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ÄTHIOPIEN Neue Frauen

Mit Lebensmitteln macht das Regime auch Politik - um die Rebellenbewegungen im Land in den Griff zu bekommen. *
aus DER SPIEGEL 24/1985

Fantaya Abay war zehn Jahre alt, als seine Eltern verhungerten. Weil es in Gerbkola nichts mehr zu essen gab, zog er mit den anderen Leuten aus dem Dorf nach Korem.

Es war ein anstrengender Marsch. Und nur eine einzige Hoffnung hielt sie alle auf den Beinen: Hinter den Bergen, im Flüchtlingslager, würde es Brot geben, frisches Wasser und warme Decken.

Doch im Camp erfuhr Abay von einem Beamten der Flüchtlingsbehörde aus Addis Abeba, er könne ohne schriftliche Bestätigung des Bauernverbands nicht als Flüchtling anerkannt werden.

Abay mußte das Camp wieder verlassen. Er wurde in Korem nicht wieder gesehen.

In Äthiopien hungern die Menschen noch immer, obwohl es an Lebensmitteln nicht mangelt. Statistisch gesehen, gibt es genug zu essen für alle. Aber die Transportprobleme sind riesengroß, und: Die Essensrationen dürfen nur an jene Bedürftigen ausgegeben werden, die von der Militärregierung dazu legitimiert wurden.

Offenbar sieht Staatschef Mengistu Haile Mariam in der Jahrhundertkatastrophe auch eine Chance, die Separatistenbewegungen im Norden des Landes zu zerschlagen. Die 48 westlichen Hilfsorganisationen, die in Äthiopien tätig sind, dürfen nur helfen, wo die Streitkräfte der Regierung das Gelände kontrollieren. Aber gut 80 Prozent der Rebellenprovinzen Eritrea und Tigre stehen unter Kontrolle der »Tigrinischen Volksbefreiungsfront« (TPLF) und der »Eritreischen Volksbefreiungsfront« (EPLF). Mindestens fünf Millionen Äthiopier - etwa 70 Prozent der Bedürftigen - sind von der Hungerhilfe ausgesperrt.

Die US-Hilfsorganisation AID hat mit stillschweigender Duldung der Regierung in Khartum von sudanesischen Operationsbasen aus ein Verteilernetz in den umkämpften Gebieten aufgebaut. Auch die protestantischen Kirchen helfen, ohne sich viel um den Standpunkt der Regierung in Addis Abeba zu scheren. Aber die Nachschublinien werden immer wieder von der äthiopischen Luftwaffe bombardiert, wie auch die Rebellen ihrerseits Lebensmitteltransporte der Regierung beschießen.

Nach einem Augenzeugenbericht der beiden Entwicklungshelfer David Ross und Claudia Garcia Moreno wurden am 17. Februar bei einem Angriff äthiopischer MiG-Jagdbomber auf den überfüllten Marktplatz der tigrinischen Ortschaft Abi Adi 25 Menschen getötet und mindestens 100 verletzt. Am folgenden Tag kamen bei einem zweiten Jabo-Angriff 7 Menschen ums Leben. Eine leichte Wende zum Besseren ist immerhin in Sicht: Unter dem Druck ausländischer Kritik erklärten sich die Äthiopier vergangene Woche bereit, zivile Objekte nicht mehr zu bombardieren.

Mengistus Ziel, »den Ozean trockenlegen, damit die Fische nicht mehr schwimmen können«, bleibt davon unberührt. Er will kurzfristig anderthalb Millionen Menschen aus dem rebellischen Norden in die Südwestprovinzen umsiedeln, um den Nachschub von Verpflegung und Rekruten für die Rebellen zu unterbinden.

Die äthiopischen Kommunisten begründen die Umsiedlung mit der Notwendigkeit, den Hunger an der Wurzel zu bekämpfen. Die von Erosion und Mißwirtschaft ausgelaugte Scholle in den Nordprovinzen Eritrea, Tigre und Wollo kann die Bevölkerung in schlechten Erntejahren nicht mehr ernähren. In Illubabor, Wollega, Kaffa und Godscham im Südwesten des Landes dagegen liegt fruchtbares Ackerland brach. Nahezu drei Viertel der bestellbaren Fläche in Äthiopien werden nicht bebaut.

Doch die herrschende Arbeiterpartei und die Armee holen sich ihre Neusiedler nicht nur aus der Hungerzone, sondern auch aus fruchtbaren Gebieten, die hohe Agrarüberschüsse abwerfen. In der Region um Kobo und Alamata an der Grenze nach Tigre etwa, die normalerweise das Hinterland bis zum Roten Meer mit Getreide versorgt, wurden 20 000 Bauern für die Umsiedlung zwangsrekrutiert, vorwiegend junge

Leute, die im Verdacht standen, mit den Rebellen zu sympathisieren.

Die Armee hat in Wollo, Tigre und Eritrea Getreidespeicher zerstört, Viehherden erschossen und Brunnen mit Chemikalien unbrauchbar gemacht, um die Rebellen auszuhungern und auszutrocknen.

Daß eher strategische als humanitäre Gründe für die Umsiedlung ausschlaggebend sind, hat ein - namentlich nicht genannter - äthiopischer General im Gespräch mit Hans Ott, dem Chef der schweizerischen Hilfsorganisation »Brot für Brüder«, zugegeben. Die Umsiedlungsaktion, so zitierte Ott seinen Gesprächspartner, sei eine »Antwort auf den Bürgerkrieg«. Das Konzept hätten das »Regierungsbüro für Nationalitätenfragen« und 25 sowjetische Berater gemeinsam erarbeitet.

Widerstand bei der Zwangsumsiedlung wird mit Waffengewalt erstickt. »Sie müssen zum Umsiedlungsbüro gehen oder Schmiergeld zahlen, um etwas zu essen zu bekommen«, sagt die Ärztin Rita Waters aus dem Lager Korem, »es tut weh, erwachsene Männer und Frauen vor Hunger weinen zu sehen.«

Die weitaus meisten Deportierten sind Männer im wehrfähigen Alter. Sie werden in den Dörfern oder auf den Feldern eingefangen und in Sammellager gebracht. Ein Großteil der Bewohner des Lagers Korem etwa, die von den Hilfsorganisationen als Flüchtlinge geführt werden, sind internierte Bauern, die auf ihren Abtransport in die Neulandgebiete warten.

In Makalle mußten europäische Rotkreuz-Mitarbeiter hilflos zusehen, wie Soldaten 200 junge Männer, die zur Essensausgabe angetreten waren, gewaltsam von ihren Familien trennten und mit Knüppeln forttrieben. Die Distriktverwaltung von Adua lockte Mitte Dezember vergangenen Jahres die Viehhalter der Umgebung mit dem Versprechen, sie könnten ihre Rinder kostenlos impfen lassen. Als die Herden in der Stadt waren, wurden die Rinder beschlagnahmt und die Hirten gefangengenommen.

Frauen und Kinder bleiben häufig allein zurück. Der Bauer Amete Gebremedhin, der bei einer Razzia von seiner Familie getrennt worden war, mußte sich von Soldaten trösten lassen: »Keine Angst, im Süden könnt ihr euch neue Frauen und Kinder suchen.«

Die evakuierten Bauern und ihre Familien werden bis zum Weitertransport in Scheunen, Gefängnissen oder auf stacheldrahtumfriedeten Wiesen und Feldern »bereitgestellt«. Im Sammellager Mersa starben nach Berichten von Schweizer Entwicklungshelfern trotz ausreichender Verpflegung täglich zwanzig bis fünfzig, im Lager Makalle zwanzig bis dreißig Menschen an Seuchen.

Von den Flughäfen Makalle und Asmara aus werden die Zwangsumsiedler in sowjetischen Antonow-Transportern nach Addis Abeba geflogen. Die Passagiere legen den drei- bis fünfstündigen Flug im Stehen zurück. Die russischen Lademeister zwängen zwischen 250 und 350 Menschen auf einer Fläche zusammen, auf der normalerweise fünfzig Fallschirmspringer mit ihrer Ausrüstung Platz haben.

Die Endstation ist das Arbeitslager. Umgesiedelte Bauern, die über die sudanesische Grenze flüchteten, haben über die Wirklichkeit im Lager Asosa im Westen der Provinz Wollega berichtet, die im äthiopischen Fernsehen als Musterkolonie mit sattgrünen Wiesen, Traktoren und drei Ernten im Jahr vorgestellt wurde.

In Asosa müssen die Bauern Busch und Wald roden und Grashütten für Arbeiter bauen, die noch erwartet werden. Gearbeitet wird unter der Aufsicht von Milizsoldaten sechseinhalb Tage in der Woche. Der Sonntagvormittag bleibt für die politische Schulung.

Zu essen gibt es geröstete Weizenkörner - häufig aus Säcken mit der Aufschrift »Lebensmittelhilfe der Europäischen Gemeinschaft an das Volk von Äthiopien«.

Die karge Kost, harte Arbeit und schwere Strafen fordern hohen Tribut. Von 7000 Insassen seines Lagers, so berichtete der Bauer Abdallah Indris, seien in zweieinhalb Monaten 1500 gestorben.

[Grafiktext]

ÄTHIOPIEN ERITREA Agordat Massaua Asmara TIGRE Adua Abi Addi Makalle Assab JEMEN Sana V.R. JEMEN Aden SUDAN Kassala GONDAR WOLLO Korem Dessie DSCHIBUTI GODSCHAM WOLLEGA Asosa SCHOA Addis Abeba OGADEN HARARGE Diredaua Harar SOMALIA ILLUBABOR ARUSSI KAFFA GEMU GOFFA BALE SIDAMO KENIA Hungerkatastrophen-Gebiet Eisenbahnen Neusiedlungsgebiete AFRIKA ÄTHIOPIEN 500 Kilometer

[GrafiktextEnde]

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