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REINHOLD MAIER Nicht drücken, nicht drängeln

aus DER SPIEGEL 18/1953

(s. Titel)

Acht Nachkriegsjahre lang hat der Dr. h. c. Adenauer den Dr. jur. Reinhold Maier aus Stuttgart, dem die Christlich-Demokratische Union Nordbadens 1950 voreilig bescheinigt hatte, er sei ein »politisch toter Mann«, auf keiner politischen Rechnung gehabt.

Und nun hing es sehr wesentlich mit an dem 63jährigen Schwaben mit Knöpfleschuhen, goldener Uhrkette und zitternder Hand, ob der Kanzler aus Bonn die Konsequenz seines politischen Weges mit den Westmächten wird erleben dürfen: die Ratifizierung seiner Verträge zumindest seitens der deutschen Bundesrepublik.

Reinhold Maier

* ist der Mann, der am 23. März 1933 im Deutschen Reichstag namens der Staatspartei dem Ermächtigungsgesetz für Hitler zustimmte und ernste »Bedenken zurückstellte« (Maiers Fraktionskollege und Freund Theodor Heuss hatte seinerzeit in der Fraktion den Entwurf einer »Nein«-Erklärung vorgelegt, konnte sich aber nicht durchsetzen); nach dem Kriege versuchte der öffentliche Kläger Franz Karl Maier den Ministerpräsidenten Maier deswegen vor eine Spruchkammer zu ziehen; er hatte keinen Erfolg;

* war der einzige von sechzehn Bewohnern des Hauses Dillmannstraße 16 in Stuttgart, dem während des Krieges der Luftschutzwart des Falkertbergstollens eine Einlaßkarte verweigerte: »Der soll zu seiner Frau nach England« (Maier hatte seine jüdische Frau und seine Kinder 1939 nach England reisen lassen);

* hatte sich während der Hitlerzeit geschworen, nie wieder in die Politik zurückzukehren (er war von 1929 bis 1933 württembergischer Wirtschaftsminister);

* wurde von den Amerikanern, unter denen er manchen Verwandten seiner Frau und manchen Bekannten wiedertraf,

dann doch zum Ministerpräsidenten gemacht und erließ außergewöhnlich viel Gnadenakte in Entnazifizierungsverfahren. McCloy und US-Landeskommissar General Gross rügten Maier, und Maier sagte öffentlich: »Auf Grund der gemachten Erfahrungen bekommt man von den Herren mal eins verabreicht, dann ist es wieder allgemein ausgestanden«;

* ist einer der drei deutschen Minister-Präsidenten, die 1945 von der Besatzung in den Sattel gehoben wurden und bisher noch nicht wieder heruntergerutscht sind*). Maier: »Ich bin immer nur bestätigt worden, ich bin immer nur geholt worden. Ich bin dem Posten nie nachgelaufen. Sonderbar - wo ich doch der schwächsten Partei angehöre.« Maier ist Mitglied der »Demokratischen Volkspartei«, wie sich die südwestdeutsche FDP nennt.

In der Villa Reitzenstein, hoch über den Dächern Stuttgarts, residiert dieser Rekordhalter mit schwäbischer Schlicht- und Verschlagenheit. Kein Polizist, kein Uniformierter bewacht den reizvollsten der zehn deutschen Ländersitze.

Die Villa, um die Jahrhundertwende im Stil der Gründerjahre vom Stuttgarter Verleger Hallberger für seine mit dem Freiherrn Reitzenstein verehelichte Tochter erbaut, hat seit ihrem Verkauf an den Staat im Inflationsjahr 1922 mehr als einen Herrn unter ihren Stuckdecken beherbergt: Den NS-Gauleiter Murr, den US-Gouverneur Dawson, den Länderrat der amerikanischen Zone und endlich den Reinhold Maier. Auf dem Podest im Treppenhaus haben unter anderem die Büsten gestanden von: Wilhelm I., Adolf Hitler, Abraham Lincoln und Theodor Heuss.

Von der Villa Reitzenstein aus ist Reinhold Maier als Ministerpräsident des Südweststaates auf seinen entscheidenden Bonner Ein-Jahres-Stuhl gerutscht, den Platz des Präsidenten des Deutschen Bundesrates. Vor hier aus kann seine Südweststaatregierung, die aus fünf Sozialdemokraten, drei Freien Demokraten und einem BHE-Mann besteht, der besonderen Mehrheitsverhältnisse im Bundesrat wegen die Politik des Kanzlers abbremsen, wenn es ihr paßt (s. Graphik Seite 5).

Daß Maier in der Frage der Westverträge dazu durchaus willens sein konnte, ließ sich schon seit längerem vermuten:

1950 hatte Reinhold Maier zum ersten Male die »Einmann-Politik« des Kanzlers öffentlich gerügt.

1951 erklärte er in Schnait: »General Eisenhower hat voreilig vorgepreschten deutschen Politikern das Spielzeug der Wiederaufrüstung aus der Hand genommen.«

1952 gab er dem Drei-Zonen-Vorschlag des Bundestagsabgeordneten Dr. Karl Georg Pfleiderer, seines außenpolitischen Beraters, durch seine Anwesenheit in der ersten Zuhörer-Reihe Seriosität und Gewicht: Die Sowjets sollen sich auf das rechte Oderufer, die Westmächte auf das linke Rheinufer zurückziehen, dazwischen solle ein unbesetztes Gebiet mit deutscher Nationalarmee liegen.

Drei Jahre lang dauerte es, dann hatten es auch die letzten in Bonn begriffen: Reinhold Maier wollte mit Konrad Adenauer die Klinge kreuzen. Und dann saß er in der Position, in der er das mit Aussicht auf Erfolg tun konnte.

Daß Maier an diese Stelle kam, verdankt er der föderalistischen Konstruktion des Grundgesetzes, deren kompromißlose Verfechter

*) Die anderen beiden: Senatspräsident und Bürgermeister Wilhelm Kaisen aus Bremen und Ministerpräsident Hinrich Wilhelm Kopf aus Hannover (siehe Graphik Seite 6). bei den 1949er Debatten des Parlamentarischen Rats in Bonn ausgerechnet die Parteigänger des Kanzlers waren.

Sie konnten freilich nicht ahnen, daß auf den Verfassungswegen, deren Anlage sie damals unnachgiebig forderten, dem Kanzler geradewegs ein so schwer überwindbarer Klotz vor die Beine rutschen könnte, wie es der Dr. Reinhold Maier in seiner Position als Präsident des Bundesrats heute ist; denn »durch den Bundesrat wirken die Länder bei Gesetzgebung und Verwaltung des Bundes mit« (Grundgesetz-Artikel 50), und das noch dazu auf dreierlei Weise:

Die erste, bei allen von der Regierung eingebrachten Gesetzen gleiche, ist die Begutachtung der Regierungsentwürfe. Nach dem Grundgesetz darf die Regierung dem Bundestag einen Gesetzentwurf nur zusammen mit der jeweiligen Bundesratsstellungnahme vorlegen. Jeder Regierungsentwurf wird also erst einmal Maiers Bundesrat zugeleitet, der ihn ganz genau überprüft.

Wenn nun der Gesetzentwurf das Parlament, den Bundestag, passiert hat, so muß er noch einmal in den Bundesrat zurück, erst dann darf das Gesetz vom Bundespräsidenten verkündet werden. Bei den meisten Gesetzen hat der Bundesrat lediglich ein Einspruchsrecht. Er kann dabei vom Bundestag überstimmt werden, und zwar mit einfacher Mehrheit, wenn auch der Bundesrat das Gesetz mit einfacher Mehrheit abgelehnt hat, mit Zwei-Drittel-Mehrheit, wenn auch der Bundesrat mit Zwei-Drittel-Mehrheit sein Veto geltend gemacht hat. Vorher muß, wenn der Bundesrat es will, aber versucht werden, die Differenzen in dem sogenannten Vermittlungsausschuß auszugleichen, der aus zehn Bundestagsabgeordneten und zehn Bundesratsmitgliedern besteht. Das ist bisher fast stets gelungen.

Bei etlichen Gesetzen hat das Grundgesetz aber dem Bundesrat eine sehr viel stärkere Position eingeräumt. Hier geht es nicht um seinen etwaigen Einspruch,

sondern bei dieser Kategorie ist eine förmliche Zustimmung des Bundesrats notwendig. Deshalb kann er dabei auch nicht etwa durch das Parlament überstimmt werden. Er steht da also gleichberechtigt neben dem Bundestag. Nur wenn sich beide, Bundestag und Bundesrat, einig sind, kann das Gesetz verkündet werden.

Zu dieser Kategorie gehören viele besonders wichtige Gesetze. So zum Beispiel ist jedes Gesetz »zustimmungsbedürftig«, wenn es den Ländern Vorschriften über ihre Verwaltung macht. In dem Betriebsverfassungsgesetz wurde bestimmt, daß ein Schiedsausschuß, dessen Vorsitzenden der Oberlandesgerichtspräsident bestellt, für Streitigkeiten zuständig sei. Da dieser Richter Landesbeamter ist, wurde damit das gesamte Gesetz zustimmungsbedürftig. Es hatte beim Betriebsverfassungsgesetz zwar kein Land etwas gegen diese Besetzung des Schiedsausschusses einzuwenden, aber wegen anderer Bestimmungen wäre das Gesetz um ein Haar im Bundesrat gescheitert.

Den Ausschlag für die Annahme gab Reinhold Maier, der dem von der SPD abgelehnten Gesetz im Namen seines Stuttgarter Kabinetts ganz überraschend zustimmte. Am Tage, an dem das Stuttgarter Kabinett über diese seine Stimmabgabe zum Betriebsverfassungsgesetz beschlossen hatte, fehlten zwei der fünf Stuttgarter SPD-Minister wegen Krankheit.

Alle anderen Länder außer Maiers sind von Haus aus mehr oder weniger pro oder contra des Kanzlers Politik festgelegt, nur Baden-Württemberg nicht, in dem der liberale Maier Kabinetts-Chef einer SPD-Übermacht ist.

Wie diese liberal-sozialistische Koalition nach dem Zusammenschluß der zonenbedingten Nachkriegsländer Württemberg-Baden, Württemberg-Hohenzollern und Baden im Frühjahr 1952 zusammenkam, das ist ein Kabinettstückchen für sich.

Die CDU war nach den Vereinigungswahlen stärkste Partei mit 50 Sitzen (SPD: 38; FDP: 23; BHE: 6; KPD: 4) in der Verfassunggebenden Landesversammlung des neuen Südweststaates geworden. CDU-Fraktionschef Gebhard Müller, bis dahin Staatspräsident von Württemberg-Hohenzollern, machte sich denn auch sogleich an die Arbeit, eine Regierung zu bilden, und sah sich nach einem Koalitionspartner um.

In ersten getrennten Gesprächen mit SPD und FDP konnte er jeweils eine gewisse Koalitionsfreude feststellen. Für erste Aufregung sorgte der FDP-Vorsitzende, Dr. Wolfgang Haussmann, der Kurt Schumacher am Krankenbett in Badenweiler besucht hatte.

In zweiten Gesprächen Müllers tauchten bei seinen potentiellen Koalitionspartnern SPD und FDP Bedenken wegen des von der CDU ausgearbeiteten Programms auf, bis dann schließlich, nach mehr als vier Wochen, die SPD plötzlich an der Schulfrage bockte und ganz energisch jede Koalition mit der CDU ablehnte. Die CDU wollte das in Südwürttemberg unter der Ägide von Staatspräsident Müller eingeführte »Elternrecht«, das praktisch auf eine Bekenntnisschule hinausläuft, im ganzen neuen Südweststaat eingeführt wissen, zumindest aber eine Status-quo-Schulgarantie für den südwürttembergischen Landesteil haben.

Am 21. April 1952 setzten sich in der Villa Reitzenstein FDP, SPD und BHE das erste Mal an den Verhandlungstisch. Dem Altliberalen Maier lag das mehr, als sich mit den Katholiken in der CDU unter Gebhard Müller über Schulfragen zu streiten. Drei Tage später kam der zweite Vorsitzende der Gesamt-FDP, Dr. Hermann Schäfer, von Bonn in Stuttgart angereist, um der im Landtagsgebäude hinter verschlossenen Türen versammelten Fraktion ein letztes Mal ins bundesdeutsche Gewissen zu reden und sie von ihrem Techtelmechtel mit der Sozialdemokratie abzubringen.

»Was da über uns hereingebrochen ist, ist nicht zu beschreiben«, erzählte Wolfgang Haussmann. Dabei habe Vizekanzler Blücher ihm, Haussmann, doch versprochen, daß der Bonner FDP-Vorstand auf die südwestdeutschen Parteifreunde keinen Zwang ausüben werde. »Die DVP hier unten ist doch ebensowenig mit der Bundes-FDP zu vergleichen wie die hiesigen Sozialdemokraten mit der SPD im Norden«, meint der Liberale Haussmann. Und dann etwas, was nur aus der südwestdeutschen politischen Atmosphäre zu verstehen ist, für die das Gegenüberstehen von Klerikalismus und Nicht-Klerikalismus entscheidender ist als das Gegeneinander von Liberalen und Sozialisten: »Die Koalition mit der SPD ist wohl das kleinere Übel. Ich habe das Vertrauen, daß wir die Dinge in der Hand behalten.«

Reinhold Maier schließlich, als es über seine Kandidatur als Premier einer liberalsozialistischen Regierung abzustimmen galt: »Wenn einer dagegen stimmt, das kann man hinnehmen; wenn es aber zu Zwiespältigkeiten in der Fraktion kommen sollte, dann werde ich meinen Schreibtisch in der Villa Reitzenstein räumen, meinen Hut aufsetzen und wieder als einfacher Abgeordneter mit Ihnen weiterarbeiten.«

Es gab keine Zwiespältigkeiten. Und Hermann Schäfer aus Bonn sagte zum Abschied: »Ich war ja nur hier, um mich zu orientieren.«

Am nächsten Mittag wurde Reinhold Maier mit 64 von 120 anwesenden Stimmen der Landesversammlung auf den Thron des Ministerpräsidenten des neuen Südweststaates gehoben. Staatspräsident a. D. Gebhard Müller erhielt 50 Stimmen von

seiner CDU, die eigentlich die stärkste Partei im Südweststaat ist, und wurde Oppositionsführer; sechs Stimmzettel blieben weiß.

Nach dem Gesetz mußte der neue Premier binnen zweier Wochen nach seiner Wahl sein Kabinett präsentieren. Maier schaffte das in zwei Minuten. Ehe sich die CDU versah, hatte er seinen Ministern die längst fertig unterschriebenen Ernennungsurkunden schon überreicht.

Einige Tage vorher hatte Maier seinen CDU-Rivalen Gebhard Müller am Ärmel gezupft: »Sehen Sie, lieber Herr Müller, Sie haben jetzt vier Wochen an der Sache herumgemurkst. Merken Sie sich: Wenn man etwas werden will, darf man nichts werden wollen.«

Trauert Gebhard Müller noch heute: »Ich habe mit Heuss telephoniert, und der hat mir gesagt, der Maier hat hoch und heilig versprochen, das mit der SPD tut er nicht.« Der Bundespräsident hatte, als er merkte, woher der Wind wehte, einen langen Brief an den Stuttgarter DVP-Parteichef Dr. Wolfgang Haussmann geschrieben, dessen Inhalt in parteiinternen Oppositionskreisen kursiert. Wegen der bundespolitischen Gefahr hat der ehemalige Stuttgarter Kultminister Heuss darin eindringlich vor einer Koalition mit der SPD gewarnt.

Nach der Regierungsbildung sickerte dann durch, das Ganze sei eine abgemachte Sache zwischen dem Chef der SPD, dem Karlsruher Versicherungsgeneraldirektor Alex Möller, und den beiden Liberalen Dr. Haussmann und Reinhold Maier gewesen.

Woher kommt dieser Reinhold Meier?

Im gleichen Jahr, da in Braunau am Inn der Führer Adolf Hitler geboren und in dem Konrad Adenauer schon dreizehn Jahre alt wurde, 1889, erblickte in Schorndorf in Württemberg, am 16. Oktober, der Schwaben Nachkriegs-Ministerpräsident das Weltenlicht.

Reinhold Maier studierte in Grenoble und Tübingen die Rechte. Nach dieser Zeit verdiente

er sich seine politischen Sporen als Wahlschlepper für die Deutsche Volkspartei.

Dann kam der erste Weltkrieg. Referendar Maier nahm vom 5. August 1914 bis zum 15. November 1918 mit dem Fußartillerieregiment Nr. 13 am Kriege teil. Er diente sich bis zum Leutnant hinauf.

In einer Arbeiter-Korporalschaft für voll genommen zu werden, erschien ihm schwerer und also erstrebenswerter als der Eintritt ins Offizierskasino. Philosophiert er heute: »Der erste Weltkrieg, das war die große Schule der Demokratie, die mein ganzes Leben bestimmte.« Das ist der Medaille Kehrseite, die der Kanzler nicht kennt.

Nach dem ersten europäischen Kladderadatsch des Jahrhunderts wurde Reinhold Maier Assessor, promovierte 1921 zum Dr. jur. (Thema: »Der Reichsrat auf Grund der Reichsverfassung von Weimar"*)) und arbeitete ein Jahr lang für seine Partei in einer katholischen Zentrums-Domäne in Oberschwaben, die noch heute von der CDU beherrscht wird. »Da hab'' ich gelernt, wie man in der Minderheit Politik machen muß.« Auch diese Erfahrungen des Protestanten Maier sind 1953 ein Quell für des Kanzlers Ärgernis.

Erst nachdem sich Reinhold Maier in Stuttgart als Notar niedergelassen hatte, erst nachdem er 1924 Vorsitzender der Demokratischen Partei in Stuttgart war, und erst nachdem er, der Württemberger, 1929 Gerta Goldschmidt, eine Badenerin, geheiratet und auf den Sesseln des württembergischen Bevollmächigten im Reichsrat Platz genommen hatte, erst danach sprang der damals noch taufrische Politiker in die parlamentarische Arena. Sein Prinzip von damals hat er bis heute noch nicht aufgegeben: »Ohne Trümpfe ist im Parlament nichts zu holen.« Und Konrad Adenauer weiß auch das.

1933 kam, und Reinhold Maier mußte die Politik aufgeben und sich als Spezialanwalt in Steuer und Devisen in Berlin, Baden, München und der Pfalz durchschlagen, weil die Schwaben sich nicht mehr zu ihrem früheren Wirtschaftsminister zu gehen getrauten.

1939 konnte er seine Frau, seine damals zehn Jahre zählende Tochter Magda und den vier Jahre jüngeren Sohn Georg gerade noch die Ausreise zu Verwandten nach England ermöglichen, bevor der zweite europäische Kladderadatsch begann. Als er die Familie wiedersah, waren sieben Jahre verstrichen. Büro und Privatwohnung des Notars Maier lagen wie die ganze Stadt Stuttgart in Schutt und Asche.

Gestapo und Allied Air Force hatten Reinhold Maier nicht vertilgen können, obgleich die Gestapo noch am 28. März 1945 in einem letzten Aufwasch mit demokratischen Ex-Politikern versuchte, seiner habhaft zu werden. Wie der Doktor der Rechte damals seinen Hals aus der von der Gestapo gelegten Schlinge zog, schrieb er pfiffig-treuherzig an seinen Neffen ins Feld: »Ich war zu einer Behörde geladen, zu der man ungern geht, und wenn man gehen muß, mit einer Zahnbürste in der Rocktasche. Ich beschloß, mich schriftlich zu entschuldigen.«

*) Der Reichsrat der Weimarer Republik bestand aus 66 Vertretern der deutschen Länder. Den Vorsitz führte ein Mitglied der Reichsregierung. Gegen vom Reichstag beschlossene Gesetze hatte der Reichsrat nur ein aufschiebendes Einspruchsrecht. Beharrte der Reichstag trotz der Ablehnung durch den Reichsrat auf seinem Gesetz a) mit einfacher Mehrheit, so konnte der Reichspräsident einen Volksentscheid anordnen oder das Gesetz fallen lassen; b) mit Zweidrittelmehrheit, so mußte der Reichspräsident den Volksentscheid anordnen oder das Gesetz verkünden. Gegen vom Reichstag angenommene Verfassungsänderungen konnte der Reichsrat selbst einen Volksentscheid verlangen. Reinhold Maier schrieb einen Entschuldigungsbrief an Himmlers Geheime Staatspolizei und gab Fersengeld auf die Dörfer. Das Kriegsende fand ihn in Westhausen, 34 Kilometer von Schwäbisch - Gmünd, wieder.

Entgegen alliierten Abmachungen hatten die schnell vorrückenden Franzosen Stuttgart von Süden genommen, während die für die Eroberung eingeplanten Amerikaner im Norden nur langsam vordrangen, um Soldaten-Leben zu schonen. Die Franzosen weigerten sich zunächst auch prompt, ihre Beute wieder herauszurücken. So kam die US-Exil-Militär-Regierung für Württemberg - Baden ausgerechnet nach Schwäbisch-Gmünd.

Maier: »Ich nahm den Vorschlag von Freunden an, als Berater des Schwäbisch-Gmünder Landratsamts in Finanzfragen und juristischen Belangen für eine Übergangszeit tätig zu werden. Ich bat mir eine ehrenamtliche Tätigkeit aus, ein Amt ohne Bezahlung; ich wollte mein eigener Herr bleiben.«

Oberst Dawson, der erste US-Gouverneur für Württemberg-Baden, fand Gefallen an dem »Assistant of a Landrat« Reinhold Maier. Und einer von Dawsons Offizieren bescheinigte dem mittlerweile altgewordenen Demokraten: »Ihr macht die Demokratie genau wie bei uns in Connecticut.«

Am 9. Juli 1945 zieht Oberst Dawson in das von den Franzosen geräumte Stuttgart ein. Und am 7. August 1945 schreibt Reinhold Maier in sein Tagebuch*), wie man im ersten Nachkriegsjahr deutscher Ministerpräsident wurde:

»Dienstag, den 7. August 1945. Heute,

*) Als Buch erschienen: Dr. Reinhold Maier »Ende und Wende«, Rainer-Wunderlich-Verlag Hermann Leins, Stuttgart und Tübingen, 1948, 416 S., 16 Mark. Dienstag vormittag, 11 Uhr, wurde von der Militärkommandantur ein Schreiben folgenden Inhalts auf dem Landratsamt für mich abgegeben:

TO: Dr. Reinhold Maier

There will be a group of officers of the Landesregierung in Stuttgart who will be in Gmund this afternoon between the hours of 1445 and 1500 to see you. The meeting will doubtless be at your office.

Liston F. Coon 2nd Lt. Aus Det I 2 c 3

»Was wird the group of officers von mir wollen... Mit einer gewissen Verspätung kamen vier Offiziere in einem riesigen Wagen an. Fräulein Anna öffnete die Tür und führte sie in die Diele. Ich wurde mit ausgesuchter Höflichkeit, shake-hands und How do you do''s begrüßt...

»Oberst Winnig eröffnete das Gespräch und setzte mir auseinander, daß die Bildung einer Landesregierung von Nord-Württemberg und Nord-Baden vor ihrem Abschluß stehe. Sie (die Amerikaner) hätten bisher den Fehler gemacht, daß sie die Regierung von unten nach oben hätten bilden wollen. Sie möchten nunmehr zuerst die Spitze der Regierung bestimmen und mit der Persönlichkeit, die für die Spitze vorgesehen sei, zusammen die anderen Minister auswählen.

»Oberst Dawson habe mich als Ministerpräsident ins Auge gefaßt und lasse bei mir anfragen, ob ich dieses Amt zu übernehmen bereit sei, er werde mir einen wesentlichen Einfluß auf die Bestimmung der anderen Persönlichkeiten einräumen...

»Das Angebot der Ministerpräsidentschaft war eine Überraschung... Daß die Wahl ... auf mich fiel, kam wohl daher, daß die amerikanische Militärregierung für Württemberg, die ihren Sitz monatelang in Schwäbisch-Gmünd hatte, mich in der sachlichen Arbeit beobachten konnte... Sie hatte wahrgenommen, daß ich die Formen einer schlichten Demokratie zu handhaben verstehe...«

Wegen seines auffallend guten Auskommens mit dem Obersten Dawson, früherem Bürgermeister der Zweimillionenstadt Cleveland, dessen Bild noch heute in Maiers Amtszimmer hängt, tauchten in Stuttgart Gerüchte auf, beide hätten der gleichen Freimaurerloge »Zu den drei Zehnern« angehört. Dawson sei schon mit einem fundierten Wissen über Maier nach Stuttgart gekommen.

Diese Kombination weist Maier noch heute zurück. Er sei zwar im Jahre 1922 dieser Loge beigetreten, habe ihr aber 1925 den Rücken gekehrt, als der Meister vom Stuhl eine verrückte erzreaktionäre Rede zum Tode Eberts gehalten habe. Damals sei die Loge nichts anderes gewesen als ein deutschnationaler Klub.

1945 habe er, Maier, dann allerdings, weil man ja aus einer Loge nicht austreten

könne, für die zur Neugründung vorgesehenen zwölf Herren gebürgt, habe aber klar und deutlich erklärt, selbst nicht mitzumachen, solange er Ministerpräsident sei.

Das ist er jetzt fast acht Jahre. 1946 wurde er vom ersten gewählten Landtag Württemberg-Badens in seinem Amt bestätigt. 1951 wurde er wiedergewählt. 1952 machte ihn dann auch die Verfassunggebende Versammlung des neuen Südweststaates zum Regierungschef.

Nicht ganz so sonderbar ist Reinhold Maiers Rekord, wenn man Reinhold Maiers Philosophie für Ministerpräsidenten kennt:

* Lehrsatz I: »Nicht drängeln, nicht drücken.«

* Lehrsatz II: »Wenn man etwas werden will, darf man nichts werden wollen.«

* Lehrsatz III: »Der Schreibtisch eines Ministerpräsidenten muß immer so aufgeräumt sein, daß er jeden Moment gehen kann. Nur so wird man vor falschen Entschlüssen bewahrt.«

Den aufgeräumten Schreibtisch findet ein jeder Besucher noch heute in der Villa Reitzenstein im Zimmer des Ministerpräsidenten. Besonders seine jahrelange Fehde mit dem US-Landeskommissar Charles P. Gross läßt Reinhold Maier nie vergessen, wie gut es ist, stets zum Gehen bereit zu sein.

General Charles P. Gross kam als Nachfolger des Gouverneurs La Folette, der einige Zeit nach Oberst Dawsons Tod gekommen war, nach Stuttgart. La Folette hatte im Oktober 1948 wegen seiner Deutschfreundlichkeit auf Befehl Clays gehen müssen. (Maier: »General Lucius D. Clay war ein sehr bestimmter Herr.") Charles P. Gross, seit 1914 beim Kommiß und in Brooklyn geborener glücklicher Familienvater von fünf Kindern, zog neue Saiten in Stuttgart auf. Bald waren seine mitunter originellen Aussprüche Legion.

Über die »deutsche Beamtenkaste": »Kein Amerikaner hat den Eindruck, daß es zu wenig Beamte in Deutschland gibt.«

Über die Re-Nazifizierung: »Ich habe mehr Angst vor dem deutschen Bürokratismus.«

Über das württemberg-badische Parlament und die Regierung: »Viel wird erreicht sein, wenn die Deutschen einmal soweit sind, daß sie unfähige Volksvertreter aus ihren Ämtern werfen.«

Über die Flüchtlingsfrage: »In Kalifornien finden die Vertriebenen mehr Sympathien als in Württemberg-Baden.«

Über Reinhold Maiers Hinweis, daß es in Württemberg-Baden schon eine Demokratie gegeben habe, als Columbus Amerika entdeckte: »Wenn wir die Entwicklung von Württemberg-Baden von 1492 bis 1950 betrachten und sie verlängern wollen, müßte ein neuer Columbus wohl erst den Mars entdecken, bevor Württemberg-Baden eine den USA entsprechende Demokratie erhielte.«

Das alles war keine Musik für Reinhold Maiers kleine Ohren. Er ärgerte sich grün über die Grossiaden, um so mehr, als er, der Notar, zwar immer de jure im Recht blieb (Maier: »Ich habe General Gross in dem Entnazifizierungs-Skandal eine durch das Besatzungsstatut ungerechtfertigte Einmischung nachgewiesen."), aber daß de facto die Sympathien der Bevölkerung auf Seiten des polternden Besatzungsgenerals waren.

Nur ein einziges Mal fuhr Reinhold Maier dem General über den Mund. Anspielend auf die deutschen Versuche, nach und nach immer mehr beschlagnahmte Häuser wieder freizubekommen, erzählte

der Landeskommissar einigen Deutschen die Fabel von dem Kamel in der Wüste.

Das Kamel steckte dort, in der Wüste, seinen Kopf durch eine Zelttür und bat den Insassen, so den Sandsturm abwarten zu dürfen. Nach und nach zog es Hals, Höcker und Beine nach sich, und am Ende der Fabel findet sich das Kamel im Zelt, und der Zeltinsasse in der Wüste. »Wer weiß«, erwog Reinhold Maier in die ehrfürchtige Stille, »wer weiß, Herr General, vielleicht gehörte dem Kamel das Zelt.«

Anfang Februar 1950 gaben Mr. und Mrs. McCloy ein Frühstück für die beiden Streithähne Maier und Gross samt Ehefrauen. Ein vorläufiger Burgfrieden zwischen dem Ministerpräsidenten - der eigentlich gefeuert werden sollte - und dem General war das Ergebnis. Wieder einmal hatte ein aus dem Stabe des Obersten Dawson stammender Amerikaner, der Oberstleutnant a. D. Oppenheimer, hinter den Kulissen einen Sieg Reinhold Maiers eingefädelt. Er war eigens aus den USA nach Stuttgart gekommen.

Oppenheimer, der auch bei den März-Gesprächen zwischen dem Kanzler und Reinhold Maier über die EVG-Verträge plötzlich aufkreuzte, ist mit Maiers Frau um drei Ecken verwandt. In Bonn hatte sich Adenauer schon fragend umgeblickt: »Ja, ist denn der Oppenheimer heute gar nicht in der Gegend?« Wenige Minuten später war er da.

Dieser Dr. Fritz Oppenheimer ist ein Freund Maiers aus den Berliner Jahren, der sich sogleich nach der Besetzung angelegentlich um den jetzigen Bundesratspräsidenten gekümmert hat. Er ist ebenfalls Rechtsanwalt und reist auch heute noch sehr häufig »in Geschäften« nach Deutschland. Es gibt auch in den USA Leute mit Gewicht, wie den Bankier Warburg etwa, die ähnliche gesamtdeutsche Konzeptionen haben wie Reinhold Maier.

Schon bald nach dem Waffenstillstand mit General Gross stürzte sich Württemberg-Badens Ministerpräsident in ein neues heißes Gefecht: den Kampf um den Südweststaat.

Wo Leo Wohleb, sein groß-kleiner Widersacher, der Baden und Württemberg jedes für sich erhalten wollte, querschoß, intrigierte Reinhold Maier hintenherum. Im offiziellen Stuttgarter »Staatsanzeiger« hieß das so: »Dem Hin und Her und Für und Wider der sich überschneidenden Interessen und Zuständigkeiten konnte nur begegnet werden durch eine klare und mannhafte, ihrer guten und demokratischen Ziele bewußte Stärke, der zuweilen ein Quentchen taktischer Überlegung, immer ein großes Maß von Fingerspitzengefühl beigemischt war.«

Und wieder hatte Reinhold Maier Erfolg. Er wurde als Ministerpräsident des drittgrößten Landes der Bundesrepublik Bundesratspräsident für 1952/53, während Leo Wohleb sich aufmachte gen Lissabon, um dort seine Mission als bundesrepublikanischer Gesandter zu erfüllen. Und auch hier war der Dr. Fritz Oppenheimer eigens mit dem Flugzeug aus den Staaten gekommen.

Parallel mit der Gründung des Südweststaates aus den drei Nachkriegsländern Württemberg-Baden, Württemberg-Hohenzollern und Baden, die voreilige Journalisten als »Krönung des Maier-Lebens« gefeiert hatten, lief dann die andere politische Fehde des Schwaben; ungleich unbemerkter, ungleich bedeutungsvoller: die Fehde gegen den Kanzler.

Reinhold Maier wandte sich direkt an Konrad Adenauer: »Der Kanzler muß sich im klaren sein, in welch tiefem Gegensatz zum Volk er sich befindet, und er möge selber prüfen, wie er da wieder herauskommt ... Meine Rede (über das aus der

Hand geschlagene Aufrüstungsspielzeug) gegen Konrad Adenauer wurde gehalten im Remstal, dort wo einst der Arme Konrad*) zu Hause war. Zu diesen einfachen Leuten muß man gehen, wenn man die Wahrheit erfahren will.«

Zu diesen einfachen Leuten geht Reinhold Maier regelmäßig. Er ist ein passionierter Wanderer. Es gibt kaum einen Winkel Württembergs, den er nicht durchwandert hat. Den Begleitern auf Dienstfahrten durch das Land passiert es gelegentlich, daß unterwegs ausgestiegen wird. Unter Vorantritt des Ministerpräsidenten wird dann ein Stück Gegend zu Fuß abgemacht.

Die Popularität, deren sich Maier zumindest im Landesteil Württemberg erfreut, ist nicht zuletzt der Tatsache zu verdanken, daß die Bewohner der kleinsten Dörfer ihren Ministerpräsidenten gelegentlich mit Seppelhut, Spazierstock und Wanderstiefeln durch ihre Gemarkung stapfen sehen. Dabei photographiert er. Seine Aufnahmen von der Schwäbischen Alb, von Baumgruppen und schwäbischen Kirchen läßt er bei Freunden und Bekannten gebührend bewundern.

In den vielen Jahren seiner Wanderungen hat Reinhold Maier sich eine äußerst gründliche Kenntnis der württembergischen Weinsorten angeeignet. In vergangenen württemberg-badischen Parlamentstagen drehte Theodor Heuss sich oft um, wenn Reinhold Maier den Gang zu seinem Platz heruntertrollte. Heuss wollte die zitternde Hand des Ministerpräsidenten kontrollieren. Hing sie still und unbewegt herab, drohte Theodor Heuss mit dem Finger: »Du hast ja mal wieder früh angefangen, Reinhold.« Denn der verschwundene Tadderich deutete auf ein oder zwei leere Flaschen hin. ("Ich habe noch nie bei einem Glas Wein Politik gemacht, dazu ist mir der Wein ein viel zu edles Getränk«, sagt Maier.)

Im Remstal, wo dieser Wein herkommt, startete der Bundestagsabgeordnete Pfleiderer, der sich selbst »einen stillen Berater« Maiers nennt, im vergangenen Jahr seine gesamtdeutsche EVG-Konzeption. Maiers gesamtdeutsche Bemühungen begannen schon viel früher, nämlich im Sommer 1947 in München, als die sowjetzonalen Regierungschefs die erste und letzte vierzonale Deutsche Ministerpräsidenten-Konferenz verließen. »An den Wänden hingen, von deutschen Meistern des Mittelalters gemalt, Porträt an Porträt, Angehörige des Hauses Wittelsbach. In den dunklen Ecken des Saales geisterte in jener Mitternachtsstunde die deutsche Zwietracht.«

Damals wollte die westdeutsche SPD mit der ostdeutschen SED nicht mehr verhandeln, und die westdeutsche CDU wollte »unter sich« sein. »Nur wenige« rekapituliert Maier heute, »sprachen sich für Weitermachen aus, darunter der Friedensburg, der Kaisen und ich. Wir wurden deshalb für den Rest der Nacht in die zweite Klasse zurückversetzt.«

Seine Meinung steht fest: »Die gesamtdeutsche Frage wird eines Tages mit dämonischer Gewalt auf uns zukommen, sie wird mit Urkraft aufbrechen, und dann werden auch gewisse ängstliche Kreise in Westdeutschland nichts mehr dagegen machen können. Es wird eine Sache sein, die so plötzlich und hart kommt wie die Machtergreifung. Die Frage ist nur, ob sie von links, von rechts oder von vernünftigen Leuten kommt. Jetzt kann man nichts anderes tun als abwarten.«

Maiers Koalition mit der SPD im Südweststaat - Kabinett wird von Parteifreunden

*) Name von Bauernbünden, die sich 1514 gegen Herzog Ulrich von Württemberg erhoben. als »für die Partei untragbar« bezeichnet. Sagt Maier: »Mir wird schlecht, wenn ich höre, daß die Herren Euler und Middelhauve die FDP zu einer antimarxistischen Partei machen wollen. Schon das Wort ist greulich, ein Naziwort.« Mit augenblinzelnder Genugtuung hat er zur Kenntnis genommen, daß der Lübecker FDP-Bundesparteitag verschoben werden mußte. »Die Herren wissen, warum; die Naumann-Geschichte macht ihnen offensichtlich schwere Sorgen.« Als die hessischen Parteifreunde um August Martin Euler schon im August 1949 die Frage einer Wehrverfassung für Westdeutschland aufwarfen, sagte Maier, er könne hier nur eine Meinung haben, die, gelinde gesagt, seinen Eintritt in die FDP Hessens verhindern würde.

Vor dem letztjährigen Parteitag in Bad Ems hatten die »Stuttgarter Nachrichten« eine Karikatur veröffentlicht, auf der Maier als »Ritter Reinhold von Berlichingen« gen Bad Ems zieht, um seinem Parteifreund Euler seinen schwäbischen Gruß zuzurufen. Maier, Ehrenmeister des württembergischen Handwerks auf Lebenszeit, hatte sich Extraabzüge von dieser Karikatur machen und sie jedem Delegierten auf den Platz legen lassen.

Der Parteitag wurde dann auch ein dementsprechend publizistischer Erfolg für ihn. Das Original der Karikatur hängt heute hübsch gerahmt in der Maierschen Wohnung.

Reinhold Maier weiß, daß in dem FDP-internen Konflikt eine tatsächliche Gefahr liegt. In einem Land wie Schwaben, wo der SPD-Fraktionsvorsitzende Versicherungs-Generaldirektor ist, sind die weltanschaulichen Klüfte zwischen den Liberalen und Sozialisten nicht unüberbrückbar, beide finden sich im Antiklerikalismus; die Wähler legen - was auch die konstant hoch bleibende Zahl unabhängiger Kandidaten beweist - in diesem Teil Deutschlands viel mehr Wert auf Persönlichkeiten als auf Parteidoktrinen.

Noch kann aber Reinhold Maiers Thron ins Wackeln geraten, wenn es der Südweststaats-CDU und der Bundes-FDP effektiv gelingt, den Maier-Wählern einzureden, daß ihr Mann durch seine Koalition mit der SPD und seine EVG-Haltung das Bürgertum verraten habe. Der hessische FDP-Bundestagsabgeordnete Heinrich Faßbender kündigte denn auch letzte Woche an, er werde in der Fraktion beantragen, Reinhold Maier aus der FDP auszuschließen. Maier habe sich mit seiner Stellungnahme

zu den Westverträgen partei- und volksschädigend verhalten.

In der nordwürttemberg-nordbadischen SPD-FDP-Koalition von 1951 (also vor der Gründung des Südweststaates) war ausgemacht, daß das Land im Bundesrat immer nur dann für oder gegen einen Antrag stimmen werde, wenn Einigung über den Punkt zwischen FDP- und SPD-Ministern erzielt sei. Andernfalls wolle man sich der Stimme enthalten.

Reinhold Maier will von diesem Koalitionskuhhandel die ganze Koalitionszeit hindurch nichts gehört haben. »Ich war im Hochgebirge, als er abgeschlossen wurde. Ich erfuhr erst davon, als ich 1952 die Südweststaats-Koalitionsverhandlungen aufnahm. Da habe ich das Prinzip natürlich abgelehnt. Es gilt also heute nicht mehr.«

Statt dessen behauptet Reinhold Maier: »Wir können uns im Kabinett immer sachlich einigen. Bei uns werden eben echte Kompromisse geschlossen. Es wird niemand überrumpelt. Das scheint aber eben das zu sein, was in Bonn niemand begreifen kann.«

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