Zur Ausgabe
Artikel 48 / 95
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

ÖSTERREICH Neun Leben

Für den Untersuchungsrichter steht fest: Hannes Androsch, einst Finanzminister, heute Chef der größten Staatsbank Österreichs, hat Steuern hinterzogen. Doch die Wiener Regierung will davon nichts wissen. *
aus DER SPIEGEL 7/1986

Wäre Androsch ein Deutscher und hätte die Story im SPIEGEL gestanden, würde die Bundesrepublik beben, vermutet Peter Michael Lingens, Chefredakteur des österreichischen Nachrichtenmagazins »Profil«. Lingens fühlt sich frustriert. Denn Österreich bebt kein bißchen, obgleich es allen Grund dazu gäbe.

Vor drei Wochen brachte »Profil« die größte Sensation seiner Blattgeschichte heraus - den kompletten, 59 Seiten starken und geheimen Gerichtsbeschluß »in der Strafsache gegen Dkfm. Dr. Hannes Androsch wegen 33 FinStrG«.

An diesem Dokument hat Untersuchungsrichter Anton Zelenka, der im Auftrag der Wiener Staatsanwaltschaft ermittelte, 14 Monate lang gearbeitet, 61 Zeugen befragt und 317 Konten bei elf Geldinstituten überprüft. Die Akte stützt den Verdacht, daß Androsch in seiner Amtszeit als Finanzminister (1970 bis 1980) ausgiebig Steuern hinterzog und überdies bei den Korruptionsgeschäften rund um das neue Wiener Allgemeine Krankenhaus (AKH) mitmischte.

Gravierende Bedeutung kommt vor allem drei Erkenntnissen des Richters zu: *___Androsch habe 1975 den Kauf seiner 1,7-Millionen-Villa ____im feinen Wiener Viertel Neustift zum Teil mit ____Schwarzgeld finanziert, das nachweislich ihm und nicht, ____wie er behauptet, seinem inzwischen verstorbenen ____"Wahlonkel« Gustav Steiner gehört hat. *___Zusätzlich zu den angeblichen Steiner-Konten sollen ____noch weitere Schwarzkonten existieren, die dem ____nimmermüden Geld-Rastelli zuzuschreiben sind. So wurden ____von einem Innsbrucker Konto mit dem Losungswort ____"Alexander« im Januar 1977 rund 286000 Mark abgebucht, ____die nach etlichen Zwischenstationen auf einem Wiener ____Konto mit dem Geburtsdatum Androschs landeten. Allein ____daraus entsteht eine Steuernachforderung von 190000 ____Mark. *___Androsch habe von einem »ungeklärten Vermögenszuwachs« ____in Höhe von 800000 Mark profitiert, der sich aus ____Gewinnausschüttungen der Beratungsfirma Ökodata ____erklären könnte.

Gerade der letzte Punkt, harmlos klingend, enthält einen »ungeheuerlichen Verdacht« (Wiener »Kurier"). Der 1975 gegründeten Ökodata gelang es nämlich, beim AKH-Bau ohne adäquate Gegenleistung

kräftig zu kassieren: die öffentlichen Gelder dafür mußte der damalige Finanzminister Androsch bewilligen. Offiziell gehörte die Firma dem Androsch-Freund Franz Bauer und einem gewissen Armin Rumpold, der jedoch schon 1980 zu Protokoll gab, er habe »den Herrn Minister« stets als Dritten im Bunde betrachtet.

In seinem Bericht weist Zelenka die Finanzbehörden deshalb an, sich noch einmal mit den mutmaßlichen Steuerhinterziehungen des nunmehrigen Bankchefs Hannes Androsch zu beschäftigen, weil dessen bisherige Verteidigung nach den neuen Ergebnissen der gerichtlichen Voruntersuchung »in wesentlichen Teilen ernstlich anzweifelbar« erscheine.

»Profil«-Chef Lingens glaubt fest: »Nach der Veröffentlichung eines solchen richterlichen Beschlusses hätte Androsch in keinem anderen zivilisierten Land der Welt auch nur einen einzigen Tag länger im Amt bleiben können.«

In Österreich bleibt er sehr wohl im Amt. Er hat sogar gute Chancen, im Mai abermals zum Generaldirektor des größten staatlichen Geldinstituts, der CA (Creditanstalt-Bankverein), bestellt zu werden und damit weiter das zweithöchste Gehalt der Republik zu beziehen.

Nicht nur das Gros der österreichischen Zeitungen und der ORF des Androsch-Freundes Gerd Bacher blieben weitgehend stumm. Auch die Regierung und die SPÖ möchten den Fall möglichst gar nicht zur Kenntnis nehmen.

Er habe weiß Gott »viele andere Sorgen« und denke nicht daran, sich »inhaltlich mit der Sache auseinanderzusetzen«, versucht Bundeskanzler und SPÖ-Chef Fred Sinowatz die Affäre zu bagatellisieren. Der Beschluß eines Untersuchungsrichters stelle kein Urteil dar. Zunächst gelte es, die Ermittlungen der Finanzbehörde abzuwarten.

Der sozialistische Parlamentspräsident Anton Benya geht so weit, die Kompetenz Zelenkas in finanztechnischen Fragen anzuzweifeln. Im übrigen verläßt er sich auf seine Menschenkenntnis: »Wenn Androsch nicht unschuldig wäre, hätt' er doch das alles die vielen Jahre hindurch gar net durchg'standen.«

Finanzminister Franz Vranitzky schließlich - ein ehemaliger Androsch-Sekretär - ruft nach dem Staatsanwalt. Der soll wegen Amtsmißbrauchs gegen Unbekannt vorgehen und schleunigst herausfinden, wer das Zelenka-Papier an die »Profil«-Redaktion weitergegeben und somit den »Medienskandal« verschuldet habe.

Aller Voraussicht nach dürfte Androsch also auch diesmal mit einem blauen Auge davonkommen - selbst Altkanzler Kreisky auf dem Gipfel seiner Autorität brauchte immerhin drei volle Jahre, um den zögernden Genossen beizubringen, daß ein Finanzminister mit einer privaten Steuerberatungskanzlei auf Dauer unerträglich sei und besser ins Bankmanagement übersiedele.

Da sich Vranitzky strikt weigert, die Prüfer des inzwischen auf 20000 Seiten angewachsenen Dossiers zu besonderer Eile anzutreiben, sieht CA-Chef Androsch friedlichen Monaten entgegen.

»Neun Leben hat die Katze«, zitiert die »Wochenpresse« den Volksmund; sechsmal sei »Kater Hannes« bereits davongekommen, die »verflixte Sieben« werde er möglicherweise ebenfalls überstehen.

Dieses fulminante Überlebenstalent des flotten Karrieristen, der 1970 mit 32 Jahren jüngster Finanzminister Europas wurde, erklärt das frühere SPÖ-Mitglied Lingens mit dem schier unaufhaltsamen Vormarsch der Neuen Klasse innerhalb des alten Austro-Marxismus.

Die neuen Aufsteiger weigern sich, zwischen Macht und Geld zu wählen, sie verlangen beides. Sie verteilen die ergiebigen Posten fast ausschließlich unter ihresgleichen. »Und wenn einer von ihnen strauchelt, eilen die anderen selbstverständlich zu Hilfe«, so Lingens. Denn: »Was heute dem Androsch passiert, passiert vielleicht schon morgen ihnen selbst.«

Zur Ausgabe
Artikel 48 / 95
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.