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Japan Neues Wunder

Weg aus Tokio in die Provinz? Politiker diskutieren eine Verlegung der Hauptstadt. Die Bauwirtschaft hofft auf ein Riesengeschäft.
aus DER SPIEGEL 1/1996

Gestreßten Benutzern der Tokioter U-Bahn spendete das Transportministerium Trost. Bis zur Jahrhundertwende soll der amtlich festgestellte »Grad der Verstopfung« spürbar sinken: von derzeit 250 auf 180 Prozent. Selbst in Stoßzeiten könnten die Pendler dann die - gefaltete - Zeitung lesen.

Also Schluß mit dem täglichen Geschubse und Gedrängel? Wohl kaum. Doch zumindest im Regierungsviertel könnte der Traum von halbwegs normal besetzten Zügen eines Tages Wirklichkeit werden. Denn Japans Politiker zieht es weg aus dem Zwölf-Millionen-Einwohner-Moloch: Regierung und Opposition wollen die Hauptstadt in die Provinz verlegen.

Seit dem Erdbeben von Kobe im Januar fühlt sich Japans Obrigkeit nicht mehr wohl in ihrer Metropole. Die Angst vor einer ähnlichen Katastrophe in Tokio - verstärkt durch die Giftgas-Anschläge in der U-Bahn - gibt alten Plänen für den Umzug von Parlament und Ministerien ungeahnten Auftrieb.

Noch vor Ablauf dieses Jahrhunderts soll nach Empfehlung eines Kommissionsberichts mit den Bauarbeiten zur Errichtung eines neuen Regierungssitzes 60 bis 300 Kilometer von Tokio entfernt begonnen werden. In spätestens 15 Jahren würde zunächst das Parlament umziehen. Später könnten dann Ministerien, Behörden und Oberstes Gericht folgen. Am Ende sollen 600 000 Menschen in der 9000 Hektar großen neuen Stadt wohnen und arbeiten. Der Kaiser wird allerdings in Tokio bleiben.

Insbesondere Japans Wirtschaft drängt die Politiker zum Aufbruch. Tokio sei ein Symbol für die Strukturkrise der »Japan AG«, kritisiert der Wirtschaftsdachverband Keidanren. Der Zentralismus sei zur Fessel geworden, der Umzug in die Provinz könnte das Land aus politischer, wirtschaftlicher und geistiger Lähmung befreien. »Das ganze System ist auf Tokio abgestellt«, klagt Keidanren-Chef Shoichiro Toyoda.

Etwa 14 Billionen Yen (rund 200 Milliarden Mark) würde der Umzug kosten, rechnet die Behörde für Raumplanung. »Wenn dieses Projekt in Angriff genommen wird, kurbelt das die Konjunktur mächtig an«, freut sich Toyoda. Und auch die Wirtschaftszeitung Nihon Keizai findet: »Die Japaner brauchen ein neues nationales Ziel.« Die neue Hauptstadt werde den Weg ins 21. Jahrhundert weisen.

Historisch gesehen haben die Japaner Erfahrung mit wechselnden Hauptstädten. Mehrmals erhoben Clan-Chefs ihre Familienburgen zum Regierungssitz und läuteten damit neue Epochen ein. So auch im Jahre 1603, als Ieyasu Tokugawa aus der Stadt Edo - dem heutigen Tokio - zum Shogun, dem Militärherrscher des Landes, ernannt wurde. Nach der erzwungenen Öffnung Japans durch den Westen im vorigen Jahrhundert zog der Kaiser 1869 aus dem westjapanischen Kyoto nach Tokio (wörtlich: »Östliche Hauptstadt") - es war der Beginn von Japans Aufstieg zur asiatischen Wirtschaftsmacht.

Nun soll sich das Wunder an neuem Ort wiederholen. Zwar will die Regierung frühestens in zwei Jahren über die neue Hauptstadt entschieden haben. Schon jetzt rangeln die Bewerber um den Zuschlag. Am eifrigsten preisen die nördlich von Tokio gelegenen Präfekturen Fukushima, Tochigi und Miyagi ihre Vorzüge an.

Die Auswahlkriterien stehen weitgehend fest: Erdbebensicher muß die Hauptstadt sein und genug Wasser soll sie haben. Tokio erfüllt diese Vorgaben kaum. 1923 wurde die Stadt durch das verheerende Kanto-Erdbeben verwüstet, immer wieder zittert hier die Erde. Und in regenarmen Sommern muß die Stadtverwaltung Wasser sparen.

Doch Tokios Gouverneur Yukio Aoshima hat bereits erklärt, daß er wenig von den Zukunftsträumen hält. Der Bau einer neuen »Riesenstadt« werde Unsummen verschlingen, das Ganze sei nicht durchdacht. Tatsächlich dürfte der Umzug den Pendlerstrom kaum stoppen, denn Tokio soll wirtschaftliches und kulturelles Zentrum bleiben. Da sich dort auch die meisten angesehenen Schulen und Universitäten befinden, würden die Familien vieler Beamter ihren alten Wohnsitz beibehalten. Und einen erdbebensicheren Standort gebe es ohnehin nicht, meint Yasuo Honda von der Stadtverwaltung: »In Japan wackelt die Erde überall.«

Auch Architektur-Professor Ichiro Kawahara hält die Idee für einen Einfall der japanischen Baulobby. Er warnt davor, die Verlagerung der Hauptstadt als Konjunkturspritze zu mißbrauchen. Vielmehr gelte es, Tokio lebenswerter zu gestalten, mit mehr Grünflächen im Häusermeer.

Doch die amtlichen Planer schrecken davor zurück, den Koloß zu reformieren, der kein richtiges Stadtzentrum hat und nur wenige Straßennamen kennt. Gehwege gibt es kaum in den engen Straßen, Fußgänger müssen sich an Strommasten vorbeiquetschen - über sich ein Gewirr bedrohlich baumelnder Kabel.

Mit dem Schicksal von Tokio könne man sich später befassen, meint Keijiro Murata, der im Parlament die Befürworter des Umzugs anführt. Seit Jahren kämpft er für das Projekt. Mut macht ihm der deutsche Wechsel von Bonn nach Berlin. Fröhlich zitiert der 71jährige deutsches Liedgut: »Die Fahne hoch.« Y

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