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HAITI Neuer Direktor

Das Volk macht Jagd auf die Schergen des gestürzten Regimes, der Aufstand der Unteroffiziere versöhnte die Armen mit der Armee. *
aus DER SPIEGEL 40/1988

Lachend, schreiend, johlend tanzt eine ausgelassene Menge um die schwarz verkohlten Reste eines Menschen. Die Flammen züngeln noch um den Kadaver, der Gestank versengten Fleisches hängt in der Luft. Der Mann ist soeben lebendig verbrannt worden. »Er war ein Feind des Volkes«, rechtfertigt die Menge ihre grausige Tat.

Und schon brandet neuer Jubel auf. Langsam rollt ein Lastwagen an den Scheiterhaufen heran. Auf der Ladefläche schwenkt ein Mann triumphierend ein blutiges, abgehacktes Bein - auch das der Rest eines »Volksfeindes«.

Es ist, als ob die Wut und der Haß der Haitianer auf alle Regierungen, die sie in den letzten 30 Jahren erdulden mußten, sich binnen weniger Tage entladen würden. Sie steinigen, erschlagen, zerstückeln oder verbrennen gnadenlos die einstigen Peiniger, sobald sie ihrer habhaft werden können, plündern und zerstören Häuser und Besitz geflohener oder versteckter Schergen der Diktatur.

Es ist die Stunde des »Dechoucage«, der Ausrottung der »Feinde der Demokratie«. Seit junge Unteroffiziere vor zwei Wochen den Generalspräsidenten henri Namphy stürzten und ins Exil schickten, sind die Tontons Macoutes, die private Mörderbande des einstigen Diktatoren-Clans der Duvaliers, zum Freiwild geworden.

Ein junger Arbeitsloser, der den Fremden um ein paar Münzen anbettelt, vergißt für einen Augenblick seinen Hunger und fühlt fast so etwas wie patriotischen Stolz. »Jetzt werden die Macoutes gejagt«, freut er sich über die Selbstjustiz der Haitianer nach dem Putsch.

Der Aufstand der Sergeanten hat das Volk wieder mit der Armee versöhnt. »Dechoucage« ist überall. Im Hauptquartier der Streitkräfte, nur wenige Meter neben dem weißen Präsidentenpalast mit seinem gepflegten Rasen, herrscht aufgeregtes Kommen und Gehen. Unteroffiziere und einfache Soldaten stiefeln, Pistole oder Gewehr im Arm, durch die Gänge.

Vier Offiziere werden gefesselt hereingeführt. Acht Generale und Obristen wurden gefeuert, 160 weitere hohe Offiziere stehen auf einer Entlassungliste - »wegen unerlaubter Bereicherung«, so die Begründung der Truppe.

»Dechoucage« auch in den Verwaltungs- und Regierungsbehörden. »Wir werden die Demokratie endgültig auf den Weg bringen und die Anhänger Namphys und Duvaliers jagen«, erklärt ein Korporal der 4. Polizeikompanie in der Hauptstadt Port-au-Prince. »Demokratie, das ist die Macht des Volkes.«

Wieder einmal - wie schon mehrmals in den vergangenen 30 Monaten seit dem Sturz Jean-Claude Duvaliers - hoffen die Haitianer. Doch diesmal ist es nicht, wie an jenem 7. Februar 1986, als der feiste Diktator das Land verließ und die Menschen sich in die Arme fielen, überschäumende Euphorie. Diesmal keimt die Hoffnung »langsam, begleitet von Mißtrauen«, sagt Joseph, ein Mitarbeiter des Kirchensenders »Radio Soleil«.

Das Mißtrauen verbietet den Menschen auf der Straße, sich gnädig gegenüber den Handlangern des gestürzten Regimes zu zeigen. und die Hoffnung stützt sich darauf, daß der Militärcoup nicht von den Generalen geplant wurde, sondern von den einfachen Soldaten und Unteroffizieren.

»Diese Leute, die den Wechsel wollen, sind jung«, sagt Joseph in seinem kargen Sendestudio. »Das ist eine andere Generation. Diese Soldaten sind fromm, sie gehen in die Kirche, sie besuchen sogar Pater Aristides Messen.«

Tatsächlich war ein Angriff auf den Priester Jean-Bertrand Aristide, einen

scharfzüngigen Prediger gegen die Militärregierung, der Auslöser für die Revolte gewesen. Am 11. September hatte eine mit macheten und Knüppeln bewaffnete Bande von Tontons Macoutes die Kirche St. Jean Bosco überfallen, wo Pater Aristide gerade die Messe las. Die Killer erschlugen 13 Gläubige und verletzten mindestens 70, darunter eine Schwangere, die eine Stichwunde in den Bauch erhielt.

Ein Arzt rettete die Frau und ihr Baby, aber die Mörder durchsuchten die Frauenabteilung der Universitätsklinik nach ihrem Opfer. Als sie erfolglos blieben, vergewaltigten sie aus Wut einige Frauen, die gerade entbunden hatten, in den Betten.

Wenig später rühmten sich sechs Sprecher der Tontons Macoutes im staatlichen Fernsehen ihrer Tat und kündigten weitere Aktionen an. Auch Franck Romain, Bürgermeister von Port-au-Prince, der gern damit prahlte, »für Duvalier Kriminelle gefoltert und ermordet« zu haben, zeigte Verständnis für den Anschlag in der Kirche. Vor dem gläubigen Volk entlarvte er sich damit als Drahtzieher des Massakers.

»Diese Ereignisse wirkten wie ein Schock im ganzen Land«, erklärt ein westlicher Diplomat. Die Putschisten begründeten ihren Staatsstreich in einem ersten Kommunique mit den »zahlreichen barbarischen Taten, die General Namphy angelastet werden«.

Namphy, ein unfähiger Präsident, der bei seinen öffentlichen Auftritten oft einen betrunkenen Eindruck machte, ahnte die Erhebung voraus. Er wollte loyale Offiziere zu Hilfe holen, doch die Truppen widersetzten sich dem Marschbefehl. Einige hundert Unteroffiziere und Soldaten der Präsidentengarde unter Führung des Sergeanten Joseph Heubreux, 27, nahmen Namphy fest und schoben ihn in die Dominikanische Republik ab. Mit ihm floh Bürgermeister Romain.

Für sich forderten die Putschisten mehr Sold sowie bessere Behandlung - die meisten Unteroffiziere haben nur hundert Dollar Sold im Monat, müssen aber Vorgesetzte mit 300 Dollar schmieren, um eine Beförderung zu erreichen.

Ihr Programm für Haiti: Wiederherstellung der Verfassung, die Namphy im Juni außer Kraft gesetzt hatte, Bildung einer Zivilregierung, Achtung der Menschenrechte, Pressefreiheit, die Entwaffnung aller Zivilisten sowie die »Säuberung« aller Bereiche des öffentlichen Lebens von Anhängern der Diktatur.

Andere Einheiten schlossen sich den Rebellen an. Die »Leoparden«, Haitis schlagkräftigste Truppe, nahmen ihren Kommandeur fest, brachten ihn in Handschellen ins Armeehauptquartier und schickten eine Delegation zum Präsidentenpalast, um ihre Solidarität mit den Meuterern zu bekunden.

Doch schon bald drohte der Aufstand in einem allgemeinen Wirrwarr unterzugehen. Zunächst konnten sich die Unteroffiziere, die meisten von ihnen halbe Analphabeten, nicht auf die Zusammensetzung einer neuen Regierungsjunta einigen. Heubreux, ihr Anführer, schien ihnen politisch zu unerfahren. So beförderten sie kurzerhand den verdutzten Chef der Präsidentengarde, Brigadegeneral Prosper Avril, 50, zum Generalleutnant und trugen ihm die Präsidentschaft an.

Damit machten sie ausgerechnet jenen Mann zur Nummer eins, der es in den letzten Jahren immer verstanden hat, als graue Eminenz jeder Regierung zu dienen, von Duvalier bis Namphy.

Dem Wunsch der jungen Putschisten, den bei der Truppe beliebten Oberst Jean-Claude Paul zum Oberkommandierenden der Streitkräfte zu ernennen, kam Avril mit Rücksicht auf die US-Regierung nicht nach: Paul, Kommandeur der Dessalines-Kasernen, ist in Miami in Abwesenheit wegen Drogenhandels angeklagt. Finanzhilfe aus Washington aber ist unerläßlich, wenn die neue Regierung überleben will.

Die Haitianer sind sich der unsicheren Lage bewußt. »Ist das Namphy-Theater nun beendet«, fragte skeptisch die Zeitung »Haiti-Observateur«, »oder ist das nur ein neuer Direktor für die gleiche Truppe und das gleiche Ballett?«

Aber als Generalleutnant Avril sein neues Kabinett aus Zivilisten im Präsidentenpalast vorstellte (Ausnahme: der Verteidigungsminister), stand Heubreux zu seiner Linken, eine Uzi-Maschinenpistole über die Schulter gehängt. Und als der Präsident am nächsten Tag vor die Garde trat, händigte ihm Heubreux das Papier aus, von dem Avril seine Erklärung ablas.

»Wir unterstützen die Soldaten, nicht Avril«, erklärt Evans Paul, Sprecher einer der vielen Basisorganisationen, die derzeit in Haiti entstehen: »Es ist notwendig, den Kontakt zwischen dem Volk und den Soldaten ständig aufrechtzuerhalten. Die Soldaten brauchen unsere Hilfe.«

Die »Konföderation für demokratische Einheit« bittet die »patriotischen Militärs, fest zu ihrer Entscheidung« zu stehen, um zu verhindern, daß »die Macoutes und Menschen ohne Glauben und Gesetz einen Gegenputsch inszenieren, wie das am 7. Februar 1986 geschah«.

Damals, nach dem Sturz Jean-Claude Duvaliers, war es den Haitianern nicht gelungen, die berüchtigten Knüppelgarden des Diktators auszuschalten. Unter General Namphy gewannen die Killerbanden ihre Macht schnell wieder zurück.

Das soll nicht wieder vorkommen. »Dieser Putsch«, so schätzt ein Diplomat die Lage ein, »war vor allem ein Coup gegen die Macoutes.«

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