Zur Ausgabe
Artikel 40 / 68

TSCHECHOSLOWAKEI / SMRKOVSKY Nicht gerade lieben

aus DER SPIEGEL 24/1968

Mit einem Festmahl verabschiedete sich Karlsbad-Kurgast Kossygin von seinen Prager Genossen. Nicht eingeladen war ein gelernter Bäcker mit Bürstenhaar: Josef Smrkovský, 57, Präsident der tschechoslowakischen Nationalversammlung.

Diesen Smrkovský mag Moskau nicht. Er ist der Jakobiner des Prager Umsturzes. Während der Slowake Dubcek noch nach dem Rezept der Tschechen-Figur Schwejk zwischen konservativen und liberalen Kommunisten zu vermitteln sucht, verdammt der Tscheche Smrkovský jedes Zaudern: »Wir können uns erlauben, eine wirkliche Demokratie zu entfalten«, erklärte er im Deutschen Fernsehen. »Wir sind sicher, daß das, was wir unternehmen, ein Beispiel für die Genossen aus anderen sozialistischen Ländern setzen wird.«

Dieses Beispiel hatte Ulbrichts Polit-Philosoph Kurt Hager vor Augen, als er sich erstmals in die Prager Politik einmischte (SPIEGEL 14/1968). Anfang Mai reiste Prags Parlamentspräsident mit Dubcek zum Rapport nach Moskau. Sowjet-Parteichef Breschnew umarmte nur Dubcek -- gegenüber Smrkovský vereiste er.

Denn Smrkovský hatte den Prager Frühling eröffnet: mit einem Artikel in der Gewerkschaftszeitung »Práce«, in dem er am 21. Januar -- Gedankenfreiheit forderte. Smrkovský eskalierte den Personenwechsel an der Führungsspitze zum Umsturz der politischen Ordnung. Smrkovský trat in Massenversammlungen vor die Studenten und Arbeiter und verkündete, was keinem regierenden Kommunisten

* Mit Sowjet-Politbüro-Mitglied Kirilenko beim Eintreffen in Moskau am letzten Dienstag.

je eingefallen war: die Demokratisierung des Kommunismus.

»Wollen wir einen Volksstaat aufbauen und unsere Gesellschaft entfalten, so müssen wir das mit den Millionen von Menschen tun«, erklärte Smrkovský im Prager Rundfunk. »Wir können nicht über das Volk herrschen ... Über alle öffentlichen Angelegenheiten müssen jene entscheiden, die dazu berufen sind -- die gewählten Organe.«

Der Volksfreund« der jedermann zu duzen pflegt, wurde zum populärsten Politiker Prags -- nach Dubcek. Gleichwohl bremste Dubcek Smrkovskýs Kandidatur für das Amt des Staatspräsidenten: Dubcek wollte die Russen nicht provozieren. Smrkovský erhielt den -- bislang bedeutungslosen

Posten des Parlaments-Vorstehers. Die Prager Volksvertretung wählte ihn keineswegs in der gewohnten Einstimmigkeit: 68 der 256 Abgeordneten waren dagegen.

Smrkovský wertete die Nein-Stimmen als ermutigendes Zeichen wiedergewonnener Entscheidungsfreiheit. Er hält seine Stellung nicht für bedeutungslos. Schon in seinem Januar-Artikel hatte er verkündet, die Staatsgewalt habe fortan nicht von der Partei auszugehen, sondern von der Vertretung des Volkes.

Für die Suche nach der verlorenen Demokratie ist kaum ein Kommunist besser geeignet: Smrkovsky bat sich seine demokratisch-kommunistische Überzeugung nie mit Gewalt rauben und nie mit Privilegien abkaufen lassen.

Während des Krieges blieb er in Böhmen und kämpfte im Untergrund gegen die deutschen Besatzer. Er ist einer der wenigen Überlebenden der illegalen KP-Leitung.

1945 leitete Smrkovský den Prager Aufstand gegen die Deutschen -- und verhinderte die Besetzung Prags durch amerikanische Truppen: Er wünschte die kommunistische Machtergreifung. Am 6. Mai 1945 waren die Panzer des US-Generals George 5. Patton schon bis Pilsen gerollt. Abgesandte des Generals erklärten den Tschechen, der Amerikaner sei bereit, die Jalta-Abreden zu brechen und in Prag einzumarschieren, wenn die legale Regierung ihn darum ersuche.

Die legale Regierung war für den Amerikaner der tschechische Nationalrat, vertreten durch Smrkovský.

Smrkovský, der den Vorgang im Juni vorigen Jahres in der Prager Zeitschrift »Student« darlegte, lehnte ab, weil er für den Fall einer US-Besetzung Prags die Stärkung der antikommunistischen Kräfte befürchtete Einen Tag später übergab er die Stadt der Roten. Armee.

Nach dem roten Putsch von 1948 schoben die Moskautreuen Smrkovský auf den Bewährungsposten eines stellvertretenden Landwirtschaftsministers und Generaldirektors der Staatsgüter ab und verurteilten ihn bald zu lebenslangem Kerker. Smrkovský blieb Kommunist. Die Partei -- der er seit 37 Jahren angehört -- werde die politische Macht nicht aus der Hand geben. verhieß der Berufsrevolutionär vorletzte Woche.

Smrkovský will mit der Demokratie den Kommunismus nicht beseitigen, sondern retten. Er rief das Volk zu »klarer Polemik gegen die orthodoxen Kräfte« auf -- aber auch gegen die Kräfte »einer antikommunistischen Opposition«.

Dem Kreml gegenüber empfahl er sowohl Eigenständigkeit als auch Bündnistreue: »Lieben muß man sich ja nicht gerade.« Treue aber muß man zeigen: Vorige Woche fuhr Smrkovský wieder nach Moskau -- ohne Dubcek« mit Prager Parlamentariern.

Mehr lesen über

Zur Ausgabe
Artikel 40 / 68
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.