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Neue Unsicherheit

aus DER SPIEGEL 31/1992

In seinem Essay »Der moderne soziale Konflikt« sieht der Soziologe Ralf Dahrendorf die Summe seiner Sozialwissenschaft. Da wäre, bei einem Denker vom Schlage des Wahlbriten, viel zu erwarten.

Doch diesmal enttäuscht der liberale Außenseiter, seit 1987 Rektor am St. Anthony's College in Oxford, sein Publikum. Zwar nimmt das Buch die überraschende Zeitenwende des Jahres 1989 auf. Aber anders als in Dahrendorfs »Betrachtungen über die Revolution in Europa«, die als unmittelbare Reaktion ein furioses Manifest radikalliberalen Geistes waren, wirken die jüngsten Reflektionen des Autors - alte Themen und alte Thesen - seltsam blaß und abgehoben.

Seit über zehn Jahren verkündet der Theoretiker des sozialen Wandels nun das »Ende des sozialdemokratischen Jahrhunderts«, ohne je gesagt zu haben, was genau er damit meint. Mindestens ebensolange plagt er sich mit dem Konflikt zwischen Freiheit und Bindung ab, der Liberale immer wieder in die Zwickmühle bringt. Viel ist dabei nicht herausgekommen; außer der Binsenweisheit, daß nichts mehr so ist, wie es einmal war, und für die Entwicklung und den Zusammenhalt moderner Industriegesellschaften wohl beides vonnöten ist, Freiheitschancen (Optionen) und normgestützte Orientierungsmuster (Ligaturen).

Wie die Erosion elementarer Sozialregeln und der Verfall der öffentlichen Ordnung aufzuhalten wären, über die Dahrendorf beredt klagt, weiß er allerdings auch nicht. Stets schwankt er zwischen begründetem Pessimismus und grundlosem Optimismus. Er warnt, zu Recht, vor »Nationalismus und Fundamentalismus« als den »großen Anfechtungen der Modernität«. Sein Ratschlag, ebenso wünschenswert wie wirklichkeitsfremd: »Wir brauchen die Weltbürgergesellschaft.«

Der Weltbürger Dahrendorf liebt es, von hoher, meist britischer Warte aus zu urteilen. Die kosmopolitische Sicht der Dinge schärft, wenn es um Deutschland geht, seinen Blick. Nicht zuletzt die kritischen Passagen über die bürokratische Erstarrung und das verbeamtete öffentliche Leben machen das Buch - allen Einwänden zum Trotz - reizvoll. Schade nur, daß sich der Autor nach solchen luziden Momenten immer wieder im Dschungel der neuen Unübersichtlichkeit verliert: »Die Lage ist durchaus klar; sie ist nur höchst ungewiß.«

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