstärkste, sondern galt auch als disziplinierteste Partei der Bundesrepublik.

Daß diese Disziplin angekratzt ist, mußte der Parteivorstand ausgerechnet von einem prominenten CSU-Politiker erfahren: dem Reichsfreiherrn von Guttenberg.

Im Dezember schickte der CSU-Baron »Frohe Weihnachtsgrüße« auch an den SPD-Vizechef Herbert Wehner, der sich in Spjuterum auf der schwedischen Insel Öland erholte. In seinem Brief bedauerte Guttenberg, die Festtagsruhe des ihm seit der SPIEGEL-Affäre 1962, als beide über die Möglichkeiten einer Großen Koalition verhandelten, persönlich und politisch verbundenen Wehner mit der Nachricht stören zu müssen, daß die Münchner Illustrierte »Quick« unter dem Titel »Offener Brief an die SPD-Genossen« einen Anti-Wehner -Artikel vorbereite. Das Material zu dieser Attacke stamme von SPD-Funktionären, die ihren stellvertretenden Vorsitzenden zu Fall bringen wollten.

Dem Brief legte Guttenberg eine Anlage bei: ein Exposé des geplanten Artikels auf achteinhalb gelben Schreibmaschinenseiten. Darin machen die namentlich nicht genannten SPD-Leute Wehner den Vorwurf, er

- dulde Agenten des Bundesamts für Verfassungsschutz innerhalb der SPD,

- strebe durch einen organisatorischen Umbau der Führungsspitze die Alleinherrschaft in der SPD an und

- unterdrücke in der Partei jedwede Demokratie.

Die anonymen Sozialdemokraten hatten auch in Wehners Vergangenheit gewühlt. Kurt Schumacher habe auf dem Sterbebett gewarnt: »Laßt diesen Mann nie in der Partei hochkommen.« Die Informanten weiter: Vor 1933 sei Wehner einer der zehn wichtigsten Kommunisten in Deutschland gewesen. Auch sei nie geklärt worden, ob er als Emigrant in Moskau nicht andere Genossen während der stalinistischen Säuberungsaktionen ans Messer geliefert habe. Moralische Nutzanwendung der Attacke gegen Wehner: Dieser finstere Mann, der unter Hitler nicht Nazi wurde, sondern zu Stalin nach Moskau ging, sucht nun den Parteiapparat der SPD an sich zu reißen.

Wie schwach überhaupt die ganze SPD-Führung sei, versuchten die SPD -Informanten mit der Wiedergabe eines angeblichen Gesprächs zwischen Willy Brandt, dessen Frau Rut und Herbert Wehner deutlich zu machen. Ihre Schilderung: Am Abend des 20. September letzten Jahres, einen Tag nach der Bundestagswahl, in der die SPD zweiter Sieger blieb, habe die gebürtige Norwegerin Rut Brandt im Gästehaus Berlin in der Bonner Joachimstraße ihrem Mann gesagt: »Wir müssen Deutschland wieder verlassen. Dies Land will dich nicht. Sie haben wieder eine Schmutzkampagne gegen dich geführt. Gehen wir zurück nach Norwegen.« Hier habe sich Wehner eingeschaltet und Brandt erklärt: »Wenn du weggehst, dann gehe ich auch weg.«

Wehner darüber zum SPIEGEL: »Ich war gar nicht bei diesem Gespräch!«

Noch aus Schweden bedankte sich Wehner bei Guttenberg in einem Brief, in dem er von einem »wehmütigen Gefühl des Überdrusses« sprach, »weil es sich um das immer wieder neu panierte Machwerk altbekannter Verleumdungen« handele.

Weil die Verleumdungen diesmal nicht aus der CDU/CSU, sondern aus den

eigenen Reihen gekommen waren, informierte Wehner nach Rückkehr aus seinen Weihnachtsferien seinen Parteichef. Wehner zu Brandt: »Das ist ein Stoß gegen das Nervenzentrum der SPD.« Brandt zu Wehner: »Ja, das muß ich mir überlegen.«

Ungeachtet seines »wehmütigen Gefühls des Überdrusses« empfing Wehner am 5. Januar in seinem Abgeordnetenbüro im Bonner Bundeshaus den »Quick« -Korrespondenten Graf Nayhauß. Vom Grafen erfuhr der SPD-Vize nun auch offiziell, was Guttenberg ihm schon mitgeteilt hatte: Eine Clique in der eigenen Partei hat quergeschossen.

Zur Vervollständigung seiner Informationen stellte Nayhauß zwanzig Fragen in einer Art, die Wehner als arrogant und aggressiv empfand. Wehner zum SPIEGEL: »Dennoch habe ich jede Frage beantwortet, auch die nach unserem Zusammenwirken mit dem Verfassungsschutz. Eine große Partei muß mit den Sicherheitsorganen zusammenarbeiten. Wir alle haben uns gegen kommunistische Infiltration zu schützen.«

Am Abend desselben Tages, während der Gratulationscour zum 90. Geburtstag Konrad Adenauers, berichtete Wehner seinem Parteichef Brandt, aus den Fragen von Nayhauß habe er entnehmen müssen, daß es in der SPD Verleumder gebe. Brandt: »Das will ich jetzt genau wissen.«

Wehner jedoch äußerte starke Bedenken gegen das von Brandt gewünschte Ermittlungsverfahren: »Ich halte das für untauglich. Wer solche Dinge lanciert, aber es nicht zugibt, ist nicht zu fassen. Am Ende, läuft alles gegen mich, weil ja alle glauben, ich hätte das Verfahren verlangt.«

Doch der Parteichef beschied seinen Vize: »Das ist meine Sache, du hast nichts damit zu tun.«

Vernehmer Jahn bezog daraufhin Brandts Arbeitszimmer in der Bonner SPD-Baracke. Zu einem der ersten Verhöre beorderte er den Chefredakteur des sozialdemokratischen Parteiorgans »Vorwärts«, Jesco von Puttkamer, früher ein Freund Wehners. Unter vier Augen, ohne Protokollführer, befragte Jahn den Partei-Journalisten, ob er dem Illustrierten-Mann Material gegeben habe. Puttkamer: »Nein!« Im Gegenteil: Er habe alle Bitten des Grafen, mit ihm zu sprechen, abgelehnt und ihn an Wehner selbst verwiesen.

Freiwillig bekannte dagegen Brandts engster Vertrauter und Berlins Bonn-Senator Klaus Schütz, daß er mit Nayhauß gesprochen habe. Schütz berichtete Jahn: Nayhauß habe sich im Godesberger Weinlokal »Maternus« an ihn herangepirscht. Der Graf habe sich zunächst als SPD-Wähler zu erkennen gegeben und Ratschläge für bessere Wahlkampfführung der Sozialdemokraten erteilt. In das Tisch-Gespräch über Werbemethoden und über den Straßenbau in Bad Godesberg habe der »Quick« -Mann dann »ein oder zwei Stimmungsfragen« eingestreut: Wie denn die führenden SPD-Leute zu Wehner stünden? Schütz zu Jahn: »Erst später, als ich von seinem Artikel erfuhr, habe ich gemerkt, worum es ihm eigentlich ging.«

Auch der frühere SPD-Pressechef Fritz Heine beteuerte gegenüber Jahn; er habe nicht negativ über Wehner geplaudert. Schließlich konzentrierten sich Jahns Ermittlungen auf die Genossen des SPD-Ost-Büros und besonders auf dessen Chef, Stephan Thomas.

Die Anti-Wehner-Gruppe hatte verbreitet, Thomas habe am Sterbebett von Kurt Schumacher gestanden und dessen letzte Warnung vor Wehner mitgehört. Dazu Thomas: »Ich war am Tage des Ablebens von Kurt Schumacher überhaupt nicht in Bonn.« Und die Bundestagsabgeordnete Annemarie Renger, die langjährige Sekretärin Schumachers, bestätigte: Thomas war nicht dabei, als Kurt Schumacher starb. Im übrigen habe Schumacher Wehner sehr geschätzt und großes Vertrauen gehabt.

Zu der Behauptung, Schumacher habe ihn nach dem Kriege beauftragt, Wehners Verhalten in der Moskauer Emigration zu untersuchen, versicherte Thomas: »Völliger Quatsch!«

Auch das Verhör von sieben weiteren SPD-Funktionären, die vor allem wegen ihrer Besuche im Godesberger Lokal »Maternus« in den Kreis der Verdächtigen um den Stammgast Nayhauß geraten waren, erschloß dem Vernehmer Jahn zunächst keinen Hinweis auf undichte Stellen im Parteiapparat.

Nicht Jahn, wohl aber einzelne Mitglieder des 33köpfigen SPD-Vorstands glaubten am letzten Wochenende, wenigstens einen der »Heckenschützen« (so die parteiamtliche Formulierung) aufgespürt zu haben: Rudi Maerker, Angehöriger des SPD-Ost-Büros und Ortsvereinsvorsitzender der SPD in Beuel bei Bonn.

Maerker gehörte früher der SED in Ost-Berlin an. Wegen »parteischädigenden Verhaltens« hatte er im Zuchthaus Bautzen einsitzen müssen. Jahre später begegnete er in der Bonner SPD-Baracke einem Mann, den er aus jenen Tagen kannte. Dieser Mann war früher Angehöriger des Staatssicherheitsdienstes der Sowjetzone gewesen. Maerker fragte ihn, was er im SPD -Hauptquartier zu suchen habe. Der alte Bekannte: »Ich habe für den Vorstand Sicherheitsaufgaben zu erledigen.«

SPD-Genossen vermuten, aus Verbitterung über die Beschäftigung dieses früheren SED-Mannes durch den Parteivorstand habe Maerker zu Nayhauß geplaudert.

Des Grafen Aufzeichnungen werden in der Illustrierten jedoch nicht veröffentlicht. Chefredakteur Hagen letzten Freitag zum SPIEGEL: »Nayhauß unterrichtete mich- im November über die Informationen, die er aus der SPD gegen Wehner erhalten hatte. Am Telephon sagte ich bereits damals meinem Korrespondenten: Das ist interessant, aber ich glaube nicht, daß ich es drucken werde. Dennoch: Geh der Sache weiter nach!«

Im Dezember schickte Nayhauß 26 Schreibmaschinenseiten an die Privat -Adresse seines Chefredakteurs in München-Gräfelfing. Auf dem braunen Briefumschlag des Bonner »Quick« -Büros prangte ein Stempel mit der Aufschrift: »Wegen mangelhafter Verpackung postalisch neu verpackt. Deshalb verspätete Zustellung.«

Wenige Tage später meldete sich in der »Quick«-Chefredaktion in Münchens Brienner Straße 26/28 ein Besucher, der sich als Beamter des Bundesamtes für Verfassungsschutz in Köln auswies. Für Hagen, der auf Winterurlaub in die Schweiz gefahren war, nahm sich Vize-Chefredakteur Günter Prinz des Gastes an.

Der Mann aus Köln erklärte, ihm sei bekannt, daß der »Quick« Material gegen Wehner vorliege. »Freundschaftlich« wolle er bitten, im Falle einer Veröffentlichung davon abzusehen, zwei oder drei Namen zu erwähnen. Er müsse darauf hinweisen, daß die »Quick« sonst eventuell den Tatbestand des Geheimnisverrats erfülle. Und einen Prozeß vor dem Bundesgerichtshof wolle man doch vermeiden.

Aus dem Urlaub zurück, entschied Hagen: »Ich bin kein Freund der SPD. Aber ein Herbert Wehner in der Spitze dieser Partei ist mir lieber als ein Radikalinski, der nicht Wehners Leben gelebt hat. Denn der Renegat Wehner garantiert, daß sich die SPD nicht auf Abenteuer mit den Sowjets einläßt.«

Gerüchte, der SPD-Schatzmeister Nau habe der Illustrierten 30 000 Mark Ausfall-Honorar angeboten, wenn der Artikel nicht erscheine, weist Hagen zurück: »Wenn dieses Angebot gekommen wäre, hätte ich die Geschichte gegen meine eigene politische Überzeugung gedruckt.«

Am Wochenende- signalisierten SPD -Funktionäre ihrem Vorstand in Bonn: Eine andere deutsche Illustrierte, habe eine Reporter-Schar nach Bonn geschickt mit dem Auftrag, die von »Quick« nicht veröffentlichten Informationen herbeizuschaffen.

Parteichef Schumacher, Wehner (1950)

Agenten im Apparat?

»Quick«-Chef Hagen

Ein Herr vom Verfassungsschutz ...

»Quick«-Korrespondent Graf Nayhauß

... warnte vor Geheimnisverrat

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