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KATASTROPHEN Neue Sünden

Aus der großen Sommerflut im Osten haben die Gemeinden wenig gelernt. Mit Hilfsmillionen aus dem Westen bauen sie wieder in den Überschwemmungsgebieten.
aus DER SPIEGEL 2/2003

Für den alten Bauern ist die Sache klar: »Da unten siedeln die nächsten Flutopfer«, sagt Gottfried Kaul, 87. Er wohnt zwei Kilometer vom Hauptstrom der Elbe entfernt auf einer Anhöhe am Dorfrand von Röderau in der Nähe der sächsischen Stadt Riesa. Die Sommerflut überschwemmte auch Teile seines jahrhundertealten Hofs, aber es ging noch glimpflich ab.

Weiter unten in der Elbaue des Dorfs jedoch zerstörten die Wassermassen 70 neu gebaute Häuser, rund 300 Menschen wurden obdachlos. Was Bauer Kaul nicht versteht: Die Katastrophe ist noch kein halbes Jahr her, da stehen schon wieder die ersten Wohnhäuser top restauriert mit den Geldern von Versicherungen und Hilfsorganisationen genau dort, wo das nächste Elbe-Hochwasser erneut alles platt walzen wird. Trotz Umsiedlungsangeboten des Landes kehrten die meisten in die Elbaue zurück.

»Das ist doch völliger Wahnsinn, hier wieder aufzubauen«, sagt Joachim Schruth, Wasserexperte des Naturschutzbundes in Sachsen. Ministerpräsident Georg Milbradt

(CDU) hatte schon beim Ortstermin Ende August vergangenen Jahres erkannt: »Hier hätte nie gebaut werden dürfen.« Jüngst warnte ein Gutachten der sächsischen Regierung, dass Röderau »nicht zu sichern« sei.

Doch so wie dort geht es in vielen Überschwemmungsgebieten im Osten. 7,1 Milliarden Euro Hilfsgelder stellt allein der Bundesfonds »Aufbauhilfe« zur Verfügung. Dazu kommen diverse Spendenmillionen. Und ein beträchtlicher Teil davon dürfte miserabel angelegt werden: Ein halbes Jahr nach der großen Sommerflut wird vielerorts wieder gebaut, gepflastert und zersiedelt wie zuvor. So

* stehen im Gewerbepark Nünchritz bei Riesa wieder Hallen mit wertvollem Inventar im Überflutungsbereich der Elbe - Versicherungsschäden der Zukunft;

* liegt das neu aufgebaute Wohngebiet Bobersen in der unmittelbaren Flutzone der Elbe;

* wurde in Pischwitz an der Zschopau eine zerstörte, millionenteure Windkraftanlage ohne Prüfverfahren wieder in die Hochrisikozone gesetzt.

Noch bei der ersten nationalen Flusskonferenz vorigen September hatte die Bundesregierung ebenso wie Umweltverbände einen Verzicht auf Bauten in Überschwemmungsgebieten gefordert. »Tatsächlich werden aber die Sünden der

Vergangenheit wiederholt«, schimpft Gerd Billen, Geschäftsführer des Naturschutzbundes Deutschland.

Ausgerechnet am Elbe-Nebenfluss Müglitz, der bei dem Hochwasser Häuser und Brücken wegriss, wird Uferbewuchs abgeholzt und das Flussbett ausgebaggert - so dass die nächste Flut noch schneller und rabiater über das Dorf herfallen dürfte.

Die Ruinen des ehemaligen Tischlerbetriebs Frank Müller etwa stehen direkt am Ufer der Müglitz am Ostrand von Dresden. In der Nacht zum 12. August hatten die Handwerker alles verloren, als die Flut das halbe Haus mitnahm. Doch Chefin Bärbel Müller irritiert das wenig: »Genau hier bauen wir wieder auf.« Die Versicherung ersetzte den Schaden, die Baugenehmigung liegt bereits vor. »Das ist beim nächsten Hochwasser alles wieder hin«, sagt der Präsident des Sächsischen Landesamts für Umwelt und Geologie, Michael Kinze.

Hauptgrund für den Leichtsinn: Die Gemeinden entlang den ostdeutschen Flüssen und Strömen wollen nicht auf die Steuereinnahmen und die Erlöse aus dem Verkauf des Baulands verzichten. Im Erzgebirgskreis Aue-Schwarzenberg appellierten mehrere Bürgermeister an die zuständigen Behörden, beim Wiederaufbau »nicht ausschließlich ökologischen Aspekten den Vorrang zu geben«. Und die idyllischen Parzellen nahe am Wasser sind bei Häuslebauern beliebt.

Der Hochwasserexperte Karl-Heinz Rother vom Deutschen Komitee für Katastrophenvorsorge fordert gegen so viel Dummheit »echte Vorsorge« durch intelligente Raumplanung. Wie das geht, zeigt als erste deutsche Großstadt Köln: Für Grundstücke in der Nähe des Rheins wird die Stadt jetzt ein so genanntes Risikokataster ausweisen. In besonders gefährdeten Zonen soll es dann keinen Versicherungsschutz mehr geben - Bauen auf eigene Gefahr.

Doch im Osten regt sich Widerstand gegen solche Maßnahmen. »Da wird gemauert und geblockt«, weiß Georg Rast vom WWF-Aueninstitut. Auf volles Risiko geht auch die Ex-Schwimmweltmeisterin Franziska van Almsick, 24. Im Magdeburger Stadtteil Cracau hat sie zusammen mit ihrem Lebensgefährten wieder ihr Haus bezogen. In 200 Meter Entfernung strömt die Elbe vorbei.

Als der Fluss im Sommer über den Deich zu treten drohte, mussten die Möbel der Sportlerin schon in die erste Etage getragen werden. Doch an einen Umzug mag keiner der beiden denken.

SEBASTIAN KNAUER

* Nach dem Hochwasser im August 2002.

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