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IRAN Neue Wende

Um ihre gefangenen Staatsbürger im Libanon zu befreien, ließen sich die USA auf Waffenlieferungen an den Erzfeind Iran ein - Amerikas arabische Verbündete sind empört. *
aus DER SPIEGEL 46/1986

Bleich, ausgemergelt und mit schluchzender Stimme wandte sich der bärtige Mann an seinen Präsidenten: »Reagan hat schon einen Fehler in der Geiselkrise gemacht. Deswegen mußte unser Mitgefangener William Buckley sterben. Herr Präsident, wollen Sie noch einen anderen Fehler begehen, der diesmal unser aller Leben kostet?«

Das war Anfang Oktober, als der US-Bürger David Jacobsen, 55, aus seinem Beiruter Verlies per Videofilm seine bittere Anklage erhob.

Müde, aber lächelnd - und für eine eben beendete 17monatige Gefangenschaft erstaunlich robust - stieg der freigelassene Jacobsen vergangenen Montag in Frankfurt aus dem Lear-Jet, der ihn über Zypern zur ersten ärztlichen Untersuchung gebracht hatte. Vergessen waren die schlimmen Vorwürfe, diesmal gab es nur Lob.

Erst bedankte sich die Ex-Geisel (in dieser Reihenfolge) bei Ronald Reagan und beim »lieben Gott« für seine »wunderbare Befreiung«. Sodann leistete Jacobsen ("Sie werden mich ja wahrscheinlich auf Video gesehen haben ) gründlich Abbitte: »Ich bin stolz darauf, was meine Regierung in den vergangenen Monaten getan hat, und ich möchte hoffen, daß alle anderen Amerikaner auf diese Regierung ebenfalls stolz sind.«

Was wie ein gelungenes Kabinettstück Reaganscher Geheimpolitik aussah, war eine Aktion, die »zu den seltsamsten in der Geschichte der Diplomatie gezählt werden« müsse, höhnte Britanniens »Times«.

Zum Zeitpunkt seiner Ankunft in der Bundesrepublik konnte Jacobsen noch nicht wissen, welch hohen Preis die Reagan-Administration für seine Freilassung bezahlt hatte: Durch dunkle Waffengeschäfte mit dem fanatischen US-Gegner Iran, ohne Wissen der meisten Regierungsmitglieder, und durch dilettantische Auftritte amerikanischer Geheimemissäre hat Washington bei seinen arabischen Verbündeten »ein weiteres Stück an Glaubwürdigkeit und Verläßlichkeit verspielt«, klagte ein kuweitischer Diplomat in Bagdad.

Statt des erhofften Jubels kurz vor den Wahlen vom vergangenen Dienstag widerfuhr der Regierung herber Tadel - alles was mit Geiseln und Ajatollahs zusammenhängt, weckt in den USA ein tiefes Trauma.

Noch am Tag seines Amtsantritts 1981 - als der Iran 52 amerikanische Botschaftsangehörige nach 444tägiger Geiselhaft freiließ- hatte Reagan seinem Volk versprochen, es werde »niemals wieder amerikanische Geiseln« geben.

Doch seit Anfang 1984 wurden im Libanon zwölf US-Bürger entführt. Mindestens sechs von ihnen - darunter der Leiter der amerikanischen Universitätsklinik in Beirut, David Jacobsen - kamen in die Gewalt der radikal-schiitischen Organisation Dschihad Islami (Islamischer Heiliger Krieg). Die wiederum gilt als Ableger der Hisb Allah, einer Chomeini-hörigen und vom Iran ausgehaltenen Miliz.

Selbst die Nachricht vom Tod der Geisel William Buckley im Oktober 1985 konnte Reagan nicht dazu bewegen, mit den Geiselnehmern zu verhandeln. Bei denen, so erklärte er wiederholt, habe man es nur mit »gesichtslosen Terroristen« zu tun, von denen man ja »nicht einmal wisse, wer sie sind«.

Das stimmte nicht. Denn US-Geheimdienste, enthüllte kürzlich »Newsweek«, kannten längst nicht nur die Verstecke von »Amerikas vergessenen Geiseln«, _(Mit Schwiegersohn vergangenen Dienstag ) _(in Wies baden. )

sondern sogar Namen und Herkunft der schiitischen Geiselnehmer.

Auch der Geheimdienst der Libanon-Besatzungsmacht Syrien wußte seit langem um den genauen Aufenthaltsort der Gefangenen (Dschihad Islami hat außer den Amerikanern drei französische Staatsbürger gekidnappt). Wie der SPIEGEL von einem syrischen Präsidentenberater erfuhr, hatten die Syrer seit Wochen einen fertigen Plan, Geiseln zu befreien. Er wurde von General Ghasi Kinaan, dem mächtigen syrischen Geheimdienstchef im Libanon, aufgestellt und sogar dem Staatspräsidenten Hafis el-Assad vorgelegt.

Doch Assad zögerte, die Aktion zu erlauben. Einen möglichen Grund dafür erfuhr der frühere US-Senator James G. Abourezk bei einem Besuch in Damaskus. Als er Assad auf Reagans »stille Diplomatie« in der Geiselfrage ansprach, wurde der Araberführer laut: dessen Diplomatie sei »so still, daß ich sie überhaupt nicht hören kann«.

Auch ein anderer prominenter Gesprächspartner des Ex-Senators äußerte sich über Reagans Administration verbittert. Nabih Birri, libanesischer Justizminister und Chef der größten Schiitenmiliz Amal, hatte den USA schon einmal, im Fall einer entführten TWA-Maschine im Juni 1985, entscheidend geholfen: Er sprach damals mit den Hijackern und erreichte schließlich die Freilassung der Passagiere.

Lohn der Mühe: »Die Amerikaner haben mir damals das Blaue vom Himmel versprochen. Aber kaum waren ihre Leute frei, hieß es nur noch, Amal habe hinter der Entführung gestanden.« Birris damaliger Verhandlungspartner war Robert McFarlane, bis Ende 1985 Reagans nationaler Sicherheitsberater.

Birri zum SPIEGEL: »Für die Amerikaner rühre ich keinen Finger mehr. Die können ihren Dreck allein machen.«

Ähnlich illusionslos war auch James G. Abourezk nach seiner nahöstlichen Erkundungstour: »Mr. Reagan und seine Handlanger haben in der Arabischen Welt einfach zu viele Brücken hinter sich abgerissen, um noch irgend jemanden zu finden, der ihnen hilft.«

Nun scheinen sie doch noch ein hilfsbereites Land gefunden zu haben - ausgerechnet jenes, das seit Jahren Amerika »als großen »Satan« schmäht und für dessen geistigen Führer »Amerika der Weltfeind Nummer eins« ist: der Iran des greisen Ajatollah Chomeini.

Mitte vergangener Woche wurde bekannt, daß die Freilassung von David Jacobsen und zwei anderen Amerikanern vor ihm Ergebnis von Geheimverhandlungen zwischen Washington und Teheran gewesen sei, die schon seit über einem Jahr liefen. Doch es blieb nicht nur bei Gesprächen.

Beispiel: Mitte September 1985, so erfuhr die Londoner »Times«, war nahe der nordiranischen Stadt Täbris das DC8-Frachtflugzeug eines belgischen Unternehmens gelandet. Die Maschine kam aus Spanien und transportierte dringend benötigte Ersatzteile. Die iranische Armee, seit über sechs Jahren in den verlustreichen Krieg mit dem Nachbarn Irak verwickelt, kämpft bis heute mit überwiegend amerikanischen Waffen, die noch während des Schah-Regimes gekauft worden waren.

Nach der Machtübernahme der Mullahs 1979 hatten die USA die Lieferung von Ersatzteilen, hauptsächlich für Flugzeuge und Panzer, gestoppt und einen Rüstungsboykott verhängt.

Am gleichen Tag, an dem die DC-8 bei Täbris landete, ließen die Kidnapper der Dschihad-Islami-Organisation heimlich die US-Geisel Benjamin Weir frei - erster Erfolg des Waffengeschäfts.

Es war nicht der einzige Versorgungsflug. »Zahlreiche« C-130-Transportflugzeuge, meldete das prosyrische Beiruter Magazin »El-Schiraa«, seien bisher in den Iran geflogen, stets voll beladen mit den ersehnten Ersatzteilen. Auch Israel soll auf amerikanisches Drängen dem Iran Nachschub geliefert haben - angeblich gegen eine Zusicherung Teherans, persische Juden künftig großzügiger ausreisen zu lassen.

Das »Geheimabkommen« zwischen den USA und dem Iran, so wurde Ende vergangener Woche auch aus amerikanischen Regierungskreisen bestätigt, sähe neben der Waffenlieferung auch noch die Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen den beiden Ländern vor und schließlich gar ein Versprechen Teherans, künftig den internationalen Terrorismus nicht mehr zu unterstützen.

Die Iraner, verunsichert über das Bekanntwerden ihres angeblichen Handels mit dem Erzfeind, versuchten die neue Verbindung herunterzuspielen. Ministerpräsident Mir Hussein Mussawi teilte über Radio Teheran mit, es werde auch in Zukunft keine offiziellen Kontakte mit Washington geben. Dafür bestünden »keinerlei Möglichkeiten«.

Der einflußreiche Parlamentspräsident Haschemi Rafsandschani dagegen war weniger zurückhaltend. Genüßlich breitete er in einer Rede anläßlich des siebten Jahrestages der Besetzung der US-Botschaft in Teheran eine Geschichte aus, über die sich, wie ein europäischer

Diplomat in der US-Hauptstadt bemerkt, »seither ganz Washington kranklacht«.

Danach seien im September 1986 McFarlane, der ehemalige Sicherheitsberater Präsident Reagans, sowie weitere vier Amerikaner zu Geheimverhandlungen in Teheran aufgetaucht. Sie hätten gefälschte irische Pässe benützt und als Gastgeschenke eine Bibel »mit persönlicher Widmung des Präsidenten Reagan«, Colts sowie einen Kuchen in Form eines Schlüssels mitgebracht.

Der Politiker vor seinem amüsierten Auditorium: »Was fangen wir mit Colts an, wir brauchen richtige Waffen.« Und zum Kuchen, offensichtlich gedacht als Symbol, wußte er: »Den haben hungrige Revolutionswächter aufgegessen, noch gleich am Flughafen.«

Die amerikanische Delegation habe fünf Tage lang unter Hausarrest gestanden und sei dann, ohne daß sie politische Gespräche hätte führen können, »abgeschoben« worden.

Daß es überhaupt zu Verhandlungen zwischen beiden Ländern kommen konnte, werten Kenner in Teheran als »weitreichende politische Veränderung« - auch auf der innenpolitischen Szene.

Im Gerangel um die Nachfolge des schwerkranken Revolutionsführers Chomeini - er soll eben wieder eine Herzattacke erlitten haben - war vor zwei Wochen Mahdi Haschemi, der Leiter des »Komitees zur Unterstützung der Befreiungsbewegung«, verhaftet worden.

Haschemi, einer der einflußreichsten Hardliner der iranischen Theokratie, ist der Bruder des Schwiegersohns von Ajatollah Montaseri, des wahrscheinlichen Chomeini-Nachfolgers. Seine Verhaftung - das Komitee kontrolliert auch die Iran-treuen libanesischen Schiiten-Milizen - wird als »deutlicher Warnschuß« für Montaseri gewertet: Er soll seine radikale Abgrenzung gegenüber dem Westen aufgeben, vor allem gegenüber den USA.

Doch Washingtons Versuch, mit Teheran zu kooperieren, kann Amerika in gefährliche Turbulenzen mit seinen arabischen Verbündeten führen.

Die Meldungen über die »Geheimverhandlungen« zwischen den USA und dem Iran erschreckten vergangene Woche die Emire und Scheichs der arabischen Golfstaaten auf ihrem Gipfel in Abu Dhabi. Sie unterstützen seit Kriegsbeginn den Irak - aus Sorge, der islamische Fundamentalismus a la Chomeini könne ihre feudale Existenz bedrohen. Mit Saudi-Arabien an der Spitze ließen sie dem Irak bislang mehr als 30 Milliarden Dollar zukommen.

Ein saudiarabischer Delegierter vergangenen Donnerstag: »Sind die in Washington von allen guten Geistern verlassen? Wenn jetzt die Amerikaner den Iranern auch noch Waffen liefern, hat der Golfkrieg eine neue Wende genommen.«

Mit Schwiegersohn vergangenen Dienstag in Wies baden.

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