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KAMBODSCHA / US-EINSATZ Neue Größe

aus DER SPIEGEL 6/1971

Zur gleichen Zeit, da Amerikas Präsident in seiner Botschaft zur »Lage der Nation« von einer »Generation des Friedens« schwärmte, zur gleichen Zeit, da er versprach, durch eine »friedliche Revolution« umfassender Reformen das Land zu »heuer Größe« zu führen, verstrickt sich dieselbe Regierung Nixon wieder in den Krieg im Dschungel Indochinas -- absichtlich.

Amerikas Militärs verstießen gegen ein Verbot, das Amerikas Parlament 1970 erlassen hatte: Sie griffen in den Bodenkrieg in Kambodscha ein, um die Regierungs-Soldaten des rechten Premiers Lon Nol in ihrem wenig aussichtsreichen Kampf gegen die Krieger der »Kommunistischen Befreiungsfront« zu unterstützen:

* Das Pentagon gab vergangene Woche zu, daß 15 bis 20 bewaffnete US-Soldaten in Zivil auf dem Flughafen von Pnom Penh gelandet seien, um beschädigte Hubschrauber abzuholen; demnächst könne es erforderlich sein, Militär-Ausbilder nach Kambodscha zu schicken,

* Der Vorsitzende des Verteidigungsausschusses Im US-Senat, Pentagon-Freund John Stennis, deutete ah, daß Bodenpersonal nach Kambodscha entsandt werden müsse, um US-Nachschubflugzeuge zu versorgen.

»Wir werden«, verkündete Nixons Verteidigungsminister Melvin Laird, »unsere See- und Luftstreitkräfte einsetzen, um die Truppen unserer Freunde und Alliierten zu unterstützen, die der Aggression widerstehen, wie es die Kambodschaner so mutig tun.«

Im Gegensatz zu früher, als Washington den US-Einsatz in Kambodscha mit dem notwendigen Schutz für die Gis in Südvietnam begründete, Ist das Pentagon jetzt offenbar entschlossen, den hilfesuchenden Lon Nol unmittelbar zu unterstützen.

Amerikas Tauben sehen darin eine deutliche Verfälschung jener Resolution, mit der im Juni 1970, nach der US-Invasion in Kambodscha, der Kongreß ein weiteres Verbleiben amerikanischer Bodentruppen auf diesem Kriegsschauplatz verhindern wollte. Auch die Versicherung von Außenminister William Rogers, die Regierung wolle das militärische Engagement in Kambodscha nicht verstärken, konnte die Zweifel nicht ausräumen.

Washington ist überzeugt davon, daß in Kambodscha Amerika-Freunde herrschen müssen -- eine der Voraussetzungen des ungefährdeten amerikanischen Rückzugs aus Vietnam.

Das Regime in Kambodscha aber ist ernstlich in Gefahr. Zum ersten Mai in dem neunmonatigen Guerilla-Krieg griffen vorletzte Woche die Soldaten der kommunistischen Befreiungsfront des Prinzen Sihanouk Kambodschas Hauptstadt an.

Noch feierten die Soldaten General Lon Nols einen Sieg an der Nationalstraße 4, dem. freigekämpften Versorgungsweg von Pnom Penh zum Seehafen Kompong Som. Sie rauchten Freudenzigarren und riefen: »Der Krieg ist beendet.« Da stieß der Feind aus dem Hinterhalt vor -- getreu Mao Tse-tungs Rat: »Vermeide die harten Stellen, stoße in die Weichteile.«

Eine Handvoll Guerillas schlich nachts um zwei an Pnom Penh heran und setzte den einzigen Zivil- und Militärflughafen der Hauptstadt, Pochenpong, in Brand.

»Plötzlich fing es an zu knattern«, berichtete der südvietnamesische Arzt Khanh dem SPIEGEL. Er hatte mit

* Inschrift auf der Tafel »Keine US-Bodenkampftruppen In Kambodscha -- Gesetz des Kongresses und Versprechen des Präsidenten.«

anderen Gästen im Flughafenrestaurant von Pochenpong gegessen. »Die ganze Sache dauerte nur eine Stunde. Dann zogen die Soldaten wieder ab. Überall lagen Tote herum.«

Das Oberkommando der kambodschanischen Streitkräfte hatte nach eigener Darstellung von dem bevorstehenden Angriff gewußt. Aber für einen Gegenschlag oder nur eine Verteidigungsaktion reichten die Kräfte der 160 000-Mann-Armee nicht.

So hinterließen die nächtlichen Besucher genau nach Plan ein Trümmerfeld. Etwa 40 Flugzeuge und Hubschrauber -- 95 Prozent der kambodschanischen Luftwaffe -- gingen in Flammen auf. Waffen, Benzin, Munition und die einzige Caravelle der Air-Cambodia explodierten -- in dieser Maschine war Premier Lon Nol zwei Stunden zuvor aus Saigon zurückgekehrt.

Das amerikanische Außenministerium nannte den militärischen Schaden »minimal« und versprach den Kambodschanern eine neue Luftwaffe.

Ein Asienexperte des Pentagon, Oberstleutnant Vincent R. Pocci, gab allerdings das militärische Übergewicht der Kommunisten zu: »Eine Schlacht um Pnom Penh könnte sehr wohl Erfolg haben.« Bereits zwei Drittel der kambodschanischen Provinzen stehen unter Kontrolle der 50 000 kommunistischen Krieger -- rekrutiert aus Kambodscha, Laos, Nord- und Südvietnam.

Aber die kommunistischen Truppen folgen der Taktik des Guerilla-Krieges: Haben sie erst die Bauern auf ihrer Seite -- 80 Prozent der Einwohner Kambodschas leben von der Landwirtschaft -, ist es nur eine Frage der Zeit, bis ihnen die Städte in die Hände fallen.

Diese Gefahr schreckt auch Kambodschas Nachbarn. Thailand fürchtet selbst einen kommunistischen Angriff und die Ausweitung des Indochina-Krieges über seine Grenzen. Die Regierung in Bangkok schlug Lon Nois Wunsch nach thailändischen Soldaten ab, schloß die Grenzen zu Kambodscha und verstärkte ihre eigenen Bataillone in den Grenzprovinzen.

In den traditionellen Feinden des kambodschanischen Volkes, den Vietnamesen, die das Khmer-Königreich vor 500 Jahren zerstörten, fand General Lon Nol dafür seinen treuesten, weil eigennützigsten Verbündeten.

Die Saigon-Soldaten haben Stützpunkte in Kambodscha und beteiligen sich an den Gefechten. »Wenn Kambodscha fällt, wird Vietnam wieder das Schlachtfeld in Indochina sein«, ermunterte Südvietnams Präsident Van Thieu seine Krieger. Ein Saigoner Minister erklärte nach dem Besuch des Pentagori-Chefs Laird in Südvietnam: »Die Last der militärischen Unterstützung von Kambodscha werden sich die Interessierten Partner teilen -- die USA und Südvietnam.«

Der demokratische Senator Muskie, als Bewerber um die nächste US-Präsidentschaft im Gespräch, möchte auf diese Last verzichten: »Der Weg aus Südvietnam heraus führt nicht über Kambodscha.«

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