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ITALiEN Neue Barbaren

Zum ersten Mal soll im Touristenland Italien ein nagelneues Hotel abgerissen werden.
aus DER SPIEGEL 28/1979

Ein Bau von obszöner Scheußlichkeit« fand Mario De Cunzo, oberster Denkmalpfleger in der Region Kampanien. »Ein Verbrechen an der Natur«, erregte sich der angesehene Architekt Antonio Jannelo. Zeitungen in Neapel und Rom tauften den Betonklotz an der Mittelmeerküste bei Amalfi »Il Mostro«, das Ungeheuer.

Jetzt soll das Scheusal verschwinden: Ende Juni beschloß die Regionalregierung von Kampanien (Sitz: Neapel), das unter Verstoß gegen die Regeln gebaute, noch nicht in Betrieb genommene Hotel Fuenti in Vietri sul Mare müsse auf Kosten des Bauherrn abgerissen werden. Denn nur durch Demontage und Wiederherstellung der Vegetation könne man dem »verschandelten Ort« seine ursprüngliche, natürliche Schönheit zurückgehen.

Der Befehl aus Neapel ist in den zahllosen Auseinandersetzungen zwischen italienischen Naturschützern, Städteplanem und Bauspekulanten ohne Beispiel. Zwar stoppten hier und da schon mal Amtsrichter oder Bürgermeister illegale Bauten. Aber noch nie hatte eine Top-Behörde angeordnet, ein nagelneues, komplett eingerichtetes Hotel in einer Touristengegend zu demontieren, weil es die Landschaft verschandelt.

Die Natur- und Kulturschutzvereinigung Italia Nostra, die seit Jahren gegen das »Mostro« Fuenti Sturm lief, feierte den Abriß-Beschluß als einen Sieg. Endlich, jubelte Antonio Cederna, Vorstandsmitglied von Italia Nostra, »endlich mal eine gute Nachricht für die Verteidiger der Landschaft«.

Der Kampf um das Hotel Fuenti hatte schon 1968 begonnen. Damals billigte die Behörde für Landschaftsschutz das Projekt, das ein Bauvolumen von 34 000 Kubikmetern vorsah. Und der kommunistische Bürgermeister von Vietri sul Mare, der den Tourismus ankurbeln und neue Jobs schaffen wollte, erteilte dem Unternehmer Orfeo Mazzitelli bereitwillig eine Baulizenz.

Doch der städtische Referent für öffentliche Arbeiten, Ovidio Gagliardo, erhob sogleich Einspruch, er schrieb Protestbriefe, alarmierte die Öffentlichkeit. Das Mammuthotel, mahnte Gagliardo, »würde ein Gebiet von außerordentlicher Schönheit zerstören, es wäre die schlimmste Verschandelung der ganzen Riviera von Amalfi«.

Unter dem Druck von Italia Nostra besann sich auch die Behörde und versuchte, den Schand-Bau zu stoppen, ein wirrer Rechtsstreit begann. Bauherr Mazzitelli ließ sich jedoch nicht bremsen. Felsen wurden gesprengt, Steineiehen, Ginster- und Rosmarinbüsche fielen den gefräßigen Baggern zum Opfer. Die Cassa per il Mezzogiorno, also die staatliche Entwicklungsbank für Süditalien, gab einen Bauzuschuß von rund vier Millionen Mark.

Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Salerno ergaben unterdes, daß Mazzitelli zur Erlangung der Baulizenz Modelle mit falschen Angaben vorgezeigt hatte, danach fügte sich das Hotel sehr harmonisch in die Landschaft ein. Die Wirklichkeit aber sah ganz anders aus: An der zerhackten Küste entstand ein Monster-Hotel, sechs Stockwerke hoch.

Eröffnen durfte Ingenieur Mazzitelli sein 300-Betten-Haus allerdings nicht. Denn die Naturfreunde, schrieb »La Stampa« bewundernd, »ließen in ihrem titanischen Kampf nicht locker«. Und der Rechtsstreit spitzte sich zu.

Im November 1978 verurteilte das Landgericht Salerno den Ex-Bürgermeister von Vietri und den Ex-Chef der Landschaftsschutz-Behörde wegen »Amtsmißbrauchs«. Im Berufungsverfahren wurden die Angeklagten jedoch überraschend freigesprochen. Mazzitelli ließ daraufhin schon Einladungskarten für die Eröffnungs-Party seines Hotels drucken -- zu früh, denn Regionalbeamte stellten sich quer.

In ihrem Beschluß vom Juni, das Hotel Fuenti abzureißen, stützte sich die Regionalregierung auf ein Gesetz von 1939 über »den Schutz der Naturschönheiten«. Das öffentliche Interesse an der Bewahrung der Landschaft, betonte ein Regionssprecher sogar, sei weit wichtiger als andere öffentliche Interessen an der Touristenherberge, etwa der Wunsch nach neuen Jobs. Viele Einwohner von Vietri würden trotz alledem den Abbruch des Hotels absurd finden und bedauern. Sie argumentieren: Lieber ein scheußliches Hotel, von dem die Gemeinde immerhin profitiert, als statt dessen ein Bauloch, das wohl nicht mehr zuwächst.

Weit logischer erscheint den Küstenbewohnern, wenn die Behörden den Hotelier Mazzitelli am Ende mit einer hohen Geldstrafe davonkommen lassen. Demgegenüber will Italia Nostra, landesweit auf Erfolge gegen die Bauspekulanten bedacht, keinesfalls klein beigeben.

Architekt Jannino, der Vorsitzende von Italia Nostra in Kampanien: »Wir geben erst Ruhe, wenn der Schandfleck von Fuenti verschwunden ist.«

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