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»neue deutsche« unverfänglich

aus DER SPIEGEL 49/1949

Am 1. Januar soll Start auf der Kino-Leinwand sein: »Die neue deutsche Wochenschau« beginnt zu laufen. Die Lichtspieltheater werden sich für eine der vier dann existierenden Wochenschauen entscheiden müssen: »die »neue deutsche«, die britisch-amerikanisch kontrollierte »Welt im Film«, den französisch gelenkten »Blick in die Welt« oder die wieder ins deutsche Geschäft einsteigende »tönende Fox«.

Die »neue deutsche« soll in Hamburg-Rahlstedt geschnitten, besprochen und kopiert werden. Die Geyer-Kopierwerke sind mit ihren technischen Finessen einsatzbereit.

Von Stützpunkten in Berlin, München, Frankfurt und Düsseldorf läuft das Deutschland-Material zusammen. Wegen der Auslandsbilder schweben Verhandlungen. Man will mit zwei großen Firmen Material gegenseitig austauschen. Was über die Austausch-Filmmeter hinausgeht, soll verrechnet werden: 1 Meter = 1 Dollar.

Aktuell, umfassend und leicht serviert, so schwebt Wochenschau-Chefredakteur Heinz Kuntze-Just die »neue deutsche« vor. Beim »leichten Servieren« denkt er an feuilletonistische Auflockerung und originelle Photo-Blickpunkte. Hamburger Journalisten sollen ihn bei der Redaktion beraten.

In seiner Korrespondenz »Filmpress« kämpfte der frühere Terra- und Tobis-Pressemann und Nachkriegskorrespondent von zehn deutschen Tageszeitungen schon lange für eine neue deutsche Wochenschau. Hamburger Produzenten, dann der Filmausschuß in der Hansestadt und auch die Kultusminister griffen die Idee auf. Es scheiterte immer an der Finanzierung.

1-1,5 Millionen Kapital für 52 Wochen Wochenschau waren nicht aufzubringen. Die Banken glaubten nicht recht daran, daß auch eine Wochenschau rentabel arbeiten kann. Aus Industriekreisen baute man bankmäßige Sicherungen ein. Das half dann. Bankhäuser in Hamburg, Frankfurt und Düsseldorf schlossen sich zur Finanzierung zusammen.

Der Geschäftsführer der »neuen deutschen« wird überdies ein alter Bankmann sein: Paul Hach. Bei der Wien-Film war er kaufmännischer Mitarbeiter, wurde aber als Freimaurer vierten Grades hinausgetan. Nach dem Krieg war er Oberbürgermeister in Erfurt, bis er sich westwärts absetzte.

Ein Verwaltungsrat mit 15 Persönlichkeiten des öffentlichen Bundeslebens soll für politische Linienlegung sorgen. Außerdem soll er, viermal im Jahr zusammentretend, als Art erweiterte Redaktion fungieren, mit Kritik. Anregungen und Planung.

Als Ober-Ressortleiter für die Sparte Sport hofft die »neue deutsche« auf das Ja des Olympia-Herzogs von Mecklenburg. Man will u. a. auch an den Vizepräsidenten des Bundestages. Dr. Schäfer, herantreten, an Wirtschaftsminister Prof. Dr. Köhler, NWDR-Generaldirektor Dr. Grimme und Prof. Dr. Geiler, den Heidelberger Universitätsrektor und Präsidenten der Film-Selbstkontrolle. Als rechte Produzentenhand ist Rolf Meyer von der Jungen Film-Union da.

Eigentlich sollte die erste Nachkriegs-Wochenschau in deutscher Regie »Europäische Wochenschau« heißen. Um nach den verklungenen Goebbels-Fanfaren der »Deutschen Wochenschau« Mißverständnisse zu vermeiden. Verleihpartner Schorcht war dagegen. Das Publikum glaube dann doch nicht, daß es eine deutsche Wochenschau sei, folgerte er.

Mr. Winston, US-Filmoffizier in München, zog zuerst die Stirn kraus, als davon die Rede war, Erich Stoll, den einstigen Chefkameramann der Deutschen Wochenschau, für die »neue deutsche« zu engagieren. »Nur nicht die alte deutsche Wochenschau«, sagte Mr. Winston.

Man hatte Stoll nicht vergessen, daß sein Name im Vorspann des Propagandafilms »Der ewige Jude« stand. Er hatte mit anderen Kameraleuten Schnittmaterial geliefert. Nach dem Krieg baute er bei den Engländern »Welt im Film« ein Jahr mit auf. Dann durfte er nur noch bei Kultur- und Dokumentarfilmen mitarbeiten. Inzwischen hat er von Fox Tönender Wochenschau in München ein Angebot. Dort hat er schon früher gearbeitet. Der rotierende Kameramann im Vorspann war er.

Als in einer Hamburger Tageszeitung ein Artikel mit der etwas irreführenden Ueberschrift »Deutsche Wochenschau löst 'Welt im Film' ab« erschien, ließ der Verleih von »Welt im Film« ein Rundschreiben los: »An alle Herren Theaterbesitzer in Hamburg: Betr.: Artikel »die neue deutsche« ... Die Meldung ist falsch. Konkurrenzmanöver.« Baden-Badens »Blick in die Welt« betitelte sich in Fachzeitschrift-Inseraten als: Die deutsche Filmwochenschau.

Das klingt genau so nach NS-Vergangenheit, meint Kuntze-Just. Schließlich komme es auf den Inhalt und nicht auf den Titel an. Man brauche ja nur »die neue deutsche« zu sagen. Das sei doch unverfänglich.

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