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Indianer Neue Büffel

Die jahrhundertelang unterdrückten Ureinwohner Nordamerikas rächen sich an den Weißen: In einträglichen Spielhöllen nehmen sie ihnen das Geld ab.
aus DER SPIEGEL 42/1993

We need a cat-house« (Wir brauchen einen Miezen-Stall), seufzt Jim Lone Elk und läßt seinen Blick bedächtig über die ausgedörrte Prärie South Dakotas schweifen. Der Wunsch des Indianers vom Stamm der Oglala-Sioux entspringt lustvoller Erinnerung an seine Zeit in Deutschland.

Drei Jahre hat Einsamer Hirsch als Sanitätsgefreiter der U. S. Army in Stuttgart gedient. Dort lernte er die Cathouses kennen: »mehrstöckig, auf jedem Stockwerk viele Zimmer und in jedem Zimmer eine schöne Frau«.

Natürlich weiß Einsamer Hirsch, daß hier in der Pine Ridge Reservation, einer der ärmsten Gegenden der USA, die wirtschaftliche Basis für ein solches Etablissement fehlt. »Deswegen muß eben ein Kasino her«, fordert der Deutschland-Liebhaber. Jedes Wochenende fahren Busse spielhungrige Sioux ins Westernstädtchen Deadwood in den _(* In der Westernstadt Deadwood im ) _(Bundesstaat South Dakota. ) Black Hills, wo einst der Revolverheld Wild Bill Hickok hinterrücks beim Pokern erschossen wurde. Im Midnight-Star-Kasino des Filmstars Kevin Kostner ("Der mit dem Wolf tanzt") und in anderen kleinen Spielpalästen ziehen einarmige Banditen und Blackjack-Dealer Indianern wie weißen Besuchern die letzten Pennys aus der Tasche.

»Die könnten wir auch kassieren«, meint Einsamer Hirsch. Und das Schnapsgeld gleich dazu, das viele seiner Stammesgenossen in Whiteclay gleich hinter der Grenze des Reservats für Feuerwasser ausgeben. Bislang darf nur Bingo in Pine Ridge gespielt werden. Doch wenn es nach Jim geht, wird sich das bald ändern.

Spielkasinos sind derzeit die Wachstumsbranche für die seit Jahrhunderten gejagten und gemordeten, unterdrückten und lange Zeit entrechteten Ureinwohner Nordamerikas. Seit 1987 der Oberste Gerichtshof in Washington einer Klage der Seminoles aus Florida stattgab und den Indianerstämmen ein Recht auf das Geschäft mit dem Spiel um Geld zusprach, verheißen einarmige Banditen und Pokertische vielen der knapp zwei Millionen US-Indianer eine goldene Zukunft.

Bereits 73 Stämme in 19 Bundesstaaten haben sich den Richterspruch und ein entsprechendes Gesetz zunutze gemacht. 23 Kasinos und 152 Bingo-Hallen werden derzeit von Indianern betrieben - Tendenz steigend.

Auf über 15 Milliarden Dollar schätzt das auf die Glitzerbranche spezialisierte Beratungshaus Christiansen/Cummings den Spielhöllenumsatz der Indianer für 1992 - »eine 100prozentige Steigerung gegenüber dem Vorjahr«.

Für 1993 stellen die Analytiker von C/C ebenso gute Prognosen: »Die Spielbetriebe der Indianer werden weiter so dramatisch wachsen wie im vorigen Jahr.« Späte Rache für das erlittene Unrecht: Der »neue Büffel«, so nennen Indianer den meist weißen Kasino-Gast, ist zum »Milliardentier« geworden.

Mit den Gewinnen, in diesem Jahr schätzungsweise sechs Milliarden Dollar, finanzieren manche Indianerstämme einen sozialen Aufstieg, auf den ihre von Arbeitslosigkeit, Alkoholismus und Krankheiten geplagten Mitglieder nicht zu hoffen gewagt hatten.

Vor wenigen Jahren sah es in nahezu allen Reservaten ähnlich aus wie heute noch bei den Sioux von Pine Ridge, wo die Arbeitslosenrate 85 Prozent beträgt. Die meisten der über 20 000 Reservatsbewohner leben von den Hilfsschecks der Indianerbehörde im Washingtoner Innenministerium.

Dewy Brave Heart, 43, unterrichtet an der Loneman-Schule Stammeskultur und die Sprache der Sioux. Der Vietnamveteran führt ein Rückzugsgefecht gegen den Verfall der überkommenen Werte seines Stammes.

Er kennt den Schuldigen, der seine Jugendlichen zu Drogen und Alkohol verführt: »Das Dollarzeichen hat den Menschen viel Schlechtes gebracht.«

Gleichwohl ist auch Brave Heart für ein Pine-Ridge-Kasino. Die Erfahrungen aus anderen Reservaten klingen zu verlockend in den Sioux-Hütten am Rande einer Karstlandschaft, die wegen ihrer besonderen Trostlosigkeit Badlands genannt wird.

Am Ufer des Mille Lacs Lake in Minnesota, rund 800 Kilometer nordöstlich von Pine Ridge, wies der Stamm der Ojibwa-Indianer seinen Mitgliedern einen Weg in die Zukunft. Im April 1991 hat die Mille Lacs Band of Ojibwa Indians ihr Grand Casino eröffnet, ein Jahr später ein zweites in einem anderen Teil des Reservats.

Seither sprießen die Neubauten nur so aus dem Boden: Ein neuer Wasserturm, eine Kläranlage, zwei Schulen, ein Krankenhaus, eine Kindertagesstätte, ein Tanzhaus, ein Rundbau für Zeremonien und bislang 37 schmucke Wohnhäuser wurden auf einer Halbinsel gleich gegenüber dem Grand Casino emporgezogen.

Zwei Drittel der 2700 Ojibwas im Reservat waren früher arbeitslos. »Heute haben wir keine Unterbeschäftigung mehr«, sagt Melanie Benjamin, die Verwaltungschefin des Reservats. »Schecks bekommt nur, wer arbeitet«, betont sie. Von den Fürsorgegeldern des Innenministeriums, welche die Indianer zuletzt immer stärker korrumpiert hätten, hält sie nichts.

Das große Vorbild der Ojibwas und aller kasinohungrigen Indianer entsteht im Bundesstaat Connecticut. Dort errichten 264 Mashantucket-Pequot-Indianer ein Spielerparadies, das nur mit den Zockertempeln in Atlantic City und Las Vegas vergleichbar ist.

Auf den 13 000 Quadratmetern des Foxwoods-Kasinos locken 233 Spieltische und 3150 Geldspielautomaten die Besucher. Anfang nächsten Jahres sollen es 5000 einarmige Banditen sein. Wochentags strömen bis zu 15 000 Menschen durch die weitläufigen Hallen des 1992 eröffneten »größten Kasinos der westlichen Hemisphäre«, wie Direktor Mickey Brown stolz berichtet. Samstags und sonntags werden an die 40 000 Gäste gezählt.

Wenn die 300 Millionen Dollar kostende Ausbauphase beendet ist, will Brown mit Spielgewinnen einen Vergnügungspark errichten: »Foxwoods soll für Connecticut das werden, was Disneyworld für Florida ist.« Mit bald 10 000 Angestellten wird Foxwoods in Kürze der größte Arbeitgeber in Connecticut sein.

Auf den gigantischen Umsatz, der in diesem Jahr eine Milliarde Dollar erreichen könnte, blicken amerikanische Geldinstitute voll Neid: Sie hatten den Pequots Kredite für das Kasino-Projekt verweigert.

In der ersten Bauphase sprangen Araber ein. Dann bewilligte ein malaysischer Konzern 60 Millionen Dollar. »Die hätten wir bereits drei Monate nach Eröffnung zurückzahlen können«, beschreibt Joey Carter, Sprecher der Pequots, den auch für sie unerwartet großen Erfolg, »nun stehen die Kreditgeber Schlange.«

Der Geldsegen bringt aber auch Sorgen. »Wir haben Angst«, verrät Carter, »jeder, der eine Milliarde Dollar im Jahr macht, muß Angst haben.«

Im Kasino, auf den riesigen Parkflächen, an allen Straßenkreuzungen in der Umgebung, sogar an der Haltestelle des Schulbusses und in der Kinderkrippe wachen Sicherheitsbeamte und Polizisten. Der neue Wohlstand lockt auch Wirtschaftskriminelle an.

Fremdfirmen, als Kasino-Manager eingestellt, verfügen häufig über Mafia-Verbindungen, glauben die amerikanischen Ermittler. In Oklahoma kassierten die Seneca-Cayugas nicht einmal ein Siebtel von dem, was die undurchsichtigen Kasino-Betreiber eingestrichen hatten. Ein anderer Stamm erhielt nach zwei Jahren Spielbetrieb nichts als einen neuen Schulbus. Und die Winnebagos in Wisconsin gingen gar mit einer Steuerschuld von 800 000 Dollar bankrott.

Auch die Konkurrenz wehrt sich. Donald Trump, nach eigener Einschätzung »weltweit der größte Alleinbetreiber von Kasinos«, hat die Regierung in Washington verklagt, weil sie den Indianern ungerechtfertigte Wettbewerbsvorteile verschaffe. »Hilflos«, so Pequot-Sprecher Carter, müsse Trump zuschauen, wie tagtäglich Busse die Spieler aus Atlantic City (US-Staat New Jersey) zum Foxwoods-Kasino bringen.

Ausgemacht ist auch noch nicht, wie lange die Nachfrage mit dem forcierten Kasino-Neubau Schritt hält. Judy Cornelius von der Universität Nevada in der Spielerstadt Reno ist sicher, daß »mit wachsendem Wettbewerb die Erträge ziemlich schnell fallen werden«.

Das alles kann Jim Lone Elk nicht schrecken: Um so wichtiger sei es, daß die Sioux-Weisen ihren Widerstand gegen den neuen Erwerbszweig begraben.

»Die träumen immer noch von den riesigen Büffelherden. Doch das ist vorbei«, schimpft Jim. »Wir müssen die neuen Büffel jagen.« Y

* In der Westernstadt Deadwood im Bundesstaat South Dakota.

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