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KONZERNE Nicht Fisch, sondern Futter

Jeder gegen jeden und alle gegen Leo Kirch? Im Krieg zwischen dem Medienhändler und dem Axel Springer Verlag geht es nicht nur um viel Geld. Das Milliarden-Monopoly kann die Neuordnung der gesamten deutschen Medienlandschaft einläuten.
aus DER SPIEGEL 6/2002

Die Delegation aus Berlin war hochrangig besetzt. Gegen 14 Uhr landete Mathias Döpfner, Vorstandschef des Axel Springer Verlags, am vergangenen Dienstag in München. Gemeinsam mit Bernhard Servatius, dem langjährigen Aufsichtsratsvorsitzenden und früheren Vertrauten Axel Cäsar Springers sowie seinem Finanzchef ließ sich Döpfner vom Flughafen in den Vorort Ismaning chauffieren, wo sein Großaktionär und Geschäftspartner sitzt: Leo Kirch.

Bis in die Nacht sondierten die Herren eine gütliche Trennung ihrer Geschäftsbeziehung. Ohne Erfolg - am nächsten Vormittag, zurück in Berlin, verlangte Döpfner von Kirch endgültig Bares: 767 Millionen Euro soll der hoch verschuldete Filmhändler an Springer zahlen, und das bitte binnen drei Monaten. Doch der kündigte sofort »rechtliche Schritte« an.

Seither herrscht Krieg zwischen dem Axel Springer Verlag und der Kirch-Gruppe, die seit 16 Jahren vielfältig miteinander verflochten sind. Die bislang dramatischste Auseinandersetzung zwischen Europas größtem Zeitungshaus ("Bild«, »Welt") und Kirchs mächtigem TV-Reich (Sat.1, ProSieben, Premiere World) wird nicht nur die beteiligten Konzerne nachhaltig verändern.

Pressehäuser von Holtzbrinck bis zur WAZ-Gruppe äugen bereits auf die Filetstücke der angeschlagenen Kirch-Gruppe. Es geht nicht nur um Milliarden. Die gesamte Medienbranche der Bundesrepublik steht vor einem gewaltigen Umbau.

Banker, Politiker und internationale Wirtschaftsgrößen beobachten den Krieg deshalb mit Argwohn. Schlägt Springer den Kirch-Turm? Auf mindestens drei Ebenen wird derzeit gleichzeitig gespielt.

Ebene eins: Seit Kirch Geschäfte macht, riskiert er Kopf und Kragen. Doch mittlerweile hat sein Reich mehr Verbindlichkeiten, als es wert ist: rund sechs Milliarden Euro. Am schlimmsten drückt die Investitionsruine Premiere World. Insgesamt etwa vier Milliarden Euro ließ sich Kirch seinen Plan bisher kosten, die Deutschen mit digitalem Bezahlfernsehen zu beglücken. Doch Georg Kofler, der vierte Premiere-Geschäftsführer in zwölf Monaten, übernahm am Freitag das größte Sorgenkind im Konzern: Die Abonnentenzahl stagniert bei offiziell 2,4 Millionen. Allein 2001 machte das Unternehmen mehr als 800 Millionen Euro Verlust. »Eine Besserung ist nicht zu erwarten«, heißt es beim Gesellschafter Rupert Murdoch.

Ebene zwei: In seiner Not holte sich Kirch 1999 den Wahlamerikaner ins Beiboot Premiere World. Murdoch übernahm zunächst 24 Prozent der Anteile. Motto: Wenn's klappt, ist's recht. Klappt's nicht, bekommt Murdoch sein Geld samt Zins und Zinseszins wieder zurück. Es klappt nicht. Seither droht auch Murdoch, im Oktober zwei Milliarden Euro zurückzufordern - und Kirch sieht sich neuerdings als Spielball der Global Player. Murdochs größter Einzelaktionär ist John Malone. Der mächtige US-Kabelnetzbetreiber würde über Kirchs Bezahlfernsehen gern das deutsche TV-Geschäft kapern.

Ebene drei: 2002 wird ein hartes Wahljahr. Einerseits ist der sozialdemokratische Bundeskanzler Gerhard Schröder nicht daran interessiert, dass knochenkonservative Medien-Cowboys wie Murdoch und Malone die Kirch-Krise ausnutzen, um auf dem deutschen Meinungsmarkt Fuß zu fassen. Andererseits weiß Schröder längst um das Verletzungsrisiko seines Konkurrenten Edmund Stoiber (CSU), bei dessen Bayerischer Landesbank Kirch allein mit mindestens 2,2 Milliarden Euro in der Kreide steht. Fällt Kirch, dann strauchelt die Bank, dann erwischt es auch Stoiber.

Der Filmhändler selbst kann derzeit nur noch zusehen, wie sein Lebenswerk zu verglühen droht. Der 75-Jährige kam schon in den vorigen Wochen mit dem Löschen kaum mehr nach - so schnell loderten in seinem Imperium immer neue Flammen auf. Die Forderung von Springer ist nun der Großbrand, den er unbedingt verhindern wollte.

Dabei ist sein Talent für Rettungen in allerletzter Minute legendär. Immer wieder geriet der Winzersohn an den Rand der wirtschaftlichen Katastrophe. Und immer wieder schaffte er es, für seine Vision eines mächtigen konservativen Medienverbunds frische Finanzquellen aufzutreiben - häufig in buchstäblich letzter Minute.

Doch in den vergangenen Monaten überschlagen sich im Konzern-Controlling die Hiobsbotschaften. Bei der ProSiebenSat.1-Gruppe, in der Kirch seine werbefinanzierten Sender zusammengefasst hat (ProSieben, Sat.1, Kabel 1, N24) brach der Gewinn im vorigen Jahr um rund die Hälfte ein. Die KirchMedia, in der mit dem Rechtehandel und dem gewaltigen Filmarchiv das eigentlich gesunde Kerngeschäft verbucht wird, rutschte im dritten Quartal 2001 sogar in die roten Zahlen.

Vor allem aber rächt sich nun brutal, dass das Münchner Unternehmen sein Wachstum in den vergangenen Jahren nur noch auf Pump finanzierte.

Immer mehr Kirch-Gläubiger wollen ihr Geld sehen. Schon vor Monaten wurden die Kirch-Leute deshalb bei Döpfner vorstellig. Denn auch mit Springer hatte der Münchner im Sommer 2000 ein folgenschweres Geschäft abgeschlossen: 767 Millionen Euro für Springers 11,5-Prozent-Anteil an ProSiebenSat.1. Nicht sofort, sondern frühestens zum 1. Februar 2002.

Ein Fehler, wie sich spätestens im vergangenen Herbst herausstellte. Springer möge doch, schrieb Kirch-Geschäftsführer Dieter Hahn umständlich in einem Brief vom 8. November 2001, der »von uns angestrebten Umstrukturierung des geplanten Verkaufs der Anteile« zustimmen. Kurz: Hahn will und kann frühestens im Oktober 2002 zahlen. Es folgte ein langwieriges Verhandlungsmarathon, über dessen Ergebnisse nun beide Seiten erbittert streiten.

Es habe längst eine Einigung gegeben, behauptet die Kirch-Seite, die nun, nach dem Zerwürfnis, die Vereinbarungen aus dem Jahr 2000 für unwirksam hält.

»Wir waren ja zu einem Zahlungsaufschub bereit«, sagt Georg Thoma, Partner der US-Kanzlei Shearman & Sterling, die Springer vertritt. Dies hätte aber einen marktgerechten Zinssatz erfordert. Schließlich seien dem Springer-Verlag und seinem 40-Prozent-Aktionär Kirch durchs Aktienrecht enge Grenzen gesetzt. Doch die Münchner verwehrten den Einblick in ihre Bilanzen. »Wir brauchten Transparenz«, sagt Thoma, »wir müssen wissen, wie es bei unserem Schuldner aussieht.«

Während man bei Kirch die Causa schon auf einem langen Instanzenweg bis zum Bundesgerichtshof sieht, gibt sich Thoma sicher: »Die Rechtslage ist eindeutig.«

Für das Scheitern der Verhandlungen gibt es freilich nicht nur juristische Gründe. Döpfner, dessen Verlagshaus im vergangenen Jahr erstmals rote Zahlen schrieb und der deshalb gerade einen radikalen Sparkurs fährt, hat die Kirch-Millionen bitter nötig. Und er hat nun ein schwerwiegendes Argument in der Hand: Kommt der Deal durch die Kirchsche Zahlungsverweigerung nicht zu Stande, könnte Springer den für Juni geplanten Börsengang der KirchMedia AG torpedieren.

Schon jetzt beobachten Banken und Investoren argwöhnisch jeden Schritt des Unternehmens. Wer, so fragt sich zunehmend die Finanzszene, wird in diesem Klima überhaupt in Kirch-Aktien investieren? Wie dramatisch sich der Wind in der Finanzwirtschaft gedreht hat, spürt die KirchGruppe seit vergangenem Dezember. Hektisch versuchten Kirch-Manager damals, ihren auslaufenden 460-Millionen-Euro-Kredit bei der Dresdner Bank zu verlängern. Das Institut verlangte deutlich höhere Sicherheiten und hielt den Konzern am kurzen Zügel: Zuerst verlängerte es den Kredit nur bis Januar, gerade wurde die Gnadenfrist auf heftiges Drängen Kirchs noch einmal bis April geschoben.

Die HypoVereinsbank sah sich im Dezember gar zu einer in Bankenkreisen höchst ungewöhnlichen Aktion genötigt: Per Pressemitteilung verkündete das Institut zur Beruhigung der Anleger, sein Kirch-Engagement liege bei »weniger als 500 Millionen Euro«. Tatsächlich sind es 460 Millionen.

Selbst auf erneute Schützenhilfe durch die bisher so zuverlässige Bayerische Landesbank, mit mindestens 2,2 Milliarden Euro größter Kirch-Gläubiger, kann das Unternehmen nicht mehr bauen. Die wiederholten Interventionen der Bayerischen Staatskanzlei zu Gunsten des konservativen Franken gelten in der Wahlkampfmannschaft von Edmund Stoiber längst als eine der größten Gefahrenpotenziale für den Kanzlerkandidaten. Eine Kirch-Pleite wäre auch für Stoiber eine Katastrophe - schließlich will der sich gegen Gerhard Schröder vor allem über das Thema Wirtschaftskompetenz profilieren.

Kein Wunder also, dass man in der Kirch-Zentrale das Gefühl nicht mehr loswird, man befände sich »in einem Haifischbecken« - aber nicht als Fisch, sondern als Futter. Auf nichts und niemanden kann man sich mehr verlassen. Nicht auf die Bayern. Nicht auf die Banken. Und schon gar nicht auf den Axel Springer Verlag, in den sich Kirch seit Mitte der achtziger Jahre teils klammheimlich eingekauft hat.

Als er dem Aufsichtsrat 1987 deutlich machte, dass er bereits über 26 Prozent der Anteile und damit über eine Sperrminorität verfügte, herrschte vor allem bei den Springer-Erben blankes Entsetzen. Schließlich hatte der Verlagsgründer Axel Cäsar Springer Kirch einst einen »Kriminellen« genannt.

Trotz heftiger Gegenwehr konnte Kirch seine Beteiligung auf 40 Prozent erhöhen. Seinen Einfluss auf Springers publizistische Macht hat er seither häufig ausgekostet: Bei der »Welt« etwa setzte er sich schon mal für die Demission eines Chefredakteurs ein, weil ihm ein Kommentar nicht passte.

Der frisch gebackene Springer-Chef Döpfner hofft nun, kräftig flankiert von der Verlegerwitwe Friede Springer, ihm könne mit der Kampfansage an Kirch gelingen, was vorher kein Vorstandsvorsitzender des Verlags schaffte: den ungeliebten Großaktionär endlich wieder loszuwerden.

Doch dass das Springer-Paket dann wieder beim Verlag landet, wie man dort hofft, ist keinesfalls gewiss. Denn längst mischen bei dem Medien-Monopoly noch ein paar andere Spieler mächtig mit.

Die Deutsche Bank etwa, bei der Kirch seine Springer-Anteile als Sicherheiten hinterlegt hat, sähe das Aktienpaket gern bei der WAZ-Gruppe - eine Lösung, die auch dem Kanzler gefallen würde. Sein ehemaliger Kanzleramtsminister Bodo Hombach trat dort am Freitag als Geschäftsführer an. Auch einen Medienfonds könnten sich die Banker für die Springer-Anteile vorstellen. Neben Privatinvestoren, so der Plan, könnten sich daran auch große deutsche Verlage wie Holtzbrinck oder Burda beteiligen.

Vor allem ein Spieler hat sich in den vergangenen Wochen aber lautstark zu Wort gemeldet: Rupert Murdoch. Der gebürtige Australier, der mit seiner News Corp. mittlerweile ein globales Mediennetzwerk lenkt, hat bei der Kirch-Gruppe noch einen weitaus gewaltigeren Hebel in der Hand als Springer-Chef Döpfner: seinen jetzigen 22-Prozent-Anteil an Premiere.

Schmerzhaft muss Kirch jetzt erfahren, wie sein Partner mal mit Zuckerbrot, mal mit Peitsche die Machtübernahme in München versucht. Längst hat der Tycoon dabei nicht mehr nur Appetit auf Premiere, wo Kirch ihn gern als »präferierten Partner« begrüßen würde. Murdoch, der bisher nur 2,5 Prozent am wichtigen Herzstück KirchMedia hält, will die Kontrolle über die letzten Schätze des strauchelnden Konzerns erobern.

Noch vor zwei Wochen wog er seinen deutschen Partner in Sicherheit: »Wir werden keine feindseligen Schritte unternehmen«, versicherte er in einem Interview - ausgerechnet mit dem Springer-Blatt »Welt am Sonntag«.

Davon ist jetzt keine Rede mehr. In harschen Tönen hat Arthur Siskind, Vizepräsident bei Murdochs News Corp., vergangenen Mittwoch finanzielle Ansprüche angemeldet. »News Corp. wäre sehr besorgt«, schreibt Siskind in einem Brief an Kirch-Geschäftsführer Dieter Hahn, wenn Kirch ausgewählten Gläubigern oder Aktionären finanzielle Vorzüge gewährte, »ohne News Corp. vergleichbare Rechte einzuräumen«.

Offenbar fürchtet Murdoch, dass ihm nicht viel übrig bleibt, wenn er abwartet, bis er seine Option ziehen kann. Schon jetzt droht er deshalb mit strafrechtlichen Schritten, um eventuelle Vorzugsbehandlungen für andere Kirch-Partner rückgängig zu machen.

»Bitte nehmen Sie zur Kenntnis«, heißt es in dem frostigen Schreiben ("Yours very truly"), dass im Falle einer Kirch-Insolvenz »News Corp. alle geeigneten rechtlichen Mittel einlegen wird«. FRANK HORNIG,

MARCEL ROSENBACH

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