Neuer IS-Chef al-Salbi Baghdadis Erbe

Lange wurde gerätselt, wer der Nachfolger von Terrorführer Baghdadi ist. Nun hat der "Guardian" offenbar seine Identität enttarnt: Es handelt sich demnach um einen irakischen Theologen mit Verbindungen in die Türkei.

Als die Terrormiliz "Islamischer Staat" nur wenige Tage nach dem spektakulären Ende ihres Kalifen Abu Bakr al-Baghdadi vergangenen Oktober einen gewissen Abu Ibrahim al-Haschimi al-Quraischi als neuen Anführer präsentierte, fragte sich die halbe Welt: Wer ist dieser Mann? Nachrichtendienstler, Dschihadistenführer und sonstige Terrorexperten wussten mit dem Namen nichts anzufangen. Baghdadi hatte noch in zwei Videos sein Gesicht gezeigt, die Biografie seines Nachfolgers war weitgehend bekannt. 

Fast zeitgleich mit der dramatischen Zugriffsoperation der Amerikaner, in deren Verlauf Baghdadi sich und zwei seiner Kinder im Keller unter seinem letzten Quartier in Syriens Provinz Idlib sprengte, war auch dessen designierter Nachfolger umgebracht worden. Doch irgendwen musste die aufs Untergrunddasein zurückgeworfene Terrortruppe als neues "Oberhaupt der Gläubigen" präsentieren. Nur wer sollte der Neue sein, dessen Namen niemand kannte, dessen Bild erst recht nirgends auftauchte? 

Knapp drei Monate später hat nun der Nahostkorrespondent des britischen "Guardian" das Pseudonym Abu Ibrahim al-Haschimi al-Quraischi einer Person zugeschrieben: Der neue Führer des IS sei einer der wenigen Überlebenden aus dem alten Führungszirkel, so Martin Chulov unter Berufung auf zwei Geheimdienste.

Sein echter Name sei Amir Mohammed Abdul Rahman al-Mawli al-Salbi, einer der ranghöchsten Iraker, allerdings kein Araber, sondern ein Turkmene aus der Stadt Tall Afar westlich von Mossul. Ebenso wie Baghdadi ist Salbi ein studierter Theologe, anders als der operative Kern der alten Führung, die bis auf Baghdadi fast ausschließlich aus ehemaligen Offizieren des Sicherheitsapparats Saddam Husseins bestand. 

Zu alter Größe wird auch Salbi den IS nicht zurückführen

Salbi, der in Mossul Sharia-Recht studiert habe, sei als Ideologe in Erscheinung getreten, der 2014 die Massaker an den Yeziden im nordirakischen Sindschar und die Versklavung von deren Frauen religiös gerechtfertigt habe. Bereits 2004 sei er, so der "Guardian", von den Amerikanern in Camp Bucca inhaftiert worden, jenem gigantischen, chaotischen Gefangenenlager im Südirak, wo Salbi unter anderem Baghdadi kennengelernt habe.

Schon im Spätsommer 2019 war Salbi als damaliger Adjudant Baghdadis von den USA mit einem Kopfgeld von 5 Millionen Dollar gesucht worden, aber damals verlor sich seine Spur. Nach Idlib sei er Baghdadi nicht gefolgt, sondern in seiner alten Heimat in der Umgebung von Mossul geblieben.

Zu alter Größe wird auch Salbi den IS nicht zurückführen, zumal der einst strategisch extrem weitsichtig operierenden Organisation vor allem der Mangel an Management-Talenten zu schaffen macht, weniger der an Ideologen. 

Aber die Identität des neuen Anführers lässt Rückschlüsse zu auf die momentane Orientierung des IS. Mit Salbi übernimmt einer der letzten Iraker das Kommando, zumal aus einer Gegend, aus der mehrere der ehemaligen Spitzenkader kommen. Und der pikanterweise familiär verbunden ist mit jenem Staat, der dem Treiben des IS jahrelang untätig zugeschaut hat: Salbis Bruder Adelb Salbi soll sich, so der "Guardian", in der Türkei aufhalten als Repräsentant der "Irakischen Turkmenenfront", einer jener Brückenköpfe, die Ankara nach 2003 im Nordirak finanzierte und kontrollierte, um seinen Einfluss dort zu sichern.