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PHILIPPINEN Neue Front im Dschungel

Auf den Inseln des Sulu-Archipels soll der weltweite Feldzug gegen den Terror fortgesetzt werden. US-Soldaten nehmen die muslimischen Separatisten der Abu Sayyaf ins Fadenkreuz.
Von Jürgen Kremb
aus DER SPIEGEL 5/2002

An den Vorhang erinnert sich die katholische Hebamme Sheila Tabunag, 25, noch ganz genau. Sein Stoff war mit buntem Blumendekor verziert und leuchtete in kräftigem Grün, der Farbe des Islam.

Bis zum 2. Juni vorigen Jahres schmückte das Gewebe allerdings die Fenster des christlichen Jose-Torres-Krankenhauses im Städtchen Lamitan auf der Tropeninsel Basilan, der größten des Sulu-Archipels. Dann wurde die Übergardine heruntergerissen, das Tuch als Handfesseln missbraucht. Kurz nach Mitternacht stürmten Mitglieder der muslimischen Terrortruppe Abu Sayyaf die Klinik. Die berüchtigten Kidnapper hatten bereits sechs Tage zuvor in der Touristenanlage Dos Palmas auf der Insel Palawan 20 Geiseln in ihre Gewalt gebracht. »Sie zwangen uns alle mit vorgehaltenen Gewehren auf den Boden«, sagt Tabunag, Mutter eines fünfjährigen Sohnes, »sie zerteilten den Stoff in Bahnen und fesselten uns damit.«

Mehr als 220 Gefangene trieben die Rebellen während dieser Nacht in den unwegsamen Dschungel der Tropeninsel. Die Entführer kämpfen nicht nur für hohe Lösegelder, sondern auch für einen eigenständigen muslimischen Staat im Süden der überwiegend katholischen Philippinen.

Drei der aus Dos Palmas Entführten waren US-Bürger. Als Washington sich weigerte, die Amerikaner auszulösen, ließ Abu-Sayyaf-Anführer Aldam Tilao, 40, genannt Abu Sabaya, einen von ihnen ins Unterholz führen. »Wir hörten nur noch sein flehendes Klagen«, erinnert sich die Hebamme Tabunag, »dann schlugen sie ihm den Kopf ab.«

Erst kurz vor Jahresende kam Tabunag frei. Das amerikanische Missionarsehepaar Martin und Gracia Burnham halten die Islamisten noch immer in ständig wechselnden Lagern auf dem Westzipfel der 1300 Quadratkilometer großen Insel gefangen.

Wenn es nach dem Willen der Regierung in Washington geht, war dies die letzte spektakuläre Aktion jener Gruppe, die Ostern 2000 auch die Göttinger Lehrerfamilie Wallert entführt und zusammen mit 18 anderen Geiseln monatelang auf Jolo versteckt hatte. Im unwegsamen Gelände von Basilan werden nun 160 Angehörige amerikanischer Spezialeinheiten eine neue Front im weltweiten Kampf gegen den Terror eröffnen.

500 weitere US-Soldaten, Techniker und CIA-Bedienstete sollen als logistischer Rückhalt in der Großstadt Cebu postiert werden, um dort Aufnahmen von Spionagesatelliten auszuwerten und für nächtliche Aufklärungsflüge mit Infrarotkameras über dem Dschungel bereitzustehen. Die Operation, die im Schulterschluss mit Manilas Militär erfolgt, heißt »Balikatan 02-1«. Balikatan bedeutet: »die Last gemeinsam tragen«.

Im Rahmen ihres weltweiten Kriegs gegen den Terrorismus haben die USA jetzt Abu Sayyaf ins Fadenkreuz genommen. Die Rebellen, die auf Basilan und Jolo jeweils etwa 200 Mann unter Waffen haben, pflegen offenbar Verbindungen zum al-Qaida-Netzwerk. So

* soll Osama Bin Ladens Schwager, Mohammed Jamal Khalifa, Anfang der neunziger Jahre aus einer Zweigstelle der International Islamic Relief Organization in Manila Gelder zum Waffenkauf auf Abu-Sayyaf-Konten umgeleitet haben;

* versuchten Abu-Sayyaf-Unterhändler, den für den ersten Anschlag auf das New Yorker World Trade Center 1993 verantwortlichen Islamisten Ramsi Ahmed Jusuf im Austausch gegen Geiseln der Wallert-Gruppe aus amerikanischer Haft freizupressen;

* verbrachte Mohammed Atta, die Schlüsselfigur der Anschläge vom 11. September, vor seinem Todesflug einige Zeit in der philippinischen Hauptstadt und hatte wohl Kontakte zu muslimischen Separatisten.

Mit Verspätung hat die CIA ein Terrornetz in der Inselwelt Südostasiens aufgedeckt. Ende 2001 ließen Geheimdienste in Malaysia und Singapur al-Qaida-Ableger mit weit über 100 Mitgliedern auffliegen, die angeblich Anschläge auf die amerikanische Schule und US-Personal in der Bankenstadt planten. Jetzt sorgen sich die USA, die zersprengten Reste der Terrororganisation von Osama Bin Laden könnten ihr Hauptquartier ganz nach Südostasien verlegen.

Die philippinische Präsidentin Gloria Macapagal Arroyo verknüpft mit der Operation Balikatan die Hoffnung, den Unruheherd im Süden ihres Inselreichs endlich zu befrieden. Von den über 200 Millionen Muslimen im südostasiatischen Raum leben rund 4 Millionen auf den Philippinen. Der Kampf einer radikalen Minderheit für einen unabhängigen Staat forderte seit Anfang der siebziger Jahre mindestens 150 000 Tote.

Für Arroyo steht auch die politische Zukunft auf dem Spiel - der gemeinsame Militäreinsatz muss durch einen Erfolg legitimiert werden. Denn die Verfassung untersagt eigentlich fremde Truppen auf philippinischem Boden. Beinahe hätte sich ihr Kabinett über die Ankunft der US-Soldaten entzweit: Vizepräsident und Außenminister Teofisto Guingona hatte laut über seinen Rücktritt nachgedacht, aufgebrachte Studenten und linke Arroyo-Gegner waren schon auf den Präsidentenpalast Malacañang marschiert.

Die Anwesenheit von GIs nagt am Nationalstolz und weckt Erinnerungen an jene Epoche zwischen 1898 und 1946, in denen die Philippinen amerikanisch dominiert waren. Deshalb firmiert die auf sechs Monate, laut Regierungssprecher Rigoberto Tiglao »vielleicht auch auf ein Jahr« geplante Militäraktion als »Anti-Terror-Ausbildung« für die schlecht ausgerüstete philippinische Armee - das klingt besser.

Die ersten GIs trafen vergangenen Donnerstag mit einer Transportmaschine vom Typ C-17 auf dem Flughafen von Zamboanga ein. Die mit Stahlhelmen und kugelsicheren Westen ausgestatteten Soldaten entluden Nachtsichtgeräte, Präzisionsgewehre und Telekommunikationsausrüstungen. Vier Hubschrauber zum schnellen Truppentransport auf das nur 15 Kilometer entfernte Basilan sollen bald folgen.

Eine viermonatige Trainingsphase ist geplant, dann werden Manilas Elitetruppen auf Rebellenjagd gehen. Sie sollen siebenköpfige Einheiten bilden, die von jeweils zwei US-Ausbildern begleitet werden. Die müssen sich angeblich im Hintergrund halten: »Die Amerikaner«, beteuert Tiglao, »schießen allenfalls zur Selbstverteidigung zurück.«

Basilans Gouverneur Wahab Akbar, 42, ein ehemaliger muslimischer Separatist, der die Seiten gewechselt hat, glaubt nicht, dass solche Spezialkommandos im dichten Urwald seiner Insel schnelle Erfolge erringen könnten. Machtlos musste er in den letzten Jahren mit ansehen, wie durch die Unfähigkeit der philippinischen Armee, die Abu-Sayyaf-Truppe auszuschalten, die einst prosperierende Plantagenwirtschaft zusammenbrach.

Auch deshalb betet Akbar, der als junger Rebell im revolutionären Libyen eine Kampfausbildung erhielt: »Allah, schick uns GIs, damit dieser Krieg aufhört!« Denn auf Basilan herrscht Anarchie, und die USA sind seine letzte Hoffnung.

Zugleich treibt ihn Angst um. Das Band der Solidarität unter den südphilippinischen Muslimen sei immer noch sehr stark, sagt er. »Sollte die Operation zu viele Tote kosten, dann könnte sie einen viel größeren Rachefeldzug provozieren.« JÜRGEN KREMB

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