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BUCHHANDEL / FRIEDENSPREIS Nicht für Nato-Gegner

aus DER SPIEGEL 4/1959

In einem sozialdemokratischen Monatsblatt, das - für die Empfänger kostenlos - an etwa 13 000 evangelische Pfarrer in der Bundesrepublik verteilt wird, erläuterte Bundespräsident Heuss: »Ich glaube die Freiheit zu besitzen, persönliche Entscheidungen zu treffen, wohin ich gehe, wo ich nicht hingehe.«

Anlaß zu dieser Erklärung des Bundespräsidenten in der Zeitschrift »Politische Verantwortung - Evangelische Stimmen« war ein in der vorhergehenden Nummer des Blattes veröffentlichter »nachträglicher Kommentar zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels«. In diesem Kommentar war behauptet worden, der deutsche Buchhandel habe seinen Friedenspreis 1958 nicht aus freier Entschließung, sondern aus tiefem Respekt vor dem bundesdeutschen Staatsoberhaupt an den Baseler Philosophieprofessor Karl Jaspers vergeben. Die Ehrung sei eigentlich dem Baseler Theologieprofessor Karl Barth zugedacht gewesen.

Autor des Kommentars war der jüngste Abgeordnete des Düsseldorfer Landtags, der 28jährige frühere GVP (Gesamtdeutsche Volkspartei)- und jetzige SPD-Mann Johannes Rau. Das von ihm redigierte Blatt »Politische Verantwortung« wird von prominenten Sozialdemokraten wie den Bundestagsabgeordneten Dr. Adolf Arndt und Dr. Dr. Gustav Walter Heinemann herausgegeben.

Rau, der als Leiter des Wuppertaler Jugenddienst-Verlags der Schülerbibelkreise enge Beziehungen zu Verlegern pflegt, schildert in seinem Blatt, was ihm bei der vorjährigen Buchmesse in Frankfurt kolportiert worden war. Demnach sei es zunächst so gut wie sicher gewesen, daß der Börsenverein des deutschen Buchhandels, der alljährlich einen Friedenspreis vergibt, seine Ehrung im Jahre 1958 dem politisch umstrittenen, wissenschaftlich unumstritten bedeutenden Baseler Theologen Karl Barth habe zuerkennen wollen.

In der entscheidenden Sitzung des Preiskomitees am 2. Mai 1958 sei dann aber doch der Entschluß gefaßt worden, den Friedenspreis dem Philosophen Karl Jaspers ("Die Atombombe und die Zukunft des Menschen") zu verleihen - und zwar, wie Rau angibt, wegen der Mutmaßung, »daß der ständige Ehrengast der Verleihungsfeier, der Bundespräsident, die Ehre seiner Anwesenheit wohl dem Philosophen Jaspers, nicht aber dem Theologen Barth geben könne, da dessen politische Ansichten und dessen eventuelle Rede über den Frieden im diametralen Gegensatz zu den in der Bundesrepublik gängigen Vorstellungen stünden«.

Dank der liebenswerten Eigenheit des früheren Journalisten Theodor Heuss, Veröffentlichungen über den Bundespräsidenten umgehend zu kommentieren, mußte Rau nicht lange auf Antwort warten. Aus dieser Antwort des Bundespräsidenten ist zu erkennen, daß jenes für die Verleihung des Friedenspreises zuständige Kuratorium den Bundespräsidenten Heuss nicht allein - wie es Verleger Reinhard Jaspert »im Namen des deutschen Buchhandels« in seiner Begrüßungsansprache zur Preisverleihung am 28. September ausdrückte - »als den Repräsentanten eines neuen geistigeren Deutschlands« achtet, sondern offenbar als Teilnehmer der traditionellen Übergabefeier in der Paulskirche nicht entbehren möchte.

Der Bundespräsident hatte mehr oder minder zufällig von einem Verleger erfahren, daß der Theologe Barth den Friedenspreis 1958 erhalten solle. Heuss hatte bei dieser Gelegenheit gesagt, er werde dann wohl leider zu dem Festakt der Preisübergabe nicht kommen können. In seinem Brief an Rau erläutert Heuss, daß er sich zwar als Privatmann vermutlich für den Barth-Festvortrag - »als ein Stück Individual- und Geistesgeschichte« - interessiert haben würde. Indes, so fügte der Bundespräsident hinzu, »aus wiederholten Begegnungen bin ich dessen ziemlich gewiß, daß die Situation gekommen wäre, die für mich, vielleicht auch für ihn (Karl Barth) peinlich geworden wäre. Das wollte ich uns beiden ersparen wie auch den Anwesenden.«

Heuss: »Ich war im 'Parlamentarischen Rat' der einzige gewesen, der die Wehrpflicht als eine Funktion der Demokratie darzustellen versuchte, und glaube, daß ich damit weithin Barths eigene Position gegenüber der eidgenössischen Tradition und Rechtsordnung getroffen habe. Aber ... es will mir nicht in den Kopf, auch theologisch nicht, daß das, was südlich Riehen, dem Basler Grenzort zum Markgräfler Land, Tugend ist, nördlich davon Laster und Hybris sein soll.«

Der Bundespräsident - »Ich bitte, mich nicht für so ungebildet zu halten, daß ich nicht den geistigen Rang und die moralische Kraft des Mannes zu würdigen wisse« war bei seiner Anmerkung, er möchte an einer Preisverleihungsfeier für Barth aus Gründen des Takts nicht teilnehmen, keineswegs auf die Idee gekommen, daß sich das Friedenspreisgremium daraufhin etwa für einen anderen Preisträger entscheiden könnte.

Ob nun die Buchhändler der Heuss-Bemerkung unaufgefordert besonderes Gewicht beimaßen oder nicht - tatsächlich gaben sie ihren Friedenspreis nicht, wie Heuss glauben mußte, an den Gegner der deutschen Wiederaufrüstung Barth, sondern an Karl Jaspers, der die deutsche Aufrüstung bejaht.

Preisträger Jaspers bedankte sich in der Paulskirche: »Die mir verliehene Auszeichnung bedeutet eine hohe Ehre. Denn der deutsche Buchhandel ist eine unabhängige Instanz.«

Friedenspreis-Kandidat Barth

Wohin der Bundespräsident nicht geht ...

Jaspers beim Friedenspreis-Empfang

... und wohin er geht

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