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SOMALIA Neuer Krieg im Höllenloch

Die Afrikanische Union zögert mit der Entsendung einer Friedenstruppe. Nun nehmen Islamisten und Warlords die Regierung unter Beschuss, während die Amerikaner im Süden Terroristen jagen.
aus DER SPIEGEL 6/2007

Wenn jemand die somalische Tragödie am eigenen Leib verkörpert, dann ist es Awil Tahalil Weheliyeh, ein 35-Jähriger, der aussieht wie 60. Das linke Bein hat ihm vor zehn Jahren eine Granate zerfetzt und nur noch einen Stumpf übrig gelassen. Über der Schulter hat der Krüppel stolz eine Kalaschnikow baumeln und am Gürtel so viel Patronenmagazine, dass er eine ganze Kaserne damit stürmen könnte.

Hinter ihm reckt sich eine alte koloniale Jugendstilvilla empor, die noch aus der italienischen Epoche des Landes stammt. Früh am Morgen beleuchtet die Sonne die Einschusslöcher, die dem Gemäuer erst vor Wochen beigebracht wurden. Gegenüber liegt das Banadir-Krankenhaus, das chinesische Helfer errichtet haben, als in Somalia noch die Kommunisten herrschten.

Awil Tahalil tut, was er seit Anfang der neunziger Jahre fast jeden Tag tut, wenn er nicht im Gefechtsfeuer oder im Lazarett liegt: Er patrouilliert schwerbewaffnet die Gegend. Anfangs tat er das im Sold einer der Stammesarmeen, die das Land so schwer verwüstet haben, dann für eine Miliz, die den Schutz des Hospitals übernommen hatte. Seit Anfang des Jahres leistet er nun Kriegsdienst für die Regierung, die ihn dafür in eine neue Uniform gesteckt hat.

Und so steht er einbeinig auf Krücken an der verfallenen Straße und winkt nicht unfreundlich den ägyptischen Chirurgen Adnan Mohammed Kamal Sajada durch, der als Freiwilliger im Krankenhaus tätig ist, um Leute wie Awil Tahalil wieder zusammenzuflicken.

Sajada kam voller Zuversicht in dieses Land. Der äthiopisch-somalische Sieg über den Rat der islamischen Gerichte stand unmittelbar bevor, aber zum ersten Mal nach langer Zeit herrschte bereits so etwas wie Frieden auf den Straßen von Mogadischu. Die Arabische Liga und die Arabische Ärztevereinigung suchten Mutige, die dem Land beim Aufbau und den Kranken bei der Genesung helfen wollten.

Mit neun Tonnen Medikamenten und Ausrüstung sowie sechs gleichgesinnten ägyptischen Medizinern kam Sajada vor sechs Wochen in Mogadischu an. In Somalia, dem Trümmerfeld am Horn von Afrika, kann das eine Ewigkeit sein. »Fliegenverseuchtes Höllenloch« nannte es nicht umsonst der britische Schriftsteller Gerald Hanley, der 70 Jahre vor den ägyptischen Ärzten hier lebte.

»Sehen Sie nur diese Massen von Verwundeten«, sagt

Sajada, »jeden Tag bekommen wir allein in den beiden Krankenhäusern, die wir hier betreuen, mindestens 15 neue Schussverletzungen, und jetzt werden es mehr.« Wie um seine Worte zu bestätigen, knattert aus der Nähe eine Gewehrsalve herüber.

Unbeirrt von der Knallerei beugt sich Sajada über einen 22-Jährigen: »Salad Osman, Kopfschuss, in ein Kreuzfeuer geraten, vom Hals abwärts gelähmt«. Das Bett neben dem Schwerverletzten steht leer, weil der ehemalige Nachbar gestorben ist. »Es wird aber nicht lange leer bleiben«, sagt der Ägypter.

Mehr als einen Monat nach der Machtübernahme der sogenannten Übergangsregierung und ihrer äthiopischen Helfer bahnt sich in Somalia ganz offensichtlich ein neuer Waffengang an. Die immer noch gutgerüsteten Klan-Milizen kriechen wieder aus den Ruinen hervor, seit die vorher herrschenden Islamisten sowie deren Qaida-Verbündete besiegt sind.

Und auch die Islamisten kommen wieder aus ihren Verstecken, seit sich die ersten 50 Militärlaster der Äthiopier auf den Heimweg gemacht haben. Nun könnte alles wieder von vorn losgehen, wenn es nicht schnell Verständigung über eine Friedenstruppe für Somalia gibt.

Doch beim Gipfeltreffen der Afrikanischen Union (AU) vergangene Woche in Addis Abeba blieb alles wie gewohnt. Statt der notwendigen 8000 Soldaten haben fünf Nationen bislang nur 4000 in Aussicht gestellt.

Die jedoch zur Befriedung eines AU-Mitgliedstaats zu schicken, sind sie nur dann bereit, wenn sie dabei von Europäern und Amerikanern unterstützt werden. Und die Industrienationen haben erst lediglich 15 Millionen Euro (EU) und umgerechnet 31 Millionen Euro (USA) angeboten. Es sieht so aus, als reiche das den Afrikanern nicht, in Somalia einzuspringen. Nun steigt mit jedem Tag, den die AU ihren Einsatz herauszögert, die Kriegsgefahr.

So könnte das neue Kapitel des Anti-Terror-Kampfs der Amerikaner und ihrer äthiopischen Verbündeten schnell in einem Debakel enden. Schon jetzt vergeht kaum ein Tag, an dem nicht neue Überfälle gemeldet werden. Heute ist es ein Panzerfaustangriff auf eine Polizeistation in der Hauptstadt, zwei Tage zuvor war es eine Mörserattacke auf eine Kaserne.

Davor wurde der Präsidentenpalast mit Granaten belegt, und in den Juba-Regionen im Süden, schreibt die Uno in ihrem »Situationsbericht Nr. 26«, eskalieren die Klan-Kämpfe - das alte Übel Somalias. Zur gleichen Zeit soll vom US-Stützpunkt Dschibuti wiederholt ein amerikanisches Kriegsflugzeug vom Typ AC-130 gestartet sein und mutmaßliche Qaida-Verstecke im Süden Somalias bombardiert haben. Weil bei solchen Aktionen häufig Nomaden mit ihren Ziegen und Kamelen getroffen werden, nehmen die Drohungen gegen die Fremden, »diese ungläubigen Teufel«, zu.

»Das ganze Land befindet sich an der Schwelle zum Krieg«, klagt Abukar Scheich Ali vom Hilfswerk Daryeel Bulsho Guud, das von der Katastrophenhilfe der Diakonie und von Brot für die Welt unterstützt wird: »Die Regierung ist schwach, die Milizen sind kriegserfahren.« Ein riesiger Fehler sei es gewesen, »dass die Amerikaner mit anhaltenden Bombardements Jagd auf ein paar Einzelpersonen machen und sich damit den Volkszorn zuziehen«.

Der äußert sich in täglichen Protesten gegen die neue Regierung, die sich ihrerseits bereits kurz nach der Machtübernahme diktatorisch gebärdet. So schloss sie die Radio- und Fernsehsender al-Dschasira, HornAfrik und Shabelle wegen unliebsamer Berichterstattung.

In Mogadischu kommt es zu Aufständen von Mitgliedern des Ayr-Subklans, der in der Hauptstadt beheimatet ist und sich von der Macht ausgeschlossen fühlt, weil Präsident Abdullahi Ahmed Jussuf keinen ihrer Vertreter in sein Kabinett gebeten hat.

In den sieben Monaten der Islamistenherrschaft stellten die Ayr rund 70 Prozent des politischen und religiösen Führungspersonals und regierten somit einen großen Teil des Landes. Sie verboten das Musikhören, Fußballgucken und Kauen der Volksdroge Kat. Sie ließen Menschen öffentlich hinrichten und holten Qaida-Kämpfer ins Land.

Es ist verständlich, dass Jussuf, der zum Klan der Darod gehört, die Ayr deshalb meidet. Er spielt aber mit dem Feuer. Andere Kriegstreiber und Klan-Führer hat er, um sie ruhigzustellen, in die kaum noch zu überblickende Ministerriege geholt. Er weiß, dass er, wenn die Äthiopier abgezogen sind, einen Konsens zwischen den bis aufs Blut verfeindeten Klans herstellen muss. Womöglich muss er dabei dem Teufel die Hand reichen, aber vielleicht ist das besser, als ihn zum Feind zu haben.

Das sehen mittlerweile auch Jussufs Freunde in Washington so. Deshalb haben sie ihn gedrängt, mit Ayr-Vertretern und gemäßigten Islamisten über eine Regierungsbeteiligung zu verhandeln, sonst entzögen sie ihm die Unterstützung. Deshalb hat der Präsident von US-Gnaden jetzt zugesagt, er wolle seine Feinde zu einer großen Versöhnungskonferenz bitten.

Die Einladung hat Ali Mohammed Ali, einer der Klan-Führer der Ayr noch nicht erhalten. »Unser Klan leidet«, sagt er, »der Präsident hat nicht mit uns gesprochen, und er hat nicht mit den Leuten von den islamischen Gerichten gesprochen.«

Dabei müssten auch die Islamisten in den Friedensprozess einbezogen werden, sagt er. Sie hätten sich trotz ihres rigorosen Vorgehens größter Beliebtheit in der Bevölkerung erfreut. Ausgeschlossen von der Macht stellten sie nun eine permanente Gefahr für ihre Nachfolger dar. »Tausende Waffen sind noch im Land und Tausende ihrer Anhänger«, meint Ali.

Das hört sich ein bisschen wie eine Drohung an, und so ist es wohl auch gemeint. Als wenig später im Hintergrund Granaten explodieren und Gewehrsalven durchs Viertel peitschen, lächelt der Klan-Führer. THILO THIELKE

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