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NEW YORK

Stich ins Herz Ein Korruptionsskandal erschüttert die Stadt. Private Unternehmen zahlten Schmiergelder in Millionenhöhe an Beamte und Politiker. *
aus DER SPIEGEL 13/1986

Das Restaurant »Hisae''s Place« in Manhattans Punk- und Jungkünstler-Viertel East Village ist bekannt für seine honiggesüßte Buttermilch-Fruchtsuppe und für seine extrem schummrige Beleuchtung.

Den beiden Herren, die sich am 29. November letzten Jahres in »Hisae''s Place« verabredet hatten, war selbst diese Dunkelheit noch zu hell. Sie unterbrachen im Laure des Abends ihr Gespräch und zogen sich gemeinsam auf die Herrentoilette zurück, um ein Geschäft abzuwickeln: 5000 Dollar wechselten den Besitzer.

Für Geoffrey Lindenauer, den stellvertretenden Direktor des Büros zur Ahndung von Parkvergehen, war die Geldübergabe der letzte außerplanmäßige Zahltag. Der inzwischen aktenkundige Vorfall auf dem WC ist eine Schlüsselszene, aus der sich ein folgenreicher Korruptionsskandal entwickelte. Er hat New York, so ein städtischer Politiker »aus dem Gleichgewicht gebracht«.

Schlüsselszene Nummer zwei: Am frühen Morgen des 10. Januar beobachtet die Besatzung eines Streifenwagens einen blauen Ford LTD, der in Schlangenlinien über den Grand Central Parkway fährt. Den Cops gelingt es, den Pkw zu stoppen. Am Steuer sitzt eine stadtbekannte Persönlichkeit: Donald Manes, 52, Borough President (Bezirksbürgermeister) des Stadtteils Queens. Er ist erheblich geschwächt. Blut rinnt aus zwei Schnittwunden an den linken Hand- und Fußgelenken. Auf dem Wagenboden liegt ein Küchenmesser.

Manes wird ins Krankenhaus geschafft, erleidet eine Herzattacke, wird gleichwohl gerettet und gibt vor, von zwei Männern entführt worden zu sein. Bürgermeister Edward Koch kommt zu Besuch und küßt »meinen Freund Donnie« ergriffen auf die Stirn.

Vier Tage nach der Einlieferung von Manes ins Krankenhaus wird dessen Freund Lindenauer unter dem Verdacht verhaftet, 5000 Dollar Bestechungsgeld genommen zu haben. Manes bestellt daraufhin die Lokalpresse und korrigiert sich: Er habe sich selbst die Schnittwunden beigebracht, und entführt worden sei er auch nicht.

Auch Ed Koch hat sich besonnen. Er bezeichnet den mächtigen Parteifreund, den seine Wähler den »King of Queens« nennen, nun als »Schwindler, der zurücktreten solle, weil ihn »das Gericht der öffentlichen Meinung« verurteilt habe.

Manes schweigt, tritt aber zurück und versinkt in Depressionen. Vorletzten Donnerstag, während eines Telephongesprächs mit seinem Psychiater, packt er ein Küchenmesser und stößt sich die 20 Zentimeter lange Klinge ins Herz. Zu seiner Beerdigung erscheinen sämtliche politischen Größen der Demokratischen Partei aus Staat und Stadt New York.

Einer der Trauergäste, Edward Sadowsky, einst New Yorks höchster Finanzbeamter, rückte den Selbstmord seines Freundes Manes in die Nähe der »aristotelischen Definition der Tragödie«; es werde »eine Katharsis geben«.

Mit einer solchen Reinigung wird es wohl seine Weile haben. Denn um »King« Manes rankt sich ein Korruptions- und Politskandal, wie ihn die Sieben-Millionen-Stadt seit Jahrzehnten nicht erlebt hat.

Mehrere Millionen Dollar haben private Unternehmen in den vergangenen fünf Jahren, so der bisherige Ermittlungsstand, an New Yorker Beamte und mutmaßlich auch Politiker gezahlt, um sich lukrative städtische Aufträge zu sichern oder zu erhalten.

Allein zwei Millionen sollen an einflußreiche Mitarbeiter des »Parking Violations Bureau« (PVB) gegangen sein. Das PVB beschäftigt 2000 »ticket agents«, die Falschparker ausspähen und jährlich sechs Millionen Strafmandate (zwischen 15 und 40 Dollar) ausschreiben.

Zahlt der Ticket-Empfänger nicht, wird eine PVB-Abteilung aktiv, die säumige _(Mit Ehefrau Marlene bei seiner ) _(Vereidigung als Bezirksbürgermeister ) _(durch Bürgermeister Koch 1985. )

Zahler faßt. Die Arbeit dieser 400 Gebühreneintreiber ist, da es in den USA keine Meldepflicht gibt, nur bedingt erfolgreich.

Das Problem der ihr zustehenden, aber nicht oder nur schwer eintreibbaren Gebühren war die Stadt New York 1974 mit einer reuen Strategie angegangen. Sie beauftragte private Agenturen, überfällige Bußgelder abzukassieren, und überließ den Firmen ein Erfolgshonorar, das bis zu 60 Prozent der eingetriebenen Summe betragen konnte.

Die als »Reform« gelobte Maßnahme enthob die damals auf die Pleite zutreibende Stadt der Notwendigkeit, das PVB-Personal aufzustocken, und war überdies erfolgreich. Die privaten Einsammler trugen bereits im ersten Jahr zu einer 50prozentigen Erhöhung der Einnahmen im Strafzettelbetrieb bei.

Der hohe Anreiz für private Geldeintreiber, im Auftrag des PVB fällige Falschparkgebühren abzukassieren, wird aus der Summe ausstehender Bußgelder deutlich. Sie beläuft sich auf derzeit eine Milliarde Dollar.

Zwei der 13 Privatagenturen, die Ende letzten Jahres für das PVB tätig waren, hat die Stadt inzwischen gekündigt. Denn sie hatten offensichtlich versucht, sich ihren Anteil an dem lukrativen Geschäft durch Bestechung zu erhalten. Nicht immer geschah dies freiwillig oder aus eigenem Antrieb. Wir sich nun herausstellt.

Auf »direkte Anweisung von Mr. Manes gab Michael Dowd, Rechtsanwalt und Miteigner der Eintreibfirma Computrace Ltd., bei seiner Vernehmung zu Protokoll, habe er insgesamt 30000 Dollar zunächst an einen Lokalpolitiker in Queens und nach dessen Tod dann an PVB-Vize Lindenauer gezahlt. Dowds Firma kassierte für das PVB seit 1980 ab und verdiente damit knapp zwei Millionen Dollar.

Dowd war nicht Lindenauers einziger Geldgeber. Im Rahmen einer Abhöraktion stieß das FBI auf Bernard Sandow und dessen Kassierfirma Systematic Recovery Services. Von Sandow hatte Lindenauer insgesamt 313000 Dollar abgepreßt, einschließlich der 5000-Dollar-Zahlung auf der Toilette in »Hisae''s Place«. Seine illegalen Gesamteinnahmen bezifferte Lindenauer (Jahresgehalt 80000 Dollar) inzwischen auf 410000 Dollar.

Diese Summe dürfte er kaum für sich behalten haben. Am Tage von Lindenauers Verhaftung wurde PVB-Boß Lester Shafran fristlos entlassen. Weitere 20 hohe Beamte haben in den vergangenen acht Wochen ihre Schreibtische in City Hall geräumt.

Bürgermeister Ed Koch gibt derweil an, von alldem nichts gewußt zu haben. Der sonst so agil-aggressive City-Hall-Chef wirkt sichtlich angeschlagen. Er hat zum Großreinemachen sieben Kommissionen berufen, die sämtliche Kontrakte zwischen der Stadt und Privatfirmen untersuchen sollen.

Damit nicht genug: Um mögliche Korruptionsquellen zu verschütten, werden die Modalitäten überprüft, nach denen bisher einflußreiche Positionen in wichtigen städtischen Behörden besetzt wurden. _(Nach seiner Verhaftung am 15. Januar ) _(1986. )

Mit Ehefrau Marlene bei seiner Vereidigung als Bezirksbürgermeisterdurch Bürgermeister Koch 1985.Nach seiner Verhaftung am 15. Januar 1986.

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