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RUSSLAND »Neues Babylon«

Moskau erlebt einen Bau-Boom. Denkmalschutz und behutsame Stadterneuerung geraten dabei immer mehr ins Hintertreffen. Und stets hat Oberbürgermeister Jurij Luschkow das letzte Wort.
Von Jörg R. Mettke
aus DER SPIEGEL 18/2004

Die Kinder der russischen Hauptstadt haben ein spezielles Unterrichtsfach. Das sei ihnen, glaubt man Bekenntnissen »verdienter« Vorzeigelehrer, »so lieb und teuer wie ihre herrliche Heimatstadt selbst«.

Steht »Moskaukunde« auf dem Stundenplan, begegnen Schüler den literarischen Oden auf diese Stadt: Leo Tolstois Huldigung der allrussischen »Mutter«, Alexander Bloks poetischem Knicks vor der slawischen »Herrin«, der begnadeten Ironie der Marija Zwetajewa für ihr »unbedeutendes Dörfchen« Moskau.

Oder sie rücken zur Stadterkundung aus. An den Moskwa-Bogen unterhalb des Kirchenensembles von Kolomenskoje, wo ein Freiluftmuseum an Peter den Großen erinnert. Oder in den Kreml, zu den sinnstiftenden Reliquien russischer Großmacht - der gewaltigen Zarenglocke, die nie einen Ton von sich gegeben hat, und der Riesenkanone »Zar Puschka«, aus der nie ein Schuss abgefeuert wurde.

Doch die Sorge wächst, dass außer solchen Touristenattraktionen schon bald nicht mehr viel Originales aus der reichen Stadtgeschichte vorzeigbar sein könnte. Was Abrissbirnen noch nicht demoliert haben, verschwindet womöglich per warmem Abbruch - wie bei 20 mysteriösen Bränden seit 1994 oder gerade erst im Fall des kulturgeschichtlich kostbaren Manegegebäudes in unmittelbarer Kreml-Nachbarschaft. Der Bau mit der einzigartigen Holzdachkonstruktion brannte aus ungeklärten Ursachen vergangenen Monat genau am Tag der Präsidentenwahl ab.

Durch mancherlei Art stadtplanerisches Lifting bekommt das historisch gefurchte Antlitz Moskaus von Jahr zu Jahr deutlicher die feisten glatten Züge seines Patrons - des Oberbürgermeisters Jurij Luschkow. Nur dass der »Maire« statt Lederkäppis, seiner volksnahen Lieblingskopfbedeckung, der Metropole überall Türmchen in verquastem pseudorussischem Stil aufpappen lässt, so dass ihre Silhouet-

te mancherorts bereits an eine ins Monströse aufgeblasene süddeutsche Kleinstadt erinnert.

Nach vergeblichen Hoffnungen, zu noch Größerem, beispielsweise auf den Präsidentensessel im Kreml, berufen zu werden, interessiert Luschkow nach eigenem Bekenntnis »nur noch der Dienst an meiner Heimatstadt«. Und weil die Großbaustelle Moskau gerade so richtig auf Touren kommt, hat der Schultheiß kürzlich eine neue Amtszeit begonnen. Die vierte.

Das hauptstädtische Architekturerbe ist inzwischen so sehr zur Luschkowschen Verfügungsmasse geworden, dass für seine Vision von einer schnieken Allerweltsstadt oft ein Federstrich des obersten Bürger- und Baumeisters ausreicht, um denkmalschützerische Bedenken hinwegzufegen.

Die Spezialität des Stadtschulzen ist es, Originale durch Beinahe-Kopien zu ersetzen. Seine stadtplanerische Ideologie ist die Täuschung, das Als-ob. Seine Geschmackshegemonie lastet mittlerweile schwer auf Moskau - vom Betonklotz der im Akkord nachgebauten Erlöser-Kathedrale über die plump volkstümelnden Riesenstandbilder seines Lieblingsbildhauers Surab Zereteli bis zum dreigeschossigen Konsumkeller unterm Manegenplatz, dessen schrille Aufdringlichkeit den vergoldeten Kloschüsseln russischer Neureicher gleicht.

Wo immer Traditionsgebäude im Stadtkern nicht ähnlich große Gefühlsmehrheiten mobilisieren können wie Basiliuskathedrale, Bolschoi-Theater oder Kreml, wächst die Gefahr, dass sie an einen besser zahlenden Wirt gehen. Früher, zu Sowjetzeiten, war es der mit der härteren Faust. Für den Raubbau an Moskaus architektonischer Substanz freilich macht das wenig Unterschied.

Unter kommunistischer Herrschaft wurden einschließlich Kirchen rund 2000 historische Gebäude Moskaus geschleift. Die postsozialistische Obrigkeit hat es in gut einem Jahrzehnt bereits auf 300 Abrisse gebracht, darunter 40 ausgewiesene Architekturdenkmäler. In Ermangelung von Älterem vergreift sie sich zunehmend an Schaustücken der Moderne, welche sich die Sowjetunion noch bis in die dreißiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts geleistet hatte.

Wenige hundert Meter vom Kreml entfernt wurde im Hauruckverfahren die Fassade des Militärkaufhauses Wojentorg zertrümmert. Das von seinem Architekten Sergej Salesski einst als Warenhaus der Gesellschaft Moskauer Gardeoffiziere entworfene Gebäude war nach Fertigstellung 1913 mit Auszeichnungen überhäuft worden. Fachleuten galt es als rares Musterbeispiel einer ganzen Bauepoche.

Doch der Mann mit dem Käppi pfiff auf diplomierten Sachverstand ebenso wie auf ein dramatisches Protest-Telegramm des Kulturministers. Alexej Kometsch, Professor der Kunstwissenschaft und Direktor des Staatsinstituts für Kunstgeschichte, gestand am Ende, er und seine Kollegen hätten sich bei ihrem verzweifelten Widerstand »gefühlt wie Narren am Zarenhof«.

Genauer: Sie dienten als geduldetes, ja erwünschtes Dekor beim großen Täuschungsmanöver gelenkter Demokratie in Russland, die sich in Mitwirkungsritualen erschöpft. Jenseits des schönen demokratischen Scheins, musste der Gelehrte Kometsch erfahren, sei es allein ein Mann, »Jurij Michailowitsch (Luschkow), dessen Meinung in der Stadt unanfechtbar ist«.

Dieselbe Erfahrung machten Denkmalschützer bereits beim Kampf um die Erhaltung des gleichfalls zum Abriss verurteilten Hotels Moskwa, welches den Manegenplatz zum Nordosten hin begrenzt: ebenfalls Exempel architektonischer Avantgarde, nun bereits sowjetischer, ebenfalls vom Reißbrett eines großen russischen Architekten, ebenfalls auf zentralem städtischem Filetgrundstück gelegen.

Konstruktivist Alexej Schtschussew, den der deutsche Osteuropa-Historiker Karl Schlögel einmal den »Generalstäbler der Stadtrekonstruktion« unter Josef Stalin nannte, hatte vor der Revolution orthodoxe Kirchen und herrschaftliche Landhäuser entworfen - und der neuen Macht den Würfelbau des Lenin-Mausoleums an der Kreml-Mauer. Das asymmetrische, bis zu 14 Stockwerke hohe Hotel für die Parteielite mit seiner Fassade aus rotem Granit und weißem Marmor war eine der letzten Arbeiten Schtschussews.

Das 1935 eingeweihte Gebäude galt als bewahrenswertes Baudenkmal jüngster Stadtgeschichte. Bis Hauptstadtverwalter Luschkow befand, es sei eher ein Monument abscheulicher Bauweise, und die Demontage erreichte.

Wenn die renovierte Herberge dereinst wieder ihren Betrieb aufnehmen wird - hinter einer Fassadenkopie à la Schtschussew und auf Fünf-Sterne-Niveau geliftet -, soll die Four-Seasons-Hotelkette das Management übernehmen. Deren Mitbesitzer, der saudi-arabische Milliardär Prinz Walid Ibn Talal, sei dafür bekannt, schwärmt ein Subalterner der Stadtverwaltung, »dass er nur das Beste vom Besten nimmt«. Chefarchitekt Alexander Kusmin: »Das wird ein Hotel für Stars und Präsidenten.«

In fast allen Fällen, wo stadt- und baugeschichtliche Unikate über Luschkows breiten Daumen aufgehübscht und damit profitabler werden, ist von »Wiederherstellung« die Rede. Alles werde ja genauso wieder aufgebaut, streuen die Öffentlichkeitsarbeiter der Stadtverwaltung, nur schöner, zeitgemäßer, funktionaler.

Doch von wirklicher Restaurierung kann oft keine Rede sein. Stattdessen entstehen im Moskauer Zentrum, wo die Preise pro Quadratmeter inzwischen auf 10 000 Euro hochschnellten, den Originalen nachempfundene Zwitter, die der besitzenden Klasse Lustgewinn bescheren, allen übrigen jedoch Kulturverlust.

Die flotte Bautätigkeit spült viel Geld in die Kassen des kommunalen Wirtschaftsimperiums, das an den meisten Projekten direkt oder indirekt beteiligt ist. Unternehmer Konstantin Borowoi erwarb im vergangenen Jahr bei der Auktion »Zeit für Luxus« eine 700 Quadratmeter große Bleibe mit kugelsicheren Fensterscheiben für 15 Millionen US-Dollar. Das einstige Quartier des 1984 verstorbenen KPdSU-Generalsekretärs Jurij Andropow am Kutusow-Prospekt (155 Quadratmeter) soll immerhin noch zehn Millionen Dollar bringen. Monatsmieten bis 12 000 Dollar für ähnlich große Wohnungen in zentraler Lage sind längst keine Seltenheit mehr.

Angefeuert von Makleragenturen und Investmentgesellschaften, die am Immobilien-Boom mitverdienen, treibt der Maximalismus angeblicher Stadtveredler immer neue Blüten. Längst vor dem hilfreichen Feuer hatten sie die 1817 gebaute Manege als nächstes Großobjekt ins Visier genommen. Da hier strengere Denkmalschutzauflagen sichtbare Verunstaltungen verboten, sollten zunächst zwei zusätzliche Kelleretagen Platz für Kommerz und Kraftfahrzeuge schaffen.

Denn das autogerechte Moskau ist eine weitere Obsession des Jurij Luschkow. Ein dritter Stadtautobahnring von ausgesuchter architektonischer Hässlichkeit, der Ende letzten Jahres geschlossen wurde, bringt bislang kaum spürbare Entlastung. Auf Moskaus Straßen verkeilen sich täglich drei Millionen Kraftfahrzeuge, die fast zwei Millionen Tonnen Abgase pro Jahr ausstoßen und die Stadt mit jedem Tag dem Verkehrsinfarkt näher bringen.

Auch hoch mag es der Schultheiß gern, Wohn- und Bürosilos mit 60 Stockwerken wie der elitäre Wohnpalast »Rote Segel« greifen immer mehr in den Moskauer Himmel. Von einem neuen Wolkenkratzerring jenseits der City-Peripherie schwärmen Luschkows Baubeamte. »Romanow-Hof« sollen sie heißen, »Mercedes-Benz-Plaza«, »Sokol Bridge« und »New Century« - Implantate aus einer anderen Welt.

Der Volkstümlichkeit des Jurij Luschkow tut das keinen Abbruch, im Gegenteil. Die Massen danken ihm für jeden neuen Supermarkt, als wäre er der liebe Gott des neurussischen Konsumrauschs. Und auch große Teile der traditionell liebedienerischen und zudem sozial deklassierten hauptstädtischen Intelligenzija sehen in ihm einen der Ihren, hat er doch Bücher über Bienenzucht, das Vaterland und dessen Geschichte geschrieben.

Die ausländischen Geschäftsleute, die sein Stadtvater-Image draußen hochhalten, mögen ihn, weil er ihnen ein Ambiente beschert hat, das sie vergessen lässt, wo sie sich befinden. Und natürlich, weil es den Geschäften abträglich ist, Jurij Luschkow nicht zu mögen. »Moskau brummt, vor allem die Baubranche«, sagt ein mitbrummender deutscher Konzernvertreter, »das entschuldigt alles andere.«

In der Tat: Nach Expertenschätzungen werden in Moskau allein für Baumaterialien jährlich wenigstens 1,5 Milliarden Dollar ausgegeben. Globale Konsumschrittmacher sind besonders willkommen. Deutschlands Heimwerkerfreund Obi etwa hat gerade zwei Läden mit je 15 000 Quadratmeter Verkaufsfläche eröffnet.

Im Weichbild der Stadt, wo Oberbürgermeister Luschkow jetzt eine Formel-1-Rennstrecke bauen lässt und der Speckgürtel mit eingemauerten Elite-Datschen noch Lücken aufweist, lässt sich der russische Hang zur Großspurigkeit ausleben. In Chimki etwa, unter den Einflugschneisen zum Flughafen Scheremetjewo. Dort hat Handelsmann Sergej Sujew sein Einkaufs- und Vergnügungszentrum »Grand 2« hingeklotzt - mit futuristischem Design, protzigen Fontänen und Alptraummöbeln auf mehr als 140 000 Quadratmetern.

Schon mit seinem Kaufhaus »Tri Kita« (98 000 Quadratmeter) hatte es der angeblich mit dem Geheimdienst verbandelte sowie wegen Konflikten mit der Zollbehörde auffällig gewordene Sujew ins Guinness-Buch der Rekorde bringen wollen. Den neuen Laden ließ er als »größten Europas« feiern, mit Aplomb, viel halbseidener Prominenz und der selbstbewussten Devise: »Der Weg ins 21. Jahrhundert führt durch Chimki.«

Jedenfalls der in die Geschmackswelt des kollektiven neuen Russen. Denn den versorgt Sujews erstes Geschäft »Grand« schon seit Jahren mit Mobiliar vom Salon bis zum Schlafzimmer im Stil des »Wir sind wieder wer«-Empire - meist Kitsch mit quasinapoleonischen Attributen und dem provinziellen Strunz-Gestus der Ära Jelzin/Putin.

Schließlich ist Moskau samt Umland ein Regionalmarkt mit rund 17 Millionen Verbrauchern. Einer, wo knapp ein Fünftel des Bruttoinlandsprodukts erwirtschaftet wird. Wo Werktätige im Durchschnitt fast dreimal so viel verdienen wie in der russischen Provinz und wo allein die Rede davon sein kann, dass ganz allmählich eine Mittelklasse entsteht mit dem klammheimlichen Grundgefühl: Es geht aufwärts.

Noch ragt des Oberbürgermeisters gigantisches Bürostadtprojekt »Moskau-City« am Ufer der Moskwa erst in Umrissen aus den Baugruben, noch fehlt das Geld für den 650-Meter-Turm »Rossija«, doch es ist der rekordverdächtige Superlativ, der die russische Brust schwellt: »So etwas gibt es nur in Los Angeles«, konstatierte die Tageszeitung »Iswestija« befriedigt - aber kleiner.

Vor der Gefahr »katastrophaler Deformation« und gar »planmäßiger Vernichtung der eigenen Geschichte« warnt genau deswegen ein Protestbrief führender Moskauer Architekten, Künstler und Kunstwissenschaftler: Die in Moskau praktizierte Baupolitik sei »verbrecherisch, unsozial und antistaatlich«.

Die Zurschaustellung von »grobem pompösem Luxus«, so die scharfzüngige Kolumnistin Walerija Nowodworskaja im Moskauer Wochenblatt »Neue Zeit«, verbirgt nur notdürftig den kommunistischen Minderwertigkeitskomplex der Stadtväter: Wie ehedem schämten sie sich der »dunklen Häuschen des alten Moskau«, die einst die Zwetajewa besang - und bauen sich dafür lieber ein »neues Babylon« (Nowodworskaja).

Kommt nicht noch rasch stadtplanerische Sensibilität auf, droht Moskau zur eigentlichen Welthauptstadt der Postmoderne zu werden, deren Profil allmählich hinter städtebaulichen Banalitäten und Trivialitäten verschwindet. Eine Stadt des permanenten Geschmacksverlustes, mit »Borschtsch und Kompott«, nach einem sarkastischen Wort des Chefliberalen Anatolij Tschubais, »in demselben Eimer«.

Am liebsten, sagt ein vielleicht zu sensibler junger Architekt, würde er ja »diese Scheußlichkeiten nachts in die Luft sprengen«. Doch am Tage, Kunst geht nach Brot, zeichnet er Pläne in einem Kontor des Jurij Michailowitsch Luschkow.

JÖRG R. METTKE

* Mit Patriarch Alexij II. bei Luschkows Vereidigung am 17.Dezember 2003.

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