Zur Ausgabe
Artikel 57 / 66
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Martin Morlock NICHT AUS LIEBE

aus DER SPIEGEL 10/1966

»Töten Sie diesen Engel«, hatte sie fernmündlich gefleht, und ich war so leichtfertig gewesen, mich als Killer zur Verfügung zu stellen.

Nun sitze ich im oberbayrischen Murnau, umgeben von Bastelarbeiten ehemals Gestrauchelter, und erfahre, daß nicht nur ihr Beiname »Engel der Gefangenen«, sondern auch »das Märchen von der blonden Schwedin« der Ausrottung bedürfe. In der Tat: Birgitta Wolf, 52, Schriftstellerin und private Sozialhelferin, ist eher brünett zu nennen.

7000 Briefe, so weiß man, hat sie mit Strafgefangenen in der Bundesrepublik und in Schweden gewechselt; dem wegen Mordes zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilten Serben Josef Quintus hat sie vorläufige Freilassung erwirkt; inhaftierte Talente (Wolfgang Graetz) verdanken ihrer Zähigkeit die Erlaubnis, Dramen und Gedichte zu verfassen.

Stetig besucht sie Strafanstalten, kümmert sich um Entlassene; jeden Dienstag kommt eine ungewisse Menge Jungvolks in ihr Haus mit Gebirgsblick, um vor dem offenen Kamin läuterndes Liedgut anzustimmen ("Oh, du schöner Westerwald"), und wenn etwas ihr Verdruß bereitet, dann nicht die mangelnde Hilfswilligkeit mancher Justizbehörden, sondern der Umstand, daß sie, will sie Sträflingen über das Sprechgitter hinweg die Hand drücken, »einen Sprung machen« muß.

Ihr besonderes Trachten gilt dem »schwierigen, aggressiven Mitmenschen in einer Notsituation« (die Vokabel »kriminell« gibt es nicht in ihrem Wortschatz), wogegen sie sich bei der Bemutterung »sympathischer, netter« Gefangener »innerlich ausruht«.

Neben solcher Fürsorge bemüht sie sich um Adoptiveltern für Mischlinge, pflegt chronisch-kranke Kinder und holt - in Deutschland wie in Schweden - »Mädchen von der Straße«.

Birgittas soziales Gewissen regte sich frühzeitig: Schon als Backfisch gründete sie, zusammen mit zwanzig Fabrikarbeitersöhnen, eine konstruktiv gesinnte »Räuberbande« und schuf im väterlichen Schloß Rockelstad Raum für einen »Kameradenklub«, der sich Jugendlicher annahm, »die mit ihrer Freizeit nichts anfangen konnten«.

Den ersten Sieg im »Kampf gegen alles Unrecht« errang Frau Wolf 1936 in Deutschland: Sie holte, vermöge »gesellschaftlicher Beziehungen«, einen des Landesverrats beschuldigten Arbeiter aus dem Gefängnis; denn als Tochter des Ethnologen Eric Graf von Rosen, Nichte von Karin Göring, des Reichsmarschalls erster Gemahlin, und selbst mit einem deutschen Industriellen verehelicht, verkehrte sie zwanglos mit höchster Naziprominenz. »Ich kannte Hitler, Mussolini, Heydrich und Freisler.«

Heute kämpft Birgitta Wolf gegen sämtliche Widrigkeiten unseres Strafvollzugs, setzt sich dafür ein, daß Häftlinge »jederzeit schreiben dürfen, was und soviel sie wollen«, Besuche empfangen dürfen, so oft sie wollen; daß der Ertrag aus ihrer Arbeit nicht dem Staat zufließen, vielmehr dazu dienen solle, »den Schaden, den sie angerichtet haben, wiedergutzumachen, nicht aus ethischen Motiven, sondern weil es vernünftig ist«.

Allem hat sie Fehde geschworen, was labile Menschen noch labiler, aggressive noch aggressiver, asoziale noch asozialer« macht, nicht zuletzt dem empfindlichen Mangel an »Schönheitspflege in Frauengefängnissen«.

»Die Arbeit geht bald über meine Kräfte«, seufzt sie genüßlich. »Ich komme mir manchmal vor wie ein überlasteter Arzt, der ja auch keinen zurückweisen kann, der dringend Hilfe braucht.«

»Fürchten Sie nicht«, frage ich, »der eine oder andere Kriminelle - Verzeihung: 'in Not geratene Mitmensch' - könnte Ihre Hilfsbereitschaft mißbrauchen, indem er Ihnen eine innere Wandlung nur vortäuscht?«

»Glauben Sie wirklich, daß man immer noch sehr blauäugig und irreal ist, wenn man das so lange macht wie ich?«

Ich frage weiter: »Warum tun Sie das alles?«

In Frau Birgittas Angesicht gesellt sich zur betriebsamen Milde Versonnenheit: »Das hat man mich schon oft gefragt - bestimmt nicht aus christlicher Nächstenliebe; auch nicht aus Pflichtbewußtsein oder weil ich das befriedigende Gefühl haben will, ein guter Mensch zu sein, sondern einfach, weil es notwendig ist. Jemand muß doch für die sprechen, denen die Stimme genommen ist. Ich kann nicht schlafen, wenn andere nicht schlafen können.«

Was sie immer wieder erstaune, ja, erschrecke, sei »die positive Reaktion in der Presse« auf ihre Arbeit. »Das ist doch alles so selbstverständlich, was ich tue!« Wie tötet man einen Engel?

Birgitta Wolf

Martin Morlock
Zur Ausgabe
Artikel 57 / 66
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.