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Neutronenwaffe: »Schlicht unheimlich«

Präsident Reagans Beschluß, die Neutronenwaffe zu bauen, nur durch Zufall bekannt geworden und widersprüchlich begründet, traf die westliche Allianz wie ein Sprengsatz: Er enthüllte, daß zwischen USA und Europa ein Grunddissens in der Sicherheitspolitik besteht, er könnte der Beginn eines europäischen Neutralismus sein.
aus DER SPIEGEL 34/1981

Das Weiße Haus, mit Ronald und Nancy Reagan an der Spitze, machte Urlaub vom heißen, schwülen Washington.

Zwar streikten die Fluglotsen, aber denen hatte man es schon gezeigt; zwar gab es erste laute Proteste gegen die einschneidenden Kürzungen im Sozialetat, aber der war schließlich vom Kongreß gebilligt worden, mit den Stimmen demokratischer Oppositionsabgeordneter sogar.

Nein, niemandem schwante Böses.

Da klingelte plötzlich, am Samstagabend vorletzter Woche, das Telephon im »Western White House« im kalifornischen Santa Barbara.

Am anderen Ende meldete sich ein Reporter der »New York Times« und fragte an, ob das Weiße Haus wohl im Kern bestätigen könne, was seine Zeitung in ihrer Sonntagsausgabe zu enthüllen gedenke -- und was zur selben Stunde im nächtlichen New York bereits als Andruck auf den Straßen gehandelt wurde, mit dreispaltiger, dreizeiliger Überschrift: »Reagan ordnet angeblich Bau und Lagerung von Neutronenwaffen in den USA an.«

Larry Speakes, amtierender Pressechef des Präsidenten, bestätigte die Richtigkeit der Meldung -- und vorbei war''s mit dem idyllischen Urlaubsfrieden auf Roß und Ranch.

Denn in Stundenschnelle löste Ronald Reagans Neutronenschock ein gewaltiges Beben aus, dessen Wellen die mühevoll aufrecht erhaltene Solidarität im atlantischen Bündnis und die S.18 ohnehin nicht rosigen Beziehungen zu Moskau zu verschütten drohten.

Mochte es auch Urlaubswochenende in Europa sein und ebenso schwül wie in Washington, das Stichwort »Neutronenwaffe« zündete.

Auch auf Helmut Schmidts Ranch am holsteinischen Brahmsee meldete sich am Samstagmittag vorletzter Woche ein Anrufer. Der Stallwächter der Bundesrepublik, Staatssekretär Manfred Lahnstein, Chef des Bundeskanzleramtes, berichtete: Wegen der bevorstehenden Veröffentlichung in der »New York Times« habe der amerikanische Geschäftsträger in Bonn, Gesandter Charles T. York, beim Amerika-Referenten in der Regierungszentrale eine 20 Zeilen knappe »Speaking note« des US-Präsidenten abgeliefert.

Lapidar beschied Ronald Reagan darin den deutschen Regierungschef, er habe angeordnet, die Neutronenwaffe in Serie zu produzieren und in den USA zu lagern. Das sei eine amerikanische Angelegenheit, eine Stationierung außerhalb der USA sei derzeit nicht geplant.

Bevor die Neuproduktion in Europa aufgestellt werde, müsse es »enge Konsultationen« mit den Verbündeten geben. Ohne Genehmigung des Präsidenten laufe ohnehin nichts.

Schmidt nahm die Nachricht vom jüngsten Streich des amerikanischen Präsidenten »sehr ruhig auf« (ein Kanzlerberater) -- aber nicht etwa, weil er mit Reagans Coup einverstanden gewesen wäre. Vielmehr sorgte er sich, die nicht sonderlich abgeschirmte Leitung von Bonn an den Brahmsee könne abgehört werden. Nur zu gut weiß der Kanzler, wie brisant Reagans Entscheidung für Europa und die Bundesrepublik ist.

Schmidt hat die Aufregung nicht vergessen, die Reagan-Vorgänger Jimmy Carter 1977 mit seiner Zickzack-Entscheidung über Bau und Nichtbau der Neutronenwaffe ausgelöst hatte. Damals war die neue Kreation der US-Rüstungsindustrie unter dem Egon-Bahr-Stichwort »Perversion des Denkens« in den europäischen Sprachgebrauch eingegangen, weil sie sich dank größerer Strahl- und geringerer Explosivkraft mehr gegen Personen als gegen Sachen richten sollte. Und nur mit Mühe hatte die Regierung damals SPD und FDP auf Nato-Linie halten können.

Erst recht muß der Kanzler im Sommer 1981 fürchten, der Alleingang Ronald Reagans werde der Friedensbewegung und den Kritikern der Nachrüstung in der Koalition weiteren Auftrieb geben -- jenen Kräften, die den US-Präsidenten verdächtigen, ihm sei ohnedies nicht an ernsthaften Abrüstungsverhandlungen mit den Sowjets gelegen, und Helmut Schmidt für ein Opfer amerikanischer Täuschungsmanöver halten.

Noch Ende Juli hatte der Kanzler einen Brief erhalten, in dem der Präsident sein Wort verpfändete, er werde mit Moskau möglichst bald über S.19 Mittelstreckenwaffen in Europa verhandeln. Reagan zeigte sogar Verständnis für die Nöte europäischer Staatsmänner, die zu Hause von Gegnern der Nato-Nachrüstung mit Pershing 2 und Cruise Missiles bedrängt werden.

Und auf dem Weltwirtschaftsgipfel in Ottawa bekam Schmidt wenige Tage später von Reagan (Schmidt: »From the horse''s mouth") die beruhigende Versicherung, nicht alle »Geräusche« aus Washington seien ernst zu nehmen, aus denen Kritik an Bonn töne.

Drei Wochen danach zeigten die USA den Europäern mal wieder, wer das Sagen im Bündnis hat.

Als erster wie immer fand Egon Bahr zur Sprache zurück: »Es wird schlicht unheimlich. Die Menschen kriegen Angst vor den Beschützern -grotesk.«

Sogar Freidemokraten übten ungewohnte Kritik an den Vereinigten Staaten. Fraktionschef Wolfgang Mischnick tadelte, daß es keine Konsultationen gegeben habe, und belehrte die Amerikaner, sie müßten »sich im klaren darüber sein, daß die Zustimmung zur Lagerung eine Entscheidung der europäischen Bündnispartner ist«.

Proteste von allen Seiten hagelte es bei den Sozialdemokraten. Verquere Koalitionen bildeten sich. Zwei Bremer Bundestagsabgeordnete, Claus Grobecker vom rechten und Ernst Waltemathe vom linken Flügel, warnten in einem gemeinsamen Brief ihren Kanzler vor jeder Art »abwiegelnder Verharmlosungsversuche«. Die Bundesregierung müsse »unmißverständlich die Gefahren für europäische Entspannung und Zusammenarbeit« aufzeigen und »schon jetzt« ablehnen, »eine Stationierung auf deutschem Boden zuzulassen«.

Der stellvertretende SPD-Vorsitzende Hans-Jürgen Wischnewski hielt den USA vor: Da sie die Neutronenwaffe ja wohl gegen russische Panzer einsetzen wollten, sei es nur logisch, sie auch in Europa zu stationieren. Die Verwendung innerhalb der Vereinigten Staaten sei »nur realistisch, wenn sich die Russen mit Unterwasserpanzern den USA näherten«.

Auch dem gemäßigten rechten hessischen Ministerpräsidenten Holger Börner, seit 1964 Ehrenbürger der Stadt Cedar Rapids in Iowa, »platzte der Kragen«. In aller Form wetterte er gegen jede »Einmischung des amerikanischen Verteidigungsministers Weinberger in unsere Angelegenheiten«. Seine Forderung: »Dieses Auftreten in Nagelschuhen hat zu unterbleiben.«

Westdeutschland verfüge schließlich über bestens ausgebildete Truppen, erstklassiges Gerät und habe, anders als die Amerikaner, die allgemeine Wehrpflicht. Börner: »Meine beiden Söhne sind Reserveoffiziere. Die haben zwei Jahre gedient. Das kann man von den Söhnen Reagans und Weinbergers nicht sagen.« Und: »Wir sind nicht Nicaragua. Natürlich hätte sich Schmidt vom Urlaub aus in die Diskussion einschalten müssen. Die Partei braucht eine klare Orientierung.«

Die aber konnte Schmidt nicht geben. Vom Brahmsee verordnete er »Reserve und Distanz« als erste Bürgerpflicht. Eine kritische Bewertung des Reagan-Entscheids, so seine Überlegung, hätte die Amerikaner wieder aufgebracht, ein positives Urteil die Parteifreunde noch mehr erbost.

Obwohl Kanzlerberater intern tadelten, die »Entscheidung sei überflüssig wie ein Kropf«, übte sich die Regierung nach außen hin in der Kunst des Nehmens: Die »souveräne nationale Entscheidung« der Amerikaner sei nicht »konsultationspflichtig« gewesen. »Derzeit«, so wiegelte Regierungssprecher Lothar Ruehl ab, komme eine Stationierung der Neutronenwaffe in der Bundesrepublik ohnehin nicht in Betracht.

Auf Genschers Drängen gab Ruehl zu verstehen, eine Aufstellung der Waffe außerhalb der USA bedürfe nach Ansicht der Bundesregierung »der Zustimmung der europäischen Bündnispartner im allgemeinen und derjenigen im besonderen, auf deren Staatsgebiet solche Waffen stationiert werden sollen«.

Doch weder die Nato-Vereinbarung noch der Truppenvertrag sehen vor, daß Washington seine Partner um Erlaubnis fragen muß, wenn bei den US-Streitkräften in Europa neue Waffen eingeführt werden.

Das hatte Reagan-Berater Ed Meese den Deutschen am Rande des Ottawa-Gipfels noch einmal unter die Nase gerieben. Nach den geheimen Zusätzen des Truppenstatuts werde die Bundesregierung vor der Stationierung neuer Atomwaffen zwar konsultiert. Aber nach den Abkommen, so Meese, »können wir machen, was wir wollen«.

Norwegens Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland empörte sich über den Reagan-Beschluß: »Ich hätte erwartet, daß eine derart wichtige Entscheidung zuvor in der Nato diskutiert wird«, und kündigte ihren Widerstand gegen die Produktion der Waffe an.

Schwedens Außenminister Ola Ullsten sah eine »weitere gefährliche und alarmierende Eskalation« des jüngsten Wettrüstens der Supermächte.

Und Moskaus Tass, sonst mit Reaktionen nicht gerade flink zur Hand, S.20 wartete diesmal gar nicht erst auf eine offizielle Bekanntmachung des Produktionsbeschlusses aus Washington -- die bis zum vorigen Freitag auch nicht erfolgte --, sondern drohte sogleich: »Dieser Schritt bringt die Welt noch näher an eine nukleare Katastrophe.«

Ronald Reagans Entscheidung ist gewiß von anderer Qualität als der Neutronen-Hickhack seines Vorgängers Carter.

Zunächst einmal war sie von den Amerikanern allein und geheim getroffen worden, ohne Konsultation der Alliierten, und sie wäre wahrscheinlich auch eine ganze Weile geheim geblieben, hätte nicht die »New York Times« Wind davon bekommen.

Vor allem aber wurde sie zu einem Zeitpunkt getroffen, der ungünstiger nicht hätte sein können: Über Doppelbeschluß und Stationierung neuer atomarer Mittelstreckenwaffen in Westeuropa ist die Nato gespalten wie selten zuvor; immer größer wird, auch und gerade im Bündnis, die Zahl derer, die dem Verhandlungswillen der Reagan & Co. mißtrauen, deren wichtigstes Ziel seit Amtsantritt darin zu bestehen scheint, die Supermacht Ost herauszufordern und -- wenn möglich -- totzurüsten.

Da lassen Reagan, sein Außenminister Haig, sein Verteidigungsminister Weinberger und auch niedere Chargen keine Gelegenheit aus, die Sowjets als Lügner und Betrüger anzuprangern, die allein verantwortlich seien für den Terrorismus und alles Böse in der Welt.

Da beschließen sie das größte Rüstungsprogramm in Friedenszeiten mit einem Gesamtumfang von über drei Billionen Mark -- eine drei mit zwölf Nullen dahinter --, reden davon, daß Schlachtschiffe von einst entmottet, riesige Raketen in der Luft stationiert, ganze Bundesstaaten der USA in Raketensilos verwandelt werden müssen, nur weil Experten herausgefunden haben wollen, die Sowjet-Union sei dem Westen mittlerweile überlegen oder doch zumindest gleichwertig, was sich mit dem Selbstverständnis der Reagan-Amerikaner nicht vereinbaren läßt.

Und nun auch noch die Neutronenwaffe.

Vergebens warnte Alexander Haig in der entscheidenden Sitzung einer Arbeitsgruppe des Nationalen Sicherheitsrats am vorletzten Donnerstag davor, die irritierten Verbündeten ausgerechnet jetzt mit diesem brisanten Thema zu schocken.

Zunächst einmal solle man die geplanten Verhandlungen mit den Sowjets über eine Begrenzung der Mittelstreckenwaffen in Europa beginnen und bis zum Frühjahr 1982 abwarten, welchen Verlauf die Diskussion um den Nato-Doppelbeschluß vom Dezember 1979 nehme.

Doch wie schon so oft konnte sich Haig, »der Punchingball der Regierung« (so der Kolumnist Tom Wicker), nicht durchsetzen. Denn anderer Meinung war jener Mann, der seit Jahren das Ohr Ronald Reagans hat: Verteidigungsminister Caspar Weinberger, 63, einst Finanzberater des Gouverneurs Reagan in Kalifornien, später Budgetdirektor und Sozialminister unter den Präsidenten Nixon und Ford.

Und Weinberger, intellektuell von ähnlich holzschnittartiger Struktur wie S.21 sein Chef, wußte genau, was Reagan hören wollte.

Zum Aufruhr über die Neutronenwaffe, argumentierte er, werde es so oder so kommen. Es gehe aber nicht an, daß Rücksichtnahme auf europäische Sensibilitäten Amerikas Rüstungsprogramm gefährde. Der Präsident nickte beifällig.

Als ob das noch nicht genug sei, legte Weinberger noch einmal nach: Das Energieministerium, das den knapp gewordenen Rohstoff für Amerikas riesiges atomares Bauprogramm verwaltet, verlange eine sofortige Entscheidung, ob derzeit Material für Neutronenwaffen benötigt werde oder nicht. Die Alternative, so ein Reagan-Berater, laute ganz einfach: »Entweder das ganze Programm streichen oder etwas produzieren.«

Reagan entschied sich fürs Produzieren von 380 Neutronensprengköpfen für die amerikanische »Lance«-Rakete und 800 Artillerie-Granaten für 203-Millimeter-Haubitzen.

Danach erst wurden die Verbündeten über den neuen amerikanischen Doppelbeschluß unterrichtet -- formell immer noch zeitig genug, denn Teil zwei des Beschlusses sieht vor, daß die Waffen in den USA gelagert werden. Weinberger: »Konsultationen über diese Waffe sind ebensowenig erforderlich wie über die Produktion einer konventionellen 155-Millimeter-Artilleriegranate.«

Tatsache ist zwar, daß die Neutronenwaffe wie maßgeschneidert ist für einen Einsatz auf einem möglichen Kriegsschauplatz Europa. Um die Fassade zu wahren, scheute sich Weinberger jedoch nicht, diese gesicherte Erkenntnis gleich mehrfach in Zweifel zu ziehen.

Einen Tag schon nachdem die »New York Times« den Produktionsbeschluß enthüllt hatte, hastete Weinberger von Fernsehinterview zu Fernsehinterview -- allein sechs am vorigen Montag, das erste morgens um 7.01 Uhr -- und beteuerte: Die Neutronenwaffen »sind ganz gewiß nicht ausdrücklich für die Nato in Europa bestimmt«, sondern für all die Fälle, »in denen wir uns einer Übermacht an Soldaten und Panzern gegenübersehen«.

Zugleich aber versicherte er, die Sprengköpfe könnten, natürlich nach Konsultation (nicht: nach Zustimmung) der Empfängerländer, innerhalb weniger Stunden nach Europa geflogen werden und erhöhten »die Verteidigungsstärke der Vereinigten Staaten und ihrer europäischen Verbündeten«.

Und wem die Amerikaner ganz besonders helfen wollten, ließ er auch nicht unerwähnt: der Bundesrepublik Deutschland, die nicht in der Lage gewesen sei, ihren Verteidigungshaushalt, wie im Rahmen der Nato versprochen, um drei Prozent netto zu erhöhen, so als ob erst das Bonner Streich-Konzert den Neutronenbeschluß in Washington herbeigeführt habe.

Natürlich vergaß Weinberger auch nicht, in jedem seiner Auftritte, ob gefragt oder nicht, den Glaubenssatz der S.22 Reagan-Regierung zu wiederholen, wonach nur der bei Verhandlungen Aussicht auf Erfolg habe, der die Gespräche »aus einer Position der Stärke« aufnimmt.

Bei den konservativen Amerikanern kam das auch gut an. Das »Wall Street Journal« bescheinigte dem Präsidenten »nukleare Vernunft« und lobte, er habe zur rechten Zeit das Rechte getan: »Wir nennen das Leadership.«

Auch der »Christian Science Monitor« war stolz auf Ronald Reagan, der »demonstrieren will, daß Europa kein Vetorecht gegen amerikanische Entscheidungen zum Bau von Atomwaffen haben kann«.

»Militärisch«, räumte sogar die »New York Times« ein, war die Entscheidung »vernünftig, aber diplomatisch katastrophal«. Überschrift des Leitartikels: »Bombing the Alliance«. In Dänemarks »Ekstrabladet« gar stand auf der Titelseite nur das einzige Wort zu lesen: »Geisteskrank«.

Beinahe zwangsläufig wurden nun die bisher schon vorhandenen Zweifel noch lauter, ob sich Amerika unter Reagan durch die Stationierung möglichst vieler atomarer Waffen in Europa -- und speziell im Grenzland Bundesrepublik -- von der Alten Welt abkoppeln wolle und diese womöglich S.23 gar zum Schauplatz eines möglichen Krieges bestimme.

»Wenn die Waffen je eingesetzt werden sollten«, schrieb denn auch der Londoner »Daily Mirror«, »dann wahrscheinlich auf deutschem Territorium, Ost oder West; das russische oder amerikanische Kernland würde davon nicht berührt. Diese Gewißheit kann in Westeuropa nur den Verdacht verstärken, daß die USA und die Sowjet-Union sehr wohl bereit sein könnten, bis zum letzten Verbündeten zu kämpfen. Das ist das sicherste Mittel, Europa in den Neutralismus zu treiben.«

Ein tiefer Dissens spaltet heute schon die Partner der Nato diesseits und jenseits des Atlantiks in den Grundfragen der Sicherheitspolitik: Die US-Regierung und die Mehrheit der politischen Kräfte in Amerika beurteilen die Bedrohung Westeuropas durch die Sowjet-Union anders, als starke Kräfte in Westeuropa es tun.

Die sehen Frieden und Sicherheit genauso gefährdet, wenn Amerika, die Vormacht des eigenen Bündnisses, sein Potential erhöht, wie wenn die Sowjet-Union, die Vormacht des potentiellen Feindbündnisses, es tut. Und sie sehen Konflikt- und Kriegsgefahr sogar zunehmen, wenn die USA im Zuge der Reaganschen Hochrüstung die eigene Vormachtstellung auch auf Teilgebieten sicherstellen wollen, auf denen sie bisher der Sowjet-Union unterlegen sind.

Und weiter: In Amerika sind für viele Europäer derzeit Politiker an der Regierung, die weniger Entspannung als Konfrontation suchen, während Europa, durch eine neue Konfrontation eher betroffen als die USA, an der Entspannungspolitik festhalten möchte.

Vielerorts in Europa, in Hamburg und in London etwa, wurde gegen die Bündnisvormacht demonstriert. In Mailand zogen an die hundert Menschen vor das amerikanische Konsulat und forderten: »Nein zur Neutronenbombe -- Ja zu Frieden und Verhandlungen«. In den Niederlanden ließen sich Jugendliche in oder vor mehreren Botschaften zu einem Sitzstreik nieder, auch vor der sowjetischen.

In Alexander Haigs State Department wurden diese Sorgen gesehen. »Die Vorstellung, die Vereinigten Staaten könnten einen auf Europa begrenzten Atomkrieg ins Auge fassen, in den wir nicht verwickelt wären«, beschwichtigte ein Sprecher, »ist lächerlich.«

Das mag durchaus so sein. Nach der immer noch gültigen Nato-Doktrin der »flexible response« jedoch müßte die Einführung der Neutronenwaffe die Atomschwelle weiter senken. Denn solange die Sowjets und ihre Verbündeten in Europa über eine Überlegenheit bei Panzern von nahezu vier zu eins verfügen, ist der Einsatz taktischer Atomwaffen durchaus denkbar, um einen sowjetischen Panzervormarsch aufzuhalten. Und: Taktische Atomwaffen, die »sauberer« sind als ihre Vorgänger, verlocken eher zum Einsatz.

Andererseits mag auch gelten, daß diese niedrigere Schwelle den Gegner abschreckt, die noch niedrigere zum konventionellen Krieg zu überschreiten. Denn die Neutronenwaffe ist eben auch eine Nuklearwaffe, und solange die maßgebenden Männer auf beiden Seiten davon ausgehen, daß ein Nuklearkrieg nicht begrenzbar ist, dürfte er auch nicht ausbrechen. Schließlich gibt es auf beiden Seiten auch Vertreter der Ansicht, daß ein begrenzter Atomkrieg sehr wohl führbar sei.

»Die Argumentation für oder gegen die Neutronenwaffe«, analysierte die Londoner »Times«, »liefert im Grunde Argumente für eine Neu-Interpretation (oder, in einigen Punkten, eine Aufgabe) der Nato-Doktrin. Innerhalb der Nato wird in dieser Hinsicht auch schon ziemlich heftig vorgefühlt.«

Wie auch immer eine solche Doktrin aussehen mag -- den Sowjets, die ihre eigene Neutronenwaffe längst erprobt haben, wird sie nicht schmecken. Denn seit Jimmy Carter 1977 erstmals mit der Neutronenwaffe fuchtelte, sehen sie den Kern ihres konventionellen Arsenals bedroht, ihre über 40 000 Panzer.

»Reagans Entscheidung«, so appellierte Tass jetzt an die widerspenstigen Nato-Partner der USA, »kann nur als eine unverschämte Herausforderung der Öffentlichkeit in Westeuropa und der ganzen Welt eingeschätzt werden.« Die Staats-Agentur weiter mit ihrer Moralpredigt: Im Weißen Haus lebten »dieselben kannibalistischen Instinkte« wie 1945, als Präsident Truman den Einsatz von Atombomben gegen Hiroschima und Nagasaki befahl. Und natürlich vergaßen die Sowjets auch nicht den Hinweis, Reagan habe den Beschluß zur Produktion der »Millionärs-Bombe« ausgerechnet am 36. Jahrestag der Bombardierung von Hiroschima gefaßt.

Reagans Neutronenentscheidung führte so in Europa bei Nato-Gegnern wie bei den Angehörigen der westlichen Verteidigungsgemeinschaft zum Schock. Bei den einen, weil sie den Kern ihres Militärpotentials tödlich bedroht sehen, bei den anderen, weil ihnen eine Abwehrwaffe aufgezwungen werden soll, die ihnen hochgefährlich erscheint und die sie seit Carters Neutronenrückzieher womöglich gar nicht mehr brauchen.

Denn seit 1978 haben die Westeuropäer sich noch intensiver mit modernen Panzerabwehrwaffen ausgestattet. Allein S.24 die Bundeswehr erhöhte ihren Bestand seither auf mehr als 100 000.

Den US-Präsidenten Reagan freilich wird das in seinem Rüstungsdrang kaum beirren.

In einem halben Jahr bereits sollen die geplanten rund 1200 Neutronenwaffen montiert sein -- die Produktion der Einzelteile war auch unter Carter nie unterbrochen worden --, und dann hat Amerika für einen vergleichsweise geringen Kostenaufwand von über einer Milliarde Dollar eine Waffe in seinem Arsenal, für die sich gewiß auch außerhalb Europas Abnehmer finden.

Und ein Ronald Reagan, der zum Schutz gegen die bösen Russen sogar Pershing 2 und Cruise Missiles in Ostasien, in Japan und Südkorea stationieren will, wird mit ein paar Neutronenwaffen gewiß nicht kleinlich sein.

Denn schließlich lautet sein oberstes Ziel, den Sowjet-Kommunismus auf Null zu bringen, die Russen davon zu überzeugen, daß ihr System nicht mehr ist als »eine Absurdität der Geschichte«, so daß sie keinen Anspruch hätten, Amerika gleich sein zu wollen. Kaputte KP-Wirtschaften -- von Kuba über Polen und die Sowjet-Union bis Vietnam -bestätigen die Reagan-Leute in dieser Weltsicht.

Nur: Zunächst einmal müsse die Sowjet-Union sich reuig zeigen, sich zurückhalten in ihren Rüstungsanstrengungen.

Kalifornien-Urlauber Ronald Reagan wurde noch deutlicher. Allein in Westeuropa hätten die Sowjets 100 Millionen Dollar für einen Propagandafeldzug gegen die Neutronenwaffe eingesetzt, behauptete der Präsident am vorigen Donnerstag auf seiner Ranch.

Die Sowjets, so Reagan, »kreischen, als säßen sie auf einem spitzen Nagel, weil wir jetzt die Entschlossenheit demonstrieren, sie nicht in die Lage gelangen zu lassen, daß sie der freien Welt ein Ultimatum stellen und erklären: ''Gib auf oder stirb''«. Gleichwohl, so enthüllte der US-Präsident, habe er einen Brief an Leonid Breschnew geschrieben und ihm eine Begegnung vorgeschlagen -- wohl um ihm, nach vollendeter Aufrüstung-West, nun seinerseits ein Ultimatum zu stellen.

Die Bonner rüsten sich schon auf den Fall der Fälle: die Aufstellung der neuen Waffe auf deutschem Boden.

Als Generalmajor Hans-Peter Tandecki, Abteilungsleiter Militärpolitik im Führungsstab der Streitkräfte, am Montag voriger Woche zum Rapport im Kanzleramt erschien, konnte er Staatssekretär Lahnstein freilich ein schlüssiges Konzept der Generale nicht vorlegen. Tandecki hatte nur zwei alte Dokumente gefunden.

Die beiden Papiere waren schon 1977 in aller Eile zusammengeschrieben worden: eine technische Expertise der Rüstungsabteilung und eine Bewertung des Führungsstabes über den militärischen Nutzen der Neutronenwaffe.

Harald Wust, der später von Hans Apel geschaßte Generalinspekteur, hatte damals noch die Aufstellung der Neutronenwaffe empfohlen, da sie die westlichen Möglichkeiten der nuklearen Abschreckung stärke und erweitere.

Die anfangs »begeisterte Zustimmung« (so der damalige Nato-Oberbefehlshaber Europa und heutige US-Außenminister Alexander Haig) für die neue Waffe ist inzwischen jedoch bei einem Teil der Nato-Militärs nüchterner Betrachtung gewichen. Dutzende Planspiele in der Nato und in der Bundeswehr weckten bei einer Minderheit, vor allem unter westdeutschen Generälen, Zweifel am militärischen Sinn der neuen Wunderwaffe. Damit aber verliere sie ihren Zweck als politische Abschreckungswaffe.

Denn: Wenn überhaupt, so argumentieren Militär-Experten, tauge die Neutronenwaffe nur, wenn sie sofort ("First use") eingesetzt werde.

In ihren Szenarien gehen die Nato-Strategen davon aus, daß die Sowjet-Union bei einem Angriff zunächst mit starken Panzerverbänden möglichst weit nach Westen vorstoßen werde. Folglich hat die Nato in den letzten Jahren kontinuierlich ihren Bestand an Panzerabwehrwaffen aufgestockt.

Dennoch haben Kommandeure bei allen Übungen immer gefordert, Atomwaffen sehr früh freizugeben -- zu früh, wie der ehemalige Stellvertretende Nato-Oberbefehlshaber Europa, der deutsche General Gerd Schmückle, meint.

Ihre Begründung: Nach der Felddienstvorschrift 100 -- 5 der US-Army dauert es von der Anforderung (request) bis zur Freigabe (release) durch den Präsidenten in Washington mindestens 24 Stunden. Die Kommandeure, deutsche wie amerikanische, wollen aber rechtzeitig für alle Fälle gerüstet sein.

Die Neutronenwaffe wird die Hemmschwelle bei diesen Generalen, so fürchten Kritiker, weiter herabsetzen. Zum einen, weil die Wirkung des neuen Kriegsgeräts begrenzt werden könne, wenn auch offensichtlich nicht so exakt, wie die Amerikaner behaupten. Zum anderen, weil die Neutronenwaffe die Zivilbevölkerung schone, da sie punktgenau auf dem Schlachtfeld einsetzbar sei.

Das zweite Argument halten kritische Militärs schlicht für falsch. Sie setzen dagegen: Die Bundesrepublik sei verstädtert, und in dem 100-Kilometer-Streifen an der innerdeutschen Grenze lebten 30 Prozent der Bevölkerung.

Stärkster Einwand der Neutronengegner unter den Offizieren: Der frühzeitige Einsatz der Schreckenswaffe wäre, wenn man sie einmal hat, unvermeidbar.

Denn die Lance-Raketen und die 203-Millimeter-Haubitzen der Nato, die als erste mit Neutronenköpfen bestückt werden sollen, müssen dicht an der Grenze aufgestellt werden. Sie haben nur eine geringe Reichweite: Lance S.25 bis 120 Kilometer, Haubitzen bis 30 Kilometer.

Die Neutronensprengköpfe müßten also gleich zu Beginn eines gegnerischen Angriffs abgefeuert werden, damit sie nicht von sowjetischen Panzern überrollt würden. Die atomare Feldschlacht, von der niemand weiß, wie schnell sie eskalieren wird, würde mithin eher beginnen, als es ohne Neutronenwaffe wahrscheinlich ist.

Berichte aus den USA, daß die Pentagon-Planer an einer neuen »integrierten Schlachtfeld-Strategie« arbeiten, scheinen solche Befürchtungen zu bestätigen. Die US-Militärs gehen davon aus, ihre Verbände müßten fähig sein, gleichzeitig einen konventionellen, einen nuklearen und einen chemischen Krieg zu führen.

Politiker wie Egon Bahr lassen inzwischen auch den Einwand nicht mehr gelten, die Neutronenwaffe sei geradezu eine »ideale Verteidigungswaffe« gegen die sowjetischen Panzertruppen. Ihr Gegenargument: Der Westen müsse davon ausgehen, daß auch die Sowjets die Neutronenwaffen bauen können.

Falls die Russen angriffen, seien sie gezwungen, vor ihren Panzern ihre Neutronenwaffe einzusetzen, um das Feld freizuschießen. Die Neutronenwaffe, so der SPD-Abrüstungsbeauftragte, lade »zu früher Eskalation« geradezu ein.

Bahr: »Das heißt: Neutronenwaffen sind auch interessante Angriffswaffen. Wenn die Sowjets diese Waffen auch besitzen, ist das Gleichgewicht wiederhergestellt -- zu Lasten der Deutschen und um den Preis der Senkung der atomaren Schwelle.«

Schon gibt es bei der Nato in Brüssel Planspiele, wie die Militärs schneller als bisher den Einsatz von Atomwaffen befehlen könnten. Am liebsten würden die Nato-Strategen das komplizierte Freigabeverfahren über den Präsidenten durch eine Generalvollmacht für die amerikanischen Frontkommandeure ersetzen.

Eine andere Möglichkeit, die Befehlsstränge zu straffen, böte sich schon jetzt. Denn neben dem Nato-Befehlsstrang, der die Konsultation der Verbündeten sicherstellen soll, existiert ein nationaler amerikanischer Kommandoweg, der von den Bündnispartnern nicht kontrolliert werden kann.

US-General Bernard Rogers ist nicht nur Oberbefehlshaber der Nato, es unterstehen ihm auch die amerikanischen Truppen in Europa. Er kann jederzeit direkt mit seinem Präsidenten Verbindung aufnehmen und seine Befehle dann unmittelbar an die Raketen- und Artillerieeinheiten geben.

Noch zögern Reagan und Weinberger, dem Druck der Generale nachzugeben.

Das kann die Urlaubsstallwachen im Kanzleramt und in den Bonner Ministerien kaum beruhigen. Sie fürchten schon den nächsten Schlag von der Himmelsranch in der Nähe von Santa Barbara.

Ende August oder Anfang September, so die Bonner Informationen, will der Präsident verkünden, daß die MX-Fernrakete gebaut wird. Sie soll aber wahrscheinlich nicht, wie ursprünglich geplant, auf Betonpisten in Nevada und Utah zwischen Tausenden unterirdischen Abschußsilos hin- und herfahren, sondern auf Flugzeuge montiert werden.

Diese Entscheidung aber muß einen neuen Konflikt mit Bonn auslösen. Wenn schon die Amerikaner, so will die Bundesregierung argumentieren, mit Rücksicht auf die Bürger von Utah und Nevada nicht bereit seien, Raketen im eigenen Land aufzustellen, dann könne Washington das auch nicht von den Europäern verlangen.

Deshalb wollen die Deutschen dann wieder fordern, die Mittelstreckenrakete Pershing 2 nicht auf dichtbesiedeltes Land, sondern auf Schiffe zu setzen.

Verteidigungsminister Apel: »Die Amerikaner wissen das.«

S.17Während seiner Pressekonferenz, bei der er den Bau derNeutronenwaffe begründete.*S.18Vor der amerikanischen Botschaft.*

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