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NEUES IN DEUTSCHLAND

aus DER SPIEGEL 8/1968

Im Spätkapitalismus ist unter unseren heutigen Bedingungen Gewalt gegen Menschen nicht mehr als revolutionäre Gewalt zu legitimieren. In der jetzigen Phase, soweit ich es sehen kann, kann ich mir nur Terror gegen verselbständigte unmenschliche Maschinerie vorstellen, aber nicht mehr gegen Menschen ... Ich würde sagen, ein Attentat, auch ein Tyrannenmord ist immer noch legitimiert. Aber gegen Kiesinger, Brandt und andere Charaktermasken solche Praktiken anzuwenden, halte ich in der Tat für falsch, unmenschlich und konterrevolutionär. Sie sind jederzeit austauschbar, und für uns ist diese Form der direkten Gewalt gegen Charaktermasken in der Tat völlig inadäquat und falsch

Wir sind also gegen eine Toleranz, die es uns unmöglich macht, zur Veränderung direkt zu schreiten. Ein Beispiel: Wir bekommen einen Besuch vom südvietnamesischen Botschafter in der Freien Universität, haben seit zwei Jahren über Vietnam gearbeitet, diskutiert und sind zu wissenschaftlichen und konkreten Ergebnissen gekommen über das, was in Vietnam geschieht. Er kommt und versucht, uns in eineinhalb Stunden in der Tat Lügen zu erzählen über das, was in Vietnam stattfindet. Wir waren nicht mehr bereit, nach der ersten Stunde, uns diese Sache anzuhören. Dort hört die Toleranz in diesem repressiven Sinne auf, und dort wird Toleranz intolerant ...

Der SDS, der aus einer total isolierten Situation kommt, hat noch sektiererische Eierschalen hinter seinen Ohren. Diese sektiererischen Elemente müssen wir in der nächsten Zeit -- über uns ist die Bewegung hereingebrochen, sagen wir es deutlich. Wir haben es nicht erwartet, daß wir jemals zur Avantgarde einer relativen Massenbewegung werden können ...

Was soll die Gesellschaft mit uns anfangen? Ich denke, die Frage ist falsch gestellt. Sagen wir es so: Was soll die Unruhe, was sollen wir mit der Gesellschaft anfangen? Die Frage ist mir nämlich mal gestellt worden: Was sollen wir eigentlich noch alles tun, um Sie wieder zu beruhigen, um Sie zu integrieren? Und ich beantwortete diese Frage damit, daß ich sagte: Ja, unsere Aufgabe ist es, schnellstens die Gesellschaft zu integrieren, und zwar so, daß aus der Gesellschaft eine lernende Gesellschaft wird, daß das elitäre Verhältnis von Universität und Gesellschaft beseitigt wird und die gesamte Gesellschaft eine lernende, schöpferische Gesamtheit von Menschen wird ... Das ist halt etwas anderes als in der Vergangenheit, daß Bürgersöhnchen und elitäre Gruppen der Gesellschaft anfangen. ihr Elitedasein und die verinnerlichten Mechanismen der elitären Haltung zu beseitigen, ist etwas historisch Neues in Deutschland, und das sollte gesehen werden ...

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