Dirk Kurbjuweit

Die Lage am Morgen Corona ist zu schnell für die Wissenschaft

Dirk Kurbjuweit
Von Dirk Kurbjuweit, Autor im SPIEGEL-Hauptstadtbüro

Liebe Leserin, lieber Leser, guten Morgen,

heute beschäftigen wir uns mit Irrtümern, mit Zweifeln, mit Ostermärschen und mit dem Bundespräsidenten.

Heiligenschein

Wissenschaft hat für manche einen Heiligenschein. Sie liefere das Verbindliche, das Wahre. Das hat nie gestimmt, wie die meisten Wissenschaftler selbst wissen. Und in der Coronakrise sehen wir es alle. So viele Korrekturen, so viele Irrtümer, so viele Gelehrtenstreits.

Es fing an mit der Einschätzung der Krise. Die wollten führende Berater der Bundesregierung zunächst nicht richtig ernst nehmen. Es ging weiter mit der Frage, ob Schulschließungen sinnvoll sind. Erst nein, dann ja. Genauso mit den Schutzmasken. Die bringen nichts, die bringen doch was. Nun ist eine wichtige wissenschaftliche Studie um den Hotspot Heinsberg umstritten.

Das Problem für die Wissenschaft ist das Tempo. Sie braucht Zeit, um genau sein zu können. In dieser Krise gibt es diese Zeit nicht. Die Wissenschaftler müssen ihre eigenen Ansprüche unterlaufen, um dem Bedarf der Bürger und der Politiker nach Erkenntnissen nachzukommen. Es gibt bislang kaum etwas Wahres zu Corona. Das müssen wir alle aushalten.

Kopfkino

Ich habe eine interessante Mail von einem Arzt bekommen, den ich von früher kenne. Er leitet derzeit die medizinischen Maßnahmen gegen die Coronakrise in einem deutschen Landkreis. Er schätzt die Lage so ein, dass seine Krankenhäuser gut vorbereitet sind.

Auf der politischen Seite hat er es mit Leuten zu tun, die von maximalen Krisen ausgehen, von Zuständen wie in einer der am härtesten betroffenen Regionen Europas. Das sei der Maßstab für die Anforderungen der Politiker, also Worst Case, der schlimmste Fall.

Der Arzt schreibt: "Der Wahnsinn ist dieses unverrückbare Kopfkino, das in den uns vorgeschalteten politischen Ebenen abläuft. Der totale Ausfall einer effektiven Zusammenarbeit, Kontrolle und Checklisten statt Analyse und Lösung. Dabei fällt es mir schwer, die Kollegen mit immer neuen Krisenfantasien zu konfrontieren und Steigerungen der Steigerung zu erörtern, die Spannung für den Höhepunkt, der seit Wochen erwartet und noch immer nicht in der Härte eingetreten ist, aufrechtzuerhalten. Kurzum, medizinischer und realer Verlauf kollidieren mit einem Angst-Szenario hin zur Panik und im Grunde Handlungskollaps der politischen Institutionen."

Als ich das las, habe ich mich gefragt, ob wir nicht fast alle schon in diesem Kopfkino stecken. Die Bilder aus Italien haben uns so schockiert, dass wir italienische Verhältnisse vermeiden wollen. Aber vielleicht sind die bei uns gar nicht wahrscheinlich oder sogar unmöglich.

Ich finde deshalb nicht falsch, was die Bundesregierung tut, im Gegenteil. Aber manchmal habe ich Momente des Zweifels. Die Mail des Arztes sorgte für einen solchen Moment.

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Was fehlt

Ehrlich gesagt, war ich ewig nicht mehr bei einem Ostermarsch für den Frieden. Und habe sie auch kaum beachtet. Aber jetzt fehlen sie mir. Weil es sich besser anfühlen würde, könnte jemand von seinem Demonstrationsrecht Gebrauch machen. Immerhin gibt es sie virtuell.

Fast wie Weihnachten

Ein bisschen sieht es so aus, als wäre der Bundespräsident in Kurzarbeit. Man hört fast nichts mehr von ihm. Für einen Präsidenten ist es immer schwer durchzudringen, in der Regel ist er Nebendarsteller der deutschen Politik. Bis zur Coronakrise hat Steinmeier das gut gemacht, sein Demokratieförderungsprojekt war ein Gewinn. Damals - es war in einer anderen Welt - ging es vor allem um Stimmungen, und ein Präsident kann nicht viel mehr tun, als Stimmungen zu beeinflussen.

Nun geht es vor allem um Fakten: Wie ist die Lage? Was tut die Exekutive, um die Lage zu verbessern? Die Stimmung ist noch relativ stabil, die Bundesregierung findet bei den Bürgern großen Zuspruch für ihre Maßnahmen. Der Präsident wird da kaum gebraucht. Steinmeier hat das verstanden und sich bislang öffentlich zurückgehalten. Untätig ist er hingegen nicht. Es heißt, er telefoniere viel mit Bürgern.

Heute macht er Ostern zu Weihnachten. Das ist eigentlich der Termin für seine Jahresansprache im Fernsehen. In dieser schweren Krise will er auch zu Ostern sprechen. Das ZDF überträgt die Rede nach der "heute"-Sendung um 19 Uhr, die ARD nach der Tagesschau um 20 Uhr.

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Ich wünsche Ihnen einen schönes Osterwochenende

Ihr Dirk Kurbjuweit

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