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INDONESIEN / MACHTKAMPF Neues kom

aus DER SPIEGEL 44/1965

Soldaten mit aufgepflanzten Bajonetten sahen grinsend zu, wie der Mdb einen Studenten erschlug. Polizisten feuerten, als die Menge das Universitätsgebäude in Brand steckte, nicht auf die Angreifer, sondern auf die Insassen des Hauses.

Ziel des polizeilich geduldeten zivilen Sturmangriffs: die chinesisch-kommunistische »Res Publica«-Universität in der indonesischen Hauptstadt Djakarta. Angreifer waren antikommunistische Moslems, die in den beiden letzten Wochen Rache für den mißglückten, von den Kommunisten inspirierten Putsch vom 30. September nahmen.

Antikommunistische Demonstranten zerstörten das Hauptquartier der »Partai Komunis Indonesia« in Djakarta und die PKI-Häuser in Bandung und Medan. Sie zündeten das Haus der Kommunistischen Jugend an und verwüsteten die Wohnungen des verschwundenen PKI -Führers Aidit und anderer kommunistischer Funktionäre.

Die Armee, die durch Mordanschläge roter Putschisten sechs ihrer höchsten Generäle verloren hatte, machte auch selbst Jagd auf die Roten. Allein in Djakarta wurden bisher 1334 KP-Mitglieder verhaftet. Soldaten drangen in die Wirtschafts-Abteilung der rotchinesischen Botschaft ein. Sie zwangen - nach Aussage der Chinesen - mit vorgehaltener Maschinenpistole Diplomaten und Hilfskräfte, sich mit erhobenen Händen auf den Boden zu setzen. Dann suchten sie nach Dokumenten. Peking: »Eine brutale, äußerst schwerwiegende Provokation.«

Drei Wochen nach dem gescheiterten roten Griff an die Macht hat sich damit die innen- und außenpolitische Szenerie des 3000-Inseln-Reiches völlig verwandelt:

- Die PKI, mit 3,5 Millionen Mitgliedern drittgrößte Kommunistische Partei der Welt und bislang mächtigste politische Gruppe in Indonesien wurde als legale Organisation zerschlagen;

- Rotchina, bisher Indonesiens engster Verbündeter, wurde zum Feind. Die Entwicklung überrollte auch den Mann, der sich bis zum 30. September selbst gern »Mr. Indonesia« nannte: den Präsidenten auf Lebenszeit Achmed Sukarno.

Vergebens stemmte Sukarno sich gegen die kalte Machtübernahme der siegreichen Militärs. Unter dem Druck des Verteidigungsministers Nasution, der bei dem Putsch seine fünfjährige Tochter verloren hatte, mußte er letzte Woche den antikommunistischen Nasution-Kameraden General Suharto zum neuen Armeechef ernennen. Als er sich

- einem Verbot der PKI widersetzte, verbot der Armee-Kommandeur von Djakarta, General Kasomo, letzten Montag von sich aus die PKI für Djakarta und Umgebung.

Verzweifelt versuchte Staatsgründer Sukarno, das Gebäude, auf das er sich in zwei Regierungs-Jahrzehnten gestützt hatte, nicht völlig zusammenstürzen zu lassen: die Macht-Balance zwischen Nationalisten, religiösen Gruppen und Kommunisten, von ihm selbst »Nasakom« genannt.

Um »Nasakom« zu retten, ist Sukarno auf den Ausweg verfallen, dem »kom« neuen Inhalt zu geben: Die PKI soll, so Sukarnos Kompromißvorschlag an die Generäle, sich ihrer Peking-hörigen Führerschaft entledigen und unter nationalkommunistischen Funktionären neu organisiert werden.

Doch der früher allmächtige Präsident erhielt Abfuhren von rechts und links. Die Armee besteht auf völliger Ausschaltung der Kommunisten. Sie hat allen KP-Funktionären unter Strafandrohung eine Fünf-Tage-Frist gegeben, sich freiwillig registrieren zu lassen. Pekings Mann in Indonesien, PKI-Chef Aidit, hat in Ost-Java begonnen, Partisanen zu rekrutieren.

Zerstörte KP-Zentrale in Djakarta

Rache für den Putsch

Armee-Chef, Suharto

Jagd auf Rote

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